(3) 2Kor 6,3-10: Der Apostel als Diener Gottes


a. 6,3-4a: Paulus, der Diener Gottes
b. 6,4b-5: Die Triaden der Leiden
c. 6,6-7a: Der Tugendkatalog
d. 6,7b-8b: Die Waffenmetaphorik: Gerechtigkeit als Tugend
e. 6,8c-10: Als nichts Habende und doch alles Besitzende
Fazit


Der Peristasenkatalog als apostolische Selbst-Empfehlung: Für Paulus beziehen sich seine Selbstempfehlung und sein Selbstruhm auf diejenigen, die sich ihrer eigenen Stärke rühmen und seine Schwachheit als fehlende Legitimation betrachten (10,10.12;  11,5f.12ff). Mit dieser Art von Selbstempfehlung erweist Paulus seine Beauftragung als Diener Gottes, wobei er die ihm gegenüber erhobenen Vorwürfe als seine Selbstempfehlung präsentiert: Nicht nach der von den Gegnern betriebenen Selbstempfehlung, sondern aufgrund der Empfehlung durch den Herrn (3,5f). Die Existenz der korinthischen Gemeinde ist sein eigentlicher Empfehlungsbrief (3,2). Die Gemeinde ist sein Ruhm, er ist auch ihr Ruhm (1,14). Für Paulus gilt als Grundsatz des Rühmens das Rühmen im Herrn. Dieser Herr ist der Gekreuzigte. In 11,30 und 12,9 wird deshalb dieses Rühmen als Rühmen der Schwachheit entfaltet (143).

In den Peristasenkatalogen gebraucht Paulus stets die Selbstbezeichnung 'Diener' statt 'Apostel', die er sonst in den Präskripten seiner Briefe üblicherweise verwendet. Der Begriff 'Apostel' betont den Sendungscharakter, während die Bezeichnung 'Diener' auf den Inhalt des Auftrags und dessen Ausübung zielt. In diesem Zusammenhang beinhaltet 'Diener' stärker die Geistbegabung, denn die Ausführung einer Beauftragung wird mit Hilfe der Geistbegabung wirksam. Mit dem Begriff 'Diener' wird zuerst die Geistbegabung für die Ausführung des Auftrags verdeutlicht, sodann der Verkündigungsauftrag des Evangeliums zum Ausdruck gebracht, der Kreuz und Auferstehung Jesu Christi beinhaltet (148).

a. 6,3-4a: Paulus, der Diener Gottes: (3) „Niemandem geben wir einen Anstoß, damit der Dienst nicht gelästert wird, (4a) sondern in allem empfehlen wir uns als Diener Gottes in viel Geduld“. Diese Vv geben Thema und Zweck an, die in den Vv 4b-10 zur Entfaltung kommen. Es geht um den unanstößigen Dienst. Das Argument des Paulus ist: Er hat niemandem einen Anstoß gegeben und eine Gelegenheit, diesen Dienst zu lästern, soll niemandem gegeben werden (149).

Paulus versteht seinen Dienst als im Versöhungsgeschehen (5,18) wurzelnde Berufung und Sendung als Mitarbeiter Gottes. „Dienst als Versöhnung“ ist für ihn wie Gottesdienst. Paulus geht es darum, dass sein Dienst vor Gott untadelig und vor seinen Gegnern unkritisierbar ist. Paulus empfiehlt sich als wahrer Diener Gottes (bzw. Christi) durch sein apostolisches Leiden. Beim Sich-Selbstempfehlen geht es deshalb nicht um Eigenlob, sondern um das eigene Verhalten des Paulus als Gottes Diener und somit auch um sein Einstehen für die Botschaft. Der Peristasenkatalog ist deshalb als apostolische Selbst-Empfehlung zu charakterisieren (150f).

Dass das Leiden des Gerechten nicht als Strafe, sondern als Prüfung aufgefaßt wird, ist eine atl-jüdische Tradition (im NT: Jak 1,1-4.12;  1Ptr 1,6f). Daher gibt die Geduld die Gelegenheit, seine Erprobung zu erweisen (vgl. 2Kor 8,2). Paulus empfiehlt sein Apostolat im Sinn solcher Geduld. Das Ausharren steht im Zentrum der Leiden (151f).

b. 6,4b-5: Die Triaden der Leiden: (4b) „in Bedrängnissen, in Notlagen und Drangsalen“: Die Aussicht, die alle leidvollen Zwänge ertragen lässt, gründet in der Erfahrung, gerade in Schwachheit stark zu sein. (5a) „bei Schlägen, in Gefängnissen und in Unruhen“: öffentliche Aufstände, Unruhen und Tumulte gegen Paulus führten oft zu Misshandlungen und Gefängnis. (5b) „in Mühsalen, in Schlaflosigkeiten und in Fasten“: Fasten steht für notgedrungene entbehrungsreiche Hungersnot. Diese Leiden sind freiwillig, sie beweisen die Haltung des Paulus als Botschafter. Paulus erduldet sie aufgrund seiner Missionstätigkeit (153-5).

c. 6,6-7a: Der Tugendkatalog: (6a) „in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Güte“: Der Geist (bzw. die Kraft Gottes) ist mit Tugenden verknüpft, die Paulus als „Früchte des Geistes“ erklärt (Gal 5,22f;  Röm 14,17). In diesem Nebeneinander von Tugenden und Leiden erweist Paulus sich als Gottes Diener, der sich in seiner apostolischen Missionstätigkeit bewährt (vgl. Röm 5,3f) (155f).

