3. Die Auferstehungsaussage ist ein Interpretament des Erscheinungsgeschehens - Auferstehungszeugen gibt es nicht

(1) Zur Entstehung des Glaubens an die Auferstehung Jesu

Christologie als denkende Bemühung um die Glaubensbedeutung Jesu ohne ein unserem Denken nicht mehr akzeptables theistisches-supranaturalistisches Offenbarungs- und Vermittlungsschema (227)

R.Pesch (1973)

a. Verzicht auf die Argumentation mit dem 'leeren Grab'

Die Einsichten in den traditionsgeschichtlich sekudären Charakter der Ostergeschichten im allgemeinen und das Fehlen zuverlässiger Grundlagen für die Annahme der Historizität des 'leeren Grabes' Jesu im besonderen zwingen zu diesem Verzicht. Das Datum des 'leeren Grabes' wird in den Texten des NTs nirgendwo als Grund des Osterglaubens angegeben. Die ältesten Texte betonen: Erst ein Offenbarungswort (Mk 16,7) durch den Angelus interpres, (Jh 20,14-17) durch Jesus selbst, ist Beginn und Grundlage des Gedankens an eine Auferstehung Jesu (204).

Das leere Grab begegnet nur in der 'besprochenen Welt' des Kerygmas (der Engelbotschaft), nicht in der 'erzählten Welt' der Adressaten dieser Botschaft (der Frauen). Die Überlieferung von der Grablegung Jesu durch Joseph von Arimathäa (Mk 15,42-47) ist nicht über berechtigte historische Zweifel erhaben. Der Zeitpunkt der ersten Auferstehungsverkündigung in Jerusalem nach dem Tod Jesu ist uns nicht bekannt. Mk 6,14.16 zeigt, dass man von der Auferweckung Johannes des Täufers reden konnte, ohne auf sein leeres Grab hinweisen zu müssen (206).

Nach I. Broer lassen die Texte eine positive Beantwortung der Frage, ob die Urgemeinde Jesu Grab kannte, mit Sicherheit nicht zu, da die näheren Kennzeichnungen des Grabes Jesu bei allen vier Evangelisten nicht unverdächtig sind, sekundär zu sein. Jedenfalls können wir beim derzeitigen Stand unserer Einsicht nicht bedenkenlos damit rechnen, dass der Urgemeinde, oder gar einer breiteren Öffentlichkeit Jerusalems, das Grab Jesu bekannt gewesen sei. Für die Frage nach einem etwaigen Interesse der Anhänger Jesu oder ihres Jerusalemer Publikums bzw. von Gegnern der Auferstehungsbotschaft an einem leeren Grab Jesu spielt der zeitliche Unterschied von auch nur wenigen Wochen keine geringe Rolle. Als Beweismittel erscheint das leere Grab in der frühen Verkündigung ohnehin nicht. So bleibt offen, wie sich dieses Interesse nach auch nur siebenwöchiger Abwesenheit von Jerusalem angesichts des bereits in einer ganzen Gruppe geteilten Glaubens an Jesu Auferweckung artikulieren konnte (206f).

Die Urgemeinde war zunächst eine kleine Gruppe. Eine 'öffentliche' Kontrolle des Glaubens und der Verkündigung dieser Gruppe darf kaum apologetisch zur Verteidigung der Historizität des 'leeren Grabes' angesetzt werden, zumal wir annehmen können, dass die Parusieerwartung des zum Menschensohn erhöhten Jesus Denken, Leben und Mission der Urgemeinde bestimmten. Falls die sog. Q-Gruppe der Urgemeinde nahestand, wäre ferner zu bedenken, dass die Logienquelle soweit die Überlieferung erkennen lässt, keine Ostergeschichten enthielt. Es fehlt in ihr auch ein Beleg für das Auferstehungskerygma. Die Funktion, die in der urchristlichen Tradition der Auferstehungsaussage zukommt, übernimmt in Q die Mt 11,25-27 bezeugte Erfahrung, dass Jesus, der Sohn, den Auserwählten seine Menschensohnwürde offenbarte. Das Osterereignis besagt: Jesus ist alle Macht übergeben, er ist zum Menschensohn erhöht (207f).

