Das Tun Jesu vergegenwärtigt den verzeihenden und sich erbarmenden Gott

Die Herrschaft des Auferstandenen geht gegenwärtig so weit, wie dem Gekreuzigten gedient wird.

Die Einheit des Glaubens und der theologische Pluralismus

Pluralität von Anfang an: verschiedene Modelle der Jesus-Interpretation: erstens die Jerusalemer Urgemeinde, zweitens die galiläische Jesus-Bewegung und drittens Antiochia und Paulus – die universale Mission, das Christusgeschehen als Heil für alle Völker.

1. Die Kreuzesbotschaft – das alleinige Thema paulinischer Theologie

E.Käsemann

Für Paulus ist Kreuzesfeindschaft das kennzeichnende Merkmal der Welt. Nach Gal 2,20 haben wir uns nicht mehr selber in Händen, sondern Christus ist unser Leben und nach 2Kor 4,10 offenbaren wir Jesu Leben nur, wenn wir seinen Tod mit uns herumtragen. Jeder Christ steht in der Nachfolge Jesu nur, solange er im Schatten des Kreuzes steht. Paulus hat nicht nur in Gal 6,17 die bis ins Leibliche reichende Stigmatisierung durch den Gekreuzigten als Merkmal seiner Zugehörigkeit zu Christus und als Zeichen des wahren Apostels und Nachfolgers Jesu betrachtet (17).

Ärgernis und Torheit ist das Kreuz Jesu bleibend, sofern es die Illusion des Menschen aufdeckt, sich selbst transzendieren und sein Heil wirken, aus eigenem Vermögen Stärke, Weisheit und Selbstruhm auch Gott gegenüber behaupten zu können. Vom Kreuz her erweist Gott das alles und zugleich damit uns selbst als töricht, eitel, gottlos. Denn töricht, eitel, gottlos ist der, der ohne und gegen Gott schaffen will, was nur Gott zu schaffen vermag. Ob man es fromm oder verbrecherisch versucht, spielt keine Rolle. Heil für das Geschöpf ist allein der Schöpfer, nicht das eigene Werk (19).

Paulus hat die vor ihm umlaufende Tradition über Jesu Kreuz im Sinn seiner Rechtfertigungslehre gedeutet. Er hat diese Rechtfertigungslehre vom Kreuz aus gewonnen und sie ist umgekehrt seine Interpretation des Todes Jesu. Denn sie spricht davon, dass Gott nur dann 'für uns' ist, wenn er unsere Illusionen zerschlägt und der neue Gehorsam den Menschen charakterisiert, der sich seiner Eigenmächtigkeit begibt, um sein Heil allein von Gott zu erwarten (20).

Längst vor Paulus haben theologische Reflexion und liturgische Bekenntnisse Jesu Tod als Heilsereignis herausgestellt. Der Apostel nimmt die verschiedenen Variationen dieser Verkündigung auf, ohne eine von ihnen zu bevorzugen. Die Aufnahme der Überlieferung durch Paulus geschieht so, dass er sie vertieft, teilweise korrigiert und jedenfalls neu ausrichtet. Paulus sieht die Heilsbedeutung des Kreuzes darin, dass Gottes Liebe sich dem Sünder, dem Gottlosen, dem Feind schenkt und damit unverrückbar den Platz des Menschen fixiert, der ihm außerhalb der Gnade gebührt. Vor dem sich selbst erniedrigenden Gott endet der sich selbst transzendierende Mensch. Der sterbende Gottessohn ruft uns aus eingebildeter Mündigkeit in die Kindschaft als einzige Möglichkeit echten Lebens. Die Rechtfertigung des Gottlosen ist für Paulus die Frucht des Todes Jesu. Das meint Regnum Dei auf Erden. Der Apostel will nach 1Kor 1,23;  2,2 nur den Gekreuzigten predigen und nur von ihm wissen (23).

