(3) Der Zwiespalt des Menschen
a. Röm 1,18 - 3,20: Der Zorn über eine sündige Menschheit
b. Röm 3,21 - 5,21: Die Rechtfertigung des Gottlosen
c. Röm Kp 6 - 8: Die Verwandlung des Menschen
d. Röm Kp 9 - 11: Erwählung und Verwerfung Israels

Paulus Verhältnis zur römischen Gemeinde ist ambivalent: Er tritt ihr zugleich als Autoritätsperson und als Bittsteller entgegen (415).

Aber in all dem überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiß, das weder Tod noch Leben...uns scheiden kann von der Liebe Gottes“ (8,38f). Nach diesem Hymnus auf die Liebe leitet Paulus bei der Entfaltung seiner Erwählungslehre (9 - 11) alle drei Kapitel betont mit Ich-Aussagen ein (9,1-5; 10,1f; 11,1).

Im folgenden paränetischen Teil (12,1 – 15,13) legt Paulus Wert darauf, dass er kraft der besonderen ‚Gnade‘, die ihm persönlich gegeben ist (12,3; 15,15) spricht (417).

Die meisten Ich-Aussagen sind in Röm 7,7-25 konzentriert.

Paulus ringt im Röm darum, als Person in Rom anerkannt zu werden. Er wirbt um Einfluss und will als Missionar unterstützt werden. Daher muss er mit seiner Person positive Aussagen verbinden. Sollte er nicht auch dort, wo er intensiver als sonst ein Ich ins Spiel bringt, seine Adressaten für sich gewinnen wollen? Paulus schaut auf einen Konflikt zurück und dankt Gott, dass er aus ihm erlöst wurde (7,25). Er stellt sich damit als positives Beispiel eines Bekehrten dar, der von einem Konflikt erlöst wurde, unter dem alle Menschen leiden. Auch zeigen seine Briefe, dass er keine Scheu hat, seinen Gemeinden in den geringsten Rollen gegenüber zu treten – als „Narr in Christus“ und „Abschaum der Welt“ (1Kor 4,9-13) oder als jemand, der in „Torheit“ spricht (2Kor 11,21; 12,11). Er traut sich zu, gerade mit dieser demonstrativen Selbsterniedrigung die Adressaten für sich zu gewinnen. Paulus wirbt auch im Röm (vor einer ihm unbekannten Gemeinde) für sich selbst – auch mit den ‚Ich-Aussagen‘ im Röm 7 (419f).

a. Röm 1,18 - 3,20: Der Zorn über eine sündige Menschheit

Röm 1,18 – 5,21 werden vom vergeblichen Streben nach Gesetzesgerechtigkeit und von der Rechfertigungslehre bestimmt. Das ‚Evangelium‘ des Paulus bedeutet in erster Linie Rettung und nicht Verurteilung. Der Leser wird daran erinnert, dass Paulus in diesem Brief seine persönliche Botschaft als Evangelium entfaltet (420f).

Röm 1,18 – 3,20 gibt Einblick in einen intensiven Dialog zwischen Paulus, den Heiden und den Juden. Er ist zugleich ein Dialog, der in allen Menschen vor sich geht: Vor dem Tribunal Gottes streiten sich anklagende und verteidigende Gedanken, in die sich die Stimme des Gewissens als Zeuge des Gesetzes mischt (2,15). Was Paulus als Anklage in 1,18 – 2,11 formuliert und als Verteidigung in 2,17-29 voraussetzt, dürfen wir uns als Stimmen in diesem inneren Dialog vorstellen. Denn Gott wird das Verborgene der Menschen richten „nach meinem Evangelium“ (2,16). Sein Evangelium ist der Freispruch für Juden und Heiden. Wie der Zorn Gottes stellvertretend den Gekreuzigten traf, so traf einstmals die fundamentalistische Aggressivität des Paulus stellvertretend die Anhänger des Gekreuzigten. Wahrscheinlich hat Paulus in seiner Vorzeit Christus als Verfluchten bekämpft, aber aufgrund der Damaskusvision diesen Fluch neu gedeutet: Er wurde zu einem ‚Fluch‘, den Christus stellvertretend für andere auf sich genommen hat (422f).

b. Röm 3,21 - 5,21: Die Rechtfertigung des Gottlosen

Paulus schildert eine allgemeine Wende vom Unheil zum Heil. Seine Gedanken zum „Erweis der Gerechtigkeit Gottes“ durch Freispruch des Sünders im Gericht (3,25) könnten einen persönlichen Hintergrund haben. Nirgendwo hat Paulus so beeindruckend das Heil als Freispruch in einem Gerichtsverfahren verkündigt wie im Röm: „Für die, die in Christus sind, gibt es keine Verurteilung“ (8,1). Durch Christus wurde das Verdammungsurteil in einen Freispruch verwandelt. In Ephesus hatte Paulus fest mit seinem Todesurteil gerechnet (2Kor 1,9). Seinen Freispruch nennt er eine Gnadengabe (2Kor 1,11). Das Todesurteil über alle Menschen (5,16.18) wird in der Adam-Christus-Typologie durch die Gnadengabe des Lebens (5,15f) überwunden. Auch hier färbt persönliches Erleben die allgemeine Aussagen des Paulus. Das gilt weit mehr noch für die Abrahamtypologie. Die zentrale Aussage: „Abraham glaubte Gott und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet“ (Gen 15,6), ist wahrscheinlich schon dem vorchristlichen Paulus wichtig gewesen (423).

