9. AUFERSTANDEN IN DEN GLAUBEN

Nach seiner Kreuzigung wurde Jesus nur 'mit den Augen des Glaubens' gesehen. Von seinen Gegnern hat niemand Jesus gesehen.

Der Glaube an die Auferstehung der Toten war damals mit dem apokalyptischen Weltbild vorgegeben (Hes 37).

Das Zum-Glauben-Kommen der Jünger an den erhöhten, lebendigen gegenwärtigen Herrn ist das Entstehungsdatum der Kirche Jesu Christi.

Die Vorstellung von der Errettung und Erhöhung des Gerechten dürfte einen Ansatzpunkt für die christliche Erhöhungsvorstellung gebildet haben

1. Die älteste Ostergeschichte

2. Die visionär vermittelte Erkenntnis der eschatologischen Auferstehung Jesu
Anhang: Auferstehung Jesu und historisch-kritische Methode: Der Historiker muss davon ausgehen, dass es sich um subjektive Phänome gehandelt hat (86)

3. Die Auferstehungsaussage ist ein Interpretament des Erscheinungsgeschehens - Auferstehungszeugen gibt es nicht
(1) Zur Entstehung des Glaubens an die Auferstehung Jesu
Anhang: Auferstehung Jesu – Auferstehung der Toten

(2) Schwierigkeiten mit der Auferweckung Jesu
(3) Die Auferstehung Jesu war keine historische Tatsache, sondern ein Glaubensurteil
(4) Die 'Erscheinungen' Jesu

(5) Die Auferstehungsgeschichten und der christliche Glaube

Anhang a: Die Drei-Tage-Worte Jesu – Sekundäre Umdeutung der ursprünglich eschatologischen Bilder
Anhang b: Der Bericht des Paulus (1Kor 15,3-11) und die Bedeutung der Verklärungsgeschichte für die Entstehung der zweiten Vision des Petrus

4. Die Auferweckung Jesu – ein transzendentes rein jenseitiges Geschehen, erfahrbar nur im Glauben
(1) Die Himmelfahrt Jesu vom Kreuz aus
(2) Transzendentale Entwürfe – Versetzung des Verstorbenen in den Himmel
(3) Zu den Elia-Motive des Lukas
(4) Zusammengehörigkeit von Auferweckung und Erhöhung
Anhang: Auferweckung und Erhöhung meinen im Urchristentum dasselbe Ereignis

Die Unsterblichkeit der Seele (s. Text 10)

Literatur

Solus Christus u n d der apokalyptische Glaube an die Auferstehung Jesu mit 'Haut, Knochen und Sehnen' (leeres Grab) im 21. Jh.?

Die Auferstehungsaussage ist ein Interpretament des Erscheinungsgeschehens - Auferstehungszeugen gibt es nicht.

Jesus – Lazarus: Im Johannesevangelium (Kp 11) wird zwischen der Erhöhung Jesu und der Wiederbelebung des Lazarus nicht unterschieden – zwei grundverschiedene Vorgänge: Lazarus ist Jahre nach seiner Wiederbelebung gestorben, aber Jesus ‚lebt‘. Das leere Grab und die Auferstehungsleiblichkeit Jesu sind keine historischen Fakten. Diese Aussagen sind bedingt durch das jüdisch apokalyptische Weltbild: ‚Leben‘ gibt es nur leiblich, mit ‚Haut, Knochen und Sehnen‘. Wenn Jesus ‚lebt‘, dann musste sein Grab aufgrund des jüdisch-apokalyptischen Weltbildes zwangsläufig leer gedacht werden (Hes 37). Wo ist der mit ‚Haut, Knochen und Sehnen‘ wiederbelebte historische Jesus geblieben? Der Glaube an ein leeres Grab Jesu macht den christlichen Glauben zu einem Mirakelglauben. „Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht ererben; auch wird das Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit“ (1Kor 15,50). Nirgendwo argumentiert Paulus mit einem leeren Grab Jesu. Paulus weiß um einen ‚himmlischen‘ Leib (2Kor 5), d.h. die Gräber müssen nicht leer werden.