Mit Lauterkeit wird die Tadellosigkeit bei der Ausübung des apostolischen Dienstes zum Ausdruck gebracht. Die Erkenntnis meint die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes und Christi. „Langmut führt mit wachsender Erkenntnis Gottes und Christi zu aller Geduld und Ausdauer“. Langmut ist in 1Kor 13,4 ein Prädikat der Liebe zusammen mit Güte. Mit diesen beiden Begriffen beginnt Paulus die Beschreibung der Liebe als der vollkommenen Wirklichkeit Gottes (157f).

6b-7a: (6b) „im heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe, (7a) im Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes“. Für Paulus als Apostel dient der Geist zur Pflege der Tugenden. Die Tugenden selbst sind der Erweis der inneren Wirkung des Geistes (3,8;  vgl. 3,6: „Diener des Bundes des Geistes“). Dieser Dienst des Geistes schafft bei Paulus den Geist des Glaubens (4,13) und den Geist als Angeld der Vollendung (5,5). Für Paulus geschieht seine Verkündigung im „Erweis des Geistes und der Kraft“ (1Kor 2,4). Die ungeheuchelte Liebe dient seiner Mission und ist die entscheidende Manifestation des Geistes, sie ist der höchste Weg aller echten Charismen (vgl. 1Kor 13;  Gal 5,22). Die ungeheuchelte Liebe gründet in der im Sterben für alle erwiesenen Liebe Christi (5,14f) (158f).

Das Wort der Wahrheit“ meint aufgrund der Verbundenheit mit der Kraft Gottes das Evangelium. In Kor 1,18 ist „das Wort vom Kreuz“ auf die Kraft Gottes bezogen, entsprechend geschieht das Wort der Verkündigung im Erweis des Geistes und der Kraft (1Kor 2,4;  1Thess 1,5). In 2Kor 4,2 wird das Evangelium als Wort Gottes bzw. Wahrheit beschrieben (vgl. Gal 2,5.14;  Eph 1,13;  Kol 1,5). Die Dynamis Gottes ist bedeutungsvoll wegen der menschlichen Schwachheiten des Apostels (4,7;  12,9;  vgl. 1Kor 2,3f). Sie ist wirksam im Leiden und in der Verkündigung. „Die Kraft Gottes wird in der Schwachheit vollendet“ (2Kor 12,9f). Paulus hat unter den Korinthern „in aller Geduld Zeichen, Wunder und Machttaten gewirkt“ (2Kor 12,12). Die Wendung „in aller Geduld“ bestimmt das paulinische Dienstverhältnis: Sein Wirken geschieht in langmütigem Erdulden von Leiden. Die Kraft Gottes erscheint am Schluss des Tugendkatalogs, der Paulus als Diener Gottes erweist und in dem alle vorher aufgeführten Tugenden zusammengefasst sind (159f).

d. 6,7b-8b: Die Waffenmetaphorik: Gerechtigkeit als Tugend: (7b) „durch die Waffen der Gerechtigkeit, zur Rechten und zur Linken“. An den Erlebnissen in der Asia (2Kor 1,8ff) macht Paulus deutlich, dass sein Leiden als 'Teil einer göttlichen Pädagogik' zu verstehen ist. Paulus redet vom 'Christenleben als einem Kampf gegen das Böse', auch spricht er von Waffen des Kampfes (10,4ff) und stellt in Röm 6,13 Waffen der Ungerechtigkeit und Waffen der Gerechtigkeit einander gegenüber. „Die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken“ - das Schwert in der rechten Hand zum Angriff und der Schild zur Verteidigung in der linken – sind Angriffs- und Verteidigungswaffen. (8a) „in Ehre und Schande“, (8b) „in böser Nachrede und in guter Nachrede“. Es liegt an Paulus existentieller Identifizierung mit der Botschaft, dass er in seiner Evangeliumsverkündigung bei manchen Ehre und Lob findet (vgl. Gal 4,14), bei anderen dagegen Verspottung bzw. Verachtung und Lästerung erntet (1Kor 4,13) (162f).

e. 6,8c-10: Als nichts Habende und doch alles Besitzende

1. Antithese (8c) „als Verführer/und (doch) Wahrhaftige“: Nicht Paulus betrügt jemanden, sondern er wird von seinen Gegnern Betrüger genannt. Er empfiehlt sich dem Gewissen aller Menschen (4,2;  5,11f) und grenzt sich gegen diejenigen ab, die das Gotteswort verachten (2,17) bzw. hinterlistig verfälschen (4,2).

2. Antithese (9a) „als Unbekannte/und (doch) Wohlbekannte“: Mit 'Unbekannte' bringt Paulus zum Ausdruck, dass seine Bedrängnisse in Asien von den Korinthern nicht erkannt und nicht anerkannt werden (2Kor 1,8), sodass er ein Unverstandener bleibt. Demgegenüber steht die Lauterkeit seiner Motive (2Kor 1,12-14). Paulus hofft darauf, von den Korinthern verstanden und anerkannt zu werden (1,13f) (165f).

3. Antithese (9b) „als Sterbende/und siehe, wir leben

4. Antithese (9c) „als gezüchtigt Werdende/und (doch) nicht getötet Werdende

Ps 118,17: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Wort verkündigen. (18) Der Herr züchtigt mich schwer, aber er gibt mich dem Tod nicht preis“.

Die beiden Antithesen V.9b.c sind die Folge der in Antithesen entfalteten Christologie: gekreuzigt aus Schwachheit, aber lebend aus der Kraft Gottes (13,4). Mit dem Bekenntnis: „als Sterbende/und siehe, wir leben“! Nimmt Paulus 4,10f wieder auf, wo mit seinem Todesleiden der Gekreuzigte offenbart wird und er um Jesu bzw. des Evangeliums willen in den täglichen Tod hingegeben wird. Mit dem Begriff 'siehe', wird der Umschwung aus dem Todesleiden des Apostels in ein Leben von Freude und Sieg eingeleitet. Tag für Tag erfährt der innere Mensch solch neues unsichtbares, aber ewiges Leben (4,10f.16f), das zu andauernder Freude führt (166f).

