II. JESUS, der  'IMMANUEL'  

 

1. Jesus, der 'IMMANUEL'  d.h. Gott hat ein Gesicht, Gott ist erfahrbar
"Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" (Mt 28,20b)´
Anhang Mt 28,20b: Die Parusie erscheint als das Hervortreteten dessen, der jetzt schon mit den Seinen ist
2. 'MIT EUCH' -  die christo-logische und theo-logische Basis der Gemeinde nach Mt (mit euch)
Anhang a : Das Vaterunser - die betende Einübung in die Gotteskindschaft
Anhang b: Jesus hat beim Leiden der Menschen angesetzt 

 

H. Frankemölle: Das MtEv ist ein bewusst literarisches Werk, das nach der Exkommunikation durch die Synagoge das AT theologisch in die universal orientierte Kirche einbringt, wobei der Evangelist Aspekte der bundestheologischen Konzeption der deuteronomistischen und chronistischen Geschichtsschreibung übernimmt. Diese spezifische relecture des AT ist durch die Situation der mt Gemeinde bedingt. Der christliche Lebenskontext z.Zt des Mt ist geprägt von der Zerstörung des Tempels in Jerusalem, vom langsam sich durchsetzenden Ausschluss aller jüdischen Häretiker (auch der Judenchristen) aus der Synagoge. Für Mt ging es vor allem um das Verhältnis der Christologie zum AT und um das Verhältnis seiner Gemeinde zum Gottesvolk des früheren Bundes. Wie Jahwe immer ein ‚Gott für Israel‘ ist, so ist auch Jesus die Wirklichkeit Gottes ‚für‘ sein und ‚mit‘ seinem Volk. Mt betont die Einheit des irdischen Jesus mit dem erhöhten Jesus als Garanten der Tradition. Unter dem Aspekt der jüdisch-christlichen Identitätssuche ist der Rückgriff des Mt auf das AT als heiliger Schrift konsequent (VIIf).

Das MtEv ist zu verstehen als eine am AT ausgewiesene christologische Legitimitätsschrift, wobei die Christologie Grundlage für das jüdisch-christliche Selbstverständnis der mt Gemeinde ist. Mt wie die mt Gemeinde standen im Spannungsfeld von jüdisch/judenchristlichen und heidenchristlichen Traditionen (VIIIf).

Auch wenn Mt die erste seiner meta-Zusagen (1,23) Jes 7,14 entnommen hat, so gewinnt diese Stelle doch ihre Aussagekraft erst im Gesamt des mt Entwurfes. Mt kommt es darauf an, den geschichtlichen Wandel von Israel als Gottesvolk zur Kirche als Anwärterin der Basileia (21,43) von Jahwes Treue her und von der Bedeutung Jesu für Israel und von der Kirche her zu deuten. Ziel der theologischen Geschichtsreflexion ist die Legitimation und Identität der mt Gemeinde (Xf).

Wie bei Paulus so kann auch bei Mt das Grundbekenntnis, dass in Jesus die eschatologische Äonenwende stattgefunden hat, Versöhnung bewirkt und die messianische Zeit angebrochen ist, im ökumenischen Gespräch nicht zur Disposition stehen (XIII).

 

1. JESUS, der  'IMMANUEL'  d.h. Gott hat ein Gesicht, Gott ist erfahrbar


"Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" (Mt 28,20b)

(1) Gott
(2) Die neue Grundgeschichte
(3) Jesus
(4) Die Jesusgeschichte als ‚inklusive‘ Geschichte
(5) Jesu Konfliktgeschichte in Israel
(6) Zur Bedeutung der Jesusgeschichte des Matthäus heute
(7) Mt 23 - ein situationsbedingter Text

U. Luz (2002)

 

(1) Gott: In der Gestalt Jesu ist Gott bleibend „mit“ seiner Gemeinde bis ans Ende der Welt. Die Geschichte Jesu hat zuerst eine theologische Grundbedeutung.

- Durch Jesus erfährt die Gemeinde Gottes Hilfe. Die Wundergeschichten: Jesus führt die Menschen von der Blindheit zum Sehen (9,27-31; 20,29-34 usw.). Er richtet sie auf (9,2ff; 11,5). Er besiegt die Dämonen und begleitet seine Jünger in den Stürmen des Lebens und streckt seine Hand über sie aus, wenn sie verzweifeln und versinken (8,23ff; 14,22ff). In solchen Geschichten vernehmen wir, wie Gott in unserem eigenen Leben „mit uns ist“.

- Darum wenden sich die Hilfesuchenden auch mit ihrem Gebet an Jesus (8,25; 14,30, 15,22; 17,15; 20,30ff). In diesen Gebeten an den Kyrios Jesus erkennen wir die biblische Gottesanrede Kyrios und die Gebetssprache der Psalmen.

- Weil der Immanuel Jesus die Gestalt Gottes ist, in der er uns begegnet, spielt der Gottessohntitel im MtEv eine tragende Rolle. Als Gottessohn wird er den Menschen von Gott geoffenbart (3,17; 16,17; 17,5; 11,27) (460).

- Jesus nennt Gott „Vater“; Gott ist nicht nur der Vater Jesu (z.B. 11,25ff; 26,39.42), sondern auch der Vater der Gläubigen (z.B. 6,9; 28,19). Die Beziehung der Glaubenden zu Gott ist durch Jesus bestimmt. Die Jesusgeschichte des Mt bestimmt und prägt für uns das Bild Gottes. Seit seiner Geburt ist der irdische Jesus der „Immanuel“ (461).

