5.2 Der Gott Jesu braucht kein Sühnopfer

J. Vollmer

„Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten“ (Jes 53,5) besagt, dass der leidende Gottesknecht bzw. Jesus die Strafe Gottes, die wir Sünder verdient haben, stellvertretend für uns auf sich genommen hat. Der Opfertod Jesu am Kreuz ist Gottes Tat der Hingabe seines geliebten Sohnes. Wir wurden mit Gott versöhnt durch den Tod seines Sohnes, da wir noch (Gottes) Feinde waren (Röm 5,10). Gott versöhnte durch Christus die Welt mit sich (2 Kor 5,18). Die Feindschaft der Welt gegen Gott hat Gottes Zorn zur Folge (Röm 1,18-3,20). Vor dem Zorn und Gericht Gottes werden wir gerettet durch das Sühnopfer Jesu, das Gott verfügt. Die Liebe Gottes ist das erste, aber im Horizont der Sühnevorstellung kommt Gott an seinem Zorn nicht vorbei (119).

Gott hat seine Liebe zu uns durch den Opfertod seines Sohnes erwiesen, indem dieser Opfertod uns vor dem Zorn Gottes rettet. Aus Liebe zu uns rettet Gott uns vor seinem Zorn, indem er seinen Sohn für uns in den grausamsten Foltertod am Kreuz dahingibt (Röm 5,8-10; 8,32). Gott hat, um uns mit sich zu versöhnen, um unsere Feindschaft gegen Gott zu überwinden, den Sündlosen für uns zur Sünde (in der doppelten Bedeutung von Sünde und Sündenstrafe) gemacht, damit wir durch den Opfertod Jesu vor Gott gerecht würden (2 Kor 5,21) (120).

Wer erhält das Sühnopfer Jesu, das Lösegeld seines Todes (Mk 10,45), wem wurde der Kaufpreis seines Opfers bezahlt (1 Kor 6,20)? Was ist das für eine Vergebung, die mir für meine Sündenschuld zuteil wird, wenn nur der Opfertod eines Sündlosen mich vor dem Zorn des vergebenden Gottes rettet, wenn Gott mir nur dadurch vergeben kann, dass er einen Sündlosen für mich zur Sünde macht?

Gott hat die Ermordung Jesu erlitten, nicht weil er sie als Subjekt des Sühnegeschehens, das Kaiphas und Pilatus und ihre Schergen und auch Judas zu unserem Heil auf den Plan rief, gewollt und verfügt hat, sondern weil die widergöttlichen Mächte seine bedingungslose und unbegrenzte Liebe in Jesus nicht ausgehalten haben und sie darum beseitigen wollten.

Der Tod Jesu offenbart zunächst das Nein der Welt gegen Gottes Liebe, offenbart die Gottfeindschaft der Welt, die den, der sich für Gottes grundlose und bedingungslose (auch ohne die Bedingung der Sühne wirksame!) Liebe verbürgt hat, nicht aushält und nicht erträgt.

Die Deutung des Todes Jesu als Sühnetod besagt, dass Gott letztlich nicht souverän sondern in sich gespalten ist. Der liebende Gott, für den sich Jesus verbürgt hat, muss ein Opfer grausamster Gewalt fordern, damit seine Liebe zu uns Sündern wirksam werden kann. Gott ist ein unendlich liebender und barmherziger und zugleich – weil er gemäß dem Sühnedenken und seiner Heiligkeit auf der Strafe bestehen muss – ein unendlich grausamer und gewalttätiger Gott... (120).

Letztlich geht es bei der Deutung des Todes Jesu als Sühnetod um die Frage, ob das der Sühnetheologie implizite Bild von der Heiligkeit Gottes dem Gottesbild Jesu entspricht. Der Tod Jesu kann nur in der Perspektive der Botschaft Jesu und seiner Bürgschaft für Gott gedeutet werden.

