(3) Die christliche Sühnopfertheologie ist im Blick auf den geschichtlichen Wandel der Opfer- und Gottesvorstellungen anachronistisch

a. Die christliche Sühnopfertheologie stellt innerhalb der Entwicklungsgeschichte der Opfervorstellungen einen Anachronismus dar

Die Entwicklungsgeschichte der Opfervorstellungen führt von Göttern, die (in Notzeiten) Menschenopfer annahmen, hin zu massiver Kritik an jeder Art von blutigem Opfer. Die Menschenopferszene (1Mose 22,1-14): Abraham machte sich daran, den einzigen und lange ersehnten Sohn, Isaak, seinem Gott als Brandopfer zu opfern – auf dessen Befehl hin. (Der Hintergrund: der Anspruch von Gott Jahwe: „Weihe (opfere) mit alle Erstgeburt bei den Israeliten, alles was zuerst den Mutterschoß durchbricht, unter den Menschen und unter dem Vieh; mir gehört es“ (2Mose 13,2). Gott stellt einen Widder als Ersatzopfer für den Sohn in die Szene. „Und Abraham gab diesem Ort den Namen: Gott sieht“ (22,14) (307f).

Abraham und Sara ‚sahen‘ ein anderes ‚Gesicht Gottes‘ als das, das sie vorher kannten. Insofern ist hier eine markante Schwelle überschritten worden. Die Erzählung besagt, dass Menschenopfer in frühisraelischen Stämmen Brauch gewesen sind, dass sie aber von da an durch Tiefopfer abgelöst wurden. Der Anspruch von Gott Jahwe darauf, dass ihm alle Erstgeburt geopfert werden müsse, blieb in der Tora unaufgekündigt. Trotzdem hat sich in dieser Schwellengeschichte ein ‚anderer Gott‘ sehen lassen, der von seinem grausamen Recht keinen Gebraucht mehr macht (308).

Die Opferung der Iphigenie in der hellenistischen Welt: Die dem Achilleus zugesprochene Iphigenie war von Agamemnon der Artemis geopfert worden, um die durch eine große Windstille verzögerte Abfahrt der Griechen nach Troia zu ermöglichen. In einigen Versionen des Mythos rettete Artemis die Iphigenie im letzten Moment dadurch, dass sie sie durch einen Bär, Stier oder ein Trugbild ersetzte. Auch hier ist die Göttin aus dem Rahmen des alten Mythos ‚herausgefallen‘ und hat dafür eine neue Ursprungslegende initiiert, dass es keine Menschenopfer mehr gab, sondern nur noch Tieropfer (309).

In Israel ist der Gott noch einmal als ein ganz anderer erfahren worden, der seinem Volk durch den Propheten Hosea (um 750 v. Chr.) sagen ließ: „...an Liebe habe ich Wohlgefallen und nicht an Schlachtopfern und an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern“ (Hos 6,6). Diesem Gott ging es um das Herz der Menschen, um ihre unmittelbare Gottesbeziehung, um das Tun der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Die prophetische Opfer- und Kultkritik ist verwandt mit entsprechenden Tendenzen in der Weisheitsliteratur: „Recht tun ist dem Herrn lieber als Opfer“ (Spr 21,3). Spiritulisierung der Opfer- und Kultbegriffe: der Sühnekult wird ersetzt durch nichtkultische Sühnemittel (Fasten, Almosen, Gebet). Dadurch konnte Israel den Verlust des Opferkults im Tempel 70 n. Chr. hinnehmen. Aber z. Zt. Jesu stand der Opferkult am Jerusalemer Tempel noch in voller Blüte und die Priesterschaft beherrschte theologisch das Feld (309f).