Crux sola nostra theologia kann man einzig sagen, wenn damit das zentrale und in gewisser Hinsicht alleinige Thema christlicher Theologie bezeichnet wird (25).

Nachfolge bleibt unverwechselbar nur als Jüngerschaft des Gekreuzigten. Das Kreuz ist Grund und Maß der Christologie.

Der Auferweckte ist für den Apostel als gegenwärtiger Herr der Gemeinde der designierte Kosmokrator. Dieses Verständnis wurde dadurch erleichtert, dass eine vorpaulinische, in den urchristlichen Hymnen festgehaltene Christologie die himmlische Erhöhung Jesu bereits vom Kreuz aus erfolgen ließ. Das besagte, dass die Erweckung Jesu vom Tod von vornherein als Inthronisation galt und die Ostererscheinungen als Manifestation des schon Erhöhten erscheinen konnte, als vom Erhöhten begriffen wurden. Mit dieser ältesten Anschauung war die Gefahr verbunden, dass das Kreuz als Durchgangsstation auf dem Weg der Erhöhung erscheinen konnte, als vom Erhöhten hinter sich gelassene Station.

Auch für Paulus ist der Auferstandene derjenige, der die Herrschaft antritt. Doch bleibt das Kreuz die Signatur des Auferstandenen. Unverwechselbar und mit dem Jesus von Nazareth identifizierbar ist er nur als der Mann vom Kreuz (30f).

Wenn vor Paulus das Kreuz Jesu die Frage bildete, die durch die Auferstehungsbotschaft beantwortet wurde, so hat der Apostel diese Betrachtungsweise umgekehrt. In seiner Auseinandersetzung mit den Enthusiasten wurde die Interpretation der Auferstehung zum Problem, das nur vom Kreuz her beantwortet werden konnte. In ihr zeigte es sich, dass eine dem Kreuz vorgeordnete und ihm gegenüber isolierte Auferstehungstheologie zu einer christlichen Variation religiöser Weltanschauung führt, in der die Nachfolge Jesu und die Herrschaft Christi ihre konkrete Bedeutung verlieren. Nur der Gekreuzigte ist auferstanden und die Herrschaft des Auferstandenen geht gegenwärtig so weit, wie dem Gekreuzigten gedient wird.

Die Christenheit trägt den Sieg Jesu in die Welt, sofern sie Jesus das Kreuz nachträgt. Im Mitgekreuzigtwerden liegt ihre Herrlichkeit verborgen. Dasselbe macht Paulus an seinem eigenen Beispiel klar, wie seine Leidenskataloge und die Ausführungen in 2Kor 10-13 zeigen. Paulus hat als Voraussetzung des Apostolats das Sehen des auferstandenen Herrn und die Sendung durch ihn bezeichnet, jedoch bereits um Apostel gewusst, die er Feinde des Kreuzes Jesu nennt. In harter Kontroverse mit den Schwärmern und seinen rebellierenden Gemeinden stellt er als einziges untrügliches Merkmal das Mitgekreuzigtwerden mit Jesus und den sich darin vollziehenden Dienst heraus. Judas war auch Apostel. Das Apostolische ist nicht eindeutig, solange es nicht vom Kreuz geprägt ist. Ausschlaggebendes Kriterium wahrer Apostolizität ist die Jüngerschaft des Gekreuzigten (32f).

Jesu Kreuz ist für Paulus der Grund der Kirche und das uns vorausgegebene Heil. Es bleibt für ihn eschatologisches Ereignis, weil Jesus der Gekreuzigte bleibt und nur als solcher Jesus bleibt. Für Paulus besteht Jesu Herrlichkeit darin, dass er seine Jünger auf Erden willig und fähig macht, ihm das Kreuz nachzutragen und die Herrlichkeit der Kirche und des Christenlebens darin, dass sie gewürdigt werden, den Gekreuzigten als Gottes Weisheit und Kraft zu preisen, nur in ihm das Heil zu suchen und ihr Dasein zu einem Gottesdienst im Zeichen von Golgatha werden zu lassen (33f).

