5. Ist die Lehre vom Sühnetod Christi notwendig?

5.1 Bedarf Gott des Opfers seines Sohnes?

H. Küng

Allzu selbstverständlich sehen christliche Theologen die Hinrichtung Jesu als Opfertod und höchsten Liebeserweis Gottes. Dazu bemerkt Pinchas Lapide: Dass Gott eines Menschenopfers bedarf, um seine eigene Schöpfung mit sich selbst zu versöhnen, dass er, der Weltenherr, ohne Blutopfer keinen Menschen zu rechtfertigen vermag, das ist für Juden ebenso unbegreiflich wie bibelwidrig. Menschenopfer sind Gott ein Greuel. Was ist das für ein Gott, der ja sagen kann zu den sadistischen Todesqualen seines Kindes, nur um die rein heidnische Tortur der Kreuzigung anzunehmen als stellvertretende Entsühnung, wie Paulus behauptet, als Beschwichtigungsopfer des Zornes Gottes nach Römersitte, wie Augustin es darstellt, als Loskauf vom Teufel in einer Art von Tauschgeschäft zwischen Gott und Satan, wie Origenes es will, oder als Schuldenbezahlung, wie Anselm von Canterbury es in seiner Satisfaktionslehre zu beweisen versucht (469)?

Im NT wird Jesu Tod als eine Tat der Menschen verstanden. Juden und Heiden gemeinsam werden dafür verantwortlich gemacht. Jesu Kreuzestod hat aber auch mit Gott selber zu tun: Gott hat zugelassen, dass sein 'einziger Sohn' umgebracht wird (471).

Ostern lässt erkennen: Auch im Leiden und Sterben Jesu hat Gott seinen unabänderlichen Heilswillen durchgesetzt. Wenn Ostern mehr war als eine nachträgliche Korrektur der von Gott nicht verhinderten Hinrichtung des Gottessohnes, dann konnte der Tod Jesu keine Katastrophe gewesen sein, sondern er musste dem Heilswillen Gottes entsprechen. Jesu Kreuzigung war dann nicht ein gottwidriger Willkürakt von Menschen, sondern dieses zunächst so rätselhaft erscheinende Geschehen war dem Willen Gottes gemäß (471).

Das Gottesverständnis nach Auschwitz

Entweder ist Gott allmächtig, dann ist unverständlich, warum er so etwas Grauenhaftes wie Auschwitz nicht verhinderte. Oder Gott ist allmächtig und verstehbar, dann ist Auschwitz die Widerlegung seiner Güte. Oder Gott ist gütig und verstehbar, dann ist Auschwitz der Beweis seiner Ohnmacht. Alle drei Attribute zusammen – Allmacht, absolute Güte und Verstehbarkeit – sind nach Auschwitz nicht mehr gleichzeitig zu haben (714).

Um der Göttlichkeit Gottes willen kein Transzendenznachlass: Kritik ist angebracht an einem undialektischen Verständnis der Allmacht Gottes. Kritik ist ebenso angezeigt bei einer begrifflich herbeigezauberten, die Sinnlosigkeit des Leids erklärenden Dialektik von Macht und Ohnmacht Gottes, von Stärke und Schwäche, von Gottes Weisheit durch Torheit, von Gottes Heiligkeit durch Schuld (721).

Einspruch ist gestattet gegen einen theokratischen, autoritären Hochgott, Despoten. Kritik ist nicht weniger am Platz gegenüber einem kraft- und wehrlosen, ohnmächtigen Gott, der jegliche Vorsehung und Fügung im Weltgeschehen preisgegeben hat. Zweifel sind erlaubt an der Vorstellung eines apathischen Gottes von platonischer Unbeweglichkeit und Unbetroffenheit. Aber ebenso sind Zweifel zu äußern an einem ganz und gar anthropomorphen, menschlich leidenden, gar sterbenden Gott, der nichts mehr zu geben vermag. Dies wäre nicht mehr ein mit-leidender, sondern ein bemitleidenswerter Gott. Mit solch gewagten Gottesphantasmagorien lässt sich eine monströse Wirklichkeit wie Auschwitz nicht bewältigen (721).

Ein gekreuzigter Gott?

Christliche Theologen haben nach dem Zweiten Weltkrieg nicht selten die Leidensproblematik durch die Annahme eines leidenden Gottes bewältigen wollen. Gott sei ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade so und nur so sei er bei uns und helfe uns. Nur der leidende Gott könne helfen. Einzelne Theologen haben im Blick auf den Holocaust gar daraus gefolgert, dass das unaussprechliche Leiden der sechs Millionen auch die Stimme des leidenden Gottes sei. Andere Theologen haben gemeint, die Leidensproblematik hochspekulativ von einer sich dialektisch zwischen Gott und Gott, gar Gott gegen Gott, abspielenden innertrinitarischen Leidensgeschichte her denkerisch bewältigen zu können (722).