Paulus hat seine Sichtweise mehrfach korrigiert. Ich bin überzeugt, heute würde Paulus von der Sühneopfertheologie Abstand nehmen. Damals war der Sühneopfergedanke durch die jahrtausende alte Opferpraxis vertrau und mit ihm konnte man die Katastrophe der Hinrichtung Jesu positiv deuten und den Opferkult im Tempel in Jerusalem weit überbieten - damals, vor 2000 Jahren.

Unsterblichkeit der Seele / des inneren Menschen / der Geistseele: "..., solange ich in dieser Hütte bin..., denn ich weiß, dass ich meine Hütte bald verlassen muss" (2Ptr 1,13f).

Die Unsterblichkeit der Seele ist die Voraussetzung für ein Gericht post mortem. Wenn der innere Mensch, die Geistseele, den Tod nicht überdauert, das 'Ich' nicht mehr existiert, alle Daten gelöscht sind, kann es kein Gericht geben.

Wenn die Erhöhung Jesu kein historisches sondern ein transzendentes Ereignis ist, dann ist die Auferweckung Jesu ebenfalls kein historisches sondern ein transzendentes Ereignis.

M.Hengel: Ist der Osterglaube noch zu retten? Es wäre schlimm, wenn wir uns anmaßten, den Glauben an die Auferstehung Jesu retten zu können. Es ist gerade nicht unsere Aufgabe, hier 'vernünftig' begründen zu wollen, um irgend etwas zu retten. Der erhöhte Christus selbst hat die Verzweiflung und den Zweifel der Jünger überwunden und Glauben geschenkt, aus einem Simon wurde ein Petrus, aus einem Saulus ein Paulus. Dieser Glaube hat die Kirche bis heute getragen, er wird sie 'bis an der Welt Ende' weitertragen.

R. Pesch: Lukas gibt mit Hilfe der Himmelfahrtserzählung (Apg 1,9-11) eine theolgische Deutung der Heilsgeschichte. Insofern er mit seiner Erzählung ein Geschehen an Jesus im Auge hat, meint er dessen Erhöhung, die kein historisches Ereignis ist. Der erhöhte Herr zeigt sich nur in der einmütigen Versammlung der Jüngergemeinde, die seinem Wort vertraut, seiner Weisung nachkommt, seiner Verheißung glaubt und seine Sendung als die ihrige, seinen Auftrag als den ihrigen übernimmt. Das sichtbare 'Wunder' ist weder ein leeres Grab noch ein wie eine Rakete zum Himmel fahrender Mensch, sondern die von Jesus gestiftete einmütige Versammlung (1,14) selbst, in der alle, die glauben und nicht zweifeln, ihren erhöhten Herrn 'schauen', der unsichtbar in ihrer Mitte real-präsent ist und durch seinen Geist alle miteinander verbindet. Die Unterscheidung von Auferweckung und Erhöhung/Entrückung nach der vierzigtägigen Zwischenzeit hat in der Thelogiegeschichte seit der Mitte des 2.Jh. immer mehr Raum gewonnen neben der ältesten Konzeption der Identität von Auferweckung und Erhöhung (75f).

 

1. Die älteste Ostergeschichte

Paulus Damaskuserlebnis

E. Biser (1984)

Paulus versichert, dass er nur das überliefere, was er selbst empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift, dass er begraben worden ist und dass er auferstanden ist am dritten Tag nach der Schrift.

Und er ist dem Kephas erschienen, dann den Zwölfen. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal...Danach ist er dem Jakobus erschienen, dann allen Aposteln. Zuletzt erschien er mir, gleichsam einer Fehlgeburt“ (1Kor 15,3-8).

