(2) Pluralität der Heilskonzepte
a.
Röm 1,18 - 3,20: Heil durch Tun des Gesetzes
b. Röm 3,21 - 5,21: Heil durch Rechtfertigung
c. Röm Kp 6 - 8: Heil durch Verwandlung
d. Röm Kp 9 - 11: Heil durch Erwählung
e. Die Entwicklung des Paulus

c. Röm Kp 6 - 8: Heil durch Verwandlung

Paulus weist in Röm Kp 6 - 8 den gegen ihn erhobenen libertinistischen Vorwurf zurück, er lehre das Böse, damit das Gute herauskomme (3,8). Dreimal führt er diesen Vorwurf an (6,1.15; 7,7). Seine Antwort ist: Die Christen sind durch die Taufe verwandelt. Sie sind mit Christus gestorben und zu einem neuen Leben gelangt. Dadurch haben sie sich definitiv von der Sünde getrennt. Die Taufe deutet er als symbolisches Sterben. Röm 6,1-11 ist der älteste Beleg für diese Deutung: „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft“ (Röm 6,3). Die Mysterienkulte kannten die Vorstellung einer sterbenden Gottheit: Die Isisweihe wurde nach dem Bild eines freiwilligen Todes und einer Erlösung aus Gnade gefeiert. Mit solchen Bildern konnte Paulus klar machen, dass eine irreversible Verwandlung mit den Christen geschehen ist (396).

Die Deutung der Taufe als ein symbolischer Durchgang durch den Tod zum Leben zeigt theologisch und historisch einen Wandel ihrer Funktion an. Die Taufe des Johannes geschah zur Umkehr. Durch Umkehr sollten Juden auf einen Weg zurückkehren, von dem sie abgeirrt waren. Die Taufe von Heiden war dagegen ein Bruch mit deren alten Göttern. Hier musste der Gegenstand der Anbetung ausgetauscht werden. Dazu passt, dass schon im Judentum die Bekehrung von Heiden zum jüdischen Glauben als Neuschöpfung aus dem Tod dargestellt wurde. (Die heidnische Priestertochter Aseneth deutet ihre Bekehrung zum Judentum so, als sei sie aus dem Tod neu geschaffen worden). Es ist kein Zufalle, dass die Todesdeutung der Taufe zum ersten Mal beim Heidenmissionar Paulus begegnet, denn seine Predigt verlangte von Heiden mehr als eine Umkehr, sie verlangte einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit. Sie zielte darauf, dass der alte Mensch mit Christus stirbt, um danach mit ihm ein neues Leben zu beginnen. Die Weiterentwicklung der Rechtfertigungslehre durch die Verwandlungslehre könnte eine Verarbeitung von Erfahrungen mit der Heidenmission sein (396f).

Spätestens beim antiochenischen Konflikt könnte die Todesdeutung der Taufe (die Vertiefung des Heilsverständnisses) für Paulus wichtig geworden sein. Beim Zusammenleben mit den Heiden war unter Judenchristen die Sorge aufgekommen, die Heiden könnten mit ihrem ‚unreinen‘ Wesen die Gemeinde ‚kontaminieren‘, wenn sie die rituellen Vorschriften des Judentums nicht einhielten. Bereits in Antiochien hatte Paulus seine Rechtfertigungslehre durch Verwandlungsbilder von Tod und Leben vertieft. In Gal 2,15-21 stellt er seine Heilsbotschaft in zwei Stufen dar, zunächst als Rechtfertigung durch Glauben (Gal 2,16-18), dann als Verwandlung mit Christus (Gal 2,19f) (397).

Weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, es sei denn durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes, denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht“ (Gal 2,16).

Dieser Gedanke entspricht der Rechtfertigungslehre in Röm 3,21 – 5,21. Der folgende Gedanke in Gal 2,19f entspricht dagegen der Verwandlungslehre in Röm 6,1-11. Paulus beruft sich im Gal darauf, dass er mit Christus gestorben ist und nun ein neues Leben lebt. Anders als in Röm 6,1-11 spricht er nicht von der Taufe als Begräbnis mit Christus. Die Taufe kommt erst in Gal 3,27 ins Spiel in Form einer Kleidermetaphorik: Die Getauften haben Christus angezogen. In Gal 2,19f und Röm 6,1-11 spricht Paulus von Kreuzigung (6,6), Sterben und Leben mit Christi (6,3.8) bzw. für ihn (Gal 2,20):

Ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt. (20) Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben hat. (21) Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes, denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben“ (Gal 2,19-21).