5. Antithese (10a) „als betrübt Werdende/aber immer sich Freuende“: Die Formulierung 'betrübt – immer fröhlich' ist fester Bestandteil pln Denkens (1Thess 1,6;  Gal 5,22;  2Kor 8,2; Röm 14,17). Der Betrübnis ist die ständige Freude gegenübergestellt, die die Leidensexistenz des Dieners Gottes (vgl. 7,4) übersteigt. Das Motiv 'Freude im Leiden' ist auch am Ende der Seligpreisungen der Bergpredigt und der Feldrede im Mund Jesu zu finden (Mt 5,12par;  vgl. 1Ptr 1,6f;  4,13;  Jak 1,2). Paulus spricht von der Freude des Glaubens (Phil 1,25;  4,4: „Freut euch im Herrn allezeit“) und von der Freude als Frucht des Geistes (Gal 5,22). Das paradoxe Miteinander von Freude und Betrübnis ist die Übernahme des Kreuzes Christi. Bei Paulus ist die Freude eine gegenwärtige und ständige Grundhaltung. So wird in der Gegenwart der Leiden Heil bewirkt und trotz aller Betrübnis nach dem Willen Gottes Freude im Geist erfahren (7,10) (169f).

6. Antithese (10b) „als Bettler/aber viele reich Machende“: Paulus erleidet in seiner Missionarstätigkeit in Korinth (11,7-10) immer wieder Mangel. Er formuliert den christologischen Bekenntnissatz in 8,9 („Der reich war, wurde um euretwillen arm, damit ihr durch seine Armut reich werdet“) im Wortfeld 'Armut – Reichtum'. Danach bewirkt Christus durch das Verlassen seines Reichtums für andere das, was er selbst aufgegeben hat. In diesem Sinn ist die Gemeinde in Korinth schon „in allem reich geworden in ihm“ (1Kor 1,5).

7. Antithese (10c) „als nichts Habende/und (doch) alles Besitzende“: Zusammenfassung der Selbtspräsentation des Paulus: Der Apostel besitzt einen Schatz (4,7), gerade dann, wenn er nichts hat. Paulus weiß auch, dass er alles besitzt, wenn er zu Christus gehört (vgl. 1Kor 3,23;  2,2: „nichts zu wissen als allein Jesus Christus“, vgl. Phil 3,8). Paulus als Nicht-Habender besitzt alles, was mit der Habeformel ausgeführt wird: Vertrauen (3,4), Hoffnung (3,12), Dienst (4,1), Glaubensgeist (4,13), ein zukünftiges 'Haus' (5,1) (170f).

Fazit

Im Rahmen der Verteidigung seines Apostolats ist dieser Peristasenkatalog eine apostolische Selbstempfehlung, die sich auf den in 3,1-3 erwähnten Empfehlungsbrief bezieht. Sie charakterisiert Paulus als Diener des neuen Bundes (3,6a) und Diener Gottes (6,4). Wie in 3,1, so lehnt Paulus auch in 5,12 (10,12.18) das Sich-Selbst-Empfehlen als negativ ab. Demgegenüber spricht er in 4,2 und 6,4 positiv von Selbstempfehlung, die wegen des Selbstrühmens seiner Gegner (vgl. 10,12f) nötig wird, zur Offenbarung der Wahrheit (4,2) dient und ihn als vollkommenen Diener Gottes ausweist (6,4). In 1Kor 4,6-13 geht es vorrangig um die Orientierung des Apostels am Wort vom Kreuz. Hier wie überhaupt im 2Kor setzt Paulus auffallend häufig die Peristasen ein, um sein Apostolat zu entwickeln (172).

Paulus erweist sich durch die Tugenden im Peristasenkatalog als Gottes Diener, der seine Fähigkeit in seinem Apostolat bewährt. Als Gottesdiener sieht Paulus den Geist als Pflege der Tugenden. Diese selbst sind Erweis des Geistes in dessen innerer Wirkung. Auf solche 'Diener des Geistes' (3,8;  vgl. 3,6) ist er in seiner Missionstätigkeit angewiesen. Durch den Dienst des Geistes bewährt Paulus den 'Geist des Glaubens' (4,13) und den Geist als Angeld der Vollendung (5,5). Durch sie erweist er sich als Diener Gottes. Die Kraft Gottes ist für Paulus jene Kraft, die in der eigenen Schwachheit und Bedrängnis zur Vollendung kommt (4,7;  12,9f) in der Existenz des Apostels. Die Tugenden sind Voraussetzung für das Ertragen von Peristasen, womit sich umgekehrt die Tugenden als die von Gott gegebene Kraft erweisen. Die Kraft zum Aushalten kommt nicht aus Paulus selber, sondern sie gebührt dem Übermaß der Kraft Gottes (4,7). „Als Diener Gottes“ kann sich der Apostel „in allem empfehlen“, denn Gottes Diener ist er, der um die Freude im Leiden weiß, indem er nichts hat und doch alles besitzt (6,10). Wie er selbst durch die Armut Christi reich geworden ist (6,10), so soll auch seine Gemeinde als Folge des Christusbekenntnisses (8,9) durch seine Armut reich werden. In den Antithesen Vv 8b-10 spiegelt sich paradox das Leiden des Paulus wider, vergleichbar den Peristasenkatalogen in 1Kor 4,10-13a;  2Kor 4,8f. Diese Koexistenz von Gegensätzen gebraucht Paulus in seinen Peristasenkatalogen häufig. Sie charakterisiert bei Paulus in 1Kor 1,18-25 auch das Wort vom Kreuz, als Gegensatz von Torheit und Weisheit (bzw. Gotteskraft). Vergleichsweise werden in 2Kor 1,3ff und 4,7-15 das Miteinander von Trost und Leiden bzw. Sterben und Leben dargestellt so wie in 12,9f das Miteinander bzw. Gegeneinander von Schwachheit und Kraft. Alle Peristasenkataloge leben von dieser Koexistenz von Gegensätzen. Mit ihnen empfiehlt und erweist sich der Apostel als Diener Gottes (173f).


