3.5 (2Kor 12,9b-10) „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark
Die Interpretation des Leidens als eine Vergegenwärtigung Christi im Apostolat

2Kor 12,9b: „Darum will ich mich am liebsten meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi bei mir wohne. (10) Darum bin ich guten Mutes in Schwachheiten, in Misshandlungen, in Notlagen, in Verfolgungen und Bedrängnissen, um Christi willen, denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“.

1.1 Der Peristasenkatalog 2Kor 12,9b-10

Y.S. Choi

a. Der Kontext von 2Kor 12,1-10: Der Peristasenkatalog 12,9b-10 steht innerhalb der Perikope 2Kor 12,1-10, die mit dem Herrenwort (9a: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“) das wichtigste Argument gegen den Schwachheitsvorwurf (10,10) der Gegner liefert. Mit dem Hinweis auf seine Wundergeschichte demonstriert Paulus seine Überlegenheit als Diener Christi gegenüber den Superaposteln. Er betont damit seinen Selbsruhm, um aber sofort auf seine Schwachheiten zurückzukommen. Zwischen zwei Peristasenkatalogen berichtet Paulus zwei Episoden: Zum einen die Damaskusepisode (11,31-33) und zum anderen zwei Offenbarungserlebnisse (Entrückungsgeschichte und Krankheitsgebet mit Herrenwort) (12,1-10). Die Damaskusepisode (11,31-33) und die Erzählung der Krankheit (12,7f) passen gut in den Zusammenhang der beiden Peristasenkataloge 11,21b-30 und 12,10a. Beide Episoden dienen als Beweise für das Sich-der-Schwachheit-Rühmen des Paulus gegenüber seinen Gegnern. Zum einen braucht Paulus die Damaskusepisode als Beispiel für das Schwachsein des Apostels, zum anderen dient die Entrückungsgeschichte als Erweis der Wirkung der Kraft des Herrn. Damit bereitet Paulus die paradoxe These 'Kraft in Schwachheit' in 12,10 vor. 12,1: „Gerühmt muss werden, wenn es auch nichts nützt, so will ich doch zu den Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn kommen“ (225f).

b. Die erste Offenbarungserfahrung: Entrückungsgeschichte 2Kor 12,2-4: Paulus berichtet der korinthischen Gemeinde von zwei ganz unterschiedlichen Offenbarungen. Die beiden antithetischen Konstellationen des apostelischen Rühmens entfalten einerseits die Überfülle der Offenbarungen, die die apokalyptische Entrückung kennzeichnen, andererseits dagegen die apostolischen Schwachheiten, den 'Dorn im Fleisch' und die Leiden (V.10). Abschließend bestimmt der Apostel seine Schwachheiten als seine Dynamis (V.10b). Darin besteht der Grund, dass er sich seiner Schwachheit rühmen kann (V.9b). Als einer, der nach 11,30 sich seiner Schwachheiten rühmen will, rühmt er sich seiner Offenbarungen unter dem Zwang seiner Gegner. Paulus gibt Beispiele für das Thema Sich-der-Schwachheit-Rühmen, die in den beiden Peristasenkatalogen 11,21b-30 und 12,9b-10 berichtet werden. Die Entrückungsgeschichte erweist die im Apostel wirksame Kraft Gottes, die Krankheit in Vv 7b-9a dient dazu, die Schwachheit des Apostels zu charakterisieren. Beide Offenbarungen werden durch das Herrenwort „meine Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung“ (V.9a) erklärt. Dem Wunder der Entrückung des Apostels korrespondiert das Bleiben in der Krankheit - der Dorn im Fleisch -, damit er sich nicht überhebe (7b). Das Sich-Rühmen der Offenbarungen nützt zwar nichts, aber er wird darin als Diener Christi gegenüber den Überaposteln (12,11) erwiesen. Paulus führt diese Offenbarungserfahrungen als Beweis seiner Christusbeziehung und als Beispiel für seine Überlegenheit als Diener Christi ein, was er in V.7a mit der Rede vom Übermaß der Offenbarungen auf den Begriff bringt. Paulus bezieht sie auf den Ausgangsvorwurf in 10,10, wonach „seine Briefe stark, seine Anwesenheit aber schwach und seine Rede verachtenswert“ seien. Paulus sieht seine Christuszugehörigkeit in der Teilhabe an der Kraft Christi begründet. Der Argumentationsgang zeigt die kreuzestheologische Perspektive des Sich-der-Schwachheit-Rühmens. Es handelt sich um wirklichen Ruhm im Sinne des Herrn (11,17f) (229f).