Auf der Linie der prophetischen und weisheitlichen Kritik am Opfer liegt auch Jesu Christi Kritik (Bergpredigt Mt 5 - 7). Jesus radikalisiert das Tötungsverbot, indem er schon den Zorn auf den Mitmenschen und die verachtende Beschimpfung als von dem Verbot gemeint bezeichnet (Mt 5,21f). Wer Gott ein Opfer bringen will, ohne sich vorher mit einem Menschen, „der etwas gegen dich hat“, ausgesöhnt zu haben, brauche das Opfer gar nicht zu beginnen: „Lass deine Gabe vor dem Altar liegen und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und bring deine Gabe dar“ (5,23)! Der äußere Ritus hilft nichts vor Gott, „der ins Verborgene sieht (6,18), wenn das Herz nicht dabei ist. Das ‚Herz‘ ist gefragt: Liebe, Barmherzigkeit und all das, was in den Seligpreisungen bei Matthäus (5,3-10) und Lukas (6,20-26) zusammengestellt ist. Die kultische blutige Opferung lebt von dem stellvertretend zwischen Menschen und Gott gestellten Tier- oder Menschenopfer. Diese Art von Stellvertretung weist Jesus zurück. Indem die Kirche aus Jesu elendem Sterben am Kreuz ein von Gott gewolltes Sühnopfer für die Sünden der Menschen gemacht hat, ist sie wieder zurück zum Anfang der Opfergeschichte gegangen: zum Menschenopfer (311).

b. Die Sühnopfertheologie ist auch im Blick auf den geschichtlichen Wandel der Gottesvorstellung anachronistisch

Die Jahwe- und Artemispriesterschaften haben die neue Tieropferpraxis über Jahrhunderte hin fortgeführt. Gott selbst gibt zwar dem Menschen die Tiere, die ihm als stellvertretendes Opfer für die Sünden der Menschen dargebracht werden sollen. Aber auch diese Stellvertretung ändert nichts daran, dass der Gott (oder die Göttin) mit einem anderen, unblutigen Opfer nicht zufrieden gestellt werden könnten. Der entsprechende Gott ist aus sich selbst heraus nicht in der Lage, eine solche Verletzung des Gleichgewichts ohne ein blutiges Opfer wieder herzustellen. Sie sind Gefangene jenes Denkens, nach dem bestimmte Verschuldungen der Menschen todeswürdig sind und nur durch Töten gesühnt werden können (312f).

Die Opferpriester boten den Menschen an, ihre Zuflucht in der sofort wirksamen Entsündung durch Tieropfer zu suchen. Weil die innere Beziehung zu Gott jeden einzelnen Menschen betrifft und sich niemand darin vertreten lassen kann, haben sich die Kritiker gegen den Entsühnungsautomatismus der Opferpraxis gewandt: „Denn so spricht der Herr zum Hause Israel: Suchet mich, auf dass ihr lebt und suchet nicht Bethel“, den Opferort (Amos 4,4). Der Gott, den Propheten wie Amos und Hosea verkünden, ist ein von Liebe bestimmter Gott, der für Gerechtigkeit kämpft, der aber durchaus fähig ist, den Menschen seine Liebe ohne Tieropfer entgegezubringen und ihnen ihre Schuld zu vergeben. Die Tendenz ist dahin gegangen, immer häufiger und vor allem immer mehr Tiere zu opfern. Das hat es nötig gemacht, dass allein zu Opferzwecken eine Massentierhaltung eingerichtet worden ist. Die Jerusalemer Priesterschaft hat die Weichen dafür gestellt, dass dem Opferkult, von dem sie letztlich lebte, der entsprechende Platz im zentralen Kult zukam. Damit ist aber auch die Gottesvorstellung wieder in der Opfertheologie verankert worden, wogegen die Propheten so leidenschaftlich gekämpft hatten (313f).

Jesu Christi Haltung zum Opfer, seine Übernahme der Kult- und Opferkritik der Propheten und der Weisheit, hängt von der Gottesbeziehung ab, in der er sich geborgen wusste und in die er auch seine Jünger hineingeführt hat. Von seiner Gottesbeziehung her hat Jesus den Kampf der Propheten und der Weisheit dagegen, dass die Menschen zwischen sich und Gott ein Drittes stellen, das sie vertreten soll, wieder aufgenommen. Doch mit diesem Kampf ist er an Paulus und der christlichen Kirche gescheitert (314).

