9. JESUS, der WEG zum VATER

 

I. JOSEF, der VATER JESU
   Jesus - wahrer Mensch
II. JESUS, der  'IMMANUEL'
III. JESU KOMMEN, TOD und ERHÖHUNG sind das eschatologische Ereignis im JohEv
IV. Die CHRISTLICHE  BOTSCHAFT  in unserer Zeit

 

I. JOSEF, der VATER  JESU
   Jesus - wahrer Mensch
   Ungewöhnlich war nicht Jesu Geburt, sondern sein Leben


Der zwölfjährige Jesus im Tempel: "Als seine Eltern ihn erblickten, erschraken sie und seine Mutter sprach zu ihm: Kind, warum hast du uns das angetan? Siehe dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht?" (Lk 2,48).

"Die Juden trachteten danach, Jesus zu töten, weil er nicht nur den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei sein Vater und machte sich selbst Gott gleich" (Joh 5,18).

"Die Juden sprachen: Um eines guten Werkes willen steinigen wir dich nicht, sondern um der Gotteslästerung willen, denn du bist ein Mensch und machst dich selbst zu Gott" (Joh 10,33).

"...Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Gotteslästerung gehört" (Mt 26,65).

"...Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht" (Joh 19,7).

Der ntl Evangelisten Markus braucht für sein kanonisches Evangelium keine besondere Geburt Jesu.

 

Jungfrauengeburt und Krippenkind - zwei selbstständige Erzählungen
Das Motiv der Jungfrauengeburt ist heidnischen Ursprungs

Eine Jungfrauengeburt ist nicht als historisches Ereignis aus dem Neuen Testament zu begründen.

 

1. Die Legende vom Jungfrauensohn
2. Die Legende vom Krippenkind

M. Dibelius

 

1. Die Legende vom Jungfrauensohn

 

Die wunderbare Erzeugung Jesu wird an zwei Stellen des NT behauptet: Lk 1,26-38 und Mt 1,18-25. Beiden Texten ist gemeinsam, dass weder die Begattung durch einen Gott oder göttlichen Geist als Vorgang erzählt noch die Geburt des Kindes unter wunderbarer Erhaltung der Jungfrauenschaft der Mutter geschildert wird (18).

Die Vorgeschichte im MtEv (1,18ff): Die Erzählung setzt ein mit den Worten: „als Jesus in den Tagen des Königs Herodes zu Bethlehem in Juda geboren war...“ (2,1). Sie beginnt nach der Geburt Jesu. Völlig isoliert steht der kurze Bericht von der nächtlichen Engelerscheinung vor Josef (Mt 1,18-25). Er ist veranlasst durch die Schwangerschaft der Maria. Josef muss annehmen, dass sie sich einem Fremden hingegeben hat; dieser Verdacht wird vorausgesetzt: „da er ein gerechter (Mann) war und sie nicht bloßstellen wollte, gedachte er sie in der Stille zu entlassen“. Die Engelbotschaft verkündet Herkunft und Namen des Kindes: „Josef, Davids Sohn, scheue dich nicht, Maria dein Weib heimzuführen, denn was in ihr erzeugt ist, rührt vom heiligen Geist her. Sie wird einen Sohn gebären und du sollst seinen Namen Jesus heißen, denn er wird sein Volk retten von seinen Sünden“ (1,20f).

Allem Legendenstil zuwider läuft es, dass das heilige Geheimnis, das der Engel enthüllen soll, schon im voraus verraten wird: „es fand sich, dass sie schwanger war vom heiligen Geist“ (1,18). Das Heilige wird nicht dargestellt zwecks Erbauung, sondern erwiesen zwecks Verteidigung. Nicht das Wunder steht im Mittelpunkt, sondern seine Rechtfertigung gegenüber entstellender Missdeutung. Mt 1,18-25 ist eine apologetische Darstellung, die gegenüber der Lk-Legende sekundär ist. Sicher ist, dass die Christen schon sehr bald (Lk und Mt) das Prophetenwort Jes 7,14 auf die jungfräuliche Geburt ihres Herrn bezogen haben (23f).