Paulus war vor seiner Bekehrung vom Ideal des Eifers ergriffen gewesen. Er wollte in Israel durch Repression gegen eine Minderheit ‚Gerechtigkeit‘ verwirklichen. Dabei hatte er das Beispiel des Pinehas und des Elia, sowie das Opfer Abrahams vor Augen: Die Bindung Isaaks signalisierte die Bereitschaft, die allernächsten Verwandten zu opfern. Paulus hatte einmal gehofft, durch Gesetzeseifer vor Gott gerecht zu werden (Phil 3,6; Gal 1,13f; vgl. Apg 22,3f). Seit seiner Bekehrung las er Gen 15,6 in einem neuen Licht. Er verstand die Stelle jetzt so, dass Abrahams Glaube an die Verheißung von Nachkommen zur Gerechtigkeit angerechnet wurde. Gegen den Strom der jüdischen (und urchristlichen) Überlieferung bezieht er jetzt den Glauben Abrahams nicht mehr auf dessen Bereitschaft, seinen Sohn zu töten, sondern auf die todüberwindende Macht Gottes, die ihm trotz seines Alters einen Sohn schenkt: Glauben ist Hoffnung auf das Leben des Sohnes, nicht die Bereitschaft, ihn zu töten (424f).

c. Röm Kp 6 - 8: Die Verwandlung des Menschen

In 7,19 könnte Paulus auf eine verzerrte Darstellung seiner Gedanken zum Zusammenhang von Sünde und Gesetz durch seine Gegner reagieren. „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“. Seine These in Röm 7 ist: Das Gesetz verleitet zum Bösen. Seit 6,1 verteidigt Paulus sich gegen reale Vorwürfe gegen seine Lehre. Die Vv 7,7-23 stellen den Höhepunkt seiner Verteidigungsrede dar (425f).

Überall galt das Gesetz als Weg zum wahren Leben. Paulus will aber herausarbeiten, dass das Gesetz keinen Weg zur Überwindung der Sünde darstellt, sondern die Sünde vermehrt (5,20) (428).

Paulus betont nicht, dass das Gesetz bestimmte Dinge begehrenswert macht oder dass es die Begierde intensiviert, oder bestimmte Straftaten aufgrund von Nachahmung provoziert. Es geht ihm darum, zu zeigen, dass der Mensch insgesamt dem Begehren verfällt. Die Begierde ist hier ein ‚menschliches Existenzial‘, d.h. ihr Aufkommen verändert und bestimmt das Dasein des Menschen und bringt es in einen grundsätzlichen Konflikt mit Gottes Willen.

7,8: „Die Sünde nahm das Gebot zum Anlass und bewirkte in mir jegliche Begierde“. 7,11: „Die Sünde nahm das Gebot zum Anlass, hat mich verführt und durch es getötet“. Erst die zweite Formulierung dürfte dem näher kommen, was Paulus eigentlich als Aussage vorschwebt. Die Sünde betrügt das Ich und tötet es mit Hilfe des Gebotes. Paulus spricht fortan vom „Trachten des Fleisches“ (8,5f). Die Verfehlungen, die Paulus in 7,11 im Blick hat, lassen sich nicht nur als ‚Begierde‘ verstehen. Paulus wurde durch das Gesetz nicht zur Begierde verführt, sondern zum Eifer: Er hatte im Eifer für das Gesetz gehandelt und die Gemeinde verfolgt – im Glauben, dies sei Gottes Wille Die Erkenntnis, dass das Gesetz selbst in die Irre führen kann, ist für Paulus so ungeheuerlich, dass er zwei Anläufe braucht, um diese Tatsache zu artikulieren (429f).

Das Ich übernimmt hier Merkmale der Rolle Adams. Adam wurde verführt und betrogen, als er mit dem Gebot konfrontiert wurde, er solle nicht vom Baum des Lebens essen. Gott hatte Adam und Eva angedroht, dass sie noch am gleichen Tage sterben müssen, wenn sie von der verbotenen Frucht äßen (Gen 2,17). Das Ich repräsentiert jeden Menschen, in dem sich die Sünde Adams wiederholt. Dieses typische Ich schließt als Person auch Paulus mit ein. In 1Kor 9,20 schreibt Paulus, er sei den Juden ein Jude geworden, obwohl er immer ein Jude war. Hier stilisiert er sein Leben nach der Rolle Christi, der menschliche Gestalt angenommen hat, um Menschen zu retten. Ich-Aussagen im Präteritum lassen an einen bestimmten Menschen denken (wie z.B. die Ich-Aussagen in Gal 2,18f). Wenn 7,7-13 eine Widerlegung des gegen Paulus erhobenen Vorwurfs des Libertinismus darstellt, dann ist die Apologie des Gesetzes hier gleichzeitig eine Apologie seiner Person. Paulus schildert im Ich-Stil einen Konflikt mit dem Gesetz. Da er sich hier gegen einen ihm persönlich gemachten Vorwurf verteidigt, schließt er sich selbst mit ein (430f).