(4) 2Kor 11,21b-30: Der Apostel als Diener Christi


a. 11,21b: Die Überschrift der Ruhmesrede
b. 11,22-23a: Die Prädikate des Apostels und die Gegner des Paulus
c. Exkurs: Die Gegner des Paulus nach 2Kor 10-13
d. Exkurs: Das römische Bürgerrecht des Paulus
e. 11,30: Schlusssentenz: Selbstruhm in Schwachheit
f. Fazit


Im Zusammenhang der Narrenrede (2Kor 11,1-12,13) ist der Abschnitt 11,2-21a ein Prolog zur Selbstempfehlung in 11,21b-12,10. In der Narrenrede begegnet uns eine große Gegenrede des Paulus, in der er sich explizit mit den Gegnern auseinandersetzt. Scharfe Polemik tritt hier an die Stelle positiver theologischer Entfaltung. Auch im Peristasenkatalog 11,21b-30 begegnet der 'Ich-Stil' als Zeichen des autobiographischen Charakters der apostolischen Rede. Der Peristasenkatalog 11,21b-30 ist der am stärksten biographisch orientierte Text innerhalb der paulinischen Aufzählung seiner missionarischen Leiden. Weitere autobiographische Stücke folgen in 11,32f und 12,2-4, wo Paulus konkrete Episoden vorstellt als Beispiele vielfältiger Leiden, die er gegenüber seinen Gegnern präsentiert. Die Aufzählung der Peristasen soll dazu dienen, Paulus als wahren 'Diener Christi' zu erweisen (176f).

Die Narrenrede (11,1-12,13): Nach dem Prolog (11,1-21a) spricht Paulus zwar widerwillig vom 'törichten Ruhm', aber er bringt damit sein Selbstverständnis zum Ausdruck „ich rede in Torheit“ (21b), „töricht rede ich“ (23a). Daraus ist zu ersehen, dass er von seinen Gegnern in Korinth gezwungen wird, die Autorität seines Apostolats zu erweisen (11,18.21b-23;  12,1a). Die 'Ruhmesrede' (als Torheit charakterisiert) signalisiert den Beginn der eigentlichen Rede 'in Torheit', was schon 11,1 („ein wenig Torheit“) angedeutet wurde. Sie setzt ein mit einem Vergleich zwischen Paulus und den korinthischen Eindringlingen (21b-23) und führt zu einer langen Aufzählung der Peristasen in der Aposteltätigkeit (23b-29). Paulus versteht sein Rühmen als Aktion eines Narren. Sie ist gefordert, weil die Korinther die Eindringlinge mit Toleranz dulden. Paulus blickt zurück und ist wider seinen Willen zum Narren geworden (12,11a „ich bin töricht geworden“). Das entscheidende Motiv für seine Narrenrede weist auf 12,19a („schon längst glaubt ihr, dass wir uns vor euch verteidigen“) hin. Die Narrenrede ist als eine Apologie zu verstehen. Sie schließt mit dem Epilog (12,13) ab (178f).

Der Begriff 'Torheit' kommt in der Narrenrede 9-mal vor und bildet das Vorzeichen, unter dem Paulus seine Ruhmesrede in 11,21b-12,10 verstanden wissen will. Bei der Narrenrede benutzt Paulus das Bild des Toren aus der jüdischen Weisheitstradition. Das Sich-Rühmen, das Paulus entfaltet, ist als Sich-Rühmen im Herrn zu verstehen. Bei Paulus ist Ruhm in der Narrenrede nur Ruhm des Herrn (180f).

In 11,17 bezeichnet Paulus es als „nicht gemäß dem Herrn … sondern gleichsam in Torheit“, dass er sich mit einem Ruhmesvorhaben auf die Denkweise und Argumentationsebene seiner Gegner in Korinth einlässt. Das Rühmen widerspricht dem Willen des Herrn und ist deshalb als Torheit zu beurteilen. Auch ist dies durch das Herrenwort in 12,9a („lass dir an meiner Gnade genügen, denn die Kraft wird in Schwachheit vollendet“) christologisch begründet (182).

Selbstruhm und Selbstempfehlung: (10,17) „aber der sich Rühmende rühme sich des Herrn“. (10,18) „denn nicht der sich selbst Empfehlende, sondern der, den der Herr empfiehlt, ist bewährt“. Das Verhalten des Paulus ist darin begründet, dass er sein Wirken nach dem Maß einschätzt, das Gott ihm in seinem Verkündigungsauftrag gesetzt hat (10,13-16). Der unter dem Stichwort 'sich rühmen' von Paulus eingeführte Gedanke ist durch den biblischen Hintergrund und durch das paulinische Apostolatsverständnis bestimmt. Beide zusammen bilden die Grundlage, von der aus er der Selbstempfehlung der Gegner bei den Korinthern entgegentritt (10,18). Von dieser Basis aus kann er die folgende Selbstempfehlung nur als Torheit ansehen, die zu ertragen er die Adressaten bitten muss (11,1-4) (182f).