 

Paulus: Nach Gal 4,24ff ist Isaak auf die Weise des Geistes erzeugt. Das Wunder besteht in der Verlegung des Vollzugs auf eine andere Ebene, die durch kata pneuma charakterisiert wird. Paulus legt entscheidenden Wert darauf, dass das Erdenleben des Christus begonnen hat, wie das eines anderen Menschen, durch eine natürliche Geburt. Gal 4,4f: „Als aber gekommen war die Fülle der Zeit, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, gestellt unter das Gesetz, damit er die unter dem Gesetz loskaufte, damit wir die Annahme an Sohnes statt empfingen“. Christus wurde „unter das Gesetz getan“, um die unter dem Gesetz Lebenden von der Herrschaft des Gesetzes zu befreien; er wurde vom Weibe geboren, um den Weibgeborenen die Kindschaft (Gottes) zu sichern. Die Stelle setzt voraus, dass Christus im selben Sinn und im selben Maß ein Weibgeborener ist wie alle Menschen. Wenn es hieße: ‚geboren von einer Jungfrau‘ wären die Worte ihrer Bedeutung entkleidet (29).

 

Es ist wahrscheinlich, dass die Christen die Erzeugung Jesu durch den heiligen Geist zunächst nur verkündeten, nicht schilderten. Als Theologumenon, nicht als Erzählung (Legende, Mythos) wird Jesu wunderbare Erzeugung zuerst in der Predigt der Christen aufgetreten sein. Von Anfang an verfügte man über einen Bestand von Worten Jesu und Geschichten von Jesus, die man als Material und Beleg für die Predigt brauchte. Dass die Erzählungen von Jesu Geburt und Kindheit nicht notwendig zu diesem Traditionsgut gehören, zeigt das Schweigen des Paulus von diesen Dingen, zeigt das Fehlen dieser Stücke bei Mk und Joh, zeigt auch die Konkurrenz der Verkündigungs- und der sog. Weihnachtsgeschichte, die zunächst selbstständige, miteinander nicht übereinstimmende Legenden darstellen. Also haben diese Erzählungen keinen primären Rang innerhalb der christlichen Überlieferung (35f).

Die göttliche Erzeugung Jesu wurde zuerst gepredigt und geglaubt und danach erst berichtet. Diese Predigt und dieser Glaube enthalten das Theologumenon, das im Christentum bald zu weiter Verbreitung gelangt zu sein scheint. Die Popularisierung der Vorstellung konnte nicht vor sich gehen, ohne dass die Behauptung in eine Erzählung eingekleidet wurde: aus der Vorstellung wurde die Legende (38f).

In der Verkündigungslegende ist der Vorgang der Zeugung nur mittelbar dargestellt; der Verfasser spricht von ihm mehr andeutend als beschreibend. Die Hörer und Leser dieser Legende verstanden solche Andeutungen mythologisch und assoziierten dabei mehr und anderes als in der Legende gesagt war. Die Marienlegende, die nicht mythischen Ursprungs war, musste mythisch interpretiert werden; darum musste der Stoff immer mehr mit mythisch-synkretistischen Vorstellungen gefüllt werden. Mt 1,18ff tritt das Interesse des irdischen Vaters in den Vordergrund. Wenn die Lukas-Legende das Wunder nur ankündigte, so wird auch der Leser des MtEv noch nicht zum Zeugen dieses Geschehens; es liegt in der Vergangenheit und nur seine Folgen werden berichtet. Vom heiligen Geist ist die Rede, nicht von einem göttlichen Liebhaber. Die Erzählung vom Jungfrauensohn ist in die Nähe ‚heidnischer‘ Stoffe gelangt. Es konnte nicht fehlen, dass sich dies in der weiteren Entwicklung geltend machte. Texte des zweiten Jh. zeigen eine Zunahme der synkretistischen Motive (46f).