Paulus schildert seine Erfahrungen mit dem Gesetz als Judenchrist und lehnt es ab, nachträglich Gesetzesforderungen aufzustellen, denen er sich durch sein ‚Sterben‘ mit Christus schon entzogen hat. Damit stellt er sich zunächst als Modell für andere Judenchristen wie Petrus dar. Gleichzeitig ist er mit dieser Freiheit vom Gesetz auch ein Modell für die Heidenchristen in Galatien. Die Lebenswende des Paulus war beides zugleich: ein Modell der Umkehr für Juden und der Konversion für Heiden. Da Paulus vor seiner Wende die Christusanhänger bekämpft hatte, dann aber ihr Missionar wurde, ist seine Wende auch eine Konversion, bei der er seine bisherige Zielsetzung gegen die genau entgegengesetzte Zielrichtung ausgetauscht hat. Aus diesem Grund kann er als Judenchrist seine Wende auch Heidenchristen als Vorbild hinstellen. Phil 3,2-10; Gal 1,13-16 betonen seinen Eifer im Judentum, von dem er sich radikal abgewandt hatte (397f).

In seiner Verwandlungslehre verarbeitet Paulus Erfahrungen in der Heidenmission. Apostelkonvent und antiochenischer Konflikt könnten der Anstoß dazu gewesen sein, denn die Verwandlungslehre sollte die Heidenmission theologisch rechtfertigen: Man darf mit Heiden Gemeinschaft haben, weil sie durch die Taufe grundlegend verwandelt worden sind (398f).

Paulus greift im Abschnitt über die Verwandlung des Christen in Röm 7,7-24 auf die Zeit vor der Wende im Unheil zum Heil zurück. Diesem Rückgriff auf die Zeit vor der Erlösung entspricht in seinem Leben eine erneute Auseinandersetzung mit seiner eigenen Vergangenheit in der Zeit seiner zweiten Europamission. Auf seiner ersten Europareise hatte Paulus es noch vermieden, sich zu dieser Vorzeit zu bekennen. Er klagte in 1Thess 2,15f über die Juden, die die Propheten und Jesus verfolgt hatte und die nun seine Mission der Heiden verhinderten (1Thess 2,15f), verschweigt aber, dass er einst selbst zu den Verfolgern der Anhänger Jesu gehört hatte. Hätte er die jüdischen Gegner der Christen so schroff verurteilen können wie in 1Thess 2,16, wo er den Zorn Gottes endgültig auf sie herab beschwört, wenn ihm bewusst gewesen wäre, dass er damit diesen Zorn auch auf sich selbst herab beschwor? Die Gegenmission in Galatien und Philippi hat Paulus genötigt, sich mit seiner Vorzeit öffentlich auseinanderzusetzen. Im Gal und Phil verweist er auf seine Berufung und Bekehrung, um vor den Gegnmissionaren zu warnen: So wie er sein früheres Leben verworfen hat, sollen seine heidenchristlichen Gemeinden die Gegenmissionare verwerfen. Es kann kein Zufall sein, dass er erst in den Briefen, in denen er die Rechtfertigung des Sünders lehrt, zu dieser Offenheit gelangte. Das gilt besonders für den Röm. Erst auf seiner zweiten Europareise hat eine Gegenmission Paulus bedrängt. In Röm 7 sind wahrscheinlich im Rückgriff auf seine persönliche Wende Erfahrungen verarbeitet, mit denen er sich in Gal 2,18-21 und Röm 6 auseinandersetzt (399f).