Vorher ‚kommt‘ das Gesetz von außen (7,9), jetzt aber ist es ein Stück der Innenwelt des ‚Ich‘. Der ‚innere Mensch‘ identifiziert sich mit ihm (7,22). Der Konflikt zwischen Gesetz und Ich wird jetzt zu einem Konflikt in diesem Ich selbst. Das tragische Modell orientiert sich an Medea, die trotz ihrer Mutterliebe ihre Kinder tötet. Ihre Leidenschaft ist stärker als ihre moralische Überzeugung. Paulus folgt dem tragischen Modell, demzufolge die Vernunft von den Leidenschaften überwältigt wird. Das, was ihn überwältigt, nennt Paulus in 7,5 „Leidenschaften der Sünde“ (im Plural), dann in 7,17.20.23 „Sünde“ (im Singular). Da sich Paulus in 7,7-13 mit dem sprechenden Ich identifiziert, wird er das auch in 7,14-25 tun. Der vorchristliche Paulus hatte sich vorübergehend zu einem aggressiven jüdischen Fundamentalisten radikalisiert. Er war damals ein stolzer Jude gewesen, de in Phil 3,5f von sich sagt, er sei „nach dem Gesetz ein Pharisäer, nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeinde, nach der Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, untadelig“ gewesen (432).

Als Paulus aufgrund seiner Bekehrung ein kritisches Verhältnis zum Gesetz gewann, konnte er dann diese Zweifel den Menschen allgemein zuschreiben. Nachdem Paulus in 7,14 vom Präteritum zum Präsens übergegangen ist, analysiert er diese Situation in immer klareren Gedanken und kann am Ende das Fazit ziehe: „Ich finde ein Gesetz (im Sinne einer Gesetzmäßigkeit), dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt“ (7,21). In 7,7-23 wird eine Entwicklung von einer Täuschung (7,11) bis zur klaren Erkenntnis einer Gesetzmäßigkeit (7,21) sichtbar. In der autobiographischen Aussage in Phil 3,4-11 lässt sich ein vergleichbarer Prozess erkennen: Als Jude hielt sich Paulus für untadelig in der Erfüllung des Gesetzes, durch seine Bekehrung aber erkannte er retrospektiv, dass er seine Vorzeit radikal neu bewerten musste. Was früher Gewinn war, wurde jetzt für ihn ein Schaden, was Ehre war, galt ihm nun als Dreck. Analog macht in Röm 7 ein Ich im Rückblick Aussagen im Präteritum, in denen es sich als ‚betrogen‘ darstellt. Es wurde durch das Gesetz getäuscht. Danach kommt dieses Ich in Aussagen im Präsens zum Bewusstsein seiner unerlösten Situation unter dem Gesetz (433f).

Paulus lebte in seiner vorchristlichen Zeit in einem unbewussten Konflikt mit dem Gesetz. Ihn provozierte bei den Christen eine Freiheit gegenüber dem Gesetz, die er sich selbst verwehrte. Was Paulus bei sich damals nicht hatte wahrnehmen wollen – seinen Konflikt mit dem Gesetz –, das konnte er später aufgrund seiner Bekehrung und Berufung akzeptieren: Er konnte sich als gerechtfertigten Sünder verstehen, der das Gesetz missbraucht hatte. Rechtfertigung bedeutet daher für Paulus zugleich Annahme der bisher abgelehnten Christen und Annahme seiner selbst. Wer, vom Gesetz motiviert, andere verfolgt und sich dann zu den Verfolgten bekehrt, dem war das Gesetz seit seiner Bekehrung problematisch. Paulus folgte einem Gesetz, das ihn zur Aggression gegen eine abweichende Minderheit verleitet hatte und verstieß damit gleichzeitig gegen dasselbe Gesetz, in dessen Zentrum das Liebesgebot stand. Das Gesetz ist zugleich tötender Buchstabe und Leben gebender Geist. In 7,23 werden aus zwei einander entgegengesetzten Funktionen des Gesetzes (als Geist zum Leben, als Buchstabe zum Tod) zwei einander bekämpfende Gesetze (434f).

Der Eifer des Paulus hatte eine soziale Dimension, weil Paulus für die kollektive Heiligkeit des Volkes geeifert hatte. Israel sollte unter allen Völkern heilig sein. Gesetzestreue sollte es von den unheiligen Völkern unterscheiden. Dagegen verstießen die Christusanhänger mit ihrer Relativierung von Gesetzesbestimmungen und ihrer Offenheit für Heiden. Wenn Paulus sich zum Gesetzeseifer verführen ließ, so war das ein sozialer Konflikt: Es handelt sich um den Eifer für das erwählte heilige Volk im Unterschied zu allen anderen Völkern. Daher endet der Abschnitt mit einem Konflikt zwischen zwei Gesetzen: dem Gesetz seines Eifers und dem Gesetz der Liebe, dem Gesetz des Todes und dem Gesetz des Lebens. Gesetze sind kollektive Größen, sie binden eine Gemeinschaft (435f).

Der Ausruf des klagenden Ichs: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe“ (7,24)? „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! So diene ich nun mit der Vernunft dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde“ (7,25f). 8,1f: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und es Todes“. Der Dialog ist ein Dialog in Paulus selbst. Paulus spricht in 2,15 vom Gewissen als Zeugen in uns und von den sich gegenseitig anklagenden und entschuldigenden Gedanken. Dort vollzieht sich der innere Dialog als Anklage und Verteidigung, hier als Klage und Zuspruch (436f).