                   

(4) Die kirchliche Sühnopfertheologie und die darauf basierende Mahlfeierpraxis widersprechen der Verkündigung Jesu

a. Das Subjekt des Handelns

Zumeist ist Gott das Subjekt. Er bringt seinen Sohn als Opfer dar. Sein Opfer wird gedanklich mit dem bis 70 n. Chr. im Tempel vollzogenen Sühnopfer verbunden, das für die unerkannten Sünden des Volkes dargebracht wurde. Dabei handelt Gott als Opferherr und als Empfänger des Opfers zugleich auf der Linie seines eigenen Gesetzes. Paulus knüpft an das in der ‚Bindung Isaaks‘ (1Mose 22) eigentlich intendierte Menschenopfer an und findet so seine Wahrnehmungsgstalt der Hinrichtung Jesu: Das Kreuz drücke aus, dass Gott für uns ist. Denn er habe seinen Sohn nicht verschont, sondern „ihn für uns alle hingegeben“ und uns mit ihm „auch alles“ geschenkt (Röm 8,31f). Das Sterben Jesu ist Opfergabe Gottes zu unseren Gunsten, Ausdruck seiner grenzenlosen Liebe (Röm 8,38f). Wie jedes Opfer hat auch dieses eine beabsichtigte Wirkung: „Denn Gott versöhnte in Christus (d.h. durch seinen Opfertod) die Welt mit sich selbst, indem er ihnen ihre Übertretungen nicht (mehr) anrechnete“ (2Kor 5,19). Ist Gott Opferherr und Empfänger des Opfer, so ist Jesus das Opfer und die Wirkung Versöhnung (314f).

Paulus spricht in Gal 2,20 in einem persönlichen Bekenntnis aber auch davon, dass Jesus „mich geliebt und sich für mich dahingegeben hat“. Da ist nun Jesus das Subjekt seiner eigenen Opferung geworden. Auf derselben Linie liegt der Hebräerbrief. Auch er spricht davon, dass Jesus sich selbst hingegeben, sich selbst zum Opfer gebracht habe. Er sieht Jesus in der Rolle des Hohenpriesters und in diesem Amt konkurriert er mit den Hohenpriestern am Jerusalemer Tempel, die dort täglich das Sühnopfer (Tamidopfer) vollziehen mussten. Jesus überragt den jüdischen Priesterdienst bei weitem, weil Jesus als Hoherpriester sich selbst für die Sünden des Volkes „ein für alle Mal“ geopfert hat (7,27; 9,12.26ff). Durch dieses Opfer hat er „eine ewige Erlösung erlangt“ (9,12). Im Hebräerbrief ist der Hintergrund hinter der Kultterminologie nicht mehr zu erkennen, er ist ganz in den alten Horizont der kultischen Entsühnung zurückgenommen worden (315).

Der Hebräerbrief wird für die These in Anspruch genommen, Jesu Opfertod habe alle Opfer überflüssig gemacht. Diese These übersieht, dass der Hebr genauso wie Paulus und alle anderen, die damals und heute den Tod Jesu als Sühnopfer deuten, das hinter dem Sühnopfer stehende Gottesbild übernehmen und letztlich verifizieren: Auch wenn Jesu Opfer das letzte und „ein für allemal“ dargebrachte gewesen sein und alle Opferkulte überflüssig gemacht haben soll, kann es diese Funktion nur erfüllt haben, wenn es ein wirkliches Opfer gewesen ist, Gott es als geboten angesehen und angenommen hat. Da Gott selbst dieses Opfer den Menschen gegeben habe, damit sie es ihm darbringen, müsste Gott selbst dann mit diesem Opfer wieder an den Anfang der blutigen Opfergeschichte zurückgegangen sein bis zu den Menschenopfern sogar. Deren Begründung hätte er erneut unterschrieben haben wollen. Und die könnte angesichts des Todes Jesu nur lauten: Die Menschheit insgesamt ist eigentlich des Todes würdig. Auf diese Weise, sagt die darin steckende Logik: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung“ (2Kor 5,19). Mit all dem hätte Gott die Predigt seiner Propheten, die von einer aus Gottes Liebe kommenden Vergebung gesprochen haben und vor allem die Predigt und das Lebenszeugnis seines Sohnes von Gottes unbedingter Liebe widerrufen. Er hätte der Opferlogik gegen Jesus recht gegeben, ihn ihr tatsächlich geopfert (315f).

Im JohEv ist der jüdische Hohepriester Kaiphas das Subjekt des Handelns. Er macht den Vorschlag, Jesus zu opfern, ihn zugunsten des Volkes töten zu lassen: „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe“ (11,50). Kaiphas handelt als der Hohepriester pflichtgemäß. Er rät, Jesus töten zu lassen, um das Volk vor einer Aggression der römischen Besatzungsmacht zu bewahren, d.h. er opfert Jesus ihr und einem politischen Frieden. Es geht um ein Tauschgeschäft. Von Gott ist in diesem Zusammenhang keine Rede. Mit der römischen Form der Hinrichtung durch Kreuzigung wird der ‚sektiererische‘ Jesus als politisches Opfer benutzt und zugleich entwürdigt (316).