Als Paulus judaistische Gegner in Galatien bekämpfte, die versuchten, die Heidenchristen zur Beschneidung zu nötigen, mussten in ihm Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit lebendig werden, denn auch er hatte einmal Jesusanhänger zur Anpassung an jüdische Normen genötigt. Paulus distanziert sich von seiner vorchristlichen Zeit als ‚Eiferer‘ (Gal 1,14), greift eben damit indirekt seine Gegnger an, weil sie in nicht gerechtfertigter Weise um die Gemeinde ‚eifern‘ (Gal 4,17f). Paulus bekämpft in seinen Gegnern jenen fanatischen ‚Eifer‘, den auch er in seiner Vorzeit praktiziert hatte. Paulus gehörte einst wie seine Gegner zu den Feinden des Kreuzes Christi (Phil 3,18). Der Ursprung der Rechtfertigungslehre des Paulus liegt in seinem Damaskuserlebnis, aber erst in Auseindersetzungen mit der Gegenmission gelangt Paulus dazu, sich öffentlich in seinen Briefen seiner Vergangenheit zu stellen (400).

Auf dem Apostelkonzil und in Antiochien hatte Paulus die additive Rechtfertigungslehre (Christus und das Gesetz Gal 2,16 und Apg 13,38) zu einer alternativen Rechtfertigungslehre zugespitzt, d.h. zur Alternative Christus oder das Gesetz: Nur der Glaube an Christus rechtfertigt – nicht die Werke des Gesetzes. Im Gal beginnt Paulus mit einem zweimaligen Anathema gegen seine Gegner (Gal 1,8f) und kontrastiert den Geist mit dem Gesetz (Gal 3,2f; 5,18). Ebenso setzt er im Phil die Gegner als „Feinde des Kreuzes Christi“ (Phil 3,18) in Kontrast zu den Christen, die im „Geist“ Gott dienen (Phil 3,3). Die Rückkehr zum Gesetz ist Rückfall ins Heidentum (Gal 4,8-11). In 2Kor 3,6 ist das Gesetz zugleich tötender Buchstabe und lebendig machender Geist. Paulus Gesetzeskritik wurzelt in seiner Damaskuserfahrung. Aber erst in der Auseinandersetzung mit Gegnern, die das Gesetz in seinen Gemeinden einführen wollen, arbeitet er die Gesetzeskritik im Gal und Phil aus. Sie dient der Polemik in innerchristlichen Konflikten. Im Röm sucht Paulus vor seiner Reise nach Jerusalem einen Ausgleich. Er rehabilitiert teilweise das Gesetz: das wahre Gesetz ist geistlich (7,14) und wird von denen erfüllt, die nach dem Geist leben (8,4) (401f).

Befreiung zum Gesetz des Geistes und des Lebens

Befreiung vom Gesetz der Sünde und des Todes (Röm 8,2)

In Röm 6 verarbeitet Paulus Erfahrungen seiner Heidenmission bis zum antiochenischen Konflikt. In Röm 7 greift er noch einmal auf seine vorchristliche Vergangenheit zurück. Seine selbstständige Heidenmission nach dem antiochenischen Konflikt ohne die Rückendeckung durch die antiochenische Gemeinde provozierte eine Gegenmission, die ihn dazu nötigte, sich noch einmal neu mit seiner Vorzeit auseinanderzusetzen und sie in Gal 1,13-16 und Phil 3,2-10 in öffentliche Kommunikation einzubeziehen. Er projiziert seine Auseinandersetzung mit seiner Vorzeit in Situationen hinein, in denen er durch seine Gegner mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert wurde (402).

Die Krisen seiner Europamission fanden ihren Höhepunkt in der Doppelkrise in Ephesus: Dort wurde er in einen Konflikt mit der korinthischen Gemeinde verwickelt und in Ephesus aufgrund eines Konflikts mit der heidnischen Umwelt inhaftiert. In 2Kor ist diese Doppelkrise überwunden. Paulus ist aus dem Gefängnis freigekommen und versöhnt sich mit der korinthischen Gemeinde (402).

(1) In Röm 6,1-11 hatte Paulus die Vereinigung der Christen mit Christus durch die Taufe begründet, in 8,17 begründet er sie durch gemeinsames Leiden: Christen sind „Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden“.