 

(2) Die neue Grundgeschichte ist die Geschichte einer neuen Basiserfahrung, weil der Gott Israels in der Geschichte Jesu auf neue Weise mit seinem Volk war und ist. Es geht um ein neues Handeln des biblischen Gottes an Israel.

- Schon der Titel 1,1: „Dies ist das Buch der Geschichte Jesu Christi des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“ macht klar, dass diese Geschichte im Horizont der Bibel erzählt wird und ‚biblische‘ Dignität haben will.

- Die Erfüllungszitate besagen, dass die Jesusgeschichte die Vollendung und Erfüllung dessen ist, was Gott in der Bibel durch die Propheten angekündigt und geboten hat.

- Das Handeln des Gottes Israels erreicht in der Geschichte Jesu seine Vollendung. Das zeigt sich daran, dass es am Ende mit dem Missionsbefehl einen weltweiten Horizont gewinnt (28,18-20). Dieser ist durch die Propheten (4,15ff; 12,18ff) und durch Jesus selbst (z.B. 5,14; 8,11f; 13,38; 22,8ff; 24,9ff) angekündigt worden (461f).

 

(3) Jesus: Der Evangelist erzählt, wer Jesus ist. Durch seine Jesusgeschichte verdeutlicht er den Gehalt der christologischen Titel

- Mt erzählt vom Christus, vom Sohn Davids (vgl. 2,2ff). Am Schluss der Jesusgeschichte erweist sich der Messias Israels als Herr der ganzen Welt (22,41ff; 28,18).

- Jesus erweist sich als friedlicher und gewaltloser König (21,1ff). Ihm geht es nicht um sein eigenes Reich, sondern um das Himmelreich. Er macht von seiner himmlischen Macht keinen Gebrauch (26,53; 4,8ff), sondern lässt sich als König Israels verspotten und hinrichten (27,27ff.38ff). Nach seiner Auferweckung herrscht er über die ganze Welt durch die Verkündigung seiner Jünger (28,18-20).

- Mt erzählt die Geschichte des Leidens Jesu in aller Härte, ohne an der göttlichen Macht Jesu einen Zweifel zu lassen.

- Er erzählt die Geschichte des Lehrers Jesus, der sein Volk lehrt und ihm das „Evangelium des Reichs“ verkündet (z.B. 4,23; 9,35). Er ist der einzige Lehrer seiner Jünger, der sie zum Verstehen führt (13,16.18.51). Jesu ganzes Leben wird zur Verkörperung seiner Botschaft. Der Lehrer Jesus wird zum Vorbild und zum Lebensmodell für die Jünger (462f).

- Mt erzählt die Geschichte des Gottessohnes (2,15; vgl. 1,18ff): Jesus ist nicht nur der König auf dem Thron Davids (2Sam 7,13f) und der geoffenbarte Repräsentant Gottes (3,17; 17,5), er ist zugleich der vorbildlich Gehorsame (4,1-11), der den von ihm verkündeten Willen Gottes selbst praktiziert, sodass an ihm der Wille des Vaters geschieht (26,39.42). Weil er auf Gott vertraut hat, hat Gott ihn gerettet – nicht vor seinem Tod, sondern durch die Auferweckung (27,43). Neu ist gegenüber biblischem Denken, dass Gott in einem Menschen „mit“ seinem Volk ist und in ihm in einzigartiger und endgültiger Weise erfahrbar wird. Durch Jesus handelt Gott. Vom mt Verständnis der bleibenden Gegenwart Gottes in Jesus her ist eine eigenständige Pneumatologie unnötig.

- Der Ausdruck „Menschensohn“ erinnert an das Ganze des Weges Jesu, der arm war und verspottet wurde (8,20; 11,19), sich als Angeklagter vor seinem Richter offenbarte, erhöht wurde und als Weltenrichter über alle Völker richten wird (463f).

 

(4) Die Jesusgeschichte als ‚inklusive‘ GeschichteMt entwirft seine Jesusgeschichte als Geschichte, die die Erfahrungen der Gemeinde und diejenigen der einzelnen Gemeindemitglieder ‚einschließt‘. Christologische Grundlage der mt Erzählweise ist die Überzeugung, dass der vergangene Jesus, dessen Geschichte Mt erzählt, zugleich der bei seiner Gemeinde gegenwärtige Christus ist. Wir sollen unsere eigenen Erfahrungen von der Geschichte Jesu her verstehen und deuten bzw. uns durch die Jesusgeschichte ermutigen und anspornen lassen.

- In vielem widerfährt den Jüngern dasselbe Schicksal, das Jesus widerfahren ist. Auch sie werden von Israel abgelehnt und werden überall in der Welt Verfolgung erfahren (24,9-14). Auch sie werden ihr Kreuz tragen müssen (10,38f; 16,24f).

- In der Gestalt der Jünger sind die Leser „mit“ Jesus, hören seine Worte und machen mit ihnen ihre eigenen Erfahrungen auf ihrem Weg der Nachfolge. Das MtEv will nicht ‚Informationsquelle‘ über das Leben Jesu sein, sondern ‚Lebensquelle‘ für das eigene Leben (465f).

Mt spricht von Gott, indem er von einem Menschen spricht. „Jesus ist der Immanuel“. Gott hat ein Gesicht, Gott ist erfahrbar. Die mt Jesusgeschichte entlastet von der Suche nach einem nebulös gewordenen „Gott an sich“ (468f).