Mk 6,14.16 zeigt, dass Aussagen über die Auferweckung einer zeitgenössischen Figur ohne Hinweis auf deren leeres Grab möglich waren. Mk 6,14-16 ist ebenso wie Mk 6,17-29 ein offensichtlich nicht christianisiertes Traditionsstück. Jesus gilt im Volk als der auferweckte Täufer offenbar wegen seiner Aufsehen erregenden Machttaten, die man so – mittels der Vorstellung von der Auferweckung der eschatologischen Märtyrer-Propheten, die über ihre Widersacher triumphieren – deutet (208f).

b. Zu den Erscheinungen

Wenn die Erscheinungen den Osterglauben begründen sollen, so müssen die hierfür relevanten Erscheinungen konsequenterweise auf die Protophanie vor Simon Petrus reduziert werden, da alle nachfolgenden Erscheinungen den Auferstehungsglauben bereits voraussetzen. Paulus spricht von seiner Vision in der Terminologie alttestamentlicher Berufungsvisionen. Zudem hat dieser Christenverfolger den Christusglauben vor seiner Berufung schon in einer entwickelten Form kennengelernt (210f).

Auferstehungszeugnisse oder Legitimationsformeln?

Die Verheißung Mk 16,7 und die Verkündigung Lk 24,34 erweisen sich gegenüber 1Kor 15,5 als traditionsgeschichtlich sekundär. Von all diesen Visionen war in der ältesten Zeit nicht die Rede, um festzuhalten, wie die betroffenen Zeugen die Tatsache der Auferstehung Jesu erfahren hätten und so zu den ersten Glaubenden geworden seien. Bei der Überlieferung der Erscheinungen ging es darum, die Beauftragung der Zeugen durch die Autorität des Auferstandenen auszusagen. Nicht als Auferstehungszeugnisse, sondern als Legitimationsnachweise der Männer, die auf Grund ihrer himmlischen Beauftragung bleibende Autorität in der Kirche hatten, sind die Erscheinungen überliefert worden. Nicht die Verkündigung, sondern das Kirchenrecht war der Rahmen ihrer Überlieferung (212f).

Da die atl 'ophthe kyrios'-Stellen als die entscheidenden Vorbilder für unsere Stelle angesehen werden müssen, darf man deren Struktur auch hier als gegeben annehmen. Daraus wird ersichtlich, dass erstens die Jesusgemeinde das, was nach dem Tod Jesu geschah, als Handeln Gottes deutete und damit die Kontinuität zum Auftreten des Jesus von Nazareth herstellt und zweitens die Männer, die als Verkündiger auftraten, durch das ophthe legitimiert wurden. Die Untersuchung ergibt, dass 1Kor 15,5 eine Legitimationsformel ist. Die Zeugenliste, die Paulus 1Kor 15,5-8 anfügt, hat nicht die Funktion, die Auferweckung Christi zu beweisen, sondern das Christuszeugnis des Paulus und das der übrigen Kirche miteinander zu einer gemeinsamen Größe zu verklammern. Das Urkerygma beinhaltet den Tod des Christus um unserer Sünden willen, die Grablegung als Besiegelung des Todes und die Auferweckung als von Gott herbeigeführte Wende zum Heil, in allem verstanden als Erfüllung atl Verheißungen. Die ophthe-Aussage ist eine theologische Aussage, sie ist mit dem 'begraben' keinesfalls auf der Ebene historischer Beweisbarkeit gleichzusetzen (215).

Die semantische Analyse der Wendung ophthe + Dativ (auch 1Kor 15,5) erlaubt nicht eine Interpretation, die eine tatsächliche Vision als Geschehen von Offenbarungsvermittlung postuliert, die die Voraussetzung der Erscheinung (die Auferstehung Jesu) vermittelt hätte. Vielmehr ist zu fragen, ob der Glaube an die Auferstehung Jesu nicht die Voraussetzung dafür war, dass die Formulierung 'ophthe kepha' möglich wurde. Die Erklärung der Entstehung des Glaubens an die Auferstehung Jesu als eines von Gott bewirkten, geoffenbarten Glaubens kann nicht durch den Hinweis auf Erscheinungen an Hand von 1Kor 15,5ff geleistet werden. Es geht dem Text um die Legitimation. Der Text überliefert nicht deren historische Ursache, sondern gibt ihren Grund an: Petrus ist von Christus autorisiert. Der Text gibt keine Auskunft über die Entstehung des Glaubens an die Auferstehung Jesu (217f).

c. Der Tod Jesu – ein unüberwindliches Skandalon?