(2) In 6,12-23 hatte Paulus die Erlösung mit einem Herrenwechsel des Sklaven verglichen, bei dem der Sklave dennoch Sklave bleibt. In 8,15f korrigiert er dieses Bild: Die Christen sind nicht mehr Sklaven, sondern wurden zu erbberechtigten Kindern Gottes adoptiert. Während Paulus in 6,18.20 den Freiheitsbegriff formal verwendet hatte – der Mensch kann sowohl von der Sünde (6,18) als auch von der Gerechtigkeit frei sein (6,20) -, wird Freiheit jetzt zum positiven Heilsgut: „Denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ (8,21). Zeichen der Sehnsucht nach dieser Freiheit ist das Seufzen des Geistes (8,22f.26).

(3) 8,31-39 ist ein Hymnus auf die Liebe Gottes. Auffallend ist, dass er nur hier in einem Leidenskatalog die Todesstrafe als Extremform des Leidens nennt (Schwert 8,35) – die ‚privilegierte‘ Hinrichtungsart, die ihn als römischen Bürger erwartete (402f).

Obwohl in diesem Hymnus auf die Liebe alle Probleme gelöst zu sein scheinen, endet Röm 6 - 8 in einer Aporie. Wenn eine Verwandlung zum Heil notwendig ist, sind alle vom Heil ausgeschlossen, die nicht durch die Taufe verwandelt wurden. Vor allem der Unglaube Israels musste Paulus zur Anfechtung werden. Sollte ausgerechnet Israel ausgeschlossen bleiben, wenn das Evangelium a l l e n Völkern gilt? Daher ist es nur konsequent, wenn Paulus eine vierte Heilslehre entwirft, die alle bisherigen Heilslehren überbietet (403f).

d. Röm Kp 9 - 11: Heil durch Erwählung

Das Heil basiert in der Erwählung durch Gott, bevor das Leben begann. Die Israeliten sind und bleiben für Paulus Geliebte Gottes, auch wenn sie sein Evangelium ablehnen. Ihre Erlösung geschieht durch Konfrontation mit dem wiederkehrenden Christus (11,26): „Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jes 59,20; Jer 31,33): Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob“. Paulus stellt sich ihre Erlösung nach dem Modell seiner eigenen Bekehrung vor. Auch er war ein Feind des Evangeliums gewesen. Auch ihm war Christus in einer Erscheinung vom Himmel her begegnet, als er noch ein Feind Gottes war. Genauso wird Gott durch eine Erscheinung Christi ganz Israel erlösen. Was für ihn möglich war, wird auch für ganz Israel möglich sein (404).

Das Apostelkonzil hatte Paulus die Freiheit gegeben, seine Mission universal durchzuführen; der antiochenische Konflikt hatte ihn genötigt, sie selbstständig durchzuführen. Mit Erfolg hatte Paulus in Kleinasien und Griechenland heidenchristliche Gemeinden gegründet, die sich nicht mehr durch die jüdischen Identitätsmerkmale ‚Beschneidung‘ und ‚Speisegebote‘ von ihrer Umwelt unterschieden. In Reaktion darauf versuchte eine Gegenmission, seine Gemeinden wieder ins Judentum zu reintegrieren (404f).

(1) Im 1Thess und im Gal ist Paulus weit entfernt von der Vision, wie sie in Röm 11,26 zu finden ist, dass ganz Israel gerettet wird. Über die Juden, die ihre Propheten und die Christen verfolgen, ist nach 1Thess 2,16 endgültig/ganz der Zorn Gottes gekommen. Nach Gal 3,6-29 sind nur die Christen die wahren Nachkommen Abrahams, dessen Nachkommen gespalten sind in Kinder Hagars und Saras (Gal 4,21-31). Diese Spaltung greift Paulus in Röm 9 auf und setzt sie mit den Gegensatzpaaren Jakob nud Esau, Mose und Pharao fort. Die Verheißungen an Israel gelten nur einem Teil der Nachfahren Abrahams, die anderen scheinen verloren. Wahrscheinlich sind im Gal nur die christlichen Gemeinden das „Israel Gottes“ (Gal 6,16).