2. Die Einheit des Glaubens - Solus Christus u n d der theologische Pluralismus

Verschiedene Christologien:

- Die adoptianische Christologie

Mk 1,11: "Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen"

Röm 1,3f: "... Jesus Christus, unserem Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch (4) und nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten".

Apg 2,36: "So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat".

Hebr 1,5: (Der Sohn höher als die Engel): "Denn zu welchem Engel hat Gott jemals gesagt (Ps 2,7): Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt? Und wiederum (Sam 7,4): Ich werde sein Vater sein und er wird mein Sohn sein"?

- Jesus ist seit seiner Geburt Sohn Gottes, Jungfrauengeburt (Matthäus, Lukas)
- Die trinitarische Christologie des JohEvs

Begründet der neutestamentliche Kanon die Einheit der Kirche?

E.Käsemann

Der ntl Kanon begründet als solcher nicht die Einheit der Kirche. Er begründet als solcher, d.h. in seiner dem Historiker zugänglichen Vorfindlichkeit dagegen die Vielzahl der Konfessionen (221).

a. Die Varibilität des ntl Kerygmas

Kein Evangelist hat den historischen Jesus selber gekannt. Für jeden stand der erhöhte und geglaubte Kyrios vor dem incarnatus auf dem Plan und bestimmte den Aspekt, unter dem sie je auf ihre Weise den incarnatus sahen (214).

Die Differenzen in unseren Evangelien und die abweichende Auswahl des Überlieferungsstoffes erklären sich weithin aus der verschiedenen theologisch-dogmatischen Haltung der Evangelisten (216).

b. Fülle theologischer Positionen in der Urchristenheit

Die urchristliche Gemeinde hat nicht wie wir zwischen dem historischen und dem erhöhten Herrn unterschieden. Palästinische wie hellenistische Prophetie sprachen im Namen des Erhöhten, was die Joh-apokalypse uns noch zeigt. Diese zum großen Teil im Ich-Stil gehaltenen Sprüche sind im Laufe der Tradition mit den Worten des historischen Jesus vermengt und diesem zugeschrieben worden, weil es der Urchristenheit nicht wie uns auf den Zeitpunkt ihrer Entstehung, sondern auf den sich hier wie dort offenbarenden Geist des Kyrios ankam. Die Inspiration des Propheten hebt nicht auf, dass er jeweils in den Ausdrucksmöglichkeiten seiner Zeit und also auch in ihren theologischen Vorstellungen sprach. In den meisten ntl Aussagen geht es um Antworten auf konkrete Fragen, Abwehr bestimmter Irrtümer, Mahnung und Tröstung konkreter Menschen, sie setzen bestimmte Prämissen voraus und lassen mancherlei Konsequenzen zu. Die Exegese leidet darunter, dass wir im allgemeinen den Gesprächspartner oder Gegner nur durch die Brille des Sprechenden zu Gesicht bekommen und dadurch zu einseitigen Urteilen und voreiligen Schlüssen verführt werden. Z.B. hat Petrus auf die pln Anklagen in Antiochien nicht zu erwidern vermocht und ihnen recht gegeben oder sind die Kontrahenten in offenem Konflikt geschieden? Wer sind die Neider, die zur Abfassungszeit des Phil die Gefangenschaft des Paulus gegen den Apostel ausnützen? Wie fragwürdig muss seine Autorität zu seinen Lebzeiten gewesen sein, wenn man das wagen konnte! Nur Lehrunterschiede begründen, dass die Hellenisten (Apg 6) sich in Jerusalem nicht halten konnten, während die gesetzesstrenge Richtung 15 Jahre lang relativ unangefochten bliebt. Im Kanon sind uns nur Fetzen des in der Urchristenheit geführten Gesprächs erhalten geblieben. Die Variabilität des urchristlichen Kerygmas muss noch sehr viel größer gewesen sein, als die Beobachtung des im Kanon erhaltenen Tatbestandes wahrnehmen lässt (217f).