Paulus betrachtet den Menschen als jemanden, der grundsätzlich in einem inneren Dialog begriffen ist. Wir hören in Röm 7 den inneren Dialog des Paulus mit sich selbst. Dabei formuliert er im Ich-Stil einen allgemeinen Gedanken. Dieses Ich ist repräsentativ für jeden Menschen. Es ist ein gefährdetes und klagendes Ich. Es weiß sich dem Tod ausgeliefert und schreit: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leib“ (7,24)? Paulus ist auf dem Weg nach Jerusalem und kennt seine dort lebenden fanatischen ‚Altersgenossen‘ gut, mit denen er einst im Eifern um das Gesetz konkurrierte (437).

d. Röm Kp 9 - 11: Erwählung und Verwerfung Israels

Zu Beginn aller drei Kapitel bringt Paulus sich selbst mit seiner Person ins Spiel, zunächst als Israelit, der über Israel klagt (9,1-5), dann als Fürsprecher für Israel (10,1) und schließlich als exemplarischer Israelit (11,1). Die Juden haben ebenso wie einst Paulus in der Zeit seines Eiferns Anstoß an Christus genommen. In 11,1-32 aber wird seine Erwählung und Errettung der entscheidende Zeuge für die endzeitliche Errettung von ganz Israel. So wie Paulus durch eine unmittelbare Begegnung mit dem erhöhten Christus gerettet wurde, wird auch Israel durch eine Begegnung mit Christus gerettet werden. Aussagen über den Unglauben und Glauben Israels sind indirekt auch eine Aussage über Paulus, der vom Feind Christi zum Christusanhänger konvertiert ist. Aussagen über die Rettung Israels sind auch Aussagen über die Rettung des Paulus (438).

Die Identifikation von Paulus mit Israel nimmt im Laufe der drei Kapitel des Israelteils zu. In 9,1-5 äußert Paulus den irrealen Gebetswunsch, anstelle Israels selbst den Fluch Gottes zu tragen. Paulus spricht hier als Christ, der im Kontrast zu seinen jüdischen Landsleuten steht, die seinen Glauben ablehnen. Paulus steht hier im Konflikt mit seinem Volk. Paulus erlebt und erleidet auch in sich einen Zwiespalt: „Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch...“ (9,3). Paulus denkt hier an Christus, der den Fluch für alle trug (Gal 3,13). Sofern Paulus an Christus denkt, äußert er eine unerfüllbare Bitte – Paulus kann nicht die Rolle des Erlösers übernehmen. Sein Wunsch zeigt, welch Schatten er über seinem Volk liegen sieht: Es steht unter einem Fluch, weil es „getrennt von Christus“ ist. Paulus selbst stand einmal auf der Seite der Gegner Christi. Als solcher unterlag auch er einem Anathema. Jetzt aber steht er auf Seiten Christi. Jetzt ist er von seinem Volk getrennt, so wie dieses Volk in seiner Mehrheit von Christus getrennt ist. In der Gegenwart ist Paulus Zwiespalt vor allem ein Leiden an Israel (438f).

In 10,1f erscheint Paulus erneut als Fürbitter für Israel. Im Hintergrund dürfte das Modell des fürbittenden Mose stehen, von dem in 10,5 die Rede ist. Israel ist nicht verloren, sonst wäre jede Fürbitte sinnlos. Paulus selbst hatte Anstoß genommen am „Stein des Anstoßes und am Fels des Ärgernisses“. Er selbst war ein „Eiferer“ für die väterlichen Überlieferungen gewesen (Gal 1,14), der die Kirche verfolgt hatte (Phil 3,6), um dann aufgrund der überwältigenden „Erkenntnis“ Jesu Christi seinen Eifer als Irrweg zu erkennen. Die Schilderung Israels in 9,30 – 10,4 ist eine Parallele zur Schilderung der Bekehrung des Paulus in Phil 3,2-11: Die Pointe ist hier wie dort, dass ein falscher (aktiver) ‚Eifer‘ im Streben nach ‚eigener Gerechtigkeit‘ durch eine (passive) von Gott empfangene Gerechtigkeit überwunden wird – hier wie dort durch die Erkenntnis Jesu Christi und den Glauben an ihn. Wegen dieser Parallelität zwischen seiner Biographie und dem kollektiven Geschick Israels kann Paulus als glaubwürdiger Entlastungszeuge auftreten. Sein Zeugnis besteht in seiner ganzen Existenz (439f).

Der Höhepunkt dieser Identifizierung mit Israel findet sich in 11,1f, wenn Paulus betont, dass er ein Israelit ist und sich selbst als entscheidendes Argument dafür einbringt, dass Gott sein Volk nicht verstoßen hat. Weil Paulus nicht verworfen wurde, kann auch Israel nicht verstoßen sein! Paulus bringt durch seine Biographie ein überzeugendes inhaltliches Argument ein. Er war einst ein Gegner der Christen und wurde erwählt. Daher haben die ungläubigen Juden genauso wie Paulus eine Chance, zum Heil zu gelangen – trotz ihrer Feindschaft gegen die Christen. Paulus identifiziert sich hier direkt mit Israel, steht seinem Volk nicht mehr gegenüber, sondern stellt sich in seine Mitte. Elia war wie Paulus in Todesgefahr, war alleine durch seine Treue zu Gott übriggeblieben und empfing als Antwort auf sein Gebet eine Offenbarung über 7000 treue Gläubige. Wie Elia hat auch Paulus zu Gott gefleht und geklagt (10,1f). Wie Elia wurde auch er durch eine Offenbarung getröstet, nämlich durch die Offenbarung des ‚Geheimnisses‘ über die Rettung ganz Israels (11,25-27) (440).