 

(5) Jesu Konfliktgeschichte in Israel

U. Luz (Bd IV): In dieser Konfliktgeschichte verarbeitet Matthäus den eigenen Schmerz über die Trennung von der ‚Mutter‘ Israel. Es kommt zu harten, weder historisch noch theologisch von Jesu Botschaft der Feindesliebe her zu rechtfertigenden negativen Pauschalurteilen über Pharisäer und Schriftgelehrte (Kp 23) und zu raffiniert-böwilligen historischen Fiktionen (27,24f.62ff; 28,11ff). Sie sind nur aus der damaligen, ganz besonderen historischen Situation und aus der Situation eines Nachentscheidungskonflikts verstehbar (466).

Der Konflikt war unausweichlich, denn für Matthäus und seine Gemeinde ist die Autorität des Menschensohns Jesus so überragend und seine Geschichte in Israel derart grundlegend, dass nur die Gestalt und die Botschaft Jesu die Grundlage Israels sein können. Jesus hat für sich und seine Worte letzte Autorität beansprucht (Q 6,47ff = Mt 7,24ff; Q 12,8f = Mt 10,32f) und wahrscheinlich sich selbst für den kommenden Menschensohn-Weltrichter gehalten. Er hat seiner eigenen Radikalisierung der Mosetora eine kaum überbietbare Autorität zugesprochen und sein eigenes Wirken in einen Zusammenhang mit der Ankunft des Gottesreichs gebracht (Q 11,20ff; vgl Lk 10,18). Die negative Reaktion großer Teile Israels musste von daher fast zwangsläufig eine heftige Gegenreaktion der Jesusbewegung auslösen (Q 10,13ff = Mt 11,20ff). Dass der Evangelist das Nein der großen Mehrheit Israels zu Jesus, das sich nach dem Jüdischen Krieg abzeichnete, als Katastrophe erfuhr und entsprechend reagierte, ist von Jesus her gleichsam ‚vorprogrammiert‘ (467).

Das MtEv ist religionsgeschichtlich gesehen ein wichtiger Text, der dokumentiert, wie die jüdische Jesusbewegung, ohne es selbst zu wollen und gegen die Absicht Jesu (10,5f), zur eigenständigen, vom Judentum losgelösten Religion und ein Teil der heidenchristlichen Kirche wurde. In der Situation der Trennung von der Mehrheit Israels betont der mt Jesus den jüdischen Charakter seines ‚Evangeliums vom Reich‘ (5,17ff; 9,13; 12,7; 2240). Matthäus hebt durch die Erfüllungszitate die Kontinuität zwischen Jesus und der Bibel Israels heraus. Er tut dies polemisch gegen die Mehrheit des damaligen Israel, die den Anspruch Jesu ablehnte (467).

 

(6) Zur Bedeutung der Jesusgeschichte des Matthäus heute

Die neue Grundgeschichte: Matthäus stellt in seinem Evangelium Jesus ins Judentum hinein, als Erfüller von Torah und Propheten und als Teil und Höhepunkt der Geschichte Israels. Der Evangelist hat das polemisch akzentuiert, um den Anspruch der Jesusgemeinden auf das Erbe Israels zu betonen. Auch wir sollten Jesus als Juden neu sehen lernen, um unsere eigenen Christusbilder hinterfragen zu können. Matthäus erzählt als Grundgeschichte für seine christliche Gemeinde die Geschichte eines Juden. Als Geschichte eines Juden wird sie in der Perspektive des Matthäus zur Grundgeschichte des Chistentums (469f).

Vielfarbigkeit Jesu: Welchen Beitrag für die ‚Einheit‘ der Kirche kann das MtEv leisten? Einen Beitrag zu einer theologisch normierten und kirchenamtlich geregelten Einheit der Kirche kann die Jesusgeschichte des Matthäus nicht leisten. Zu offen und zu vielfältig deutbar ist sie. Aber als Grundbuch für gemeinsame Erfahrungen und Wegstücke mit Christus hat das MtEv immer wieder Menschen aus verschiedenen Konfessionen zusammengeführt und wurde zur Basis für etwas, was U. Luz ‚Gemeinschaft‘ der Kirche nennt (471).

Erfahrungen mit dem Immanuel: Die Jesusgeschichte des Matthäus leitet uns dazu an, eigene Erfahrungen mit dem „Immanuel“ Jesus zu machen. „Gott ist mit uns“ heißt, dass auch in unserem Leben und in unseren Kirchen etwas geschieht! Die Jesusgeschichte des Matthäus kann deutlich machen, dass Heil mit Heilung und Erfahrung, Verstehen mit Praxis, Bekenntnis mit Leiden, Glaube mit Vertrauen und vor allem mit Gebet zu tun haben. Verstehen ist mehr als Begriffenhaben, wer Jesus ist und was er will, ebenso wie die Erfahrung der lebendigen Gegenwart Gottes mehr ist als das Wissen, dass Jesus der „Immanuel“ ist. In der mt Jesusgeschichte geht es um Erfahrungen, nicht um gelernte Sätze. Die ‚inklusive‘ Jesusgeschichte verlangt eine ganzheitliche Hermeneutik, in der Glaube und Leben, Theologie und Praxis zusammenkommen (471).