In diesem Katalog öffnet sich eine Tür zu Zeugnissen, die den Berichten der Evangelien vorausliegen und denen sich zuletzt auch Paulus selber noch anreiht. Das Zeugnis besteht jeweils in dem Protokollsatz: „Er ist (ihm) erschienen“, der nach Paulus auch lauten könnte: „Ich habe den Herrn gesehen“. Die Osterberichte vermitteln kein ausführliches Bild von dem, was der Katalog in protokollarischer Kürze zusammenfasst. Den klassischen Beleg dafür bietet die vom JohEv an erster Stelle aufgeführte Erscheinung vor Maria von Magdala. Bestürzt über den Anblick des offenen Grabes sucht sie weinend in seiner Umgebung nach dem Verbleib des Leichnams Jesu. Schließlich bittet sie einen Fremden, den sie für den Gärtner hält, um Auskunft. Da ruft sie der vermeintliche Gärtner beim Namen: „Maria“! Der Anruf genügt, um ihr zum Durchbruch in die volle Ostergewissheit zu verhelfen. Sie erkennt den Auferstandenen, fällt ihm zu Füßen und vernimmt sein Wort: „Halte mich nicht fest...Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20,16f) (62f).

Maria von Magdala entledigt sich ihres Auftrags auf eine unerwartete Weise. Anstatt in dramatischer Ausführlichkeit von der ihr widerfahrenen ‚Geschichte‘ zu berichten, fasst sie ihre Ostererfahrung in den einen Satz zusammen: „Ich habe den Herrn gesehen“ (Joh 20,18). Damit führt sich die Geschichte selbst auf den Protokollsatz zurück, in den der Katalog des 1Kor die von ihm aufgeführten Osterzeugnisse zusammenfasst. Das gilt für sämtliche Ostererzählungen der Evangelien. Ihrem Selbstverständnis nach wollen sie keine Berichte über Ereignisse im Zusammenhang mit der Auferstehung Jesu sein, sondern bildhaft-suggestive Umschreibungen dessen, was mit dem grundlegenden Protokollsatz gesagt ist: „Ich habe den Herrn gesehen“ (64).


Der ‚letzte‘ Osterzeuge: Paulus versichert: „Zuletzt erschien er mir, gleichsam einer Fehlgeburt. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, nicht wert, Apostel zu heißen, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe“ (1Kor 15,8f) (64).

Wenn Paulus für sich auch zunächst nur denselben Protokollsatz verwendet, bringt er ihn doch auf eine neue Weise zur Sprache, indem er sein ganzes Geschick damit verknüpft. Er begnügt sich nicht damit, sein Zeugnis ‚zu erstatten‘, vielmehr ist er in ihm mit seiner ganzen Existenz präsent. Zwar gründen auch alle anderen Osterzeugnisse auf persönlicher Erfahrung, doch gibt nur Paulus darüber auch Auskunft. Seine Briefe eröffnen die Chance, ihn nach Inhalt und Bedeutung des Erlebten zu befragen. Paulus antwortet auf die Frage nach seinem Auferstehungszeugnis mit seinem ‚Damaskuserlebnis‘.

Soviel der Apg an dieser Szene gelegen ist, beschreibt sie die von Paulus erlebte Lichtvision doch so, dass sie nicht als Ostererscheinung gelten kann. Aber gerade darauf legt der Apostel alles Gewicht. Man kann sogar sagen, dass die Apg durch ihre dreimalige Beschreibung der Damaskusvision Paulus bewusst aus dem Kreis der Osterzeugen und damit als Apostel ausschließt, um ihn dafür umso kräftiger zum großen Heidenmissionar zu stilisieren. Bei aller Würdigung setzt sie sich damit in Widerspruch zu seinem innersten Selbstverständnis. Hier zeigt sich, wie es von den Protokollsätzen, die der Katalog des 1Kor aufführt, zu den bildhaft-dramatischen Ostergeschichten der Evangelien kommen konnte: Sie haben als das Werk nachträglicher Ausgestaltung zu gelten. Von den Zeugen hatte die Gemeinde lediglich das Bekenntnis: „Ich habe den Herrn gesehen“ erhalten. Das war ihr Grund und Stoff genug, daraus ihre dramatischen Ostergeschichten zu entwickeln (65-67).


Das zugesprochene Geheimnis: Was Paulus am Schluss seines Zeugniskatalogs in den Satz zusammenfasst: „Zuletzt erschien er mir“ (1Kor 15,8), fächert er zuvor in drei Fragen auf: „Bin ich nicht frei? Bin ich nicht Apostel? Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn, gesehen“ (1Kor 9,1)? 2Kor 4,6: „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi“. Phil 3,12: „Nicht, dass ich‘s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich‘s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin“.

