9. JESUS, der WEG zum VATER

Keine endgeschichtliche Parusie: Das Wiederkommen ist durch den Geist ersetzt.

1. JESUS, der  'IMMANUEL' 
(1) Jesus, der  'IMMANUEL'  d.h. Gott hat ein Gesicht, Gott ist erfahrbar
"Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" (Mt 28,20b)´
(2) 'MIT EUCH' -  die christo-logische und theo-logische Basis der Gemeinde nach Mt (mit euch)
(3) Anhang: Jungfrauengeburt und Krippenkind - zwei selbstständige Erzählungen
Das Motiv der Jungfrauengeburt ist heidnischen Ursprungs

2. JESU KOMMEN und sein ABSCHIED sind das eschatologische Ereignis
Mit dem Ostergeschehen beginnt das Wiederkommen Jesu (Erscheinungen) und das Zusichnehmen der Jünger (Joh 14,2f)
Die Verheißung vom Eingehen in die himmlische Welt, in das Vaterhaus Jesu

Literatur

1. JESUS, der  'IMMANUEL'  

(1) Jesus, der  'IMMANUEL'  d.h. Gott hat ein Gesicht, Gott ist erfahrbar
"Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" (Mt 28,20b)

Die mt Jesusgeschichte entlastet von der Suche nach einem nebulös gewordenen „Gott an sich“

U. Luz (2002)

a. Gott: In der Gestalt Jesu ist Gott bleibend „mit“ seiner Gemeinde bis ans Ende der Welt. Die Geschichte Jesu hat zuerst eine theologische Grundbedeutung.

- Durch Jesus erfährt die Gemeinde Gottes Hilfe. Die Wundergeschichten: Jesus führt die Menschen von der Blindheit zum Sehen (9,27-31; 20,29-34 usw.). Er richtet sie auf (9,2ff; 11,5). Er besiegt die Dämonen und begleitet seine Jünger in den Stürmen des Lebens und streckt seine Hand über sie aus, wenn sie verzweifeln und versinken (8,23ff; 14,22ff). In solchen Geschichten vernehmen wir, wie Gott in unserem eigenen Leben „mit uns ist“.

- Darum wenden sich die Hilfesuchenden auch mit ihrem Gebet an Jesus (8,25; 14,30, 15,22; 17,15; 20,30ff). In diesen Gebeten an den Kyrios Jesus erkennen wir die biblische Gottesanrede Kyrios und die Gebetssprache der Psalmen.

- Weil der Immanuel Jesus die Gestalt Gottes ist, in der er uns begegnet, spielt der Gottessohntitel im MtEv eine tragende Rolle. Als Gottessohn wird er den Menschen von Gott geoffenbart (3,17; 16,17; 17,5; 11,27) (460).

- Jesus nennt Gott „Vater“; er ist nicht nur der Vater Jesu (z.B. 11,25ff; 26,39.42), sondern auch der Vater der Gläubigen (z.B. 6,9; 28,19). Die Beziehung der Glaubenden zu Gott ist durch Jesus bestimmt. Die Jesusgeschichte des Mt bestimmt und prägt für uns das Bild Gottes. Seit seiner Geburt ist der irdische Jesus der „Immanuel“ (461).

b. Die neue Grundgeschichte ist die Geschichte einer neuen Basiserfahrung, weil der Gott Israels in der Geschichte Jesu auf neue Weise mit seinem Volk war uns ist. Es geht um ein neues Handeln des biblischen Gottes an Israel.

- Schon der Titel 1,1: „Dies ist das Buch der Geschichte Jesu Christi des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“ macht klar, dass diese Geschichte im Horizont der Bibel erzählt wird und ‚biblische‘ Dignität haben will.

- Die Erfüllungszitate besagen, dass die Jesusgeschichte die Vollendung und Erfüllung dessen ist, was Gott in der Bibel durch die Propheten angekündigt und geboten hat.

- Dass das Handeln des Gottes Israels in der Geschichte Jesu seinen Gipfel und seine Vollendung erreicht, zeigt sich daran, dass es am Ende mit dem Missionsbefehlt einen weltweiten Horizont gewinnt (28,18-20). Dieser ist durch die Propheten (4,15ff; 12,18ff) und durch Jesus selbst (z.B. 5,14; 8,11f; 13,38; 22,8ff; 24,9ff) angekündigt worden (461f).

c. Jesus: Der Evangelist erzählt, wer Jesus ist. Durch seine Jesusgeschichte verdeutlicht er den Gehalt der christologischen Titel

- Mt erzählt vom Christus, vom Sohn Davids (vgl. 2,2ff). Am Schluss der Jesusgeschichte erweist sich der Messias Israels als Herr der ganzen Welt (22,41ff; 28,18).