Die Jesusgeschichte des Matthäus muss für uns eine Aufforderung sein, unser Verhältnis zum Judentum neu zu bedenken. Die mt Jesusgemeinde war eine bedrängte, jüdische Minorität, die von seiten der Mehrheit Israels Ablehnung, vielleicht sogar Verfolgung erfahren hat. Sie wurde in der schwierigen Situation der Konsolidierung Israels nach der Katastrophe des Jahres 70 an den Rand Israels gedrängt bzw. aus Israel herausgedrängt. Wie Matthäus haben wir die Grundgeschichte Jesu mit unseren eigenen Erfahrungen zu verbinden. Weil die Jesusgeschichte des Matthäus zur kanonischen Geschichte geworden ist und ihre historische Kontextualität abgestreift hat, kommen wir an diesem Punkt ohne einen Widerspruch zur Jesusgeschichte des Matthäus nicht aus (472).

 

(7) Mt 23 - ein situationsbedingter Text

U.Luz (Bd III): Mt 23 ist Verrat an Jesu Verkündigung von Gottes unverdienter und grenzenloser Liebe, die vor allem Israel galt (399).

Die Weherede ist das Ergebnis der Verarbeitung eines Konflikts durch die in diesem Konflikt unterliegende Gruppe. Diese Verarbeitung hat sie weit von Jesus entfernt. Aber sie hat in einer schwierigen Übergangssituation der judenchristlichen Gemeinde des Matthäus das Überleben und die Neuorientierung erleichtert. Mt 23 ist kanonisiert worden. Damit wurde der Text, der für eine gebeutelte und leidende judenchristliche Gemeinde geschrieben worden war, zum Besitz von Menschen, die weder geborene Juden noch leidend waren. Dadurch verlor er ein Stück seiner Menschlichkeit und wurde zum Anlass zu schlimmer Sünde. Matthäus selbst kann dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Mt 23 gehört zu jenen Teilen des Kanons, die in besonderem Maß menschlich sind. Damit gehört Mt 23 zu jenen Teilen des Kanons, die Christen und Kirchen auch an ihre eigene Menschlichkeit erinnern und sie daran hindern kann, als vermeintliche Besitzer ewiger Wahrheiten selbstgerecht und überheblich zu werden (401).

 

Anhang Mt 28,20b: Die Parusie erscheint als das Hervortreten dessen, der jetzt schon mit den Seinen ist.

Gnilka, Das MtEv (1988): Die Tätigkeit der Jünger geschieht im Auftrag des Erhöhten und Kraft seiner Vollmacht. Das auszurichtende Wort ist die Wiederholung des Wortes des Irdischen, das seine geistige Kraft in der Lebenspraxis der Jünger entfalten will. Jesus erscheint nicht als neuer Mose, sondern in seiner Erhöhung als Gottes Stellvertreter, der wie einst Jahwe Weisungen gibt und Heilt zusagt. Diese Zusage des Mitseins hat ihr Vorbild im AT, wo Jahwe den von ihm Gesendeten oder ganz Israel genau dies verheißen konnte (Gn 26,24; Ex 3,12; Dt 20,1.4; 31,6; Jos 1,9; Ri 6,12.16; Js 41,10; 43,5). Jesus tritt an die Stelle Jahwes und übernimmt dessen Amt im Hinblick auf das neue Gottesvolk. Sein Mitsein ist zu bemessen an dem, was den Jüngern aufgetragen ist und was entstehen soll. Es sind Auseinandersetzungen, Härten, Entbehrungen zu erwarten. Er ist mit ihnen als Helfender, Tröstender Aufrichtender. Es ist das Mitsein der Kraft, das als Hilfe erfahren wird, vor allem im Wort und dessen Verwirklichung. Es geht über den jüdischen Glauben, dass Gott mit der Thora bei seinem Volk ist, hinaus. Denn dieser ‚Jahwe‘ war als der Irdische unter ihnen und will als derselbe und nunmehr Erhöhte mit ihnen sein. Die Parusie erscheint als das Hervortreten dessen, der jetzt schon mit den Seinen ist (510).

Die Perikope (28,16-20) ist ein Vermächtnis besonderer Art, weil Jesus bei der Jüngerschaft bleibt und weil diese aus seiner Vollmacht heraus handeln soll. Der mit göttlicher Vollmacht ausgestattete Christus bleibt der Welt zugewandt, indem er bei der Jüngerschaft bleibt und sie beauftragt, sich den Menschen, den Völkern in einem umfassenden Sinn zuzuwenden. Er erweist sich als der Immanuel (1,23), als der Gott-mit-uns für das neue Gottesvolke, das aus den Völkern bestehen soll. Im universalen Reich des Menschensohnes wird der Same ausgestreut (13,36-43), werden Menschen in Stand gesetzt, in Verantwortung für einander zu leben (vgl. 25,34-46), entsteht die messianische Kirche, bestehend, aus fragilen Menschen, die angewiesen bleiben auf die stärkende Gegenwart ihres Herrn (511).