(2) 2Kor 3,12-18 bezeugt eine neue Sicht auf Israel. Eine Decke liegt auf dem Verstehen der Israeliten. Paulus liest aus Ex 34,34 die Verheißung heraus: „Wenn sich Israel aber bekehrt zu dem Herrn, wird die Decke abgetan“ (2Kor 3,16). Diese Position klingt in Röm 10 nach. Das Wort, das Glauben fordert, wird auch Israel angeboten. Wenn Paulus nach Jerusalem aufbricht, tritt er in die Fußstapfen des Freudenbotens von Jes 52,7 (=10,15), der Jerusalem das Heil verkündigt. Paulus ahnt, dass sein Erfolg als Freudenbote gering sein wird. Er zitiert eine atl Stelle, an der Gott ausruft: „Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt nach dem Volk, das sich nichts sagen lässt und widerspricht“ (Jes 65,2 = 10,21) (405).

(3) Das Mysterium Israels, dass „ganz Israel gerettet wird“ (11,26) geht über alles hinaus, was Paulus vorher im Gal und 2Kor gesagt hat. Es basiert auf einer Offenbarung. Diese durch Offenbarung begründete innere Gewissheit ist sein großer Trost, wenn er nach Jerusalem aufbricht. Paulus ist sich gewiss, dass Gott auch seine Feinde zum Heil bestimmt hat – so wie Paulus selbst, der einmal zu den Feinden des Evangeliums gehört hatte (406).

Paulus Gegner, die Gegenmission, wollten die christlichen Gemeinden ins Judentum reintegrieren. Paulus hatte zunächst dagegen gehalten, nur die Christen seien das wahre ‚Israel Gottes‘ (Gal 6,16), nur sie wären die wahre ‚Beschneidung‘ (Phil 3,2). Seine Gegner wollten die Einheit des Judentums durch Übernahme jüdischer Identitätsmerkmale durch alle (Heiden-)Christen sichern. Paulus aber denkt an eine Reform des Judentums, durch die auch Heidenchristen im Judentum ihren Ort finden können, ohne Beschneidung und Speisegebote übernehmen zu müssen. Paulus entwickelt seine Vision einer Öffnung des Judentums in ‚Gegenabhängigkeit‘ von seinen Gegnern: Er widerspricht ihnen, ist aber in seinem Widerspruch von ihnen inspiriert. Paulus denkt an ein reformiertes Judentum, das sich in der gegenwärtig beginnenden Endzeit für die Heiden öffnet (406f).

Paulus Verwendung des Israelbegriffs gegenüber derjenigen im Gal ist eine revocatio. Nach Gal 6,16 sind nur christliche Gemeinden das „Israel Gottes“. Diese Bemerkung richtete sich gegen Gegner, die die galatischen Christen aus Israel ‚auschließen‘ wollten, wenn sie sich nicht beschneiden ließen (Gal 4,17). Im Röm sagt Paulus dagegen „ganz Israel“ sei zur Rettung bestimmt. Zu „ganz Israel“ gehören alle Judten, einschließlich der judenchristlichen Gegenmissionare. Im galatischen Konflikt hatte er seinen Gegnern zweimal ein Anathema entgegen geschleudert (Gal 1,8f). In 9,3 beteuert er dagegen, er selbst wolle lieber verflucht sein, als seine Solidarität mit Israel zu leugnen. Er wendet das Anathema gegen sich selbst, das einmal eine Kampfansage an andere gewesen war.

Paulus widerruft im Röm auch Aussagen, die er im Phil getroffen hatte. Dort hatte er seine judenchristlichen Gegner als „Feinde des Kreuzes Christi“ bekämpft und ihnen ewiges Verderben angedroht (Phil 3,18f). In Röm 11,28 nennt er die Juden zwar erneut ‚Feinde‘ um das Evangelium willen, aber noch mehr betont er, dass sie unabhängig davon um der Väter willen Gottes Geliebte seien. In Phil 3,14-11 wertet er die Merkmale seines Judentums als „Schaden“ und „Dreck“ ab. In Röm 9,4f rühmt er sich dagegen der Privilegien Israels. Obwohl er in Phil 3 und Röm 9 jeweils verschiedene Vorzüge nennt, revidiert er seine Haltung, wenn er in Phil 3,5-8 seine Abstammung aus „Israel“ negativ bewertet, eben diese Abstammung aber in Röm 11,1 als Argument gegen die Verwerfung Israels anführt (407).