Die durchgehende Identifikation des Paulus mit Israel und Israels mit Paulus ist auch für das Verständnis des Ölbaumgleichnisses wichtig: Gott kann Glauben bei denen schaffen, die ihn ablehnen. Er kann auch abgebrochene Zweige wieder einsetzen. Das gilt auch für Paulus: Das, was in ihm ‚abgeschnitten‘ und ‚verdrängt‘ war – sein Judentum mit seinem Eifer und seiner Feindschaft gegen die Christen –, das kann er sich im Glauben wieder aneignen. Wie abwegig und verformt dieses eifernde Judentum in ihm auch gewesen sein mag, es gehört zum ‚Teig‘ der durch und durch heilig ist (11,16). Das ‚Mysterium‘ sagt darüber hinaus: Wenn alle Völker zum Heil ‚eingehen‘ werden, dann wird Christus aus dem Zion kommen, um denen Vergebung zu schaffen, die sich gegen die Öffnung des Heils für die Heiden gesträubt haben. Auch Paulus wurde seine Feindschaft gegen die Christen vergeben.

Am Ende seiner Gedanken hat Paulus die Zuversicht gewonnen, dass sich die Widersprüche seines Lebens lösen werden. Er ist im Einklang mit sich und seiner jüdischen Herkunft. Wenn die Verwerfung des Judentums durch Paulus Versöhnung für alle Menschen brachte, was wird dessen Wiederannahme durch Paulus anders sein als neues Leben aus dem Tode! Daher kann Paulus am Ende Gott loben und preisen – für seine unerforschlichen Wege mit Israel, mit der Menschheit und auch mit ihm (11,33-36) (440f).

Paulus wurde durch das Gesetz in seiner vorchristlichen Zeit zu aggressivem Vorgehen gegen die Christen verleitet. Er erlebt jetzt am eigenen Leib, wie er selbst durch den fundamentalistischen Gesetzeseifer anderer bedroht ist. Seine eigene Todesgefahrt steht ihm vor Augen, wenn er von der tötenden Macht des Gesetzes spricht. Sein Wissen um sein eigenes Judentum sagt ihm, dass die vom Gesetz motivierten Menschen in guter Absicht für das Gesetz eifern. Sie suchen das Leben, aber bewirken den Tod. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass solche Menschen fähig sind, gegen andere Menschen mit Gewalt vorzugehen. Er kennt die aggressiven Leidenschaften, die das Gesetz stimuliert. Das Ich in Röm 7 steht repräsentativ für alle Menschen, so wie das persönliche Ich des Israeliten Paulus in Röm 9 - 11 transparent für ganz Israel wird. Alles, was Paulus im Röm sagt hat Resonanz in seinem Leben. Daher ist dieser sachlichste aller Paulusbriefe zugleich auch der persönlichste (441).

                   

(4) Zusammenfassung

Im Römerbrief hat Paulus sein Reformprogramm zusammenfassend dargestellt. Der Brief ist der Rechenschaftsbericht eines Reformators vor seinem Scheitern. Er verkörpert eine ecclesia semper reformada. Er praktiziert eine Offenheit gegenüber den Fremden und vertritt den Glauben an Gott als Grund einer unbedingten Bejahung des Menschen. Paulus wollte keine neue Religion etablieren, sondern das Judentum erneuern. Er scheiterte mit dieser Reform. Dadurch wurde er zum Architekten des Christentums. Im Römerbrief legt er sich und seinen Gemeinden Rechenschaft über sein reform-jüdisches Programm ab (488f).

- Die Universalität der Gnade ist bei Paulus in der Erkenntnis begründet, dass vor Gott jeder Mensch ein Sünder ist. Alle Menschen sind vor Gott Sünder. Allen gilt daher in gleicher Weise Gottes Gnade. Die Rechtfertigungslehre des Paulus öffnet für das Volk Gottes (in jüdischen wie christlichen Gemeinden) das Tor für fremde Völker und Kulturen. Sie öffnet dem einzelnen Gläubigen gleichzeitig aber auch das ‚Tor‘ zu einem neuen Leben. Der einzelne Mensch wird nicht nur gerecht gesprochen, sondern mit Gott versöhnt und effektiv zur Veränderung seines Lebens motiviert (489).

Paulus wendet sich mit seiner Botschaft an Juden und Heiden. Er verlangt eine Reform des Judentums. Es soll sich in einer Weise verändert, dass Heidenchristen darin Platz finden können, ohne umstrittene jüdische Normen zu übernehmen. Bei dieser Öffnung für andere Völker soll das Judentum seinen Zielen treu bleiben. Denn Paulus ist überzeugt, dass die Juden einen Auftrag für die ganze Welt haben – und dass er als Jude durch seine Mission unter allen Völkern diesen Auftrag Israels durchführt. Er versteht sich als Reformer und Reformator, nicht als Religionsgründer. Paulus vertritt eine Botschaft, die das Anliegen des jüdischen Monotheismus verwirklichen will, dass Gott über alle Lebensbereiche herrscht. Der gekreuzigte Messias steht mit seinen Anhängern aus allen Völkern in Konkurrenz zum Kaiser und den mit ihm verbundenen Oberschichten. Das zeigt sich nicht nur in seiner theologia crucis, wenn er einen den Römern hingerichteten Erlöser ins Zentrum stellt, sondern auch in einem prinzipiellen Widerspruch zur konservativen Religionspolitik unter Kaiser Claudius. Dieser hatte den Juden nachdrücklich befohlen, bei ihren Traditionen zu bleiben. Das Programm des Paulus und seiner Anhänger zielte jedoch auf eine Änderung jüdischer Traditionen (490).