a. 11,21b: Die Überschrift der RuhmesredeWo ist einer kühn – ich rede in Torheit -, da bin ich auch kühn“. Paulus setzt sein Rollenspiel als Torheit fort und eröffnet den dialogischen Vergleich mit seinen Gegnern, indem er sich den Korinthern gegenüber als schwach und leidend erweist. Wie schon im Peristasenkatalog 2Kor 6 besteht darin seine Empfehlung. Der Ausdruck „ich rede in Torheit“ wird in V.23 durch „ich rede unsinnig“ verstärkt (183f).

b. 11,22-23a: Die Prädikate des Apostels und die Gegner des Paulus: (22) „Sie sind Hebräer – ich auch! Sie sind Israeliten – ich auch! Sie sind Abrahams Kinder – ich auch“! Das Törichte seiner Ruhmesrede besteht in seiner Beteiligung am Selbstruhm der Gegner, wobei er unterstreicht, ihnen bezüglich der Herkunft als Hebräer, Israelit und Same Abrahams gleich zu sein. Diese Feststellung weist daraufhin, dass Paulus den folgenden Peristasenkatalog zu einer vergleichenden Gegenüberstellung mit den Gegnern ausbaut (10,12), in dem er sich seinen Gegnern gleichstellt. Die grundlegende Vergleichbarkeit ergibt sich daraus, dass er die apostolische Berufung seiner Gegner in der ersten Rede in 11,12-15 bestreitet. Der Vergleich mit den Fremdaposteln dient der Antwort auf den eigentlichen Streitpunkt, wer in Legitimität wahrer Apostel ist (184).

Same Abrahams: Abraham wird „Freund Gottes“ und „Vater vieler Völker“ (Röm 4,17) genannt, während Israel als Same Abrahams gilt. Die Bezeichnung „Same Abrahams“ meint das Erbe der Verheißungen Gottes. Mit diesem Begriff beschreibt Paulus den geschichtlichen Vorzug Israels und der eigenen Herkunft. Für ihn ist Abraham das Urbild der an Christus Glaubenden (Gal 3;  Röm 4). In Gal 3 wird der Segen Abrahams für die Völker als ein Protevangelium für die Rechtfertigung der Heiden verstanden (3,8f). So sind nur die an Christus Glaubenden Same Abrahams und Erben der Verheißung (3,29). So identifiziert Paulus die dem Abraham gegebene Verheißung mit dem Evangelium (Gal 3,16-18;  Röm 4,13-18;  9,6-8). Indem er in Gal 3,16 „Same Abrahams“ mit Christus verbindet, gibt er diesem Titel eine christologische Bedeutung. Eindeutig ist, dass Paulus mit „Same Abrahams“ die Zugehörigkeit zum Volk der Heilsgeschichte und der Verheißungen meint. Mit den drei Ehrenprädikaten werden die Gegner des Paulus als diejenigen bezeichnet, die sich auf ihre jüdische Herkunft berufen (188f).

23a Vom Diener zum Apostel: „Sie sind Diener Christi – ich rede töricht: ich bin's weit mehr“! Paulus liefert gegenüber seinen Gegnern den Beweis, dass er mehr 'Diener Christi' ist als sie. Mit der Begriffskombination 'Diener Christi' macht Paulus seinen Gegnern klar, dass der wahre Diener sich nicht auf eine ehrwürdige Herkunft berufen muss, sondern am Dienst für Christus zu messen ist. Die Peristasen sind Dienst Christi. Er versteht sich bewusst als von Christus beauftragter und für ihn wirkender Missionar. Diener wird hier im Sinn des beauftragten Verkündigers verwendet. Paulus versteht seine Gegner in 11,13-15 aufgrund ihrer Verkündigungstätigkeit als falsche Apostel, als verkleidete Apostel Christi (13.15). Der Terminus 'Diener' ist hier Äquivalent zu Apostel, weil er im Sinn einer beauftragten Evangeliumsverkündigung Christi bzw. Gottes verwendet wird. Der Begriff 'apostolos' wird mehr im Sinn der Sendung verwendet, während die Bezeichnung 'diakonos' auf den Inhalt des Auftrags und dessen Ausführung zielt, der stärker die Bedeutung der Geistbegabung hat (189f).

Paulus charakterisiert sich selbst im Präskript als „Apostel Jesu Christi“ (1,1). Im Peristasenkatalog dagegen gebraucht er den Ausdruck „Diener Christi“ oder „Diener Gottes“ (6,4). Der Grund dafür liegt im Interesse seiner Missionstätigkeit, als Diener Christi den Gekreuzigten und Auferstandenen zu verkündigen. Dabei wird die Geistbegabung der Diakonia betont. Für Paulus ist es ein Kriterium wahrer apostolischer Legitimität, wer mehr Christus gedient hat und wer mehr für ihn gelitten hat.

Der Peristasenkatalog bietet den Beweis der Aussagen 'ich bin noch mehr' im Sinn eines wirkungsvolleren und überragenden Dienstes. Paulus unterstreicht damit, dass der Dienst und die Leiden als Diakonos Christi eine wichtigere Rolle spielen als die Herkunft. In den Leidenslisten demonstriert Paulus sein Noch-mehr-Sein. Ich habe Christus mehr gedient als sie, denn ich habe mehr für ihn gelitten. Paulus ist dies deshalb wichtig, weil (an 10,17 gemessen) das „wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn“ (Jer 9,22f) nur Ruhm im Sinn der Torheit ermöglicht. Die Komperativformen an der Spitze des Leidenskatalogs unterstreichen die Häufigkeit seiner Peristasen, die hier 'harte Arbeitsmühen' genannt werden (190f).


c. Exkurs: Die Gegner des Paulus nach 2Kor 10-13: An fünf Stellen bezieht sich Paulus eindeutig auf die Gegner: 'Überapostel' (11,15;  12,11), 'falsche Apostel' (11,13), 'betrügerische Apostel' (11,13), 'Diener des Satans' (11,15). Sie selbst bezeichnen sich als 'Apostel Christi' (11,13), 'Diener der Gerechtigkeit' (11,15), benutzen die Ehrentitel 'Hebräer', 'Israeliten' und 'Same Abrahams' (11,22) bzw. die Bezeichnung 'Diener Christi' (11,23) (192).