Gegenüber solchen mehr von Hegel als von der Bibel inspirierten Spekulationen über einen leidenden Gott, gekreuzigten Gott, gar einen Tod Gottes ist Zurückhaltung am Platz. Als ob sich das immense sinnlose Leid der Menschheitsgeschichte und des Holocausts durch christologische Spekulationen und begriffliche Manipulationen am Gottesbegriff in einen höheren Zusammenhang einordnen und so bewältigen ließe! Bei aller in Christus Jesus aufscheinenden Menschenfreundlichkeit Gottes darf es nicht zu einem Ausverkauf der Göttlichkeit Gottes kommen, auch nicht angesichts noch so unbegreiflichen Leidens und Schmerzes (722f)!

Ein Blick in die Schrift vermag solch spekulative Kühnheiten zu ernüchtern. Nach dem AT schreien die Menschen immer wieder zu Gott im Vertrauen darauf, dass Gott ihr Rufen und Flehen hört. Aber ihr Schreien, Leiden und Sterben wird nicht einfach zum Schreien, Leiden und Sterben Gottes. Nirgendwo im AT wird der Unterschied zwischen Gott und Mensch aufgehoben und Leid und Schmerz des Menschen einfachhin zum Leid und Schmerz Gottes erklärt und verklärt. Für das AT gilt: Wenn der Mensch scheitert, scheitert Gott nicht. Wenn der Mensch stirbt, stirbt Gott nicht mit. Denn “Gott bin ich und nicht ein Mensch, heilig in deiner Mitte“ (Hos 11,9) gegen alle Vermenschlichung Gottes (723).

Auch nach dem NT schreit Jesus, der Sohn Gottes, zu Gott, seinem Vater, weil er sich von Gott in der Tiefe seines Leidens verlassen glaubt. Aber nirgendwo schreit Gott zu Gott, nirgendwo ist Gott selber schwach, ohnmächtig, leidend, gekreuzigt oder gar gestorben.

Das Wort vom Kreuz ist Paulus zufolge nur für die Nichtglaubenden Schwäche und Torheit, für die Glaubenden ist es “Gottes Kraft, Gottes Weisheit“ (1Kor 1,23f). Im Kreuz Jesu Christi ist nicht Gott schlechthin gekreuzigt worden, der Gott Deus pater omnipotens. Wie hätte sonst der Gekreuzigte in Gottverlassenheit zu Gott schreien können: “Mein Gott, mein Gott“ (Mk 15,34)? Nach dem NT folgt hier kein spekulativer Karfreitag, erfolgt hier kein Salto Mortale Gottes selber, hängt am Kreuz gerade nicht Gott, wohl aber Gottes Gesalbter, sein Christus, der Menschensohn (723f).

Das Kreuz ist nicht das Symbol des Todesnot leidenden Gottes, sondern das Symbol des Todesnot leidenden Menschen. Am Kreuz ist nicht Gott, der Vater, gestorben, sondern Gottes Messias und Christus, Gottes Ebenbild, Wort und Sohn. Ein unbiblischer Patripassianismus (die Auffassung, Gott der Vater selber habe gelitten) wurde kirchlicherseits schon früh zu Recht verurteilt. Christliche Theologie protestiert gegen ein masochistisch-dulderisches Gottesverständnis, nach welchem ein schwacher Gott sich durch Leid und Tod zur Auferstehung durchzuquälen hätte, wenn er nicht überhaupt auf ewig leiden soll (724).

In der Torheit und Ohnmacht des Kreuzes Christi ist nicht ein ohnmächtiger, törichter, schwacher, gekreuzigter Gott sichtbar geworden. Wäre Gott wirklich selbst am Kreuz gestorben, wer soll dann diesen toten Gott zu neuem Leben erweckt haben? Das Kreuz für sich betrachtet ist ein klares Fiasko, eine beispiellose Menschen- und Gottverlassenheit des Gottgesandten. Nur im Licht der Auferweckung Jesu zum Leben wird im Nachhinein in Gottes offenkundiger Abwesenheit seine verborgene Anwesenheit glaubend angenommen. Im NT wird die Auferweckung von Jesus, dem Sohn, zum neuen Leben verkündigt. Gott (ho theos), der Vater, ist das Subjekt der Auferweckung, der “ein Gott der Lebenden und nicht der Toten ist“ (Mt 22,32) (724f).