Die Gegner des Paulus im 2Kor rühmen sich, Kinder Abrahams zu sein. Paulus lässt sich auf eine Überbietungskonkurrenz mit ihnen ein: „Sie sind Hebräer – ich auch! Sie sind Israeliten – ich auch! Sie sind Abrahams Kinder – ich auch! Sie sind Diener Christi – ich rede töricht: ich bin‘s weit mehr“ (2Kor 11,22f)! Die hier erkennbare Überbietungskonkurrenz entspricht einer auch bei anderen Themen erkennbaren Tendenz im Leben des Paulus. In seiner vorchristlichen Zeit wollte er alle Altersgenossen durch seinen Eifer im Judentum (Gal 1,14) und in seiner christlichen Zeit Petrus, den ersten Apostel der Christen, im Einsatz für die „Wahrheit des Evangeliums“ überbieten (Gal 2,5). Als Apostel wollte er durch seine Arbeit alle anderen Apostel in den Schatten stellen: Mehr als alle habe er gearbeitet (1Kor 15,10)! Als homo religiosus wollte er alle Glossolalen in der Zungenrede übertreffen (1Kor 14,18). Diese Überbietungsthematik konnte Paulus in sich aktivieren, als er seine Gegner in Galatien, Philippi und Korinth bekämpfte. Was sie wollten, konnte er auch, nämlich Christen und Juden wieder zusammenführen! Sein Gegenkonzept entwickelte er im Röm. In Korinth konnte sich die Gemeinde als Teil des Judentums verstehen, ohne Beschneidung und Speisegebote zu praktizieren. Durch den Prokonsul Gallio war allen Christusanhängern in Korinth bestätigt worden, dass sie zum Judentum gehörten. Hier konnte in Paulus eine Vision entstehen: Müsste nicht ein Judentum vorstellbar sein, in dem auch die Heidenchristen ihren Platz finden konnten? Diese Vision entwickelt er im Röm (408).

Nicht nur eine Konkurenz- und Überbietungsthematik hat Paulus befähigt, Gedanken seiner Gegner aufzugreifen. Seine Bekehrung zeigt seine Begabung zu einem erstaunlichen Wandel bei gleichbleibenden Strukturen. Er übernahm mehrfach in seinem Leben Positionen, die er einmal bekämpft hatte. So hatte Paulus die ersten Christusanhänger bekämpft, weil sie sich zu weit für Nichtjuden geöffnet hatten, dann aber hatte er sich zu ihnen bekehrt und war unter ihnen der Missionar geworden, der die Öffnung für die Heiden weiter getrieben hat als alle vor ihm (408)

Im antiochenischen Konflikt geriet Paulus hart mit Petrus und Barnabas aneinander, die den Judenchristen entgegenkommen und koscher essen wollten, um wegen Speisefragen nicht die Einheit der Gemeinde aufs Spiel zu setzen. Paulus sah dagegen in ihrem Verhalten eine Gefährdung der christlichen Freiheit und der Wahrheit des Christentums. Als er später in Korinth in seiner eigenen Gemeinde einen analogen Konflikt um Speisefragen lösen musste – dabei ging es nicht nur um koscheres Essen, sondern um Götzenopferfleisch -, da zeigt sich, dass Paulus von seinen ehemaligen ‚Gegenspielern‘ gelernt hat, wie man tolerant mit solchen Konflikten umgehen kann. Um der Liebe willen plädiert er nun dafür, auf das Recht zu verzichten und alle Speise zu essen. Ebenso erging es Paulus mit seinen Gegnern in Galatien und Philippi. Er verdammte und verfluchte sie. Trotzdem ließ er sich von ihrem Programm einer Einheit von Juden und Christen inspirieren, seinen eigenen Traum von dieser Einheit durch Öffnung des Judentums zu entwickeln. Seine Gegner vertraten eine ‚Rückkehrökumene‘: Die Heidenchristen sollten in den Schoß des Judentums zurückkehren. Paulus setzte dem eine ‚Öffnungsökumene‘ entgegen: Das Judentum sollte sich für die heidenchristlichen Gemeinden öffnen (409).