Seine Berufung zum Heidenapostel begründet Paulus mit den Worten: „Da gefiel es Gott in seiner Güte, seinen Sohn in mir zu offenbaren“ (Gal 1,16). Es ist nicht von einem äußeren Vorgang die Rede, aber von einem Geschehen innerer Art: dass Gott es im Herzen des Apostels „tagen ließ“, dass er „von Jesus Christus ergriffen“ und dass ihm das Geheimnis des Gottessohnes „geoffenbart wurde“. Das sind Worte, die von einer Lebenswende sprechen (68f).

Paulus kennt den Zwiespalt des Herzens und die Maßlosigkeit eines Willens, der sich einem falschen Ziel – in seinem Fall: der Verfolgung der Christen – verschrieb. Deshalb geht es wie ein Aufatmen durch seine Worte, wenn er von der Stunde spricht, in der ihm mit dem Geheimnis des Gottessohnes der Kristallisationskern der Selbstfindung ins Herz gesenkt wurde. In dieser Dimension heißt ‚finden‘ soviel wie ‚aufbrechen zu neuer Suche‘, während umgekehrt ‚suchen‘, soviel wie ‚heimgesucht werden‘ besagt. Phil 3,12: „Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder bereits vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, wie ich von Christus Jesus ergriffen worden bin“. Dass Paulus durch diese Geschichte mit sich selbst ‚geschichtsfähig‘ wird, tritt zutage, wenn dieser von mancherlei Leiden geplagte Mann darangeht, das römische Reich für den zu erobern, von dem er sich in Beschlag genommen weiß (69f).


Mystische Selbstaneignung: Gal 2,19f: „Ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich dahingegeben hat“.

Dass Paulus das Geheimnis des Gottessohnes ins Herz gesprochen wurde, war die ‚Gottestat‘, die ihm widerfuhr. Die andere Seite besteht in einem Akt mystischer Selbstaneignung, die dadurch möglich wird, dass Paulus den Sinn seines Selbstseins in dem entdeckt und findet, von dem er sich bis zur Hingabe seiner selbst geliebt weiß. Was ihm zur Identität verhilft, ist ein Herzenstausch, durch den er dem für immer angehört, der sich ihm zuwendet und schenkt. Es ist die Nachricht von der Geburt der christlichen Innerlichkeit. Man könnte sagen, Christus sei für Paulus in die Innerlichkeit des von ihm ergriffenen Herzens auferstanden. Für Paulus ist die Auferstehung Christi das Ereignis, an dem sich die Menschheitsgeschichte entscheidet. Doch weiß er zugleich, dass mit dieser ‚gegenständlichen‘ Sicht des Ereignisse nichts gewonnen wäre, wenn damit nicht auch die Geschichte des Menschen mit sich selbst entschieden würde. Diese ist für Paulus der primäre Ort der Auferstehung. Denn diese Geschichte könnte nicht zugunsten der menschlichen Identität entschieden werden, wenn nicht der Auferstandene auf den Plan träte und sie durch sich zur Entscheidung brächte. Das aber geschieht immer dann, wenn ein Mensch (wie Paulus) sein Ich in ihm finden und aussprechen lernt: Nicht mehr ich – er in mir (71f).

Die Paulusbriefe gehen den Evangelien weit voran; sie bilden den Grundstock der ntl Schriften. Paulus erzählt eine Geschichte von großer Dramatik, denn sie betrifft die Neuorientierung seines Daseins insgesamt. Dazu kam es, weil der Auferstandene in seine Lebensgeschichte eintrat, weil ihm sein Geheimnis ins Herz gesprochen und damit die entscheidende Hilfe zur Selbstwerdung gegeben wurde. Um die ‚älteste‘ Ostergeschichte handelt es sich dabei auch in dem Sinn, dass keine von allen tiefer als sie in den menschlichen Lebensvollzug eindringt. Durch sie wird mit dem Menschsein des Apostels ein neuer Anfang gemacht (73f).