- Der jüdische Monotheismus fordert, dass alle Menschen in ihrer ganzen Existenz Gott verehren sollen. Der Mensch soll Gott lieben mit ganzen Herzen, ganzer Seele und all seinen Kräften (Dtn 6,41f). Alle Völker sollen den einen und einzigen Gott anerkennen. Nachdem die Vv 1,18 - 3,21 die grundlegende Wende vom Unheil zum Heil (3,21 - 5,21) dargestellt haben, thematisiert der Röm in 6,1 - 8,39 zunächst die Verwandlung des ganzen Menschen zu einem neuen Menschen, der Gottes Willen entspricht, danach in 9,1 - 11,36 die universale Verehrung Gottes durch Israel und alle Völker. Die darauf folgende Paränese (12,1 - 15,13) kombiniert beide Anliegen: Sie beginnt mit der Erneuerung des ganzen Menschen „in einem vernünftigen Gottesdienst“ (12,1f) und endet mit der Mahnung, zusammen mit a l l e n Menschen Gott zu verehren (15,7-13). Dazwischen zeigen die Mahnungen zum Zusammenleben von Starken und Schwachen in der Gemeinde, wie sich das Anliegen des Röm konkret in der römischen Gemeinde verwirklichen soll (490f).

- Überwundene Konflikte in Kleinasien und Korinth: Paulus hat während seines Aufenthalts in Ephesus eine Doppelkrise überwunden, bei der er knapp einer Verurteilung zum Tode entgangen ist. Etwa gleichzeitig hat eine schwere Krise sein Verhältnis zur Gemeinde in Korinth erschüttert. Nach vollzogener Versöhnung mit der korinthischen Gemeinde schreibt er nun in ihrer Mitte einen Brief an die römische Gemeinde. Weil ein Teil der römischen Gemeinde nach der Vertreibung von Christen durch das Claudiusedikt in Ephesus Zuflucht gefunden hat und weil Paulus auf dem Weg nach Jerusalem mit der Gemeinde in Ephesus Kontakt aufnehmen möchte, schreibt er zunächst den Röm (Kp 1-16) und schickt ihn an die (teilweise römische) Gemeinde nach Ephesus, deren Mitglieder er in Kp 16 mit Grüßen an andere Gemeindeglieder beauftragt. Nach Fertigstellung dieses wegen seiner Reisepläne vorrangigen Briefes nach Ephesus (Röm 1 - 16) lässt Paulus eine Abschrift des Briefes für die Gemeinde in Rom anfertigen, die er erst nach seiner Jerusalemreise besuchen will. Die verkürzte Abschrift (Röm 1 - 15) schickt er nach Rom. Ihm ist bewusst, dass sein im Brief angekündigter Besuch in Rom nicht nur Begeisterung auslösen wird. Die von ihm repräsentierte ‚gesetzeskritische‘ Strömung im Urchristentum war zu einem früheren Zeitpunkt eine der Ursachen dafür gewesen, dass viele Judenchristen 49 n.Chr. aufgrund eines Edikts des Kaisers Claudius aus Rom ausgewiesen worden waren (491).

- Entpolitisierung des jüdischen Messianismus im Urchristentum und bei Paulus: Aus der Hoffnung auf eine politische Befreiung von den Feinden Israels wird die Hoffnung auf Befreiung von Sünde, Tod und Gesetz im individuellen Leben der Gläubigen. Die Berufsbilder von Gott als Töpfer und Gärtner überbieten alle vorherigen Bilder: Als Töpfer verwarf Gott die unbrauchbaren Gefäße, als Gärtner kann er die verworfenen (d.h. die ausgebrochenen) Zweige wieder einsetzen. Am Ende steht das ‚Bild‘ des Leibes Christi (12,4f), das die Nähe Christi zu allen Christen betont. Alle Mitglieder der Gemeinde sind wie Glieder an einem Leib durch Liebe verbunden. Der Röm endet mit einer Aussicht auf den wahren Kult, in dem Juden und Heiden vereint sind (15,7-13) (492).

- Pluralität der Heilskonzepte und die Einheit der Heilsgewissheit: Vier Heilslehren: Heil durch Werke (1,16 - 3,20), Heil durch Glauben (3,21 - 5,21), Heil durch Verwandlung (Kp 6 - 8) und Heil durch Erwählung (Kp 9 - 11). Die Aporien jeder Heilslehre führen jeweils zur nächsten Heilslehre. Weil keiner die von Gott geforderten Werke tun kann und dadurch zum Sünder wird, sind alle Menschen auf ihren Freispruch durch Rechtfertigung angewiesen. Weil aber der bedingungslose Freispruch den Sünder dazu verführen kann, weiter zu sündigen, muss sich der Gläubige mit der Hilfe Christi tiefgreifend verwandeln.