c. Unvereinbare theologische Gegensätze

Wenn Jesus in Mk 7,15 ablehnt, dass der Mensch von außen her verunreinigt werde, so verlässt er damit grundsätzlich den Boden der gesamten jüdischen Kultgesetzgebung. Führt er seinerseits alle Unreinheit auf des Menschen eigenes Herz zurück, so besagt das, dass der Mensch als solcher verdorben ist und Heil nur in Vergebung erlangt. Die Christenheit hat das Jesuswort mit kommentierenden Zusätzen umgeben. Dem Spruch wird einerseits nur die polemische Antithese gegen das Rabbinat entnommen, das den eigentlichen Gotteswillen mit seinen Sonderauflagen und seiner Kasuistik verdeckt. Auf der andere Seite biegt man den Spruch moralisierend um: Die wirkliche Unreinheit besteht in der Lasterhaftigkeit. Beide Kommentare brechen der Radikalität Jesu die Spitze ab. Durch Jesu Wort wird nicht bloß die rabbinische Auslegung und Praxis, sondern das Kult- und Reinigkeitsgesetz selbst getroffen: Jesus hat sich nicht gescheut, anzugreifen und außer Kraft zu setzen, was dem Judentum als göttliches Gebot galt und es nach dem AT war. Dieser Einsicht entzieht sich die palästinische Gemeinde durch ihre Unterscheidung zwischen göttlichem Gebot und menschlicher Auflage. Die hellenistische Christenheit schwächt Jesu Wort ebenfalls ab: Sie zählt böse Taten auf, vor denen man sich zu hüten hat und hüten kann, während Jesus unser Herz schuldig spricht und für die Entstehung der Bosheit verantwortlich macht. Die Aufdeckung unserer Verlorenheit wird zur moralischen Warnung, der Richter zum Lehrer einer besseren Ethik. Mit der Polemik gegen den Pharisäismus als eine Heuchelei (Mt 23) hat die Gemeinde Jesu Angriff auf den Pharisäismus verflacht, der das Trachten nach der eigenen Gerechtigkeit und deshalb jede Leistungsfrömmigkeit und faktisch jeden Menschen trifft. Wo man den Pharisäer zum Heuchler macht, gilt Jesu Kritik bloß noch der Unmoral, ist die Bahn zur christlichen Leistungsfrömmigkeit freigegeben, die Jesu Angriff auf den wirklichen Pharisäismus versperrt hatte (219f).

Zusammengehörigkeit und Unterschied von Buchstaben und Geist: Nach Paulus sind Geist und Fleisch nicht etwas an und für sich, sondern Existenzweisen des Gott gehorsamen oder ungehorsamen Menschen. Paulus hat sich nicht zum Antinomisten machen lassen, sondern daran festgehalten, dass das Gesetz als Gotteswille gerecht, heilig und gut sei. Von dem Gesetz als Gotteswillen unterscheidet er jedoch jenes Gesetz, das vom frommen Menschen in die Forderung nach der eigenen Gerechtigkeit verkehrt wird. Dieses zum Mittel unserer Selbstgerechtigkeit verkehrte Gesetz nennt er in 2Kor 3 Buchstaben. Der Missbrauch des Gotteswillens besteht darin, dass Menschen Gottes Anspruch nicht mehr den Anspruch Gottes bleiben lassen, sondern Gott in seinem Anspruch gefangen wähnen, darum das Gesetz nicht mehr als Bekundung des göttlichen Willens, sondern nur noch nach seiner Vorfindlichkeit beachten, es faktisch an Gottes Stelle treten lassen. Man hat Gott nur, wenn und solange er uns hat (221f).

Die Spannung von Geist und Schrift ist konstitutiv. D.h. dass der Kanon nicht einfach mit dem Evangelium identisch ist und Gottes Wort nur insofern ist, als er Evangelium ist und wird. Allein das Evangelium begründet die eine Kirche in allen Zeiten und an allen Orten (223).