c. Die zweite Offenbarungserfahrung: Krankheitsgebet mit Herrenwort (2Kor 12,7b-9a): Die Entrückungsgeschichte dient zum Rühmen der Offenbarung, die Erzählung vom 'Dorn im Fleisch' zum Rühmen der Schwachheit des Paulus. Der Herr heilt Paulus nicht und das Bittgebet des Paulus bleibt unerhört. Aber stattdessen erfährt Paulus das Herrenwort bei seinem schweren Leiden und interpretiert dieses als Überfülle der Offenbarung bzw. als Vollendung der Kraft in seinen Schwachheiten. Die Erfahrung vom 'Dorn im Fleisch' entspricht den Schwachheiten des Apostels als Diener Christi im vorherigen Peristasenkatalog. Beide Erfahrungen, Entrückungsgeschichte und 'Dorn im Fleisch' bestimmen seine Verbundenheit mit Christus. In beiden Fällen spielt Paulus nur die Rolle des von Gottes Handeln Betroffenen. Die beiden Erfahrungen dienen als Einwand gegen den Schwachheitsvorwurf (10,10), sie legitimieren die Schwachheit des Paulus. Das Herrenwort ist das wichtigste Argument in der Apologie des Paulus in den Kp. 10-13. Der Ruhm aus der ersten Offenbarung wird durch die zweite Offenbarung entscheidend verändert und kontradiktorisch interpretiert. Paulus wird auf seine Schwachheit verwiesen, dadurch rühmt er sich nicht mehr seiner Offenbarungen, sondern seiner Schwachheiten und der Nöte, die seine apostolische Existenz begleiten und charakterisieren (232f).

d. Einzelauslegung des Peristasenkatalogs 2Kor 12,9b-10: In den Schlussfolgerungen in 12,9b-10 formuliert Paulus das Resultat aus der gesamten Narrenrede (11,1-12,13), die von 11,21b an seine Überlegenheit als Diener Christi beweisen soll. Sinn und Zweck des Sich-der-Schwachheit-Rühmens ist: „Damit die Kraft Christi bei mir wohne“ (V.9b). Mit dem zentralen Begriff Schwachheit umschreibt der Katalog in 12,10a fünf Lebensumstände als Peristasen: Schwachheiten, Misshandlungen, Nöte, Verfolgungen und Bedrängnisse. Diese Aufzählung betont das Wirksamwerden der Kraft Christi. Der Peristasenkatalog 11,21b-30 behandelt zahlreiche autobiographische Einzelheiten und bezieht das zum Vorwurf gemachte schwache Auftreten (10,10) auf die gesamte Existenz des Apostels. Die Aufzählung in 12,10a stellt die Leiden als Diener Christi (vgl. 11,23) in den Zusammenhang mit den Aussagen vom 'Dorn im Fleisch' und dem Herrenwort (233f).

Das Wohnen der Kraft bei Paulus (12,9b): „Darum will ich mich am liebsten meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft Christi bei mir wohne“. Die zu der Wortfamilie 'Zelt' gehörenden Wörter weisen bei Paulus auf ein atl Vorstellungsmodell hin: Das Zelt ist der Ort der sichtbaren Gegenwart Gottes auf Erden, der Ort seiner Epiphanie. Paulus wählt das Verb in Erinnerung an den jüdischen Terminus 'Schechina', der die Zusage göttlichen Wohnens inmitten der Israeliten und im Tempel enthält. Die Vorstellung von der Gottesgegenwart gemäß der jüdischen Schechina-Idee liegt auch in 2Kor 6,61; Lk 17,20ff; Röm 8,9-11; Offb 21,3 und Jh 1,14 im Logoshymnus vor. In diesem Sinn scheint Paulus hier von der Gegenwart der Kraft Christi in seinem Leben zu sprechen. In dem Finalsatz kommen somit Wohnen und Wirksamkeit der Kraft Christi zusammen. Das Sich-der-Schwachheit-Rühmen hat in der Zusage der Entfaltung der Kraft Christi Grund und Ziel (234f).