Widerspiegelung im Glauben: Was Paulus beschreibt, ist kein vergangenes Ereignis, sondern ein unabgeschlossener, offener Vorgang. Wenn der Glaube zustande kommt, spiegelt sich in ihm das, was dem Apostel in seiner Berufungsstunde widerfuhr. Das Menschenherz gewinnt eine neue Beziehungsmitte, in der es sich festmacht und vor Anker gehen kann. Ein anderer nimmt von ihm Besitz, doch so, dass das Gegenteil von Selbstentfremdung geschieht. Denn in ihm lernt es sich verstehen und sich selbst bejahen. Durch ihn erfährt es Bestätigung, Gewissheit und Festigkeit. So gilt für den Glaubenden: Christus ist in den Glauben auferstanden (74f).

In der Zusammenschau von Heils- und Endgeschehen (1Kor 15,16ff.20) bleibt die dritte Auferstehung, die ‚innere Auferstehung‘, die sich im Herzen des Glaubenden ereignet, unausgesprochen. Was ein für allemal geschah (Apg 2,24), will und muss sich immerfort in denen erneuern, die auf Jesus Christus ihre Hoffnung setzen. In ihnen will er immerfort aufs neue auferstehen, damit sie in ihm den Halt, den Sinn, die Mitte ihres Daseins finden. Wie dem Apostel das Geheimnis des Gottessohnes geoffenbart wurde, ist dieser im Wort der Verkündigung auch ihnen zugesprochen. Nun ist alles daran gelegen, dass sie ihn als die Antwort auf ihre Sinnfrage begreifen, in ihm sich neu verstehen und aussprechen lernen. Wenn das geschieht, haben sie begriffen, dass das Auferstehungszeugnis des Apostels den Tatbestand einer Geschichte erfüllt und dass diese älteste Ostergeschichte zugleich die jüngste und aktuellste ist (76f).

2. Die visionär vermittelte Erkenntnis der eschatologischen Auferstehung Jesu

Anhang: Auferstehung Jesu und historisch-kritische Methode: Der Historiker muss davon ausgehen, dass es sich um subjektive Phänome gehandelt hat (86)

U.B.Müller (1998)

Im Blick auf den Situationshintergrund der Jünger eröffnet sich die Möglichkeit, Ostern als denkwürdigen Ausgang einer Krisenerfahrung zu begreifen. Als solche setzt Jesu Tod gleichzeitig jenes vorangehende Neuheitserlebnis voraus, jenen Überschuss an Heilsgewinn, den die Verkündigung der Gottesherrschaft in Taten und Worten mit sich brachte. Wenn Jesus sein punktuelles Wirken in einzelnen Dämonenaustreibungen als Bestandteil der eschatologischen Herrschaftsdurchsetzung Gottes verständlich zu machen suchte, so agierte er nicht nur als Prophet oder Bote der Gottesherrschaft, sondern als ihr eschatologischer Repräsentant, der sein Handeln unmittelbar mit ihr verband (Lk 11,20). Es ging um den eschatologischen Einbruch der Gottesherrschaft als Macht in die Unheilswirklichkeit Israels, was sich in den Exorzismen und Tischgemeinschaften als Befreiungserfahrung real vollzog (Jes 52,7), was spätere Prophetie auf ihre Weise konkretisierte (Jes 24,23; 25,6-8; 35,5f; 61,1) und Apokalyptik in visionärer Schau vorwegnahm (AssMos 10,1ff). Hier war ‚mehr als Salomo‘, ‚mehr als Jona‘ (Lk 11,31f par) – hier geschah alles das, was vergangene Generationen Israels nur zu hoffen wagten (Lk 10,23f par). Dieser Überschusscharakter in Jesu Verkündigung und Auftreten prägte auch die Vollendungsankündigungen (Lk 12,49f; 13,31f), die in verhüllter Form Jesu Tod implizieren, dennoch aber von der Gewissheit über die Macht des Gottes durchdrungen sind, der die Teilnahme des irdischen Repräsentanten der Gottesherrschaft am Freudenmahl der Heilszeit garantiert (Mk 14,25) (67).