Paulus nimmt Jesu Hinrichtung aus dem geschichtlichen Zusammenhang und stellt ihn in ein traditionelles Sühnopferkonzept hinein, um den Adressaten seiner Missionsbriefe den Tod Jesu innerhalb dieses Kultes und der sie tragenden Kultur verständlich zu machen. Diese Kultur nennt Jörns ‚Sündekultur‘. Eine Sündekultur stellt gegenüber einer ‚Schuldkultur‘ insofern eine Steigerung dar, als die Sünde das Heil aufs Spiel setzt. Jede Übertretung ist ein Bundesbruch und bedarf in der priesterlichen Theologie der Sühnung durch ein Opfer.

Ohne an diesem opfertheologischen Hintergrund etwas zu ändern, setzt Paulus Jesu Hinrichtung (er spricht verkürzt vom ‚Kreuz‘) als das unüberbietbare Sühnopfer für die Versöhnung Gottes mit der ganzen Welt in das Konzept ein. Für ihn, der ganz in den Strukturen der Sündekultur dachte, war es unvorstellbar, dass eine christliche Kirche ohne ein Pendant zum jüdischen Sühnopferkult auskommen könnte. So stellt er Jesu Tod ins Zentrum seiner Theologie als das Opfergeschehen, das den Sühnopferkult am Jerusalemer Tempel nach seiner Meinung weit überbot. Als Sühnopfer ließen sich Jesu Sterben und sein Tod auch mit der jüdischen Knecht-Jahwe-Tradition (Jes 51,13 – 53,12) zusammensehen, wie es Lukas dann auch getan hat (24,25-27). Jes 53,5: „er aber war um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Straf liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt“. Unüberbietbar war Jesu Opfertod auch darin, dass es ein Menschenopfer war. Das durch Sünde verwirkte Menschenleben muss durch Tötung eines Menschenlebens gesühnt werden. Denn der Anspruch von Gott Jahwe richtet sich auf die menschliche Erstgeburt. Das Tieropfer vermochte dem nur mittelbar, auf dem Gnadenweg, gerecht zu werden. So erklärt sich der Rückgang an den Anfang der Opfergeschichte von der Idee her, den jüdischen Opferkult zu überbieten (316f).

Diese Todesdeutung und ihre Fortführung im Meßopfer widersprechen der Verkündigung Jesu. Das Sühnopfer-Versöhnungskonzept ist mit einem Gottesbild verbunden, das Gottes Liebe gerade nicht unbedingt, sondern bedingt sein lässt durch eine blutige Sühneleistung. Gottes Liebe, die Jesus weit gemacht hatte, ist durch dieses Konzept wieder zurückgeschraubt worden in ein Bedingungsgefüge. In ihm wird das Verhältnis Mensch-Gott vom Gehorsam gegen ein göttliches Gesetz bestimmt (Phil 2,6-8). Im Kern seiner Logik wird Gottes Liebe dabei vom menschlichen Gehorsam abhängig gemacht (317f).

b. Jesu zentrale Botschaft von der unbedingten Liebe Gottes widerspricht der Deutung seines Todes als Sühnopfer

Jesu Gottvertrauen setzt, ausschließlich auf Gottes Liebe und glaubt ihr. Außerhalb dieses gläubigen Vertrauens gibt es keine Kommunikationsebene zwischen Jesus und Gott, zwischen Christen und Christus. Da ist jeder Sühnopferkult nicht nur überflüssig, sondern widersinnig. Er würde bedeuten, dass Gottes Liebe, wie sie Jesus gelebt und verkündet hat, doch wieder nicht geglaubt würde. Stattdessen würde auf ein Opfer gesetzt werden können, durch das man dann Gottes Versöhnung buchstäblich in Brot und Wein materialisieren und sich einverleiben könnte.