Mk 14,27-31.50.54.66-72 berichten von der Flucht der Jünger und der Verleugnung des Petrus. Die reuige Umkehr des Petrus kann nicht als Verzweiflung ausgelegt werden und die Sammlung der Jünger in Galiläa nach der Jerusalemer Katastrophe muss nicht nur durch resignierte Flucht aus Jerusalem, sie kann auch vom Willen des Festhaltens an ihrer mit Jesus begonnenen Mission bestimmt gewesen sein. Lk 24,21 gehört zur literarischen Anlage der Osterlegende. Es darf nicht übersehen werden, dass im Munde der Emmausjünger im Kontext (24,22-24) schon die Auferstehungsbotschaft aufscheint. Wir wissen, dass die Johannesjünger nach der Hinrichtung des Täufers weiter missioniert und vielleicht sogar ihren Meister 'messianisiert' haben. Nach jüdischer Tradition ist das schmähliche Ende der Gerechten, insbesondere auch das Jerusalemer Geschickt der Propheten nicht ohne weiteres die Widerlegung ihres Anspruchs. Sofern Jesus selbst seinen Tod kommen sah, ihn selbst als notwendiges Prophetenschicksal begriff und seinen Jüngern spätestens in der Abschiedsstunde des letzten Mahles heilsbedeutsam artikuliert hat, ist es dann wahrscheinlich, dass sein Tod für die Jünger das unüberwindliche Skandalon war? Wenn nicht daran zu zweifeln ist, dass Jesus sein Leiden und Sterben erwartet und angekündigt hat, weil er ständig bedroht...mit dem Prophetenschicksal rechnen musste, warum kann man dann nicht damit rechnen, dass die Jünger gemäß der Ankündigung Jesu seinen Tod bestanden und verstanden haben? Lk 22,31f spricht davon, dass der Glaube des Petrus nicht aufhören werde und wenn er sich bekehrt habe, soll er seine Brüder stärken. Darin könnte ein Hinweis darauf liegen, dass Petrus die Sache Jesu keineswegs völlig aufgegeben und sich resigniert in sein vormaliges Fischerleben zurückgezogen hat, sondern bemüht war, den Glauben an Jesus durchzuhalten (219f).

Wenn die Täuferjünger das gewaltsame Todesgeschick ihres Meisters als das messianische Geschick des eschatologischen Propheten mit der Auferweckungsvorstellung interpretieren konnten, warum sollte das den Jesusjüngern nicht möglich sein? Wie es dazu kam, dass der Gekreuzigte für den Glauben der Jünger der Erhöhte oder der (qualifiziert) Auferweckte war, dafür muss die eschatologisch bestimmte Autorität der Grund gewesen sein, die Jesus zu seinen Lebzeiten bei den Jüngern hatte, was man 'implizite Christologie' genannt hat (221).

Die Tradition über das Martyrium eschatologisch-prophetischer Gestalten

Die Vorstellung der Auferstehung eines einzelnen, der als eschatologischer Prophet gilt, ist als Interpretationskategorie z. Zt. Jesu vorhanden. Bei der Nähe von Täuferbewegung und Jesusbewegung muss man damit rechnen, dass die Aussagen über die Auferstehung (und Himmelfahrt/Erhöhung) Jesu an diesen Kategorien orientiert waren (nicht an der Vorstellung der in Jesus anhebenden allgemeinen Totenauferstehung) (222f).

Wenn sich Jesus selbst als den maßgeblichen Boten Jahwes, den Bringer der Gottesherrschaft verstand, wenn er als Elia, als Prophet eingeschätzt wurde (Mk 6,14f; 8,28), wenn er sich selbst als den eschatologischen Propheten verstand und von seinen Jüngern als der (prophetische) Messias eingeschätzt wurde (Mk 8,27-30), so konnten seine Jünger angesichts seines Kreuzestodes seine die Erwartung der Traditionen erfüllende und überbietende eschatologische Sendung und Heilsbedeutung proklamieren mit der Botschaft: Er ist auferweckt. Damit behaupteten sie die Legitimität seiner Sendung, seine gerechtfertigte eschatologische Autorität als des einzigen und maßgeblichen Boten Jahwes. Jesus ist mehr als ein Prophet: Er ist der Menschensohn, Messias, Kyrios und Gottessohn. Zur Prüfung der Glaubwürdigkeit dieser Behauptung ist die Vernunft des Glaubens nicht auf 'Erscheinungen', sondern auf Jesus von Nazareth selbst zurückverwiesen. Die Auferweckung Jesu legitimiert ihn als Propheten, als Messias, zugleich seine Botschaft, seine Lehre (225).