Um diese Öffnung des Judentums möglich zu machen, aktivierte Paulus ferner den Erwähungsgedanken. Der Erwählungsgedanke in 1Thess 1,4 ist elitär – nur einige sind erwählt, die anderen sind verloren. Das Neue der Erwählungslehre in Röm 9 – 11 ist dagegen der Universalismus, der auch jene Juden einschließt, die er im 1Thess noch ausgeschlossen hatte. Neu ist im Röm die Vertiefung des Erwählungsgedankens durch die Rechtfertigungslehre, die im 1Thess noch fehlte, aber im Röm mit der Erwählungslehre verbunden wird. Wenn Paulus hier vom „Rest“ aufgrund von „Erwählung aus Gnade“ (11,5) spricht, fügt er betont hinzu: „Ist‘s aber aus Gnade, so ist‘s nicht aus Verdienst der Werke, sonst wäre Gnade nicht Gnade“ (11,6). Eine radikalisierte Rechtfertigungsgewißheit hat hier die Ausweitung der Erwählung möglich gemacht. Gottes Gnade gilt nicht nur dem Sünder, sondern auch den Ungehorsamen – unabhängig von deren Haltung. Denn Gott hat die Freiheit, auch die zu erwählen, die ihn verwerfen (409).

Bei diesem Heilskonzept der Erwählung, das Paulus in Röm 9 – 11 entfaltet, steht Paulus in einem Dialog mit einem prädestinatianischen Denken im Judentum, wie es in den Qumranschriften begegnet. (Anm 197: Ander als in Qumran werden die Abweichler im Röm nicht gehasst und verteufelt. Der Bund und die Erwählung werden ihnen nicht abgesprochen, sie bleiben Gottes Volk und zwar mit der damit verbundenen Perspektive zukünftiger Errettung. Nicht nur auf ganz Israel, sondern auf alle Menschen zielt der Heilswille Gottes bei Paulus s. 11,32). Bevor Menschen Gutes und Böses getan haben, wurden sie erwählt oder verworfen (9,11-13). Gott hat dabei die Freiheit, seine Entscheidung jederzeit zu revidieren. Er kann auch die, die nicht erwählt waren, erwählen und die lieben, die vorher nicht geliebt waren (Ho 2,25 = Röm 9,25). Weil Gott seine Erwählung revidieren kann, darf sich keiner über den anderen erheben. Jedes Rühmen ist ausgeschlossen (11,17f) (410).

Paulus radikalisiert seinen jüdischen Prädestinationsglauben zugunsten einer fundamentalen Gleichheit aller Menschen. Die Heiden waren früher ungehorsam, sind aber jetzt zum Glauben gekommen. Die Juden sind in der Gegenwart ungehorsam, werden aber von Gott in Zukunft gerettet. Beide Gruppen sind vor Gott gleichwertig: „Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme“ (Röm 11,32).

In Röm 9,1-5 beginnt Paulus damit, die Privilegien Israels aufzuzählen: die Adoption zur Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesschlüsse, die Gesetzgebung, den Gottesdienst und die Verheißungen, dazu die Herkunft des Messias nach dem Fleisch aus Israel. Der Messias ist der Stolperstein, der in Zion gelegt ist (8,33 = Jes 28,16). „Aus Zion wird der Erlöser kommen“ (11,26 = Jes 59,20). In Röm 9 – 11 tritt Paulus in einen inneren Dialog mit diesem Judentum, das in Palästina sein Zentrum hat. In Röm 9 – 11 sind wir Zeuge eines innerjüdischen Dialogs. Israel wird dabei als ein gespaltenes Volk dargestellt. Abraham ist der gemeinsame Stammvater aller Juden, aber Isaak und Ismael, Jakob und Esau sind Gegensätze. Wenn sich Paulus auf Elia bezieht, denkt er an die Christusanhänger als kleine Minorität in Israel – vergleichbar dem 7000 Israeliten, die sich weigerten, dem Baal zu dienen (410f).