Weil aber diese Verwandlung nur für Getaufte möglich ist, muss eine radikalisierte Erwählungslehre am Ende sichern, dass sich Gott aller Menschen erbarmt – auch derer, die sein Evangelium ablehnen und nicht getauft sind. Nur so kann Israel gerettet werden, das in der Gegenwart mehrheitlich das Evangelium ablehnt. Alle Heilslehren scheitern letztlich. Denn das Erbarmen Gottes über alle Menschen bleibt unbegründbar und durchkreuzt alle vorhergehenden Vorstellungen von einem Heil durch Tun des Guten. Gottes Gnade ist radikal. Diese Gnade hat in jeder Heilslehre einen eigenen Akzent. Innerhalb der Gesetzesfrömmigkeit ist es eine ‚aufschiebende Gnade‘, die Umkehr angesichts des drohenden Gerichts ermöglicht (2,4). Innerhalb der Rechtfertigungslehre ist es eine ‚inkongruente Gnade‘, die dem gilt, der unwürdig ist, sie zu empfangen, dem Sünder und Gottlosen (4,5). In der Verwandlungslehre ist es eine ‚effektive Gnade‘, die den Christen verwandelt, sodass er das Gute tut, weil Gottes Geist in ihm wohnt und er mit Christus mystisch verbunden ist (6,1-11; 8,1-39). In der Erwählungslehre ist es die ‚prädestinierende Gnade‘, die sich unabhängig vom Verhalten der Erwählten macht und selbst an denen festhält, die ihre Erwählung ablehnen (11,28) (492f).

Ebenso hat das Gesetz im Rahmen jeder Heilslehre eine unterschiedliche Funktion, denn es verführt in unterschiedlicher Weise zu Fehlhaltungen: Die Wekrgerechtigkeit verführt zum Gesetzesstolz des Juden, der auf die Heiden herabsieht (2,17-24); der Rechtfertugungsglaube ist mit Gesetzesangst verbunden, solange Gott dem Menschen als Richter und nicht als Liebender entgegentritt (4,15). Die Verwandlung zu einem neuen Menschen, der nicht mehr unter dem Gesetz steht, macht den Gesetzesmissbrauch des alten Menschen bewusst (7,7-25). Die Erwählung des Menschen vor seiner Geburt macht jedes Vertrauen auf menschliches Tun illusorisch (9,11f.30-32). Die Gesetzeskritik ist nicht weniger widersprüchlich als jede dieser Heilskonzeptionen (493).

- Universalisierung des Heils für alle Menschen: Die Entstehung einer trans-ethnischen Identität: Der Röm wird sizialgeschichtlich als Dokument einer aus dem Judentum stammenden Bewegung gedeutet, die ihre Wurzeln in den unteren Gesellschaftsschichten hat und sich im Laufe der Zeit universalisiert hat. Die Neudefinition der Abstammung: Nicht die leibliche Herkunft von Abraham begründet die Zugehörigkeit zum Gottesvolk, sondern die Verwandtschaft aufgrund des gemeinsamen Glaubens. Dazu kommt die Universalisierung des Kultes: Alle Völker sollen Zugang zum zentralen Kult in Jerusalem haben, auch wenn sie wie die Christen mit paganem Hintergrund nicht das ganze Gesetz halten. Die Universalisierung des Gesetzes schreibt allen Völkern eine lex naturalis zu und definiert Gesetzeserfüllung als Erfüllung des Liebesgebotes. Paulus deutet die atl Geschichte neu als Weissagung und Typologie, die auf die Einbeziehung aller Völker ins Heil zielt. Die Öffnung des Kultes stellt sich Paulus sehr konkret vor: Christus wird ‚aus Zion‘ erscheinen und alle Juden dafür gewinnen, auch Heiden zum Tempelkult zuzulassen, sodass ‚die Fülle der Heiden hineingehen‘ kann (11,25) – konkret: Sie dürfen auch den inneren Tempelbezirk betreten, von dem sie bisher ausgeschlossen waren.

Dieser Öffnung auf globaler Ebene entspricht das Zusammenleben von Starken und Schwachen in Rom auf lokaler Ebene: Ihr Konflikt ist ein Konflikt zwischen Christen mit heidnischem und Christen mit jüdischem Hintergrund. Die Generalisierung des Fleischtabus unter den judenchristlichen ‚Schwachen‘ ist nicht allein aus jüdischen Traditionen erklärbar, sonder auch politisch bedingt (493f).

- Der Römerbrief – ein persönliches Bekenntnis des Paulus: Paulus enthüllt seine Befürchtung, dass sein Leben in Jerusalem durch Fanatiker bedroht sei (15,30-32). Die Furcht des Paulus war berechtigt, denn er machte sich dafür stark, dass die Heiden Einlass in den ihnen verbotenen inneren Tempelbezirk erhalten sollten. Eine solche Tat konnte den Tod durch Lynchjustiz zur Folge haben (494f).

Die Abfolge der vier Heilslehren entspricht der Biographie des Paulus. Die Glaubensentwicklung des Paulus begann mit der jüdischen Gesetzesfrömmigkeit seiner Judend. Die Rechtfertigungslehre hatte ihren Ursprung in seiner Wende vor Damaskus. In der Verwandlungslehre schlagen sich seine Erfahrungen mit der Heidenmission nieder und die Erwählungslehre wird für ihn angesichts seiner unmittelbar bevorstehenden Jerusalemreise wichtig. Mit ihr kann er Gottes bleibende Zuwendung zu Israel begründen, obwohl Israel sein Evangelium ablehnt und sich von ihm abwendet. Paulus formuliert diese Erwählungslehre aufgrund eigener Erfahrungen: Auch ihn hat Gott vor Damaskus erwählt und berufen, als er noch ein Feind der Christen war und das Evangelium ablehnte (495).