d. Jesus als Grund unseres Glaubens

Die Rede von der Auferstehung Jesu ist Ausdruck des gläubigen Bekenntnisses zur eschatologischen Bedeutung Jesu, seiner Sendung und Autorität, seiner göttlichen Legitimation angesichts seines Todes. Jesus selbst ist der Grund unseres Glaubens und unserer Hoffnung und er ist der Offenbarungsmittler in Person. Schon zu Lebzeiten Jesu war der Streit um seine Messianität lebendig. Die Wirksamkeit Jesu, deren ungeheure Wirkung auf die Jünger und darüber hinaus auf breitere Kreise des Volkes sowohl in Galiläa wie in Judäa, kann nur mit dem Begriff 'messianisch' zureichend umschrieben werden. Für die Jünger Jesu war der Streit um Jesu Messianität vor Ostern entschieden in ihrem durch Jesus begründeten Glauben. Die Beglaubigung Jesu in ihrem Glauben und ihre Jesus-Nachfolge musste freilich durch Jesu Tod qualitativ verwandelt werden. Die neue Qualität ihres Glaubens schafft sich Ausdruck im Bekenntnis zu Gott, der Jesus von den Toten auferweckt, Jesus in seinem Tod beglaubigt hat (226f).

(1974): Dass der Christus-Titel vor allem an Aussagen über Jesu Tod und Auferweckung haftet, ist verständlich, wenn Jesus bereits vor seinem Tod von seinen Anhängern als Messias anerkannt wurde und deshalb sein Tod als der gottgewollte Tod des 'Gesalbten', deshalb die Auferweckung als die göttliche Rechtfertigung des Messias interpretiert wurde. Die früheste Christologie zwingt zur Annahme, dass Jesus schon zu seinen Lebzeiten seinen Anhängern als Messias galt. Vom irdischen Auftreten und vom Geschick Jesu her lag die Anwendung des prophetischen Christus-Titels nahe. Als Träger des Geistes ist Jesus nicht nur einer in der Reihe der Propheten, sondern Gottes letzter und endgültiger Bote (26f).

                   

Anhang: Auferstehung Jesu – Auferstehung der Toten

G.Kegel

Welches Ereignis veranlasste die Jünger, Jesu Auferstehung zu bekennen? Im NT behauptet niemand, dass der Vorgang der Auferstehung selbst es gewesen sein, der ihn zu dem Bekenntnis bewogen habe. Mk 16,1-8: die Entdeckung des leeren Grabes wird nicht als das Ereignis beschrieben, auf Grund dessen es zur Aussage über die Auferstehung Jesu gekommen ist (ebenso Mt 28,1-10). Erst in Lk 24,1-11 entdecken die Frauen vor ihrer Begegnung mit den zwei Engeln, dass der Leichnam Jesu nicht da ist. Eine selbstständige Überlieferungsform liegt hier nicht vor. Damit ist der Behauptung, die Urgemeinde hätte auf Grund der Entdeckung des leeren Grabes die Auferstehung Jesu bekannt, jede exegetische Basis entzogen. Die Auferstehungsaussage ist ein Interpretament des Erscheinungsgeschehens (20f).

Nach dem Tod Jesu haben seine Jünger Erscheinungen Jesu erlebt. Sie haben daraus auf die Auferstehung Jesu geschlossen und sie mit den dafür zur Verfügung stehenden Ausdrucksmittelns ausgesagt. Die Überzeugung von der Auferstehung Jesu war für sie deshalb wichtig, weil sie damit alle Einwände, die aus dem Verbrechertod Jesu gegen ihn gemacht wurden, zurückweisen konnten. Aus diesem Grund haben die Jünger ihre Überzeugung in ein Glaubensbekenntnis gefasst: Jesus ist gestorben und auferstanden. Es war für sie selbstverständlich, dass die Auferstehung ein Handeln Gottes an Jesus bedeutete. Gott hatte sich damit zu Jesus bekannt. So wurde das Bekenntnis zur Auferstehung Jesu auch als Gottesbekenntnis formuliert: „Gott hat Jesus von den Toten auferweckt“. Das Gottesbekenntnis wurde dann in eine Prädikation umgeformt: „der auferweckt Habende Jesus von den Toten“. Mit ihr gewann man zugleich den Anschluss an die jüdische Gottesprädikation: „Gott, der die Toten lebendig macht“. Die Auferweckung Jesu galt nun als Verwirklichung des eschatologischen Heilshandelns Gottes an Jesus. Spätestens von diesem Augenblick an wird man damit gerechnet haben, dass die Auferstehung Jesu der Beginn der eschatologischen Totenauferstehung sei (25).