Paulus definiert den Eifer neu: Der wahre Eifer werde nicht von Juden vertreten, die christliche Gruppen zur Anpassung an ihre Sitten zwingen wollen, sondern von Heidenchristen, die Juden dazu reizen, Christen zu werden. Paulus Aufgabe als Heidenmissionar ist es, sein eigenes Volk „eifersüchtig zu machen“ (11,11.14). Wenn Juden auf diese Weise Christen werden, so ist das nicht ihr Verdienst, sondern ein Wunder wie „Leben aus den Toten“ (11,15). Nur Gott kann Tote erwecken, nur er kann in dieser Weise Menschen zu ihrem Heil „eifersüchtig“ machen. Der ethischen Gesetzesfrömmigeit hält Paulus seine These entgegen, dass alle Menschen Sünder sind, den in Palästina konkurrierenden jüdischen Gruppen die These, dass Gott durch seine Erwählung für alle Menschen Heil schafft (11,32) (411).

e. Die Entwicklung des Paulus

Der Röm ist Paulus persönliches Bekenntnis. Erkennbar sind vier Stadien einer Entwicklung: seine Gesetzesfrömmigkeit, seine Wende mit dem Durchbruch seiner Rechtfertigungslehre, seine Entdeckung der Verwandlungslehre und seine Aktivierung der Erwählungslehre vor seiner Jerusalemreise (412).

In 1,18 – 3,20 setzt Paulus sich mit der Gesetzesfrömmigkeit eines Diasporajudentums auseinander, das im Tun des Guten die entscheidende Bedingung des Heils sieht. Wenn der Mensch das Gute tut, wird er von Gott als gerecht angesehen.

In 3,21 – 4,25 steht Paulus in einem Dialog mit einem pharisäischen Judentum, das an ein Zusammenwirken göttlicher Gnade und des Menschen glaubt – nur dass Paulus als Bedingung für das Heil nicht das menschliche Handeln, sondern den Glauben des Menschen nennt. Abraham ist für ihn das Urbild dieses Glaubens. Nicht die Bereitschaft zur Tötung Isaaks, sondern die Hoffnung auf sein Leben wird bei Paulus zum Paradigma des Glaubens. Die beiden ersten Erlösungslehren des Röm, die Gesetzes- und Glaubensfrömmigkeit formulieren die Bedingungen des Heils aufgrund menschlicher ‚Aktivität‘ (412f).

In Kp 6 - 8 ergänzt Paulus diese Heilskonzeption durch die Vorstellung einer grundlegenden Verwandlung des Menschen durch das Sterben und Auferstehen mit Christus. Damit wird das Zentrum des Heils in Gott gesehen. Denn Gott allein kann den Menschen wie ein neues Geschöpf neu schaffen. Paulus beruft sich auf die Taufe, die er als ein symbolisches Sterben deutet und steht damit in einem Dialog mit den paganen Mysterienreligionen. Die grundlegende Veränderung gegenüber dem Heilsdiskurs ist die Prämisse, dass der Mensch sich grundlegend ändern muss, um erlöst zu werden. Er muss nicht nur sein Verhalten ändern und umkehren, sondern sein Wesen erneuern und ein ‚neues Geschöpf werden‘ (413).

In Röm Kp 9 - 11 tritt Paulus in einen Dialog mit einem prädestinatianischen Judentum, wie es bei den Essener begegnet. Das Heil ist ausschließlich von Gottes Erwählung abhängig. Gott ist unabhängig von jeder Reaktion des Menschen. Paulus gibt in dieser radikal theozentrischen Lösung seine Antwort auf den Unversalitätsdiskurs: Gott ist frei, alle Menschen zu erwählen. Letztlich liegt es bei Gott, auch seine Feinde in Geliebte Gottes zu verwandeln (413f).

Dieser souveräne Gott, der alle zum Heil bestimmt, ist im Menschen durch seinen Geist gegenwärtig. Deshalb kann Paulus an die Entwicklung seiner Erwählungslehre die Verpflichtung des Menschen zum guten Handeln anschließen und dabei auf seine älteste Heilskonzeption zurückgreifen – auf die Bedeutung der guten Handlungen vor Gott. Diese guten ‚Werke‘ haben jetzt keine Heilsbedeutung mehr, sie sind keine Bedingungen des Heils, sondern sind dessen Folgen. Es geht um Gehorsam gegen Gottes Geist, der nicht nur von außen befiehlt, sondern von innen heraus in den Christen wirkt (114).