Die Paradoxie: Kraft in Schwachheit (2Kor 12,9-10): „Die Kraft vollendet sich in (der) Schwachheit“ (12,9a). Die Schwachheit ist an Paulus, die Kraft ist an Christus geknüpft. In 12,10b hat Paulus die Dialektik des Herrenwortes auf sich selbst bezogen. Damit ist aus der allgemeinen theologischen Aussage von 12,9a ein persönliches Bekenntnis geworden. Die Vollendung von Kraft in Schwachheit wird auf die konkrete Situation des Paulus angewendet. Das Schwachsein des Paulus wird als Starksein qualifiziert (236).

In 12,7 im Zusammenhang mit seiner Krankheit hat Paulus die Leiden als leibliche, körperliche Schwäche beschrieben. Die Schwachheit des Paulus umfasst die Peristasen, die er in der Realität erleidet. Zudem hat die Schwachheit des Paulus viel mit der Tatsache als Handarbeiter zu tun, um selbst seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Zum anderen zeigt der Ausgang beim Schwachheitsvorwurf in 10,10 („seine Briefe seien gewichtig und kräftig, sein persönliches Auftreten schwach und seine Rede verächtlich“), dass der entsprechende Vorwurf der Gegner in 2Kor 10-13 sich nicht nur auf körperliche Schwachheiten aufgrund von Krankheiten (12,7) beziehen kann. Schwachheit umfasst deshalb seine alltägliche Existenz für die Gemeinde, wie besonders der Peristasenkatalog 11,21b-30 demonstriert. Der Ort der Schwachheit des Paulus bezeichnet die menschlich-irdische Existenz als schwach und vergänglich. Die Schwäche besteht in Nöten und Bedrängnissesn äußerer und innerer Art, die Paulus in seinen Lebensumständen ständig widerfahren. Die Schwachheit gilt nicht mehr als Mangel an Vollmacht und sie wird nicht mehr nur als Ende und Grenze menschlicher Kraft erfahren, sondern zur Verheißungsträgerin aufgewertet und als Ansatzpunkt für das Wirksamwerden der Kraft Christi erkannt. Die Schwachheit ist das Wirkungsfeld, das die Kraft Christi offenbart und bewirkt (237f).

Ausgangspunkt des Begriffs 'Kraft Christi' ist das Herrenwort (2Kor 12,9a). In 1Kor 1,24 ist Christus die Kraft Gottes. Dieser Christus ist der Gekreuzigte und Auferstandene. Die Kraft Christi ist Auferstehungskraft. So betont Paulus die Auferstehung Christi und bringt zum Ausdruck, was das Herrenwort in seinem Leben bewirkt. Um in Christus einbezogen zu werden, spricht er auch im Herrenwort von Christus und nicht von Gott. Insbesondere die Peristasenkataloge sind immer wieder auf Christus bezogen. In diesem Sinn sind die Peristasenkataloge Ausdruck der Christuszugehörigkeit. Paulus unterstreicht die Zugehörigkeit zu Christus, das Sein in Christus. Der Gedanke der Christuszugehörigkeit begegnet auch in 1Kor 4 und 2Kor 10-13. Er ist für Paulus zentral (238f).

Die iterative Gleichzeitigkeit von Schwachheit und Kraft: Die Schwachheit ist nicht die Vorbedingung für die Kraft selbst, sondern nur das bessere Sichtbarwerden der Kraft. Das Leiden wird von Paulus weder beschönigt noch beklagt und auch nicht für irrelevant erklärt, sondern als die Gelegenheit ergriffen, in der die Kraft Christi durch die Schwachheit seiner Diener zur Wirkung kommt: „Immer/jedesmal wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“, d.h. für Paulus ist in jeder seiner Schwachheiten die Christuskraft gegenwärtig. Die in 12,12 erwähnte Wundertätigkeit wird völlig unabhängig von der menschlichen Schwachheit durch das passivum divinum auf die göttliche Kraft zurückgeführt. Dass der Satz in V.9b nicht konditional verstanden werden darf, sondern ein Finalsatz ist („damit die Kraft Christi bei mir wohne“) wird mit dem 'dann' als immer wieder eintretende Folge unterstrichen. Dieser Finalsatz unterscheidet und verbindet das Sich-der-Schwachheit-Rühmen und die Erfahrung der Gegenwart der Kraft Christi. Das Sich-der-Schwachheit-Rühmen ist das Mittel und die Wirksamkeit der Kraft Christi das Ziel (240f).

Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“: Das Herrenwort wird auf die Existenz des Paulus angewendet. Dieser Gegensatz (schwach/stark) wird durch den unterschiedlichen Ursprung von Schwachheit und Kraft geschildert. Das Starksein des Paulus in V.10b. hat im Unterschied zur Schwachheit keinen menschlichen Ursprung, sondern verdankt sich der Kraft Christi (V.9): „Wenn ich (aus meiner menschlichen Kraftlosigkeit) schwach bin, dann bin ich stark (aus der göttlichen Kraft Christi, die in mir wirksam ist)“. (Die paradoxe Formulierung in 2Kor 4,7-15: Menschen haben grundsätzlich den göttlichen Gnadenschatz nur in irdenen Gefäßen, weil damit das Übermaß der Kraft von Gott kommt und nicht von ihnen selbst 4,7a;  vgl. 3,2;  12,9). Die menschliche Schwachheit ist der Ort, an dem sich Christi Herrlichkeit offenbart, „wo sie allein sichtbar und wirksam ist“. Das gilt in besonderer Weise für den zum Diener Christi empfohlenen Apostel (10,17;  11,23). Die Schlußsentenz in 12,10b bezieht sich im Kontext der Kp. 10-13 auf die paulinische Autorität als Apostel, da er sich mit der Narrenrede (11,1-12,13) gegen den Vorwurf des Widerspruchs zwischen seinen kraftvollen Briefen und seinem schwachen persönlichen Auftreten (10,10) verteidigt. Paulus zeigt gegen den Vorwurf der Schwachheit den Korinthern mit dem Paradoxon in 12,10b: Sein Missionserfolg beruht nicht auf seiner eigenen Kraft, sondern nur auf der Kraft Christi. Im Missionserfolg des schwachen Apostels bringt der Herr seine Kraft zur Entfaltung und Vollendung (12,9). Seine Schwachheit empfiehlt ihn als bewährten Apostel (10,18) und legitimiert den Apostel als Diener Christi (11,23) (241f).

e. Peristasen als autobiographischer Ursprung christologisch orientierter Theologie des Paulus: Im Kontext von 12,1-10 geht es um einen biographischen Ich-Text, der von einer kurzen autobiographischen narratio mit zwei Episoden geprägt ist. Paulus spricht als Ich-Erzähler über sich selbst wie über eine dritte Person. Auch im Peristasenkatalog 11,21b-30 werden im Ich-Stil zahlreiche autobiographische Einzelheiten von Leidenserlebnissen aufgezählt. Den Peristasenkatalog 11,21b-30 schreibt Paulus als leidendes Ich, während die Perikope 12,1-10 vom begnadeten Ich handelt (242f).

In der Perikope 12,1-10 verbindet Paulus mit der autobiographischen narratio das Thema 'Rühmen' und berichtet der korinthischen Gemeinde von zwei unterschiedlichen Offenbarungserlebnissen. In der ersten Offenbarung geht es um eine Entrückungsgeschichte. In der zweiten Offenbarung spricht Paulus von einem dreimaligen Gebet, in dem er um Heilung von der von ihm als 'Dorn im Fleisch' dargestellten schweren Krankheit bittet. Paulus führt das Herrenwort als Antwort auf sein Gebet ein und entnimmt diesem Herrenwort eine Interpretation seines Lebens im Leiden. Der Selbstruhm, den er aus der ersten Offenbarung empfängt, wird durch die zweite Offenbarung umgedeutet und kontradiktorisch interpretiert. Die Offenbarungen dienen der Entfaltung des gemeinsamen Themas Sich-der-Schwachheit-Rühmen, das die zwei Peristasenkataloge von Kp. 11 und 12 verbindet. Die erste Offenbarungsepisode dient als Beispiel für die Wirksamkeit der Kraft Christi, die Paulus zum Selbstlob dient. Die zweite Offenbarungsepisode zeigt beispielhaft, wie seine schwache Existenz zum Wirkungsfeld der Kraft Christi wird. Indem Paulus durch den Herrn selbst endgültig auf sein Schwachsein verwiesen wird, rühmt er sich nun seiner Schwächen, Bedrängnisse und Nöte, die seine apostolische Existenz begleiten und charakterisieren. Die Erfahrung mit Gott formuliert Paulus als apokalyptische Entrückung, die Erfahrung mit dem Herrn wird als dessen Antwort auf sein Bittgebet vorgestellt. So wird menschliche Lebenserfahrung transparent für Gottes Handeln. Diese individuelle Erfahrung mit Gott und die Erfahrung mit dem Herrn erhalten theologische Qualität. Aus seiner autobiographischen Erfahrung entwickelt sich seine christologisch orientierte Theologie (243f).