1Kor 15,3ff ist das Ergebnis einer traditionsgeschichtlichen Entwicklung. Die Deutung des Todes Jesu als Sühnetod und die Tagesangabe zur Auferstehung Jesu (beide durch den Hinweis auf die Schriften als aus dem AT gewonnene Interpretamente gekennzeichnet) sind in das Grundschema des verbalen Christusbekenntnisses eingetragen worden. Als die so gewonnene zweigliedrige Bekenntnisaussage mit den Erscheinungstraditionen verbunden wurden, fügte man zwischen Tod und Auferstehung Jesu sein Begrabensein ein als Bestätigung des Todes (27).

Nach Phil 2,11 gebührt das Bekenntniss „Herr ist Jesus Christus“ dem Erhöhten. Auferstehung und Erhöhung sind zwei aus verschiedenen weltanschaulichen Bereichen stammende Interpretationen des Jesusgeschehens. Röm 10,9 werden beide Interpretationen nebeneinander gestellt. Dass das schon vor Paulus geschehen ist, zeigt, das Bestreben der christlichen Gemeinde, die verschiedenen christologischen Interpretationsmöglichkeiten miteinander zu harmonisieren (29).

Die Anastasisaussage in Röm 1,3f („seit der Auferstehung der Toten“): Was bedeutet es, dass die Auferstehung der Toten zur Person Jesu in Beziehung gesetzt worden ist? Das kann nur den einen Sinn haben, dass die Auferstehung der Toten als an der Person Jesu bereits verwirklicht ausgesagt werden soll. Die Verwirklichung der Totenauferstehung an Jesus wird in der Tradition zu seiner Erwählung zum Gottessohn in Beziehung gesetzt. Traditionsgeschichtlich ist die Gottessohnaussage auch unabhängig von der Anastasisaussage. Aber die Erwählung zum Gottessohn wird nachträglich mit seiner Auferstehung begründet (31f).

Das Thema ‚Auferstehung‘ in den lukanischen Schriften

Wie kann die Auferstehungsbotschaft der Christen den Heiden glaubhaft gemacht werden? Dieses Problem versucht Lukas mit Hilfe des Zeugenmotivs zu lösen. Die Augenzeugen (L.M.: Auferstehungszeugen gibt es nicht, es gab Erscheinungen Jesu) können die Wirklichkeit einer bereits geschehenen (?) Totenauferweckung beglaubigen (?) und damit die Zuverlässigkeit (?) der Auferstehungshoffnung garantieren. Das Zeugenmotiv wird verwendet: 1,22;  2,32;  3,15; 4,33;  5,32;  10,40f;  13,31. Mit Ausnahme von 17,3 wird das Zeugenmotiv an allen Stellen genannt, wo von der Auferstehung Jesu die Rede ist. Die beglaubigte (?) Wirklichkeit der Auferstehung Jesu bildet die Grundlage der christlichen Auferstehungsbotschaft. Vor allem der Prozessbericht des Paulus zeigt, dass Lukas in der Auferstehungsbotschaft eines der zentralen Themen gesehen hat. Paulus weiß sich um der Auferstehungsbotschaft willen angeklagt. Für Lk ergibt sich aus dieser Angabe eine Schwierigkeit. Die Gegner des Paulus sind hier vorwiegend Juden, die die Auferstehungsidee teilen. Lukas muss also erklären, wieso es überhaupt zu dieser Anklage kommen konnte. Er tut dies unter Hinweis auf die Sadduzäer, die zwar Juden, aber dennoch Auferstehungsgegner sind (4,2;  23,6.8). In der Areopagrede verkündigt Paulus die Auferstehungsidee vor Heiden und erlebt deren zwiespältige Aufnahme. Lukas erkennt das Problem, das dort auftaucht, wo die Auferstehungslehre keinerlei weltanschauliche Anhaltspunkte findet. Darum bemüht sich Lukas um eine Begründung der Auferstehungsidee. Er beweist den Heiden, denen die Auferstehungsvorstellung fremd ist, dass diese im Christentum vertretene Lehre ihren guten Grund hat, weil die Jünger als Augenzeugen (?) eine bereits geschehene (?) Auferweckung bezeugen können. Gegenüber dem urchristlichen Auferstehungszeugnis ist dabei eine folgenreiche Verschiebung erfolgt. Ruhte das Bekenntnis zur Auferstehung Jesu anfangs auf einer bereits anerkannten Auferstehungsvorstellung, so dreht Lukas das Verhältnis um. Die Auferstehungsvorstellung ruht jetzt auf der zuverlässig (?) bezeugten Auferstehung Jesu (99f).