Die Botschaft des Mt ist theozentrisch. Alle Ürsprünge liegen bei Gott, das Ziel von Mensch und Welt ist bei ihm. Vor allem sind es Gleichnisse von den bösen Winzern 21,33ff vom königlichen Hochzeitsmahl (22,1ff), die die Heilsinitiative Gottes veranschaulichen. Er hat den Weinberg gepflanzt und in Geduld immer wieder seine Knechte (die Propheten) und zum Schluss seinen Sohn gesandt. In seinem Wirken besteht die Kontinuität zwischen dem Alten und dem Neuen. Das am häufigsten vorkommende Gottesprädikat ist der Vatername. Wenn Jesus den Menschen Gott als Vater verkündet, wurzelt dies in seiner einzigartigen Gottesbeziehung (11,27). Er redet Gott in seinem Beten mit Vater (11,26), mein Vater (26,39.42) an und lehrt die Jünger, dass sie auch so sprechen dürfen. Die den Jüngern geschenkte neue Beziehung zu Gott gibt ihnen Vertrauen, dass sie sich in allen Lebenslagen in ihm geborgen wissen sollen (6,32), gerade auch in der Ausübung ihres Verkündigungsauftrags, der sie in Verfolgungen und Anfeindungen hineinstößt (10,20). In der Rede vom Berg, in der der Vatername Gottes dominiert, kommt diese Zweiseitigkeit von Zuversicht und Forderung besonders deutlich zum Ausdruck. In der Vaterbeziehung zu Gott artikuliert sich die Nachfolge. Denn Jesus selbst stand in grenzenlosem Vertrauen und in uneingeschränktem Gehorsam dem Vater gegenüber (534f).

Gott begleitet das Wirken des Sohnes, indem er Erkenntnis, Einsicht und Offenbarung gewährt. Der himmlische Vater gibt dem Simon Petrus die Einsicht, dass Jesus der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, ist (16,17). Umgekehrt vermag nur der Sohn die Erkenntnis, wer der Vater ist, zu vermitteln (11,27). Am Ende der Antithesen spricht Jesus von der Nachahmung Gottes (5,48). Sie besteht darin, seine Vollkommenheit anzustreben. Letztlich ist es das von Menschen nie zu erreichende Maß seiner ungeteilten, unendlichen Liebe und Güte. Sie bringt den Jüngern auf einen Weg, an dem er selbst Sohn/Kind Gottes wird (5,45). Gott wendet sich dem einzelnen zu. Jesus konfrontiert den einzelnen mit Gottes Nähe und Forderung. Freilich wird der einzelne sogleich an die Gemeinschaft verwiesen (535).

Jesus bleibt bei den Seinen. Der Irdische wirkt fort als der Erhöhte. Damit hängt zusammen, dass Mt weder einen Himmelfahrtsbericht oder eine Abschiedsszene bietet noch eine besondere Geisttheologie entfaltet (547).

Die Nächstenliebe wird für Mt zur Erfüllung des Gesetzes, zum Kriterium, nach dem das einzelnde Gebot bemessen werden muss. In diesem Rahmen bleibt das Gesetz in Geltung, kann es auch kritisiert und radikalisiert werden hin auf den Willen Gottes. Der Nächstenliebe stellt Mt die Goldene Regel zur Seite, die gleichfalls als die Summe von Gesetz und Propheten jene auslegen und anwenden hilft (7,12). Der Ausbau der Reihe der Antithesen (5,21-48) kann als besonderer Beitrag des MtEv zur Problematik der Gesetzesauslegung gelten, mit dem Jesu einschneidenste Forderungen (absolute Wahrhaftigkeit; Gewaltverzicht und Feindesliebe) zur Geltung gebracht werden. Zu einem wichtigen weisenden Wort wird für Mt Hos 6,6 das er zweimal einsetzt, um die Menschenfreundlichkeit Jesu gegenüber einer versteinerten Frömmigkeit zu vermitteln. „Ich will Barmherzigkeit, nicht Opfer“ (Mt 9,13; 12,7) (547).


2. 'MIT EUCH' -  die christo-logische und theo-logische Basis der Gemeinde nach Mt

Die Wendung ‚mit euch‘ ist eine theologische Leitidee des Redaktors des MtEv. 

 

H.Frankemölle (1984)

Matthäus ist es, der diese vom AT vorgegebene Linie konsequent auszieht, sie christologisch und geschichtstheologisch - „ekklesiologisch“ interpretiert. Während die Seitenreferenten die Präposition meta wahllos für das Mitsein mit jeder Person ohne Unterschied anwenden, schränkt Mt es auf die Gemeinschaft mit Jesus ein; meta in der qualifizierten Bedeutung ist der besonderen Gemeinschaft der Jüngerschaft vorbehalten (10f).

1,23: Jesus, der Immanuel: Mt war es nicht nur darum zu tun, Jesus als den Davids- und Abrahams-Sohn zu erweisen, sondern als Davidide und Sohn Abrahams ist Jesus der Sohn Gottes! Auf diese Aussage zielt die Genealogie (1,16). Der Evangelist entnimmt seine Zitate keiner Testimoniensammlung, er sucht und findet sie im AT, übersetzt und redigiert sie für seine Zwecke (15f).

Nicht Israel als Bundesvolk Jahwes, sondern das neue Bundesvolk Jesu aus allen Völkern (1,21) wird Jesus den Immanuel nennen. Dies ist von Gott so gewollt und vorausgesagt (1,22). Dieser Hinweis auf den atl Bundesgott am Anfang des MtEv ist eine besondere Hervorhebung der Bedeutung Jesu für das neue Bundesvolk. Jahwe hat nach Mt vorherbestimmt, dass die im Kontext positive Verheißung des Immanuel in Jesus erfüllt wird, denn: Jesus ist der Immanuel. Das gut atl gedachte Bundesverhältnis Jahwes zu Israel und umgekehrt wird von Mt christologisch durchbrochen, es geht dem Evangelisten um die entscheidende Funktion Jesu zum Volk, d.h. zum atl Bundesvolk und zur ntl Gemeinde zugleich (16f).