Nur durch die Aufnahme dieses Sohnes in Gottes ewiges Leben erweist sich Gott für die Glaubenden als der diesem einzigartigen Sohn (und damit allen seinen Söhnen und Töchtern) sogar in äußerstem Leid, in Verlassenheit und Sterben solidarisch Nahe, als der auch mit unserem Schmerz verbundene und an unserem Leid (verschuldet oder unverschuldetem) teilhabende, als der von unserem Elend und all der Ungerechtigkeit mitbetroffene, verborgen mit-leidende und gerade so zuguterletzt unendlich gütige und mächtige Gott (725).

Eine theoretische Antwort auf das Theodizee-Problem gibt es nicht! Von einer gläubigen Grundhaltung her ist nur das eine zu sagen: Wenn Gott existiert, dann war Gott auch in Auschwitz! Unbeantwortbar ist die Frage: Wie konnte Gott in Auschwitz sein, ohne Auschwitz zu verhindern? Weder das AT noch das NT erkären uns, wie der gute, gerechte und mächtige Gott in dieser seiner Welt solch unermessliches Leid hat geschehen lassen können (726).

Sinnloses Leid nicht theoretisch verstehen, sondern vertrauend bestehen

Im äußersten Leid haben Juden, aber auch Christen die Gestalt des Hiob vor Augen. Gott ist und bleibt für den Menschen letztlich unbegreiflich und doch ist dem Menschen die Möglichkeit geschenkt, diesem unbegreiflichen Gott unbedingtes Vertrauen entgegenzubringen (729).

Für Christen scheint im äußersten Leid die historische Gestalt des leidenden und sterbenden Gottesknechtes, des Schmerzensmannes aus Nazareth, auf. Sein Ausgeliefertsein, Ausgepeitschtsein, Verhöhntsein, sein langsames Dahinsterben am Kreuz hat die furchtbare Erfahrung der Opfer des Holocaust vorausgenommen, die Erfahrung, dass man von allen Menschen verlassen, dass man sogar des Menschseins beraubt, ja, dass man auch von Gott selbst verlassen werden kann (729).

Jesu Tod hatte einen Sinn, weil allein im Nachhinein, von der geglaubten Auferweckung Jesu zu neuem Leben durch und mit Gott, ein Sinn in dieses sinnlose, gottverlassene Sterben hineinkommt. Nur aufgrund dieses Glaubens ist der zu Gottes ewigem Leben erweckte Gekreuzigte die Einladung, auch bei sinnlosem Leiden und gottverlassenem Sterben zu vertrauen und für sich selber in diesem Leben ein Durchstehen und Durchhalten bis zum Ende einzuüben. Nicht die Erwartung eines Happy Ends auf Erden, sondern ganz radikal das Angebot, selbst im sinnlosen Leiden einen verborgenen Sinn zu bejahen, den der Mensch nicht von sich aus entdecken, wohl aber im Licht dieses einen von Gott und Mensch Verlassenen und doch Gerechtfertigten geschenkt erhalten kann (730).

Vom leidenden Gottesknecht Jesus her lässt sich erkennen, dass Gott auch dann noch, wenn das Leiden scheinbar sinnlos ist, verborgen anwesend bleibt, dass Gott uns zwar nicht vor allem Leid, wohl aber in allem Leid bewahrt (730).

Selbst in Auschwitz haben ungezählte Juden an den trotz aller Schrecknisse dennoch verborgenen anwesenden, an den nicht nur mitleidenden, sondern sich auch erbarmenden Gott geglaubt. Sie haben vertraut und sie haben auch gebetet selbst noch in der Hölle von Auschwitz! Ungezählte Juden haben darauf vertraut, dass es einen Sinn hat, das eigene Leid hinzunehmen, den verborgenen Gott anzurufen und anderen Menschen, soweit noch möglich, beizustehen (731).

Die Menschen haben zu einem lebendigen, teilnehmenden, wenngleich abwesenden, verborgenen Gott gerufen, auf dessen Macht und Güte sie vertrauten durch alle Gewalt und Bosheit der Menschen hindurch: 'zur Sonne, die von dunklen Wolken verdeckt ist':

Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.
Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre.
Ich glaube an Gott, auch wenn ich ihn nicht sehe.

Nicht der ohnmächtige Gott, sondern der mit-leidende Gott der Liebe, Stärke und Barmherzigkeit machte die Opfer stark, dem Grauen zu widerstehen. Unser gemeinsamer jüdischer und christlicher Glaube gilt einem Gott, dem die Zukunft gehören wird, der in Gerechtigkeit den Rechtlosen Recht verschafft und so an den Ohnmächtigen seine Macht beweisen wird, einem Gott der Lebenden und nicht der Toten (731f).

Trotz Auschwitz wird Gott Seine Verheißung erfüllen, Israel und die Welt zu erlösen. Ich verstehe nicht, wie das möglich ist, auch verstehe ich nicht, wie Gott es jemals an denen, die im Holocaust umkamen, wieder gutmachen kann (Kü 733).