 

2. Die Legende vom Krippenkind

 

Die Weihnachtsgeschichte Lk 2,1ff: Wer wie Lk 1,26ff in andeutender Verkündigung die göttliche Zeugung aus der Jungfrau voraussagen lässt, hätte bei einer Darstellung der Geburt durch Wunder oder Himmelsstimme, durch Engels- oder Menschenmund die Botschaft laut werden lassen, dass die prophezeite Gottestat Wirklichkeit geworden sei. In der Geschichte Lk 2,1ff ist nichts von alldem zu finden: Botschaft und Lobgesang der Engel gelten nur dem in diesem Kind geoffenbarten Heil und die Geburt selbst vollzieht sich unter seltsamen, aber keineswegs wunderbaren Umständen. Die beiden Geschichten gehören nicht zusammen. Die Eltern Jesu werden in der Weihnachtsgeschichte neu eingeführt und zwar als wirkliche eheliche Eltern Jesu; die Ankündigung des Kindes ist in beiden Erzählungen ganz verschieden orientiert. Es handelt sich nicht um eine Geschichte von der Geburt Jesu, nur zwei Verse sind ihr gewidmet. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Verkündigung an die Hirten, die Botschaft von dem neugeborenen Erretter, die Mitteilung des Zeichens, das ihn kenntlich macht, die Bestätigung der Botschaft durch den Engelchor. Die Erzählung gipfelt in der wunderbaren Kundmachung von des Kindes Geburt an die Hirten. Was von Maria gesagt wird, hat seinen vollen Sinn nur dann, wenn sie genau wie die anderen etwas Neues vernommen hat; das Wort wirkt auf sie anders als auf die andern, sodass sie nicht staunt, sondern still darüber sinnt. Wenn Maria erst jetzt von der wunderbaren Art ihres Kindes erfährt, so ist keine Engelsbotschaft an Maria vorausgegangen (53f).

Diese Selbstständigkeit der Erzählung erweist auch ihr Anfang. Josef aus Davids Stamm und Maria werden eingeführt. Sie wandern und wohnen miteinander, Maria gebiert ihren ersten Sohn (kein Leser denkt an anderes als an eine Ehe). Dazwischen steht Lk 2,5 die Bezeichnung der Maria als der Verlobten Josefs („mit Maria seiner Verlobten“). Das kann nur besagen, dass die Ehe noch nicht vollzogen ist. Dem ersten widersprich die gemeinsame Reise, dem zweiten die Schwangerschaft (Lk 2,5), die mit keinem Wort als eine außerordentliche, nicht vom Gatten verursachte, gekennzeichnet ist.

Die alte Erzählung hat anders berichtet. Sie weiß anscheinend nichts von der Jungfrauengeburt, sie führt Josef und Maria als Eltern ein und bezeichnet Josef als Davididen, nicht Maria: sie muss von ihr als von Josefs schwangerem Weib gesprochen haben. Lk aber, der eben erst die Legende von der Jungfrauengeburt erzählt hatte, hat die Verlobung Marias hineingebracht, indem er in jener Legende wie hier das Wort ‚Verlobte‘ brauchte; dort zu früh, denn Maria kann sich nicht erklären, wie sie zu einem Sohn kommen soll, sie ist noch nicht verlobt; hier zu späte denn Josef und Maria haben die eheliche Gemeinschaft schon begonnen. Das Einleitungsmotiv der ganzen Erzählung, der Bericht über den Zensus des Quirinius, muss dem Evangelisten zugeschrieben werden (54f).

Die Weihnachtsgeschichte ist eine echte Personallegende. Die kommende Größe des Kindes wird durch einen Engel verkündet, aber diese Offenbarung vom Himmel her hat weder kosmischen noch heroischen Charakter. Der Umstand, dass zum ersten Mal jedermann für einen Zensus (Lk 2,1) eingetragen wurde, kümmert den Legendenerzähler nicht, der von dem Wunder der Weihnacht berichten will, wohl aber den Historiker, der dieses weihnachtliche Geschehen in den Lauf der Weltbegebenheiten einzufügen gedenkt. Wenn erkannt ist, dass das Interesse des Berichts über den Zensus in der Verbindung mit der Weltgeschichte liegt und nicht in der Datierung der Legende, dann muss dieser Bericht dem Evangelisten zugeschrieben werden (55f).