Das schreckliche Ende des Todes Jesu am Kreuz drohte alles zunichte zu machen. Wenn dennoch in den Ostererfahrungen eine erfolgreiche Bewältigungsstrategie dieses Konfliktes sichtbar wird, so mag dies, psychodynamisch betrachtet, seine Analogie im Trauerprozess haben, der zunächst insofern missglückt scheint, als es nicht zur Ablösung der Jünger von dem getöteten Jesus kommt, der aber gerade darin überraschend kreativ endet, dass die Schau des ‚Auferstandenen‘ eine Bewusstseinserweiterung darstellt, die neue Horizonte geschichtlichen Wirkens erschließt. Diese Verarbeitung der Krisenerfahrung des Todes Jesu artikuliert sich im Medium visionärer Kommunikationen. In ihnen verdichtet sich jener Reflexionsprozess, der mit dem Negativerlebnis des Todes Jesu einsetzen musste, der etwa in der Emmausgeschichte eine legendarische Darstellung gefunden hat: Jesu Jünger reden miteinander und suchen den Sinn des scheinbar ganz unbegreiflichen Geschehens zu ergründen, aber sie sind weit davon entfernt, das scheinbare Ende Jesu und ihrer Hoffnungen als Gegebenheiten hinzunehmen. Man wird bei den Jüngern Jesu mit einem erheblichen Ausmaß an Denkbemühungen zu rechnen haben. Nicht erst der aufgrund von Ostern rasant in Gang gekommene theologische und christologische Reflexionsprozess spielt hier eine wesentliche Rolle; dieser setzt vielmehr ein vorgängiges Nachdenken voraus, das in den visionären Akten der Ostererscheinungen nur einen vorläufigen Abschluss gefunden hat. Visionen wie Erscheinungen rezipieren und mutieren Traditionen als vorgegeben Deutungsmuster. Dies gilt spätestens für das Osterbekenntnis „er ist dem Kephas erschienen“, wenn hier auch der Gebrauch der atl Theophanieformel schon ein fortgeschrittenes Stadium der Reflexion indiziert, weil Jesus bereits ‚zu gottgleicher Aktionsmacht‘ erhöht erscheint (67f).

Menschen sind damit beschäftigt, durch Interpretationen ihre Erlebnisse, Wünsche und Konflikte in eine ‚gedeutete Welt‘ zu integrieren. Träume begegnen als Fortsetzung dieser Interpretationsarbeit, ebenso auch Visionen. Die Erfahrung des Kreuzestodes Jesu wird den Jüngern ‚die Sprache verschlagen‘ haben. Dass nach Mk keiner der Jünger bei der Kreuzigung dabei war, spricht für sich. Historische Analyse vermag bestimmte Dimensionen des Osterglaubens zu erfassen, am ehesten wohl jene traditionellen Deutungssysteme zu bestimmen, die beim Zustandekommen der als Visionen zu verstehenden Ostererscheinungen mitbeteiligt waren (68f).

Grundlegend war die Neuheitserfahrung des Reiches Gottes, die die Jünger in und mit dem Wirken Jesu von Nazareth gemacht haben. Von fundamentaler Bedeutung war jener alle Negativität überwältigende Überschuss an Heilsgewinn, der in Jesu Worten und Taten zum Ausdruck kam, insofern in ihnen Gottes eschatologischer Herrschaftsantritt Gestalt annahm, so sehr angesichts aller Widerstände und Zweideutigkeiten dieser Unheilswelt das Reich Gottes der Vollendung erst noch entgegen ging. Jesu war trotz der Gefahr seines gewaltsamen Todes der Vollendung der Gottesherrschaft gewiss (Mk 14,25) (69f).

