9. WEIHNACHTEN "ICH BIN BEI EUCH ALLE TAGE BIS AN DER WELT ENDE" (Mt 28,20b)

Ungewöhnlich war nicht Jesu Geburt, sondern sein Leben.

Die Geburt Jesu interessiert den neutestamentlichen Evangelisten Markus nicht. Für sein kanonisches Evangelium braucht er keine besondere Geburt Jesu.

Eine Jungfrauengeburt (eine damals verbreitete Vorstellung) ist nicht als historisches Ereignis aus dem Neuen Testament zu begründen. Gott, der Vater, hat Jesus nicht in die Welt gesandt, damit wir weihnachtliche Krippenspiele aufführen.

JESU BOTSCHAFT: "Folge mir nach"!

"... Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker...und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" (Mt 18-20).

1. Jungfrauengeburt und Krippenkind - zwei selbstständige Erzählungen
Das Motiv der Jungfrauengeburt ist nicht jüdisch, sondern heidnischen Ursprungs

2. "MICHT EUCH"- die christo-logische und theo-logische Basis der Gemeinde nach Mt (mit euch)

Literatur

1. Jungfrauengeburt und Krippenkind - zwei selbstständige Erzählungen
Das Motiv der Jungfrauengeburt ist nicht jüdisch, sondern heidnischen Ursprungs

M. Dibelius

a. Die Legende vom Jungfrauensohn

Die Marienlegende: Die wunderbare Erzeugung Jesu wird an zwei Stellen des NT behauptet Lk 1,26-38 und Mt 1,18-25. Beiden Texten ist gemeinsam, dass weder die Begattung durch einen Gott oder göttlichen Geist als Vorgang erzählt noch die Geburt des Kindes unter wunderbarer Erhaltung der Jungfrauenschaft der Mutter geschildert wird (18).

Nicht die Geistbegabung eines natürlich erzeugten Kindes ist gemeint, sondern seine übernatürliche Erzeugung Lk 1,35: „Die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ / „der heilige Geist wird auf dich kommen“. „Die Kraft des Höchsten“ hat als Offenbarungsform Gottes zu gelten wie der „heilige Geist“. Die Tatsache der göttlichen Zeugung steht im Vordergrund; der Vollzug selbst bleibt Geheimnis. Die Hauptsache ist dem Erzähler nicht die Erhaltung der Jungfrauenschaft bei Maria; wesentlich ist ihm vor allem die göttliche Zeugung (19f).

Die Vorgeschichte des MtEv: Die Erzählung setzt ein mit den Worten: „als Jesus in den Tagen des Königs Herodes zu Bethlehem in Juda geboren war...“ (2,1). Sie beginnt nach der Geburt Jesu. Völlig isoliert steht der kurze Bericht von der nächtlichen Engelerscheinung vor Josef (Mt 1,18-25). Er ist veranlasst durch die Schwangerschaft der Maria. Josef muss annehmen, dass sie sich einem Fremden hingegeben hat; dieser Verdacht wird vorausgesetzt: „da er ein gerechter (Mann) war und sie nicht bloßstellen wollte, gedachte er sie in der Stille zu entlassen“. Die Engelbotschaft verkündet Herkunft und Namen des Kindes: „Josef, Davids Sohn, scheue dich nicht, Maria dein Weib heimzuführen, denn was in ihr erzeugt ist, rührt vom heiligen Geist her. Sie wird einen Sohn gebären und du sollst seinen Namen Jesus heißen, denn er wird sein Volk retten von seinen Sünden“ (1,20f). Allem Legendenstil zuwider läuft es, dass das heilige Geheimnis, das der Engel enthüllen soll, schon im voraus verraten wird: „es fand sich, dass sie schwanger war vom heiligen Geist“ (1,18). Das Heilige wird nicht dargestellt zwecks Erbauung, sondern erwiesen zwecks Verteidigung. Nicht das Wunder steht im Mittelpunkt, sondern seine Rechtfertigung gegenüber entstellender Missdeutung. Mt 1,18-25 ist eine apologetische Darstellung, die gegenüber der Lk-Legende sekundär ist. Sicher ist, dass die Christen schon sehr bald (Lk und Mt) das Prophetenwort Jes 7,14 auf die jungfräuliche Geburt ihres Herrn bezogen haben (23f).