Ergebnis

Als die Jünger Jesu nach seinem Tod Erscheinungen Jesu erlebten, deuteten sie diese Erscheinungen mit Hilfe der ihnen aus dem AT und der spätjüdischen Apokalyptik geläufigen Auferstehungsvorstellung. Diese Deutung fand ihren Niederschlag in verschiedenen formelhaften Auferstehungsaussagen. Es wurde ein Jesusbekenntnis formuliert: „Jesus ist gestorben und auferstanden“ und ein Gottesbekenntnis: „Gott hat Jesus auferweckt von den Toten“. Diese Glaubensbekenntnisse erlaubten es in der ersten Christengemeinde, alle aus Jesu Hinrichtung erwachsenden Einwände gegen die Vollmacht seines Redens und Handelns abzuwehren. Die in der Auferstehungsvorstellung erhaltenen Grundgedanken führten schon sehr bald zu der Auffassung, dass das Jesusgeschehen Anbruch des eschatologischen Gotteshandelns sei. Von verschiedenen Vorstellungen aus wird der soteriologische Sinn der Jesusereignisse zum Ausdruck gebracht. Diese unterschiedlichen Deutungen müssen dann untereinander harmonisiert werden. Neue Stationen des Christusgeschehens werden genannt, so dass die Formeln im Laufe der Zeit immer voller werden. Alle diese Vorgänge zeigen eine zunehmende Entfernung von dem ursprünglichen Vorstellungsgehalt der Auferstehungsaussagen. Dieser Teil der Überlieferungsgeschichte ist schon bis zur Abfassung der ältesten ntl Schriften, der pln Briefe, erfolgt (119).

Paulus teilt für seine Person den weltanschaulichen Hintergrund der Auferstehungsaussagen und sieht sie darum als legitime Äußerungen des Urchristentums über den christlichen Glauben an. Die Ausführungen in 1Kor 15 zeigen, dass Paulus von seinen Voraussetzungen aus das Problem noch nicht scharf erfassen konnte, das dann entstand, wenn die spätjüdische Auferstehungsvorstellung ihre weltanschauliche Selbstverständlichkeit verlor (120).

Lukas: Durch das Übertreten des christlichen Glaubens auf Gebiete, in denen die spätjüdische Apokalyptik nie selbstverständliche Gültigkeit besaß, ist das Fundament des Auferstehungsbekenntnisses fraglich geworden. Dieses Bekenntnis bedarf daher einer anderweitigen Begründung. Die Auferstehung Jesu wird durch die Anführung von Zeugen (?) beglaubigt. Mit Hilfe der durch die Zeugen (?) garantierten Auferstehung Jesu beweist Lukas die Richtigkeit der Auferstehungsidee. Diese selbst wird zu einem Zentrum der christlichen Verkündigung. Damit ist das bisherige Verhältnis von Auferstehung der Toten und Auferstehung Jesu umgekehrt. War bislang die Auferstehung der Toten die selbstverständliche Basis der Auferstehung Jesu, so wird durch Lukas die Auferstehung Jesu zur selbstverständlichen Basis der allgemeinen Auferstehungsidee. Nachdem mit Hilfe der Auferstehung Jesu die Richtigkeit der Auferstehungsidee bewiesen (?) ist, können beide Aussagen wieder auseinandertreten und zu selbstständigen Glaubensgegenständen werden. Je weiter die Entwicklung fortschreitet, um so größer wird die Selbstständigkeit und Selbstverständlichkeit dieser beiden Glaubensgegenstände. Die von Lukas vorgenommene neue Begründung der Apokalyptik als weltanschauliche Vorstellung hat den Sieg davongetragen über den Versuch, die im Bereich der Apokalyptik ruhenden Aussagen des christlichen Glaubens durch Interpretation in andere Vorstellungsbereiche zu übertragen. Stützpfeiler dieses Sieges ist die als Faktum (?) im apokalyptischen Verständnis einwandfrei (?) gesicherte (?) Auferstehung Jesu (120f).

Der Evangelist Johannes hat geschichtlich gesehen keine weitreichende Wirkung gehabt. Die kirchliche Redaktion hat die apokalyptische Auferstehungslehre eingetragen und damit die spezifisch john Aussagen neutralisiert (121).