4. Anhang: a. Das Vaterunser – die Betende Einübung in die Gotteskindschaft


K.-P. Jörns (2007)


Das Vaterunser ist die lex orandi, die Grundordnung des Gottesdienstes und zugleich die kürzeste Zusammenfassung des christlichen Glaubens (lex credendi). Da es die Vergebungsbitte enthält und da diese die Bereitschaft voraussetzt, den Mitmenschen zu vergeben und dadurch Frieden zu stiften, nennt es auch die Grundordnung friedlichen Zusammenlebens (lex convivendi). Es stellt alles, was der Mensch braucht, in den Zusammenhang der Gottesbeziehung. Und alles, worum Gott in diesem Gebet gebeten wird, sind Lebensgaben Gottes. Wer das Vaterunser betet, übernimmt Verantwortung für sich und das Zusammenleben mit Menschen (73).

Vater unser im Himmel: Gott wird als Vater angeredet. Das war keine Erfindung Jesu. Sie ist aber geeignet, das Grundvertrauen in die unbedingte Liebe Gottes auszudrücken, zu dem Jesus die Menschen eingeladen hat. Das Wir schließt die Betenden zur Gemeinschaft der Söhne und Töchter Gottes zusammen. Sie nehmen ernst, dass sie sich als Menschen verstehen sollen, die Gott an Kindesstatt angenommen hat. Mit der Zustimmung zur Gottessohnschaft stimmen die Betenden aber auch der Bürde zu, die sich mit dieser Würde nicht nur im Gottesdienst verbindet: mitzuwirken im Friedensdienst Gottes.

Geheiligt werde dein Name: In der ersten Bitte geht es darum, dass wir Gott bei uns wirklich Gott sein lassen: Er ist der Eine und Einzige (74).

Dein Reich komme: Die zweite Bitte hofft, dass Gott unseren Sinn öffnet für die Kraft der Liebe, mit der Jesus die Welt der Angst überwunden hat (Jh 16,33). Die zweite Bitte hofft darauf, dass Gott sich selbst als Geist und Liebe (1Jh 4,16) durchsetzt und uns die Angst austreibt, durch die wir unseren Lebensmut verlieren. 1Jh 4,18: „Furcht ist nicht in der Liebe. Die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus“.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden: Die vierte Bitte bittet um das Brot des Lebens. Sie bittet um Nahrung in leiblicher und seelischer Gestalt, um spürbare Erfahrung von Geistesgegenwart und Liebe in unserem Leben.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben (haben) unseren Schuldigern: Die fünfte Bitte ist die Mitte des Gebets. Sie bittet Gott um die Lebensgabe der Vergebung: dass Gott uns freilässt aus der Gefangenschaft, in der uns festhält, was wir Gott und Menschen an Liebe schuldig geblieben sind. Wir bitten aber auch um Gottes Vergebung für diejenigen, die an uns schuldig geworden sind und geben sie von uns aus frei. Mit dieser Bitte lassen wir uns hineinnehmen in Gottes Friedensdienst in der Welt (75).

Und führe uns nicht in Versuchung...: In der sechsten Bitte überlassen wir uns Gott auch für alle Stunden, in denen wir nicht von seiner Gegenwart und Liebe spüren und versucht sind zu glauben, diese Welt sei rettungslos ausgeliefert an lebensfeindlichen Mächte. Wir bitten darum, dass Gottes Geist und liebevolle Menschen an uns festhalten, auch wenn uns scheinbar alle guten Geister verlassen haben (75f).

...sondern erlöse uns von dem Bösen: In der letzten Bitte bitten wir um die Erlösung von dem Bösen, von allem, was in uns und um uns dagegen streitet, dass Gott Liebe ist. Wir bitten Gottes Geist um die Gewissheit, dass wir uns auf Jesu Verkündigung verlassen können.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen: Ohne Lobpreis soll kein Gebet zu Ende gehen. Denn was wir von Gott erbitten, ist und hat er in sich. Jede Bitte ist Dank dafür, dass Gott selbst die grenzenlose Fülle der Lebensgaben ist (76).


b. Jesus hat beim Leiden der Menschen angesetzt

Das Leiden der Menschen unter seelischen und körperlichen Nöten hat Jesus stark berührt. Das gilt vor allem für Leiden, durch die Menschen aus der Gemeinschaft der anderen verbannt worden sind, weil sie aufgrund von religiösen Vorschriften gemieden werden mussten. Heilungsgeschichten erzählen, dass Jesus in solchen Fällen interveniert und die Gemiedenen in ihre jeweilige Lebensgemeinschaft zurückgeführt hat (62).

Der „Heilandsruf“ Jesu (Mt 11,28-30): Seine Einladung an alle, zu ihm zu kommen, heißt, sie sollen an ihn und seine besondere Autorität glauben und von seinem Weg lernen. Er nämlich tut den Willen Gottes, weil er „sanftmütig und von Herzen demütig“ ist (das ist eine Aussage der Gemeinde). Seine religiösen Kontrahenten aber bezeugen keinen liebevollen, sondern verwalten einen unerbittlichen Gott. Den Leidenden will Jesus helfen, will ihr Leben erleichtern, ihnen vermitteln, dass Gottes Weisungen nicht dazu da sind, ihnen ihr Leben zur Hölle zu machen; Gottes Ordnungen sind für die Menschen gemacht. Seine Gaben sind Lebensgaben (62f).

Jesus verkündet einen Gott, der weiß, dass das Leben schwer ist, gerade für diejenigen, die aus irgendeinem Grund benachteiligt sind. Wir sollen Gott im Gebet anreden, ‚wie die Kinder ihren Vater‘ (Luther). Jesus hat einen wahrnehmenden, aufmerksamen, liebevollen Gott offenbar gemacht, indem er ihnen sanftmütig und als jemand entgegenkam, der ihnen dienen wollte: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene“ (Mk 10,45). Das soll und kann man glauben, wenn man den Lebensweg Jesu sieht. Die Fortsetzung: „und gebe sein Leben als Lösegeld für viele“ ist ein späterer Zusatz (63).

Jesus hat sich mit den Leidenden identifiziert (Mt 25,31-45): Im Gleichnis vom Weltgericht identifiziert sich der Erzähler, Jesus, mit dem Weltenrichter. Er erklär den erstaunten Menschen, was den Ausschlag dafür gegeben habe, jemanden zum Erben, des Reiches eines Vaters zu machen: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mich getränkt; ich war fremd und ihr habt mich beherbergt; ich war nackt und ihr habt mich bekleidet; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Das Gleichnis nennt Situationen, die das Leben schwermachen und Menschen an den Rand bringen können (65).

Daraus, dass Jesus die Leiden der Menschen wahrnimmt und den Seinen das Beispiel der dienenden Liebe gibt (Jh 13), folgt eine christologische Ethik: Die Tora wird nur erfüllt, wenn sie verstanden wird als Gottes Dienst am Leben seiner Geschöpfe. Nur Liebe macht einen Menschen „vollkommen“ (Mt 5,43-48) und wer aus Liebe handelt, ist „vollkommen wie euer Vater im Himmel“ (5,48). Dieser ungeheure Satz steht neben anderen, mit denen Jesus die geläufige Theologie auf den Kopf gestellt hat (65f).