Paulus: Nach Gal 4,24ff ist Isaak auf die Weise des Geistes erzeugt. Das Wunder besteht in der Verlegung des Vollzugs auf eine andere Ebene, die durch kata pneuma charakterisiert wird. Paulus legt entscheidenden Wert darauf, dass das Erdenleben des Christus begonnen hat, wie das eines anderen Menschen, durch eine natürliche Geburt. Gal 4,4f: „Als aber gekommen war die Fülle der Zeit, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, gestellt unter das Gesetz, damit er die unter dem Gesetz loskaufte, damit wir die Annahme an Sohnes statt empfingen“. (Christus wurde „unter das Gesetz getan“, um die unter dem Gesetz Lebenden von der Herrschaft des Gesetzes zu befreien; er wurde vom Weibe geboren, um den Weibgeborenen die Kindchaft (Gottes) zu sichern. Die Stelle setzt voraus, dass Christus im selben Sinn und im selben Maß ein Weibgeborener ist wie alle Menschen. Wenn es hieße: ‚geboren von einer Jungfrau‘ wären die Worte ihrer Bedeutung entkleidet) (29).

Es ist wahrscheinlich, dass die Christen die Erzeugung Jesu durch den heiligen Geist zunächst nur verkündeten, nicht schilderten. Als Theologumenon, nicht als Erzählung (Legende, Mythos) wird Jesu wunderbare Erzeugung zuerst in der Predigt der Christen aufgetreten sein. Von Anfang an verfügte man über einen Bestand von Worten Jesu und Geschichten von Jesu, die man als Material und Beleg für die Predigt brauchte. Aber dass die Erzählungen von Jesu Geburt und Kindheit nicht notwendig zu diesem Traditionsgut gehören, zeigt das Schweigen des Paulus von diesen Dingen, zeigt das Fehlen dieser Stücke bei Mk und Joh, zeigt auch die Konkurrenz der Verkündigungs- und der sog. Weihnachtsgeschichte, die zunächst selbstständige, miteinander nicht übereinstimmende Legenden darstellen. Also haben diese Erzählungen keinen primären Rang innerhalb der christlichen Überlieferung (35f).

Die göttliche Erzeugung Jesu wurde zuerst gepredigt und geglaubt und danach erst berichtet. Diese Predigt und dieser Glaube enthalten das Theologumenon, das im Christentum bald (zwischen Paulusbriefen und LkEv) zu weiter Verbreitung gelangt zu sein scheint. Die Popularisierung der Vorstellung konnte nicht vor sich gehen, ohne dass die Behauptung in eine Erzählung eingekleidet wurde: aus der Vorstellung wurde die Legende (38f).

In der Verkündigungslegende ist der Vorgang der Zeugung nur mittelbar dargestellt; der Verfasser spricht von ihm mehr andeutend als beschreibend. Die Hörer und Leser dieser Legende verstanden solche Andeutungen mythologisch und assoziierten dabei mehr und anderes als in der Legende gesagt war. Die Marienlegende, die nicht mythischen Ursprungs war, musste mythisch interpretiert werden; darum musste der Stoff immer mehr mit mythisch-synkretistischen Vorstellungen gefüllt werden. Mt 1,18ff tritt das Interesse des irdischen Vaters in den Vordergrund. Wenn die Lukas-Legende das Wunder nur ankündigte, so wird auch der Leser des Mt noch nicht um Zeugen dieses Geschehens; es liegt in der Vergangenheit und nur seine Folgen werden berichtet. Vom heiligen Geist ist die Rede, nicht von einem göttlichen Liebhaber. Die Erzählung vom Jungfrauensohn ist in der Nähe ‚heidnischer‘ Stoffe gelangt. Es konnte nicht fehlen, dass sich dies in der weiteren Entwicklung geltend machte. Texte des zweiten Jh. zeigen eine Zunahme der synkretistischen Motive (46f).

b. Die Legende vom Krippenkind

Die Weihnachtsgeschichte Lk 2,1ff: Wer wie Lk 1,26ff in andeutender Verkündigung die göttliche Zeugung aus der Jungfrau voraussagen lässt, hätte bei einer Darstellung der Geburt durch Wunder oder Himmelsstimme, durch Engels- oder Menschenmund die Botschaft laut werden lassen, dass die prophezeite Gottestat Wirklichkeit geworden sei. In der Geschichte Lk 2,1ff ist nicht von alledem zu finden: Botschaft und Lobgesang der Engel gelten nur dem in diesem Kind geoffenbarten Heil und die Geburt selbst vollzieht sich unter seltsamen, aber keineswegs wunderbaren Umständen. Die beiden Geschichten gehören nicht zusammen. Die Eltern Jesu werden in der Weihnachtsgeschichte neu eingeführt und zwar als wirkliche eheliche Eltern Jesu; die Ankündigung des Kindes ist in beiden Erzählungen ganz verschieden orientiert. Es handelt sich nicht um eine Geschichte von der Geburt Jesu, nur zwei Verse sind ihr gewidmet. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Verkündigung an die Hirten, die Botschaft von dem neugeborenen Erretter, die Mitteilung des Zeichens, das ihn kenntlich macht, die Bestätigung der Botschaft durch den Engelchor. Die Erzählung gipfelt in der wunderbaren Kundmachung von des Kindes Geburt an die Hirten. Was von Maria gesagt wird, hat seinen vollen Sinn nur dann, wenn sie genau wie die anderen etwas Neues vernommen hat; das Wort wirkt auf sie anders als auf die andern, sodass sie nicht staunt, sondern still darüber sinnt. Wenn aber Maria erst jetzt von der wunderbaren Art ihres Kindes erfährt, so ist keine Engelsbotschaft an Maria vorausgegangen (53f).