Es gibt kein Wort Jesu, indem er sich zu der im AT beschriebenen kultischen Opferpraxis positiv geäußert hätte. Er hat von niemandem Opfer gefordert. Die sog. Tempelreinigung (Mk 11,15-19) ist eine Kritik an der realen Opferpraxis im Tempel und ihrer Kommerzialisierung. Das einzig kultisch wegweisende Wort für die Jünger wird jene Hoffnung gewesen sein, nach seinem Tod im ‚Reich Gottes‘ das Mahl wider feiern zu können (Mk 14,25) (319).

Die neue Perspektive, die sich mit Jesu Christi Leben und Weg verbindet, kommt ins Bild, wenn wir Jesus im JohEv als eine Art Hoherpriester mit seinem Vater und denen reden hören, die an ihn glauben. Auch hier werden ein Gegenkonzept zum Hohenpriester in Jerusalem und eine Liturgie für ‚die Seinen‘ entworfen. Von einem ‚Ort‘ her, der gegenüber ‚d(ies)em Kosmos‘ schon ein Jenseits ist, sagt Jesus denen, die noch in der Welt sind: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt besiegt (überwunden)“ (16,33). Das letzte Wort des Irdischen: „es ist vollbracht“ ist zugleich das erste Wort des Auferstandenen. Es ist schon vom Ziel des Weges her geredet, das er im ausgehaltenen Leiden am Kreuz erreicht hat. Besiegt hat Jesus durch sein Vertrauen auf Gott alles, was ihn vom Weg zum Vater hat abhalten wollen. Seine Kraft, im Vertrauen auf die Liebe des Vater den Weg zu ihm zu Ende gehen zu können, bestätigt die Wahrheit in dem Satz: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Frucht aus“ (1Joh 4,17) (320).

Weil der Tod selbst als „der Sünde Sold“ verstanden worden ist, konnte Paulus den Christen sogar androhen, dass der ‚unwürdige‘ Genuss des Abendmahls das Gericht bedeuten, auf magische Weise Krankheit und Siechtum nach sich ziehen werde (1Kor 11,27-32). Dass Jesus von Paulus wieder in dieses System mittels der Sühnopfertheologie zurückgeholt worden ist, stellt einen tragischen Vorgang dar. Tragisch deshalb, weil Paulus offenbar aufgrund seiner Vorprägung nicht hat wahrnehmen können, dass Jesus auch die Gottesvorstellung aus der Herrschaft eines religiösen Systems befreit hat, das die Liebe Gottes und die mit ihr verbundene Würde der Menschen vom menschlichen Gehorsam – und ersatzweise von der Hinrichtung eines Menschen – abhängig gemacht hatte (320f).

Wir müssen uns heute entscheiden, ob wir Jesu Christi Weg und Verkündigung oder einer Theologie folgen wollen, die das Evangelium in einem zentralen Punkt widerruft. Für diejenigen, die darin gelebt und daran geglaubt haben, hat es auszudrücken vermocht, was sie als Erlösung verstanden haben. Aus heutiger theologischer Verantwortung, sieht Jörns das zur Sühnopfertheologie gehörende religiöse System als durch Jesus Christus beendet an. Auch die damit verbundene Gottesvorstellung selbst ist für Jörns ein abgeschlossenes Kapitel. Ihm ist es nicht mehr möglich, an Jesus Christus zu glauben und ihn zugleich mit einem religiösen Konzept zur Deckung bringen zu wollen, gegen das Jesus Christus als Jude in wesentlichen Punkten angegangen ist. Jesus erreicht sein Ziel, das Sein beim Vater, weil er auf Gegengewalt verzichtet und damit den circulus vitiosus, den unheilvollen Kreislauf, durchbricht. Die Sühnopfertheologie als Basis einer christlichen Erlösungslehre widerspricht dem, denn sie sagt, Gott selbst habe die Gewalt der Kreuzigung Jesu initiiert (321).