Die Erzählung berichtet von der wunderbaren Verkündigung der eben geschehenen Heilandsgeburt an die Hirten; sie gehört zu jenen Personallegenden, die durch himmlische Botschaft die Bedeutung des Helden schon bei seiner Geburt proklamieren lassen (59).

Das Kind in der Krippe ist das Zeichen, daran die Hirten die Zuverlässigkeit der Engelsbotschaft erkennen können. Im Mittelpunkt der Hirtenszene, die den Haupt-Inhalt der Erzählung bildet, steht die Engelsbotschaft. Sie hat vier Themen: die große Freude über Israel, die Geburt des Heilandes, das Zeichen, den Lobgesang des neuen Reiches. „Siehe, ich künde euch große Freude“ (60f).

 

Die göttliche Zeugung Jesu hat zuerst als Theologumenon ohne erzählerische Einkleidung existiert; die legendäre Ausgestaltung ist (ähnlich wie dies bei dem Glaubenssatz von der Auferstehung Jesu geschah) erst später vollzogen worden.

Christus wird in einer vom Himmel her erfolgenden Geistsalbung als Gottessohn adoptiert (Mt 3,16f; Mk 1,11; Lk 3,21f).

Lk 4,18: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, weil er mich gesalbt hat...

Apg 10,38: „wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit heiligem Geist und Kraft…, denn Gott war mit ihm“.

In Apg 4,27 gilt Jesus im Anschluss an Ps 2,1f als der gesalbte Gottessohn.

Nach Hebr 1,9 wurde Jesus mit dem Öl der Freude gesalbt (Ps 45,8).

Gotteszeugung und Geistsalbung: Der Gegensatz von fleischlicher und geistlicher Zeugung wird in Joh 1,12f ausgesprochen: „Alle, die ihn (Jesus) aufnahmen, denen gab er Macht Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind“. Die aus Gott Gezeugten haben leibliche Eltern, aber die Sohnschaft bestimmt ihr Wesen.

Der Sohn Gottes und die Söhne Gottes

Paulus: "Gott sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches ... damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist (Röm 8,3f).
"Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder" (Röm 8,14). "Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden
" (Röm 8,17). Paulus legt entscheidenden Wert darauf, dass das Erdenleben des Christus begonnen hat, wie das eines anderen Menschen, durch eine natürliche Geburt (Gal 4,4f.24ff).

 

Mi 5,1: "Du Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei...". Aufgrund dieser Prophetenstelle wurde die Geburt Jesu nach Betlehem verlegt.


Die Verkündungslegende nach Matthäus
Josef und Maria sind in Bethlehem (Mt 1,18-25)


Die Erzählung beginnt   
nach der Geburt Jesu (Mt 2,1) 
Die Weisen aus dem Morgenland (Mt 2,1-12)
Die Flucht nach Ägypten, Herodes
will das Kind töten (Mt 2,13-18)
von Ägypten nach Nazareth (Mt 2,19-23)
   


Die Weihnachtslegende nach Lukas
Josef und Maria sind in Nazareth
Die Verheißung der Geburt Jesu (Lk 1,26-38)
  (Lk 1,39.36) Maria bei Elisabeth
  (Lk 1,57-80) Geburt Johannes d. Täufers
   
Befehl des Kaisers Augustus
Josef und Maria nach Bethlehem (Lk 2,1-5)
Jesu Geburt (Lk 2,6f)
Die Verkündigung an die Hirten (Lk 2,8-21)
Jesu Darstellung im Tempel in
Jerusalem und Rückkehr nach Nazareth (Lk 2,22-40)