- Jesus erweist sich als friedlicher und gewaltloser König (21,1ff). Ihm geht es nicht um sein eigenes Reich, sondern um das Himmelreich. Er macht von seiner himmlischen Macht keinen Gebrauch (26,53; 4,8ff), sondern lässt sich als König Israels verspotten und hinrichten (27,27ff.38ff). Nach seiner Auferweckung herrscht er über die ganze Welt durch die Verkündigung seiner Jünger (28,18-20).

- Mt erzählt die Geschichte des Leidens Jesu in aller Härte, ohne an der göttlichen Macht Jesu einen Zweifel zu lassen.

- Er erzählt die Geschichte des Lehrers Jesus, der sein Volk lehrt und ihm das „Evangelium des Reichs“ verkündet (z.B. 4,23; 9,35). Er ist der einzige Lehrer seiner Jünger, der sie zum Verstehen führt (13,16.18.51). Jesu ganzes Leben wird zur Verkörperung seiner Botschaft. Der Lehrer Jesus wird zum Vorbild und zum Lebensmodell für die Jünger (462f).

- Mt erzählt die Geschichte des Gottessohnes (2,15; vgl. 1,18ff): Jesus ist nicht nur der König auf dem Thron Davids (2Sam 7,13f) und der geoffenbarte Repräsentant Gottes (3,17; 17,5), sondern zugleich der vorbildlich Gehorsame (4,1-11), der den von ihm verkündeten Willen Gottes selbst praktiziert, sodass an ihm der Wille des Vaters geschieht (26,39.42). Weil er auf Gott vertraut hat, hat Gott ihn gerettet – nicht vor seinem Tod, sondern durch die Auferweckung (27,43). Neu ist gegenüber biblischem Denken, dass Gott in einem Menschen „mit“ seinem Volk ist und in ihm in einzigartiger und endgültiger Weise erfahrbar wird. Durch Jesus handelt Gott. Vom mt Verständnis der bleibenden Gegenwart Gottes in Jesus her ist eine eigenständige Pneumatologie unnötig.

- Der Ausdruck „Menschensohn“ erinnert an das Ganze des Weges Jesu, der arm war und verspottet wurde (8,20; 11,19), sich als Angeklagter vor seinem Richter offenbarte, erhöht wurde und als Weltenrichter über alle Völker richten wird (463f).

d. Die Jesusgeschichte als ‚inklusive‘ Geschichte: Mt entwirft seine Jesusgeschichte als Geschichte, die die Erfahrungen der Gemeinde und diejenigen der einzelnen Gemeindemitglieder ‚einschließt‘. Christologische Grundlage der mt Erzählweise ist die Überzeugung, dass der vergangene Jesus, dessen Geschichte Mt erzählt, zugleich der bei seiner Gemeinde gegenwärtige Christus ist. Wir sollen unsere eigenen Erfahrungen von der Geschichte Jesu her verstehen und deuten bzw. uns durch die Jesusgeschichte ermutigen und anspornen lassen.

- In vielem widerfährt den Jüngern dasselbe Schicksal, das Jesus widerfahren ist. Auch sie werden von Israel abgelehnt und werden überall in der Welt Verfolgung erfahren (24,9-14). Auch sie werden ihr Kreuz tragen müssen (10,38f; 16,24f).

- In der Gestalt der Jünger sind die Leser „mit“ Jesus, hören seine Worte und machen mit ihnen ihre eigenen Erfahrungen auf ihrem Weg der Nachfolge. Das MtEv will nicht ‚Informationsquelle‘ über das Leben Jesu sein, sondern ‚Lebensquelle‘ für das eigene Leben (465f).

Mt spricht von Gott, indem er von einem Menschen spricht. „Jesus ist der Immanuel“. Gott hat ein Gesicht, Gott ist erfahrbar. Die mt Jesusgeschichte entlastet von der Suche nach einem nebulös geworden „Gott an sich“ (468f).

e. Jesu Konfliktgeschichte in Israel

(s. Text 4) Mt23 – ein situationsbedingter Text