Von der zentralen Botschaft einer unbedingten Liebe Gottes her gibt es keinen Anlass anzunehmen, dass Jesus selbst seinen Tod in irgendeiner Hinsicht als etwas angesehen hätte, was den Seinen im Sinn eines Sühnopfers nützen sollte. Wie schwer Jesus die Entscheidung standzuhalten gefallen ist, hat Lukas zur Sprache gebracht: „Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Und er geriet in angstvollen Kampf und betete noch anhaltender. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fallen“ (22,43). Eine Flucht hätte bedeutet, seine eigene Botschaft zur verraten, um sein Leben zu retten (321f).

c. Warum die Kirche Jesu letztes Mahl und seine Hinrichtung trotzdem vom Sühnopfergedanken her gedacht hat

- Die Übertragung der von Jesus verworfenen Sühnopfervorstellung auf sein eigenes Sterben hat das Revolutionäre seiner Botschaft und seines Lebens wieder verdunkelt. Das ntl und das frühchristliche Schrifttum belegen, dass sich die religiöse Tradition weitgehend durchgesetzt hat. Dieser Prozess lässt sich nirgends so deutlich wie in der Geschichte der christlichen Liturgie erkennen. Trotz des JohEvs und der Zwölf-Apostellehre (Didaché), trotz des Gottesdienstmodells, wie es bei Paulus in Umrissen erkennbar ist (1Kor 11 und 14), prägte sich die Opfervorstellung dem christlichen Gottesdienst wieder auf und führte zur Messe. Sie konnte auch das Vakuum ausfüllen, das 70 n. Chr. Durch den Wegfall des jüdischen Versöhnungsfestes entstanden war (322f).

- Die Übernahme des Sühnopferschemas sicherte der Christengemeinde ein Äquivalent zum jüdischen und hellenistischen Opferkult. Außerdem konnte sie damit aus der Depression herauskommen, in die sie der Tod Jesu als Scheitern und Katastrophe gestürzt hatte. Indem sie das negative Ereignis als Sühnopfer für die eigenen Sünden, für die Sünden der ganzen Welt interpretierte, gewann der Tod Jesu eine positive Bedeutung. Über die Teilnahme an der als Opfermahlfeier verstandenen Eucharistie konnte zudem jeder Sündenvergebung erlangen – auch ohne selbst den Jesus-Weg dienender Liebe (Joh 13,34f) zu gehen (323).

- Die Übernahme des Opferrituals aus dem kulturellen Gedächtnis der Alten Welt bot auch den bisherigen Anhängern von hellenistischen Mysterienreligionen einen Zugang zum Christentum an. Denn zum Opferritual gehörte auch das Festmahl hinzu, durch das man eine unmittelbare Gemeinschaft mit der jeweiligen Gottheit fand. Beides ließ sich mit dem als Opferfestmahl gedeuteten letzten Mahl erreichen. Wer darüber hinaus glaubte, konnte im Mahl auch seine Sehnsucht nach einem Mittel stillen, das ihm Unsterblichkeit schenken würde (323f).

- Die frühjüdische Theologie mit der Botschaft, der Opfertod Jesu sei das alle anderen Opfer überbietende Sühnopfer und damit das Ende aller blutigen Tieropfer gewesen, hat viel Zustimmung gefunden.

- Dass aber nicht nur bei Paulus, sondern auch bei den nach der Tempelzerstörung im Jahr 70 schreibenden ntl Autoren der Sühnopfergedanke eine so große Rolle gespielt hat, könnte mit Hilfe einer Notiz erklärt werden: In Apg 6,7 heißt es: „Und das Wort Gottes wuchs und die Zahl der Jünger mehrte sich in Jerusalem sehr und eine große Menge der Priester wurde dem Glauben gehorsam“. Es handelt sich wahrscheinlich um Priester vom zerstörten Tempel, die ihre Lebensgrundlage verloren hatten und zur Gemeinschaft der Christen konvertiert waren. So wie die Priester Glauben mit Gehorsam identifiziert haben, haben sie bei den Christen eine Möglichkeit gefunden, ihre Opfervorstellung weiter pflegen zu können, wenn auch ohne die Tieropferpraxis (324).

                   

(5) Die Sühnopfervorstellung steht heute dem Evangelium von Jesus Christus im Weg und muss verabschiedet werden

- Die damals entstandenen Warhnehmungsgestalten des letzten Mahles Jesu mit seinen Jüngern und der Hinrichtung Jesu können nicht für alle Kulturen und Zeiten als gültige Deutungen der Hinrichtung Jesu und der letzten Mahlfeier ausgegeben werden. Sie müssen sowohl historischer als auch theologischer Kritik unterzogen und daraufhin befragt werden, ob sie sich mit unserer heutigen kulturellen Situation und mit dem verbinden lassen, was wir an Jesus Christus als grundlegend für das Christentum wahrnehmen (327).