Jesu Jünger haben ihre visionären Erfahrungen sprachlich mit der Deutungskategorie „Gott hat ihn/Jesus von den Toten auferweckt“ versehen. Die Individualisierung der Auferstehungshoffnung war im Märtyrergedanken vorgeprägt. Den Jüngern konnte sich die Assoziation aufdrängen, dass Jesus den Märtyrertod gestorben und deshalb der himmlischen Auferstehung teilhaftig geworden ist. Davon nicht zu trennen ist die Interpretation mit Hilfe jener jüdischen Vorstellung, Jesus sei als leidender Gerechter getötet worden, aber durch Gott in himmlische Wirklichkeit entrückt und damit rehabilitiert. Beide Deutungsmuster sind in jüdischen Texten vermischt worden. Der Märtyrer stirbt nur ‚als modellhafter Repräsentant der Gottesverehrung Israels‘. Die eigentlich bedeutsame Implikation der Ostererfahrungen und damit die entscheidende Reduktion kognitiver Dissonanz lag in dem Vermögen der Jünger, Jesu originäre Leistung, sein eigenes punktuelles Wirken als Bestandteil der eschatologischen Durchsetzung der Gottesherrschaft zu begreifen und im Blick auf die Krisenerfahrung des Todes Jesu ganz neu zu aktivieren. Sie haben Jesu Todesgeschick als eschatologisches Ereignis gesehen, nämlich als eschatologische Totenauferstehung, die eine Abfolge weiterer Endereignisse nach sich ziehen würde. D.h. die eschatologische Durchsetzung der Herrschaft Gottes ist durch Jesu Tod nicht tangiert, Jesus als Repräsentant der Gottesherrschaft (Lk 11,20) würde beim Freudenmahl der Heilszeit selbst daran teilnehmen (Mk 14,25). In den Sog dieser Endereignisse gehört auch aufgrund der Erscheinungen in Galiläa die Rückkehr der Jünger nach Jerusalem. Infolge der Zentrierung der Endereignisse auf die Heilige Stadt und den Zion musste man den Fortgang derselben in Jerusalem erwarten. Man erhoffte die Parusie des Herrn und erlebte stattdessen die endzeitliche Ausgießung des Geistes Gottes – Pfingsten als Erfüllung von Joel 3,1-5 (70f).

Die Erhöhung Jesu als besonderer Aspekt des Osterglaubens

Zwischen den Erscheinungen vor Petrus und den sog. Zwölfen wird man inhaltlich kaum unterscheiden dürfen, da davon auszugehen ist, dass der Gegenstand der Visionen im Prinzip derselbe ist: Jesus als der von den Toten Auferweckte und Erhöhte (72).

Im Gegensatz zu der Vorstellung, dass ausgezeichnete Gerechte, Märtyrer oder die Frommen sich zur Rechten Gottes aufhalten, bedeutet die Erhöhung des Gekreuzigten eine einzigartige Auszeichnung. Die älteste Osterdeutung dürfte sich auf eine theologische Aussage beschränkt haben: Gott hat Jesus, den Repräsentanten der Gottesherrschaft, von den Toten auferweckt und damit seine Botschaft neu legitimiert. Diese eschatologisch verstandene Totenauferweckung impliziert auch den Anbruch der Endereignisse und die Teilnahme des auferweckten Jesus am eschatologischen Heilsmahl (Mk 14,25). (Ps 110 und Ps 2 setzen bereits eine entfaltete Christologie voraus). Nur unter der Voraussetzung, dass der Auferweckte als im Himmel befindliche und mit gottgleicher Aktionsmacht ausgestattete Größe vorgestellt ist, konnte man auf die Idee kommen, das „er ließ sich sehen“ der Gotteserscheinungen vom auferweckten Jesus auszusagen. Dies sichert die Annahme, dass die Glaubensformel 1Kor 15,3-5 den Erhöhungsgedanken einschließt, aber noch nicht, dass die ersten Ostererfahrungen der Jünger bereits die Überzeugung beinhalteten, dass sich Jesus ‚im Besitz gottesgleicher Aktionsfähigkeit vom Himmel her‘ zu sehen gegeben habe (72f).