In Röm 7 schildert Paulus einen typisch menschlichen Konflikt. Er kann ihn nur aufgrund seines persönlichen Erlebens so lebendig schildern, um eine neue Erkenntnis zu vermitteln: Dass das Gesetz nicht von gesetzeswidrigen Antrieben befreit, sondern sie weckt und in sie hineinführt – es sei denn, der Mensch wird durch den ‚Geist‘ verwandelt, sodass er dem ‚geistlichen Gesetz‘ entsprechen kann.

Die Entwicklung des Paulus wurde dadurch vorangetrieben, dass er sich immer wieder mit den Argumenten und Positionen seiner Gegner auseinandersetzte, von ihnen lernte und ihre Anliegen in einer Weise aufgriff, die diese Anliegen oft noch konsequenter zuspitzte: Er verfolgte einst die Christusanhänger, weil sie sich für Nicht-Juden öffneten, vertrat aber nach seiner Bekehrung diese Öffnung in noch konsequenterer Form als Heidenmissionar. Er widersetzte sich in Antiochia Petrus und Barnabas, als sie in Speisefragen judenschrislichen Bedenken nachgaben. In Korinth und Rom übernahm er jedoch im Konflikt zwischen Starken und Schwachen mehr oder weniger deren versöhnliche Position. Er polemisierte hart gegen judenchristliche Gegenmissionare in Galatien und Philippi, dann aber vertrat er im Röm ihr Grundanliegen: die Bewahrung der Einheit von Juden und Christusanhängern unter Juden und Heiden, nur dass er von seinen Gemeinden keine Anpassung an das Judentum verlangte, sondern vom Judentum eine Reform, sodass auch seine Gemeinden in ihm ihren Ort finden können. Paulus hat immer wieder von denen gelernt, die er einmal bekämpft hat (495f).

- Die Vision des Paulus: Reform und Öffnung des Judentums: Paulus ist ein Reformator, weil er zwar an den drei entscheidenden Ausdrucksformen der jüdischen Religion, ihrem Kult, ihrem Gesetz und ihrer Geschichtserzählung, festhält, diese aber reformieren will. Sein Scheitern ist in seinem Reformprogramm angelegt. Die Reduktion des Gesetzes auf das Liebesgebot, die utopische Hoffnung auf eine Öffnung des Tempels, die Öffnung der Geschichte des Gottesvolkes für alle Völker hat nur wenig gemeinschaftsgründende Kraft. Solche Liberalisierungen verwischen das Profil einer Gemeinschaft. Paulus gleicht diese Offenheit dadurch aus, dass er die erneuerte jüdische Gemeinschaft durch deren Beziehung zum Messias Jesus Christus definiert. Der Glaube an Christus unterscheidet sie von allen anderen Gemeinschaften und kann auch nach innen hin die Offenheit vieler Normen ausgleichen. Durch die christozentrische Begründung seines Reformprgramms entsteht dabei eine Spannung zum Judentum, die zur Trennung der Christusanhänger vorm Judentum führen musste. Eine kultische Verehrung einer zweiten Gestalt neben Gott musste aufgrund des jüdischen Monotheismus vom Judentum abgelehnt werden. Paulus wird nicht wegen seines Christusglaubens von Juden abgelehnt, sondern wegen seiner Liberalisierung der rituellen Praxis – seiner Relativierung von Beschneidung und Speisegeboten sowie seinem Traum von einer Öffnung des Tempels für alle. Sein messianisches Reformjudentum (mit einem neuen Verständnis des Messias) zielte auf eine Öffnung des Judentums für seine heidenchristlichen Gemeinden. Paulus weiß, dass sein Reformversuch gefährdet ist. Was ihm in seiner gefährdeten und scheiternden Mission Kraft gibt, ist sein Glaube: eine innere Kraft im Menschen, die ihm geschenkt wurde. Dieser Glaube ist Glaube an das Handeln Gottes durch Christus in der gegenwärtigen Endzeit (496f).

Wie sich Gott im Laufe des Röm durch seine Offenbarung in Christus von einem zornigen Gott zu einem liebenden Gott verwandelt, so verwandelt sich auch der Mensch durch seine Verbindung mit Christus von einem aggressiven zu einem kooperativen Wesen. Die ganze ‚Heilsgeschichte‘ wird durch den persönlichen Glauben zu einer inneren verändernden Kraft im Leben. Das Anliegen des Paulus ist, dass alle Menschen den einen und einzigen Gott verehren. Er will die Ziele Gottes mit seinem Volk für die ganze Welt zum Ziel führen. Der eine und einzige Gott will von allen Menschen und von ihnen mit ihrem ganzen Leben verehrt werden. Er weiß, dass sich die Menschen verändern müssen, um ihre Feindseligkeit und Abneigung gegeneinander zu überwinden. Dazu dient der Messiasglaube, wie Paulus ihn umformuliert hat. Alle müssen ihre Traditionen wie Paulus neu interpretieren, um sie für andere Menschen zu öffnen. Alle Menschen müssen wie Paulus separatistischen Fanatismus überwinden. Das Ziel: Am Ende soll Gott alles in allem sein (1Kor 15,28) (497).