Die Gegner nennen sich Apostel (11,5.13;  12,11) und dringen von außerhalb in die Gemeinde ein (11,4;  10,15f). Sie sind jüdischer Herkunft (11,22) und kommen aus dem hellenistischen Diasporajudentum. Sie rühmen sich 'fremder Mühen', der Arbeit, die Paulus selbst bei seiner Missionstätigkeit vollbracht hat (10,15f), meinen mit allem ihn zu überragen und beanstanden seine Autorität als Apostel (12,11). Paulus beurteilt seine Gegner als solche, die sich nach dem Ansehen rühmen (5,12), er wirft ihnen vor, dass sie sich selbst empfehlen (10,12.18) und beschreibt sie als solche, die sich an sich selbst messen und sich mit sich selbst vergleichen (10,12b). Sie kamen als Missionare und Apostel nach Korinth, deshalb auch die Bezeichnungen 'Apostel' (11,5.13;  12,11), 'Diener' (11,15.22) sowie 'Arbeiter' (11,13) (194).

Die Gegner sind diejenigen, die Paulus Autorität als Apostel disqualifizierend beurteilen (10,10). Deshalb kämpft Paulus um den Erhalt seiner apostolischen Autorität und die Gegner versuchen, ihre Stellung zu erweitern und zwischen die Gemeinde und ihren Gründer zu treten und als Apostel empfohlen zu werden (10,2.18). Paulus pocht demgegenüber darauf, dass seine apostolische Autorität in der Autorität des Christusgeschehens (1,1;  10,18) begründet ist.

Zum anderen zielt Paulus mit der Narrenrede auf die theologische Auseinandersetzung mit Andersdenkenden, was die Wahrheit des Evangeliums vom gekreuzigten Christus betrifft. Sie bringen nach 11,4 eine vom paulinischen Zeugnis abweichende Christusverkündigung: Sie verkündigen einen anderen Jesus, einen anderen Geist und ein anderes Evangelium (vgl. Gal 1,6-9). Seine Gegner vertreten gegenüber der Kreuzestheologie eine Art 'Ruhmestheologie'. Für Paulus ist echte Ruhmesrede, sich des Herrn zu rühmen (10,17) und nicht seiner selbst. Paulus rühmt sich seiner Schwachheit, die im gekreuzigten Christus gründet. Sich-der-Schwachheit-Rühmen bedeutet für ihn Sich-des-gekreuzigten-Christus-Rühmen, während die Gegner sich ihrer Herrlichkeit, ihrer Herkunft und ihrer Wundertaten rühmen. Im Zusammenhang des ganzen Peristasenkatalogs liegt das theologische Interesse des Paulus beim gekreuzigten und auferstandenen Christus. Damit steht Paulus in deutlicher Opposition zu den Gegnern (194f).

11,23b-29: Der Peristasenkatalog: (23b) „Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen“. Die vier Substantive: 'Mühen, Gefängnisse, Schläge, Todesnöte' stehen für die gegenwärtigen Leiden bei Paulus. Die Gegner „rühmen sich fremder Mühen“ (10,15), während Paulus selbst sich mit seiner eigenen Hände Arbeit den Lebensunterhalt während der Gründungsmission verdient hat (1Kor 4,12;  9,6) (196).

24-25a: Drei unterschiedliche Strafverfahren: (24) „Von den Juden habe ich fünfmal vierzig Geißelhiebe weniger einen erhalten, (25a)  dreimal bin ich mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden“. Paulus stellt drei Strafverfahren zusammen: Zum einen die jüdische synagogale Geißelstrafe, zum anderen die römische Rutengeißelstrafe und drittens die Steinigung, ein Beispiel von Lynchjustiz (2Kor 11,24f) (197).

d. Exkurs: Das römische Bürgerrecht des PaulusEs ist denkbar, dass Paulus sein Bürgerrechtsprivileg nicht immer offenbaren wollte. Sich auf dieses zu berufen erlaubte sich der Apostel nur in der Situation äußerster Lebensgefahr. Die Missionsstrategie des Paulus ist geleitet von 1Kor 9,19-23: den Juden als Jude, den Gesetzestreuen als Gesetzestreuer, den Gesetzlosen als Gesetzloser, den Schwachen als Schwacher zu begegnen. Auf diesem Hintergrund ist es denkbar, dass Paulus zu vermeiden suchte, als Jude auf jüdischer Seite zu stehen und gleichzeitig das römische Bürgerrecht zu betonen. (Paulus spricht sich für den Rechtsverzicht in der christlichen Gemeinde aus.) Die Beanspruchung des Bürgerrechts in einem religiösen Konflikt hätte gegen seine Prinzipien verstoßen. Solches Denken spricht auch aus seinem Peristasenkatalog 2Kor 6,3ff: „Niemandem geben wir einen Anstoß, damit der Dienst nicht verlästert wird, sondern in allem erweisen wir uns als Gottes Diener, durch viel Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Bedrängnissen, in Schlägen, in Gefängnissen, in Unruhen, in Mühsalen, in durchwachten Nächten, in Fasten ...“. Nach 1Kor 9,12 hat Paulus sein Recht auf Unterhalt nicht gebraucht, sondern alles erduldet, um dem Evangelium Christi kein Hindernis zu bereiten. Diese Haltung des Paulus ist in der 'Theologie der Peristasenkataloge' verankert, in denen er sein Leiden mit dem Leiden Jesu Christi identifiziert und aktivisch versteht (209f).