f. Fazit: Paulus ist genötigt, sich der Offenbarung zu rühmen (vgl. 12,1.11), um nicht hinter den Überaposteln zurückzustehen. Wahrer Ruhm bedeutet jedoch sich der Schwachheit zu rühmen, denn Jesus Christus ist in Schwachheit gekreuzigt worden. Für Paulus bedeutet das Sich-der-Schwachheit-Rühmen Zugehörigkeit zu Christus und 'Sein in Christus'. Durch die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn gibt Paulus Beispiele für das Thema Sich-der-Schwachheit-Rühmen, die in beiden Peristasenkatalogen 11,21-30 und 21,9b-10 berichtet werden. Die Entrückungsgeschichte erweist die im Apostel wirksame Kraft Gottes, die Krankheitsgeschichte dient dazu, die Schwachheit des Apostels zu charakterisieren. Beide Offenbarungen werden durch das Herrenwort „meine Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung“ erklärt (V.5b und 9b).

Paulus führt in 11,21b-12,10 aus, worin er seine Überlegenheit als Diener Christi sieht: Die Fülle seiner Schwachheiten wird zum Gegenstand seines Sich-Rühmens. Mit der Wendung Sich-der-Schwachheit-Rühmen in 11,30 und 12,5.9b wird Schwachheit zum Erweis seiner apostolischen Existenz als Diener Christi. Schwachheit verbindet mit dem gekreuzigten Christus, Kraft ist Auferstehungskraft. Dass Paulus die Schwachheit seiner Person und die Kraft allein Christus zuschreibt, ist charakteristisch für das Verständnis seiner apostolischen Autorität. Wenn Paulus aus seiner menschlichen Kraftlosigkeit schwach ist, dann ist er stark aus der göttlichen Kraft Christi. Dieser Hinweis auf das Christusgeschehen in 2Kor 13,3f ist theologische Grundlage der Kp. 10-13 und des Herrenwortes in 12,9a (244f).

Dann aber steht seine Schwachheit nicht mehr im Widerspruch zu seiner Christuszugehörigkeit und zu seiner Vollmacht (10,7b-10), sondern empfiehlt ihn als bewährten Apostel (10,18), bestätigt und legitimiert ihn als Diener Christi (11,23a). Gerade im Missionserfolg seines schwachen Apostels bringt der Herr seine Kraft zur Entfaltung. Wundertaten (12,12) veranlassten die Gegner zum Vorwurf der Schwachheit, Paulus aber lehnt Selbstruhm und Wundertaten ab. Stattdessen sind für ihn die Verkündigung des gekreuzigten Christus und die Erkenntnis der Kraft seiner Auferstehung der entscheidende Beweis des Geistes und der Kraft (vgl. 1Kor 2,4f). Der Gekreuzigte dient Paulus als Identifikationsmuster für sein Verhalten in den persönlichen Peristasen seines Lebens: Die Leidenssituation des Paulus wird christologisch neu interpretiert. Dies ist vergleichbar der Aussage vom Offenbarwerden des Lebens Jesu im Peristasenkatalog 2Kor 4,10f, wobei diese Kraft in der gegenwärtigen Schwachheit des Paulus voll zur Wirkung kommt. Die Schwachheit macht zum Verheißungsträger und zum Wirkungsfeld der göttlichen Kraft Christi (vgl. 2Kor 4,7). So beweisen die in 12,10a aufgezählten Peristasen, die an den Katalog in 11,21b-30 erinnern, seine apostolische Existenz als Diener Christi (245).