Im atl, nicht weniger im mt Kontext ist die gesamte Bundesterminologie und -theologie bei „Gott ist mit uns“ impliziert. Gott ist in Jesus seinem Volk gegenwärtig; in Jesus als dem Immanuel ist der Gemeinde Jesu mit der Gegenwart des Christus Gottes gnändige Gegenwart gegeben. Wie Jesus der Retter von den Sünden ist (dies war im AT nur Jahwe), so ist er auch der Immanuel, d.h. der Gott „mitten“ unter uns. Jesus ist die Epiphanie Gottes auf Erden, in ihm ist Gottes Zusage personalgeschichtliche Realität (18f).

Das chronistische Werk, das dem Redaktor des MtEv entscheidende Denkmodelle lieferte, dürfte auch im Komplex „Jesus als Immanuel“, d.h. Jesus als leibhaftiger ‚Gott-mit-uns‘ die motivgeschichtliche Vorlage geboten haben. Der Chronist intregrierte das irdische Königtum in die Königsherrschaft Jahwes. Nach ihm sitzt der israelitische König als Statthalter auf Jahwes Königsthron. Jahwes Theokratie gilt uneingeschränkt, doch der König ist jeweils sein Mandatar und Stellvertreter auf Erden (19).

Wenn Mt auch keine Jesus-Königs-Theologie entwickeln konnte (Jesus hätte auf gleicher Ebene mit den atl Königen gestanden), so hat er doch im Rahmen der Gottes-Sohn-Theologie an der Vorstellungsstruktur der Vertretung Gottes auf Erden festgehalten. Dabei hat er mit keinem Wort die Vorrangstellung der Theokratie Gottes vermindert, sie aber durch die ihm eigene „Vatertheologie“ transformiert. Die Ausbildung einer eigenen Vatertheologie war eine Folge einer von atl Jahwe-Vorstellungen inspirierten Konzeption der Christologie, wie sie gerade im Kontext der Wendung ‚mit euch‘ sichtbar wird. So hat Mt innerhalb der Christologie den Gedanken des in Vollmacht handelnden Mandatars erheblich verstärkt. Jesus ist auf Erden der mit Gottes Autorität auftretende und Gottes Funktionen übernehmende Gesandte, sodass in seiner Person Gott selbst gegenwärtig ist. Jesus ist sogar der Immanuel, der Gott mit uns.

Jahwe-Bund und Christus-Kirche sind untrennbar; der eine Begriff ist immer nur in Beziehung zum anderen zu denken (20f).

17,17: Die Gottesklage über Israel:O du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht! Wie lange soll ich euch ertragen“? Mt stellt die Jahweboten: Jesus (12,39.41f.45; 16,4; 23,36), Johannes den Täufer (3,7; 11,18f) und die Jünger Jesu (23,34-36) „diesem Geschlecht“ gegenüber, womit in der literarischen Konzeption des Evangelisten „Israel“ gemeint ist; dies bestätigt der Israel-Begriff im MtEv (23).

18,20: Jesus – mitten in der Gemeinde: Israels Glaube, dass Jahwe seine Gegenwart in der Bundesschließung dem Volk Israel zugesagt hat, gilt als theologische Mitte des ganzen Kanons, d.h. für Gesetz, Propheten und Psalmen. Das AT betont die theozentrische Perspektive: Gott ist es, der handelt, spricht und seinen Bund den Menschen anbietet. Jahwe ist der mitziehende und geleitende Gott, er ist „in Israels Mitte“ (Lev 26,12: „Ich will in eurer Mitte wandeln“. Gn 26,24: „Ich bin mit dir auf den Wanderungen“. Joel 2,27: „Ich bin in Israels Mitte“). Die adverbielle Bestimmung „in ihrer Mitte“ entspricht der Präpositionalwendung „mit euch“ (31f).

Dies Mitsein Jahwes mit Israel wird als ein gegenwärtiges, geschichtliches geglaubt. Ebenso wird Jahwes „Wohnen“ beim und unter dem Volk als Beistand und Führung erfahren. Das „Wohnen“ Jahwes „in der Mitte“ Israels ist eine bildliche Vorstellung und Konkretisierung des mit euch unter anderen. So geht nach der Auslegung von Num 35,34 („in dessen Mitte ich wohne“) durch Sifre Num die Schechina mit Israel in die Verbannung der Diaspora: „Lieb sind (Gott) die Israeliten. Denn überall, wohin sie in die Verbannung gingen, war die Schechina mit ihnen...Und wenn sie wieder heimkehren, kehrt die Schechina mit ihnen heim“. Mt 18,20 steht in der Tradition der atl Vorstellungswelt von Jahwes „Mitsein“ bzw. „Wohnen“ in Israels Mitte (33f).

 

28,16-20: Die Bundeserneuerung durch JesusDie Gegenwart des Erhöhten in der Gemeinde

16-17 Präambel

18a. Jesus trat herzu, redete mit ihnen

b. und sprach: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden

19a. So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker,

b. tauft sie …

20a. und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe.

b. Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

                   


18 das Vollmachtswort des Auferstandenen

19a. der Sendungsbefehl

19b-20a. Einzelbestimmungen

20b. der Beistandsspruch

Das eigentliche motivgeschichtliche Vorbild bei der Gestaltung von 28,16-20 war für den Evangelisten Mt der Schlußvers des chronistischen Werkes 2 Chr 36,23. Er enthält das historisch nicht zu verifizierende, also literarisch-theologisch zu verstehende Edikt des Perserkönigs Kyros, das allen Juden nach dem Chronisten die Heimkehr nach Jerusalem erlaubte (50f).