Gal 6,17: „Hinfort mache mir niemand weiter Mühe, denn ich trage die Malzeichen Jesu an meinem Leib“.

Phil 3,10: „Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden“.

2Kor 4,10: „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib offenbar werde“.

2Kor 4,11: „Denn wir, die wir leben, werden immerdar in den Tod gegeben um Jesu willen, damit auch das Leben Jesu offenbar werde an unserem sterblichen Fleisch“.

2Kor 1,5: „Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus“.

Phil 1,21: „Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn“.

Phil 3,7: „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet“.

Grundlegend für diese Konzeption der Partizipation an der Schwachheit von Christi Kreuzestod sind 1Kor 1,23 (Paulus predigt den gekreuzigten Christus) bzw. 1Kor 2,2 (Paulus will nichts wissen, als nur Jesus Christus, den Gekreuzigten). Paulus nimmt die eigene Leidenwirklichkeit als seine christliche Identität wahr. Nach den Aussagen des Paulus, er trage an seinem Leib die Nekrosis Jesu (2Kor 4,10) bzw. die Stigmata Jesu (Gal 6,17) und er sei überreich an Leiden Christi (2Kor 1,5), identifiziert er sein eigenes Leiden mit dem leidenden Jesus. So versteht Paulus seine Zugehörigkeit zu Jesus Christus als Gleichgestaltetwerden bzw. Tod Jesu. In diesem Zusammenhang findet sich auch der weiterführende Gedanke: „Ich freue mich in den Leiden für euch und vollende die noch ausstehenden Bedrängnisse Christi an meinem Fleisch für seinen Leib, das ist die Gemeinde“ (Kol 1,24) (211).

Das Erdulden aller Leiden ist ein aktives Verhalten im Rahmen seiner Theologie der Identifizierung mit dem leidenden Christus und des Gleichgestaltetwerdens mit seinem Tod. Paulus erduldet alles um des Evangeliums Christi willen (1Kor 9,12), wie auch Christus nicht an sich selbst Gefallen hatte (Röm 15,3). So wäre auch zu verstehen, warum Paulus die römische Rutengeißelung erdulden wollte, obwohl er das römische Bürgerrecht hatte (212).

25b: Todesgefahr auf dem Meer: „dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer“. Mit der am Ende genannten Seenot, die Paulus „auf dem tiefen Meer zubrachte“, wird das eintägige (eine Nach und einen Tag, 24 Stunden) Treiben auf den Trümmern eines Wracks zwischen Leben und Tod als Höhepunkt der Lebensgefahren beschrieben (213f).

26: Gefahren der zahlreichen Landreisen: „Ich bin öfter gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern“. Mit dem am Ende gesteigerten Höhepunkt 'falsche Brüder' wird er in seiner Missionstätigkeit konfrontiert (216).

27: Das Peristasenvokabular: „in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße“, Müsahl, Beschwernis und Entbehrung: Der Mangel an Schlaf, der Mangel an Nahrung, der Mangel an Kleidung. Die von Paulus in den Peristasen aufgezählten Strapazen haben das Ziel, ihn als Diener Christi zu erweisen (2,16f).

28: Das Verhältnis zu den Gemeinden: „und außer alldem noch das, was täglich auf mich einstürmt und die Sorge für alle Gemeinden“. Die Schilderung der äußeren Notsituationen ergänzt Paulus als 'Diener Christi' durch Bedrängnisse, die die Gemeinden betreffen 2Kor 11,28: „und außer alldem noch das, was täglich auf mich einstürmt und die Sorge für alle Gemeinden“. Nach den äußerlichen Bedrängnissen, den vielerlei Gefährdungen durch Juden und Heiden (V.26) schlägt das Pendel jetzt aus in Richtung des inneren Lebens der Gemeinden, das ihn mehr belastet hat als die Gefahren der Reisen und die Konfrontation der Gegner. Gerade die korinthische Gemeinde leidet unter vielerlei Problemen. Die Sorge erstreckt sich auf alle Gemeinden (217f).

29: Bin ich nicht schwach? Brenne ich nicht? „Wer ist schwach und ich werde nicht schwach? Wer wird zu Fall gebracht und ich brenne nicht“? Wenn Paulus in den Peristasenkatalogen das Wort 'Schwachheit' gebraucht, dann ist es auf seine Leiden bezogen, deren er sich rühmt (11,30;  12,5.9f). Mit den zwei rhetorischen Fragen: „bin ich nicht schwach“? Und „brenne ich nicht“? konkretisiert er seine andauernde Sorge, die als emphatisches Mitleiden mit den Angefochtenen zu verstehen ist. Die Schwachheit ist bei Paulus einerseits Zeichen der eingeschränkten irdischen Existenz des Menschen, in der Gott seine Kraft offenbart (vgl. 2Kor 4,7). Andererseits charakterisiert sie die christologische Bedeutung seines apostolischen Lebens, so dass seine Schwachheit 'in Christus', ein Dasein ist, das in Schwachheit gekreuzigt worden ist (2Kor 13,4). Damit betont der Apostel am Ende des Peristasenkatalogs erneut seine Liebe und stellt sich in den Dienst Christi (218f).