- durch Jesu Botschaft und Leben haben wir gelernt zu begreifen: Gott ist unbedingte Liebe. Allein in dieser, auch Gott zum Mitleiden bewegenden Liebe, ist Gottes Gerechtigkeit begründet. Weil Gott seine Geschöpfe liebt, kann er auch den einzelnen Menschen leiden und zwar selbst dann, wenn er vielen vieles schuldig bleibt in seinem Leben. So versteht Jörns Rechtfertigung. Die Deutung der Hinrichtung Jesu als Sühnopfer für die Sünden der Welt und das Verständnis des Herrenmahls als Opfermahl können dieser Glaubenserkenntnis nicht gerecht werden.

- Die Sühnopfertod-Theologie und das eucharistische Opfermal als Sakrament der Sündenvergebung sind die Basis eines religiösen Systems geworden. Nach Jörns wollte Jesus Christus uns Menschen von dieser Art Erlösungsglauben erlösen, indem er uns in eine vertrauensvolle Beziehung zu Gott geführt hat. Durch seinen Geist hat und behält Gott eine unverlierbare Lebensbeziehung zu uns. Dafür steht der Begriff Seele. Das uns glauben zu machen, ist die durch Jesus geschehen Erlösung. Aber die hat nichts mit seiner Hinrichtung zu tun (328).

- Die Sühnopfertheologie zerstört die Direktheit der Beziehung zu Gott, die Jesus uns eröffnet hat. In dieser durch den Geist Gottes bestehenden Beziehung ist Jesus Christus auf seinem irdischen Weg gegangen. Da liegt die tiefe Revolution begründet, die Jesus in die Religionsgeschichte gebracht hat. Wir gehen hinter sie zurück, wenn wir die alten, aus den Opferkulten stammenden Wahrnehmungsmuster im christlichen Kult benutzen (328f).

- Der Begriff Gnade – mit dem Zusatz ‚um des Kreuzes Christi willen‘ bedeutet, dass Gott uns zuwende, was Christus uns am Kreuz in einem elenden Sterben erworben habe. Weil Gott unerbittlich darauf besteht, dass sein Gesetz erfüllt wird, nimmt er Jesu unschuldiges Sterben als stellvertretende Erfüllung an. Nur aufgrund dessen kann er gnädig sein. Wäre er gnädig aus Liebe, bedürfte er des Opfers nicht.

- Die Forderung nach absolutem Gehorsam verkehrt den lebensdienlichen Sinn des göttlichen Rechts in einen menschenfeindlichen und knechtenden. Jesus sagt, dass er Herr über den Sabbat, also über das Gesetz, ist (Mk 2,28). Die Sühnopfertheologie aber hat, indem sie (als hätte es Jesu Botschaft nie gegeben) auch heute noch von der durch Sünde bedingten Todesverfallenheit unseres Lebens spricht, den absoluten Anspruch des Gesetzes wieder zum Herrn über Jesus Christus und uns gemacht (329).

- In der Theologie wird der Gedanke betont, Gott habe Jesus den Menschen als Opfergabe hingegeben, damit sie ihn Gott opfern konnten, um ihr Opfer- und Sühnebedürfnis zu befrieden und der habe das Opfer dann gnädig angenommen. Weil jene ‚Sündekultur‘, aus der das Denkmodell stammt, nicht mehr unsere ist, kann der Zugang zu diesem Modell nur noch historisierend-künstlich hergestellt werden. Weil Gott Liebe und Geist ist, hat Jörns keinen Grund mehr, sein Leben, in dem er vielen vieles schuldig geblieben ist, deswegen als ‚todgeweiht‘, als ‚verwirkt‘ anzusehen (329f).

- Jörns beruft sich auf die Verkündigung Jesu und sagt, dass Jesus sein (Jörns) Leben der Liebe Gottes geweiht hat und sein Denken von jedem Tauschhandelsmodell befreit hat. Die Kirchen haben den Weg der absoluten Gewaltlosigkeit, den Jesus gegangen ist, nicht ernst genommen. Für die Instrumentalisierung von tödlicher Gewalt soll sich niemand mehr auf Gott berufen dürfen. Darum ist der Abschied von der Sühnopferdeutung der Hinrichtung Jesu notwendig (330f).