Die Deutung des Todes Jesu muss Jesu Botschaft und Verhalten entsprechen. Jesus hat nicht einen unnahbar heiligen Gott verkündigt, der in seinem Volk nur gegenwärtig sein kann, wenn immer wieder (Lev 16) bzw. ein für allemal (Hebr) Sühne geleistet wird. Jesus hat Gott als den unendlich liebenden und unendlich gütigen Vater verkündet, der auch seine Feinde liebt und uns zumutet, seiner Feindesliebe zu entsprechen (Mt 5,43-48). Jesus hat die Vergebung und Liebe Gottes grundlos und bedingungslos ohne jeden Vorgriff und ohne jeden Verweis auf seinen Tod als Sühnetod, lange vor seinem Foltertod und der Deutung dieses Todes als Sühnetod zugesprochen und in seinen Mahlgemeinschaften und Heilungen zugeeignet. Er hat Gottes Liebe im hic et nunc für den Sünder in Anspruch genommen und sein Lebensopfer nicht als konstitutive Voraussetzung göttlicher Zuwendung verstanden. Der Irdische kündet das Reich Gottes an und dokumentiert in seiner Gemeinschaft mit Sündern die Vergebung Gottes. Jesus erlöst durch sein Leben und Handeln und nicht durch seinen Tod. Vielmehr ist unter das Versöhnungswerk Jesu Christi auch schon die Tatsache zu rechnen, dass er während seines irdischen Wirkens Menschen Sündenvergebung zugesprochen und diese Vergebung durch Praktizierung von (Tisch-)Gemeinschaft auch gelebt hat. Dabei wäre es eine abwegige Vorstellung, anzunehmen, diese Vergebung sei, weil sie vor dem Kreuzestod Jesu Christi geschehen ist – noch nicht voll gültig. Die Unmittelbarkeit seiner kindlichen Gottesbeziehung und seines abgrundtiefen Gottvertrauens ist mit der unnahbaren Heiligkeit eines, um uns seine Liebe zu erweisen, Sühne gewährenden und, um uns vor seinem Zorn zu retten, Sühne fordernden Gottes unvereinbar. Dass Gott in seiner Heiligkeit nicht mit der Sünde koexistieren kann, das gilt für das kultisch-priesterliche Denken, dass er aber als der gütige Vater mit dem Sünder koexistiert, dafür hat sich Jesus gerade gegen das kultisch-priesterliche Denken verbürgt (120).

Opferkult und Sühnedenken sind auch innerhalb der Traditionen des Ersten Testaments keineswegs unumstritten. Gott will keine Opfer (Am 5,21-25; Hos 6,6). Der neue Bund wird nach Jer 31,31-34 nicht mit blutigen Opfern verbunden, der neue Geist und das neue Herz werden ohne Sühnopfer vermittelt (Ez 36,26-28; Joel 3) (120f).

Der väterliche und mütterliche Gott Jesu vergibt grundlos und bedingungslos, ohne Blut, ohne Sühne und ohne Gewalt.... Gottes Liebe vermag zwischen Sünder und Sünde zu unterscheiden, Gottes Zorn und Heiligkeit nicht. Gottes Liebe vermag grundlos zu vergeben, Gottes Heiligkeit gebraucht Gewalt und fordert ein Sühnopfer...

Die Deutung des Todes Jesu als Sühnetod scheitert nicht zuletzt aber auch daran, dass erst durch das Widerfahrnis der Auferweckung Jesu die Heilsbedeutung seines Todes erschlossen wird: “Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann... seid ihr noch in euren Sünden“ (1 Kor 15,17). Hier tut sich eine weitere Aporie der Deutung des Todes Jesu als Sühnetod auf, denn die Sühnewirkung seines Todes wird durch Jesu Auferweckung zunichte, weil der Auferweckte ja nicht stellvertretend für uns Sünder den ewigen Zorn Gottes im ewigen Gerichtstod auf sich nimmt.

Der Foltertod Jesu am Kreuz ist in der Perspektive von Jesu Bürgschaft für seinen Gott von Gott weder gewollt noch verfügt. Vielmehr hat Jesus bis in die letzte Konsequenz seines Kreuzestodes als ein Opfer der gottfeindlichen Mächte an Gottes Liebe festgehalten und sie so beglaubigt. Und Gott hat seinen Bürgen auferweckt und sich zu ihm bekannt. Als Bürge für Gottes Liebe ist Jesus für Gottes Liebe und also für uns gestorben. Sein Tod am Kreuz ist nicht die Ursache und Voraussetzung unserer Erlösung, sondern die Folge unserer Erlösung durch Gottes bedingungslose Liebe, die Jesus lange vor seinem Tod bezeugt und die in der Bezeugung durch ihn gerade zu seinem Tod geführt hat (Vo 121).

L.M.: Paulus ist Jude, er argumentiert mit Juden, für die das kultische Denken selbstverständlich ist. Das Problem für uns heute, die kulttypologische Deutung des Todes Jesu zu verstehen, liegt darin, dass wir den aktuellen Kultvollzug nicht mehr kennen. Die Sühnevorstellung, in der die Sündenschuld eine übertragbare 'dingliche' Angelegenheit ist, erscheint uns einer fremden Welt zuzugehören.