Diese Selbstständigkeit der Erzählung erweist auch ihr Anfang. Josef aus Davids Stamm und Maria werden eingeführt. Sie wandern und wohnen miteinander, Maria gebiert ihren ersten Sohn (kein Leser denkt an anderes als an eine Ehe). Dazwischen steht Lk 2,5 die Bezeichnung der Maria als der Verlobten Josefs („mit Maria seiner Verlobten“). Das kann nur besagen, dass die Ehe noch nicht vollzogen ist. Dem ersten widersprich die gemeinsame Reise, dem zweiten die Schwangerschaft (Lk 2,5), die mit keinem Wort als eine außerordentliche, nicht vom Gatten verursachte, gekennzeichnet ist.

Die alte Erzählung hat anders berichtet. Sie weiß anscheinend nichts von der Jungfrauengeburt, sie führt Josef und Maria als Eltern ein und bezeichnet Josef als Davididen, nicht Maria: sie muss von ihr als von Josefs schwangerem Weib gesprochen haben. Lk aber, der eben erst die Legende von der Jungfrauengeburt erzählt hatte, hat die Verlobung Marias hineingebracht, indem er in jener Legende wie hier das Wort ‚Verlobte‘ brauchte; dort zu früh, denn Maria kann sich nicht erklären, wie sie zu einem Sohn kommen soll, sie ist noch nicht verlobt; hier zu späte, denn Josef und Maria haben die eheliche Gemeinschaft schon begonnen. Das Einleitungsmotiv der ganzen Erzählung, der Bericht über den Zensus des Quirtintius, muss dem Evangelisten zugeschrieben werden (54f).

Die Weihnachtsgeschichte ist eine echte Personallegende. Die kommende Größe des Kindes wird durch einen Engel verkündet, aber diese Offenbarung vom Himmel her hat weder kosmischen noch heroischen Charakter. Der Umstand, dass zum ersten Mal jedermann für einen Zensus (Lk 2,1) eingetragen wurde, kümmert den Legendenerzähler nicht, der von dem Wunder der Weihnacht berichten will, wohl aber den Historiker, der dieses weihnachtliche Geschehen in den Lauf der Weltgeschichte liegt und nicht in der Datierung der Legende, dann muss dieser Bericht dem Evangelisten zugeschrieben werden (55f).

Die Erzählung berichtet von der wunderbaren Verkündigung der eben geschehenen Heilandsgeburt an die Hirten; sie gehört zu jenen Personallegenden, die durch himmlische Botschaft die Bedeutung des Helden schon bei seiner Geburt proklamieren lassen (59).

Das Kind in der Krippe ist das Zeichen, daran die Hirten die Zuverlässigkeit der Engelsbotschaft erkennen können. Im Mittelpunkt der Hirtenszene, die den Haupt-Inhalt der Erzählung bildet, steht die Engelsbotschaft. Sie hat vier Themen: die große Freude über Israel, die Geburt des Heilandes, das Zeichen, den Lobgesang des neuen Reiches. „Siehe, ich künde euch große Freude“ (60f).


Die göttliche Zeugung Jesu hat in frühchristlichen Kreisen zuerst als Theologumenon ohne erzählerische Einkleidung existiert; die legendäre Ausgestaltung ist (ähnlich wie dies bei den Glaubenssatz von der Auferstehung Jesu geschah) erst später vollzogen worden. Christus wird in einer vom Himmel her erfolgenden Geistsalbung als Gottessohn adoptiert (Mt 3,16f; Mk 1,11; Lk 3,21f). Lk 4,18: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, weil er mich gesalbt hat...“ Apg 10,38: „wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit heiligem Geist und Kraft…, denn Gott war mit ihm“. In Apg 4,27 gilt Jesus im Anschluss an Ps 2,1f als der gesalbte Gottessohn. Nach Hebr 1,9 wurde Jesus mit dem Öl der Freude gesalbt (Ps 45,8) Gotteszeugung und Geistsalbung: Gotteszeugung darf nicht analog zum fleischlichen Akt der Zeugung gedacht werden. Der Gegensatz von fleischlicher und geistlicher Zeugung wird in Joh 1,12f ausgesprochen: „Alle, die ihn (Jesus) aufnahmen, denen gab er Macht Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind“. Die aus Gott Gezeugten haben leibliche Eltern, aber die Sohnschaft bestimmt ihr Wesen.