Schon die Tatsache, dass Jesus den Jüngern als ‚Lebender‘, d.h. für sie als ‚Auferweckter‘ visionär erscheint, kennzeichnet seinen gegenwärtigen Zustand. Er ist für sie in einer Position , die eine Kommunikation mit ihnen ermöglicht, sodass er auf sie hin wirksam ist. Anhand von Lk 11,20 wird deutlich, dass Jesus mit dem Anspruch auftrat, eschatologischer Repräsentant der Gottesherrschaft zu sein, insofern in seinen eigenen Exorzismen die Herrschaft Gottes auf Erden anbrach. Er ist heilsmittlerischer Prophet: Sein Wirken ist Bestandteil der Durchsetzung des Reiches Gottes. Ergänzend gilt auch, dass Jesus das eschatologische Geschick der Menschen von der Stellungnahme zu sich und seiner Botschaft abhängig machte. Blickt man auf Lk 11,31f, so wird deutlich, dass Jesus nicht nur die Relevanz seines Auftretens über den Anspruch des Jona oder Salomos stellte, sondern auch die Verurteilung ‚dieses Geschlechts‘ im endzeitlichen Gericht von der Stellungnahme zu sich und seiner Botschaft abhängig machte. Lk 11,23: „Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“. Für die Jünger Jesu dürfte die Würdestellung Jesu beim zukünftigen Mahl (Mk 14,25) der vollendeten Gottesherrschaft bedeutungsvoller gewesen sein als die der verehrten Erzväter oder sonstiger Gestalten der Geschichte Israels, die ebenfalls anwesend sein sollten (Mt 8,11f) (73f).

Anhang: Auferstehung Jesu und historisch-kritische Methode: Der Historiker muss davon ausgehen, dass es sich um subjektive Phänome gehandelt hat (86)

Anmerkungen zur Psychologie der Visionen

W. Zager (1999)

Die Deutung der Erscheinungen Jesu als subjektive Visionen, als visuelle Halluzinationen, wird bestätigt durch die neuere Halluzinationsforschung. Bei Halluzinationen wird … immer etwas gesehen, gehört, gesprochen, geschmeckt, am Leib verspürt, was nicht da ist. Das ‚nicht da‘ ist objektiv, vom Beobachter aus festgestellt, nicht vom Erlebenden. Stresssituationen bzw. kritische Lebensereignisse spielen bei Halluzinationen eine bedeutende Rolle. Eine Untersuchung 1983 beziffert die Rate visueller und akustischer Halluzinationen im Rahmen von Trauerreaktionen von Geschwistern und Eltern über den Tod verstorbener Kinder mit ca. 50%. Die Situation der Jünger war nach Jesu Kreuzestod durch eine Reihe von Halluzinationen begünstigenden Stressfaktoren bestimmt. Dabei kann der von Jesus in den Jüngern geweckten Hoffnung auf die Vollendung der endzeitlichen Gottesherrschaft (die nach Jesu Urteil mit seinem Auftreten bereits begonnen habe), sich durchzusetzen, eine suggestive, die Entstehung von Halluzinationen fördernde Wirkung zugeschrieben werden (81f).

Religionsgeschichtliche Parallelen zu den Ostertexten: Erscheinungen von Verstorbenen werden sowohl in der heidnischen Antike als auch im biblischen und frühjüdischen Überlieferungengsbereich berichtet. Erscheinungen des Mose in der Verklärungsgeschichte der synoptischen Evangelien oder die Vision der nach ihrem gewaltsamen Ende in den Himmel aufgenommenen Kinder Hiobs im Testament Hiobs. Zwei Erscheinungen von hingerichteten Männern aus der Kirchengeschichte sind uns bekannt: Thomas Becket und Hieronymus Savonarola (82f).

Ertrag und Ausblick

Die historisch-kritische Analyse der ntl Ostertexte ergab, dass die Geschichten vom leeren Grab und von den Erscheinungen des Auferstandenen späte Gemeindebildungen sind. Da Paulus sein Damaskuserlebnis mit den Erfahrungen der übrigen Osterzeugen auf eine Stufe stellt, müssen sämtliche Erscheinungen Jesu als Visionen beurteilt werden. Tiefenpsychologische Exegese, Halluzinationsforschung sowie die angeführten religionsgeschichtlichen Parallelen legen es nahe, von subjektiven Visionen zu sprechen.

Wenn Kreuz und Auferstehung Jesu nicht mehr das eine große Heilsereignis darstellen, so werden wir ganz auf die geschichtliche Person Jesu geworfen (86f).