 

                                                                                 
Das Edikt des Kyros 2Chr 36,23Mt 28,18-20
23a. So spricht Kyros, der König von PersienMt 28,18
alle Königreiche der Erde

hat mir der HERR, der Gott des Himmels, gegeben

und hat mir befohlen,

ihm ein Haus zu bauen

zu Jerusalem in Juda.

b. Wer unter euch von seinem Volk ist,

mit dem sei der HERR, sein Gott!

c. und er ziehe hinauf!

                          
23a. Vorgeschichte 
b. BeistandsspruchMt 28,20b
c. BefehlMt 28,19a

 

Den Abschluss des MtEv bildet nicht der Befehl, sondern das Wort vom Beistand, und zwar nicht als Verheißung, sondern als präsentische Zusage (ich bin mit euch/bei euch), nicht als Aussage über Gott, sondern als Wort des erhöhten Herrn selbst. Dieses Offenbarungswort des „Menschensohnes“ (28,18b) und Erhöhten ist als Schlusswort zugleich auch das entscheidende Stichwort (53).

Als Form von 28,16-20 lässt sich – entsprechend dem Bundesformular – ein fünfgliedriges Schema feststellen:

1. 16-17 Präambel,

2. 18 Vorgeschichte mit erfolgter Machtübertragung,

3. 19a Grundsatzerklärung

4. 19b-20a. Einzelbestimmungen

5. 20b. Segen als Verheißung der Gegenwart Christi

Mt 28,16-20 ist nach dem Verständnis des Evangelisten die Bundesbestätigung Gottes durch Jesus für sein Volk. Der Skopus dieser Vv enthält eine Bundeserneuerung, die durch den Mandatar Jahwes auf Erden, d.h. durch Jesus als erhöhten Herrn ausgesprochen wird. Urchristliche Theologie und atl-jüdische Theologie gehen in der Theologie des Mt eine Symbiose ein, sie verschmelzen sogar derart ineinander, dass sie eine Einheit werden (60).

In 28,20b (bis zum Ende der Welt) liegt eine apokalyptische Terminologie vor, die darüber hinaus im NT nur bei Mt vorkommt (13,39.40.49; 24,3 und 28,20) und als terminus technicus für das Ende der Geschichte aus der Danielapokalypse stammt. Diese Wendung sagt nichts über das Ende der Welt, sondern muss zeitlich als Ende der Weltzeit, d.h. der Geschichte verstanden werden (61).

Neben den urchristlichen Schriften (Q, Mk) war das AT in der LXX-Form für Mt eine gleichwertige parallele Tradition, deren Motive er verarbeiten konnte. So ist es nicht fraglich, dass Dan 7,14 sowohl in 24,30 und 26,64 wie in 28,18 eingewirkt hat. Der Einfluss von apokalyptischen Topoi aus Dan 7,13f auf 28,18-20 ist eindeutig (66).

28,18.20: Der Redaktor hat apokalyptisch festgeprägte Vorstellungen aufgenommen, sie stehen aber nicht im Parusie-, sondern im Auferstehungs-Kontext und werden darüber hinaus von der atl geprägten Bundestheologie neu strukturiert. Der Auferstandene ist es, der die Herrschaft ausübt über Himmel und Erde, er ist es, der bei seiner Gemeinde bis zum Ende der Geschichte gegenwärtig ist. Christologie, Apokalyptik und Bundestheologie gehen ineinander über und bilden aufgrund der redaktionellen Komposition eine Einheit (67).

 

Anhang a: Das Vaterunser – die betende Einübung in die Gotteskindschaft

K.-P Jörns (2007): Das Vaterunser Mt 6,9ff ist die Grundordnung des Gottesdienstes und zugleich die kürzeste Zusammenfassung des christlichen Glaubens. Da es die Vergebungsbitte enthält und da diese die Bereitschaft voraussetzt, den Mitmenschen zu vergeben und dadurch Frieden zu stiften, nennt es auch die Grundordnung friedlichen Zusammenlebens. Es stellt alles, was der Mensch braucht, in den Zusammenhang der Gottesbeziehung. Und alles, worum Gott in diesem Gebet gebeten wird, sind Lebensgaben Gottes. Wer das Vaterunser betet, übernimmt Verantwortung für sich und das Zusammenleben mit Menschen (73).

Unser Vater im Himmel: Gott wird als Vater angeredet. Das war keine Erfindung Jesu. Sie ist geeignet, das Grundvertrauen in die unbedingte Liebe Gottes auszudrücken, zu dem Jesus die Menschen eingeladen hat. Das ‚Wir‘ schließt die Betenden zur Gemeinschaft der Söhne und Töchter Gottes zusammen. Sie nehmen ernst, dass sie sich als Menschen verstehen sollen, die Gott an Kindesstatt angenommen hat. Mit der Zustimmung zur Gottessohnschaft stimmen die Betenden aber auch der Bürde zu, die sich mit dieser Würde nicht nur im Gottesdienst verbindet: mitzuwirken im Friedensdienst Gottes.

Dein Name werde geheiligt“: In der ersten Bitte geht es darum, dass wir Gott bei uns wirklich Gott sein lassen: Er ist der Eine und Einzige (74).