e. 11,30: Schlusssentenz: Selbstruhm in SchwachheitWenn ich mich rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheiten rühmen“. Wenn Paulus sich in 11,21b-12,10 seiner Schwachheit rühmt, so verspottet er nicht nur den Selbstruhm seiner Gegner 'nach dem Fleisch' (11,18). Er nimmt auch eine positive theologische Aussage vor, unterstrichen durch das Herrenwort und die Formulierung 'nach dem Herrn', die beide deutlich machen, dass es um den Ruhm der Kraft Christi geht. Durch das Jeremiazitat 10,17 („Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn“) und das Herrenwort in 12,9 wird die Christuszugehörigkeit des schwachen Apostels bekräftigt. Der Peristasenkatalog dient dazu, Schwachheit als Zeichen des wahren Apostels zu erweisen. Am Kreuz Christi hat Paulus Anteil, indem er am Leiden Christi teilnimmt. Mit dieser Kreuzestheologie erweist Paulus sich als Diener Christi. Paulus rühmt sich der Christuszugehörigkeit (2Kor 10,17) und bekräftigt damit seinen Dienst (221).

f. Fazit

Der Peristasenkatalog 11,21b-30 ist der am stärksten biographisch orientierte innerhalb der paulinischen Aufzählung seiner missionarischen Leiden und liegt als Narrenrede vor. Daraus ist zu ersehen, dass Paulus zu dieser Haltung von seinen Gegnern in Korinth gezwungen wurde, um die Autorität seines Apostolats zu erweisen (11,18.21b-23;  12,1a). Die 'Ruhmesrede', die sich der Torheit rühmt, beginnt mit einem Vergleich zwischen Paulus und den korinthischen Gegnern (21b-23) und wird mit einer langen Aufzählung der Peristasen seiner Aposteltätigkeit (23b-29) fortgesetzt (221).

Die jüdischen Gegner mit ihrer jüdischen Herkunft stellen sich als Diener Christi Paulus entgegen und polemisieren gegen seinen Dienst als von Christus beauftragter und für ihn wirkender Missionar. Paulus disqualifiziert seine Gegner als falsche Apostel (11,13-15), die sich als Apostel Christi verstellen (222).

Mit den Peristasenkatalogen bringt Paulus das Spezifikum seines Apostolats als Diener Christi zum Ausdruck. Darüber hinaus hat er das Interesse, seine Missionstätigkeit als Verkündigung des gekreuzigten und auferstandenen Christus zu erweisen. Das Kriterium wahrer Legitimität des Apostels besteht für Paulus darin, Christus mehr gedient und für ihn gelitten zu haben.

Der Nichtgebrauch seiner römischen Bügerrechtsprivilegien kann erklärt werden aus seiner Missionsstrategie und seiner Theologie, die seinen Peristasenkatalogen zugrunde liegt. Zudem konkretisiert Paulus seine ständige Sorge und sein emphatisches Mitleiden mit den Angefochtenen, vor allem seinen Gemeinden. In diesem Sinn durchleidet der Apostel alle Nöte seiner Gemeinden (222).

Der durch die Komparativformen gebildete Vergleich mit den Gegnern ist mit dem Wortfeld 'rühmen' verknüpft, dem die Narrenrede beherrschenden Stichwort. Darin zeigt sich, dass der Peristasenkatalog auf der vergleichenden Gegenüberstellung und der Ruhmesrede aufbaut. Ausgangspunkt der polemischen Spitze der Antithesen von 11,17f ist für Paulus die falsche Christologie seiner Gegner. Der äußerlichen Herrlichkeit der Gegner steht die Christuszugehörigkeit des Paulus gegenüber (222f).

Mit dem von Jer 9,22 abgeleiteten Verbot des Sich-Rühmens erhebt Paulus seine Vorwürfe gegenüber seinen Gegnern und entfaltet die Kernaussage der Narrenrede „ich will mich meiner Schwachheit rühmen“ (11,30). Aus dem Sich-Rühmen des Herrn wird ein Sich-Rühmen der Schwachheiten. Durch diesen Wechsel zielt Paulus auf die Schwachheiten des gekreuzigten Herrn. Dieses Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren gehen und eine Kraft Gottes denen, die errettet werden (1Kor 1,18ff). Paulus meint mit der Schwachheit des Herrn den gekreuzigten Christus. Dieser Gedankengang beruht auf seinen Aussagen „wir verkündigen den gekreuzigten Christus“ (1Kor 1,23) und niemand „zu wissen, als nur Jesus Christus und diesen als Gekreuzigten“ (1Kor 2,2). Aus diesem Grund haben in den Peristasenkatalogen die Aussagen Sich-des-Herrn-Rühmen und Sich-der-Schwachheit-Rühmen für Paulus gleiche Bedeutung. Paulus identifiziert damit die Schwachheit des gekreuzigten Herrn mit seiner Schwachheit im Leiden.

Weil in dieser Erfahrung des Christus (2Kor 13,4) bzw. des Apostels und der Gemeinde „Leben aus Gottes Kraft“ möglich wird, rühmt er sich der Schwachheiten. Deshalb steht die Schwachheit bei Paulus einmal für die eingeschränkte irdische menschliche Existenz, in der die Kraft von Gott offenbart wird (vgl. 4,7). zum anderen ist Schwachheit für ihn als christologische Deutung des apostolischen Lebens zu verstehen. In diesem Sinn ist seine Schwachheit in Christus, ein Sein, das in Schwachheit gekreuzigt worden ist (2Kor 13,4). Mit dem Sich-Rühmen seiner Schwachheit aufgrund des Herrn umschreibt Paulus seine Christuszugehörigkeit (223).