Dein Reich komme“: Die zweite Bitte hofft, dass Gott unseren Sinn öffnet für die Kraft der Liebe, mit der Jesus die Welt der Angst überwunden hat (Jh 16,33). Diese Bitte hofft darauf, dass Gott sich selbst als Geist und Liebe (1Jh 4,16) durchsetzt und uns die Angst austreibt, durch die wir unseren Lebensmut verlieren. 1Jh 4,18: „Furcht ist nicht in der Liebe. Die vollkommen Liebe treibt die Furcht aus“.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“: Die dritte Bitte möchte Gott und Menschen verbunden haben.

Unser tägliches Brot gib uns heute“: Die vierte Bitte bittet um das Brot des Lebens. Sie bittet um Nahrung in leiblicher und seelischer Gestalt, um spürbare Erfahrung von Geistesgegenwart und Liebe in unserem Leben.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben (haben) unseren Schuldigern“: Die fünfte Bitte ist die Mitte des Gebets. Sie bittet Gott um die Lebensgabe der Vergebung: dass Gott uns frei lässt aus der Gefangenschaft, in der uns festhält, was wir Gott und Menschen an Liebe schuldig geblieben sind. Wir bitten aber auch um Gottes Vergebung für diejenigen, die an uns schuldig geworden sind und geben sie von uns aus frei. Mit dieser Bitte lassen wir uns hineinnehmen in Gottes Friedensdienst in der Welt (75).

Und führe uns nicht in Versuchung...“: In der sechsten Bitte überlassen wir uns Gott auch für alle Stunden, in denen wir nichts von seiner Gegenwart und Liebe spüren und versucht sind zu glauben, diese Welt sei rettungslos ausgeliefert an lebensfeindliche Mächte. Wir bitten darum, dass Gottes Geist und liebevolle Menschen an uns festhalten, auch wenn uns scheinbar alle guten Geister verlassen haben (75f).

...sondern erlöse uns von dem Bösen“: In der letzten Bitte bitten wir um die Erlösung von dem Bösen, von allem, was in uns und um uns dagegen streitet, dass Gott Liebe ist. Wir bitten Gottes Geist um die Gewissheit, dass wir uns auf Jesu Verkündigung verlassen können. 

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“: Ohne Lobpreis soll kein Gebet zu Ende gehen. Denn was wir von Gott erbitten, ist und hat er in sich. Jede Bitte ist Dank dafür, dass Gott selbst die grenzenlose Fülle der Lebensgaben ist (76).

 

Anhang b: Jesus hat beim Leiden der Menschen angesetzt

Das Leiden der Menschen unter seelischen und körperlichen Nöten hat Jesus stark berührt. Das gilt vor allem für Leiden, durch die Menschen aus der Gemeinschaft der anderen verbannt sind, weil sie aufgrund von religiösen Vorschriften gemieden werden mussten. Heilungsgeschichten erzählen, dass Jesus in solchen Fällen interveniert und die Gemiedenen in ihre jeweilige Lebensgemeinschaft zurückgeführt hat (62).

Der „Heilandsruf“ Jesu (Mt 11,28-30): Seine Einladung an alle, zu ihm zu kommen, heißt, sie sollen an ihn und seine besondere Autorität glauben und von seinem Weg lernen. Er nämlich tut den Willen Gottes, weil er „sanftmütig und von Herzen demütig“ ist (das ist eine Aussage der Gemeinde). Seine religiösen Kontrahenten aber bezeugen keinen liebevollen, sondern verwalten einen unerbittlichen Gott. Den Leidenden will Jesus helfen, will ihr Leben erleichtern, ihnen vermitteln, dass Gottes Weisungen nicht dazu da sind, ihnen ihr Leben zur Hölle zu machen; Gottes Ordnungen sind für die Menschen gemacht. Seine Gaben sind Lebensgaben (62f).

Jesus verkündet einen Gott, der weiß, dass das Leben schwer ist, gerade für diejenigen, die aus irgendeinem Grund benachteiligt sind. Wir sollen Gott im Gebet anreden, ‚wie die Kinder ihren lieben Vater‘ (Luther). Jesus hat einen wahrnehmenden, aufmerksamen, liebevollen Gott offenbar gemacht, indem er ihnen sanftmütig und als jemand entgegenkam, der ihnen dienen wollte: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene“ (Mk 10,45). Das soll und kann man glauben, wenn man den Lebensweg Jesu sieht. Die Fortsetzung: „und gebe sein Leben als Lösegeld für viele“ ist ein spätere Zusatz (63).

Jesus hat sich mit den Leidenden identifiziert (Mt 25,31-45): Im Gleichnis vom Weltgericht identifiziert sich der Erzähler, Jesus, mit dem Weltenrichter. Er erklärt den erstaunten Menschen, was den Ausschlag dafür gegeben habe, jemanden zum Erben, des Reiches seines Vaters zu machen: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mich getränkt; ich war fremd und ihr habt mich behergt; ich war nackt und ihr habt mich bekleidet; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“. Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mit getan“ (Mt 25,40). Das Gleichnis nennt Situationen, die das Leben schwermachen und Menschen an den Rand bringen können (65).

Daraus, dass Jesus die Leiden der Menschen wahrnimmt und den Seinen das Beispiel der dienenden Liebe gibt (Jh 13), folgt eine christologische Ethik: Die Tora wird nur erfüllt , wenn sie verstanden wird als Gottes Dienst am Leben seiner Geschöpfe. Nur Liebe macht einen Menschen „vollkommen“ (Mt 5,43-48) und wer aus Liebe handelt, ist „vollkommen wie euer Vater im Himmel“ (5,48). Dieser ungeheure Satz steht neben anderen, mit denen Jesus die geläufige Theologie auf den Kopf gestellt hat (65f).