3.3 (2Kor 6,3-10): Der Apostel als Diener Gottes

Der Peristasenkatalog als apostolische Selbst-Empfehlung: Für Paulus beziehen sich seine Selbstempfehlung und sein Selbstruhm auf diejenigen, die sich ihrer eigenen Stärke rühmen und seine Schwachheit als fehlende Legitimation betrachten (10,10.12;  11,5f.12ff). Mit dieser Art von Selbstempfehlung erweist Paulus seine Beauftragung als Diener Gottes, wobei er die ihm gegenüber erhobenen Vorwürfe als seine Selbstempfehlung präsentiert: Nicht nach der von den Gegnern betriebenen Selbstempfehlung, sondern aufgrund der Empfehlung durch den Herrn (3,5f). Die Existenz der korinthischen Gemeinde ist sein eigentlicher Empfehlungsbrief (3,2). Die Gemeinde ist sein Ruhm, er ist auch ihr Ruhm (1,14). Für Paulus gilt als Grundsatz des Rühmens das Rühmen im Herrn. Dieser Herr ist der Gekreuzigte. In 11,30 und 12,9 wird deshalb dieses Rühmen als Rühmen der Schwachheit entfaltet (143).

In den Peristasenkatalogen gebraucht Paulus stets die Selbstbezeichnung 'Diener' statt 'Apostel', die er sonst in den Präskripten seiner Briefe üblicherweise verwendet. Der Begriff 'Apostel' betont den Sendungscharakter, während die Bezeichnung 'Diener' auf den Inhalt des Auftrags und dessen Ausübung zielt. In diesem Zusammenhang beinhaltet 'Diener' stärker die Geistbegabung, denn die Ausführung einer Beauftragung wird mit Hilfe der Geistbegabung wirksam. Mit dem Begriff 'Diener' wird zuerst die Geistbegabung für die Ausführung des Auftrags verdeutlicht, sodann der Verkündigungsauftrag des Evangeliums zum Ausdruck gebracht, der Kreuz und Auferstehung Jesu Christi beinhaltet (148).

2Kor 6,3-10: Einzelauslegung

3-4a: Paulus, der Diener Gottes: (3) „Niemandem geben wir einen Anstoß, damit der Dienst nicht gelästert wird, (4a) sondern in allem empfehlen wir uns als Diener Gottes in viel Geduld“. Diese Vv geben Thema und Zweck an, die in den Vv 4b-10 zur Entfaltung kommen. Es geht um den unanstößigen Dienst. Das Argument des Paulus ist: Er hat niemandem einen Anstoß gegeben und eine Gelegenheit, diesen Dienst zu lästern, soll niemandem gegeben werden (149).

Paulus versteht seinen Dienst als im Versöhungsgeschehen (5,18) wurzelnde Berufung und Sendung als Mitarbeiter Gottes. „Dienst als Versöhnung“ ist für ihn wie Gottesdienst. Paulus geht es darum, dass sein Dienst vor Gott untadelig und vor seinen Gegnern unkritisierbar ist. Paulus empfiehlt sich als wahrer Diener Gottes (bzw. Christi) durch sein apostolisches Leiden. Beim Sich-Selbstempfehlen geht es deshalb nicht um Eigenlob, sondern um das eigene Verhalten des Paulus als Gottes Diener und somit auch um sein Einstehen für die Botschaft. Der Peristasenkatalog ist deshalb als apostolische Selbst-Empfehlung zu charakterisieren (150f).

Dass das Leiden des Gerechten nicht als Strafe, sondern als Prüfung aufgefaßt wird, ist eine atl-jüdische Tradition (im NT: Jak 1,1-4.12;  1Ptr 1,6f). Daher gibt die Geduld die Gelegenheit, seine Erprobung zu erweisen (vgl. 2Kor 8,2). Paulus empfiehlt sein Apostolat im Sinn solcher Geduld. Das Ausharren steht im Zentrum der Leiden (151f).

4b-5: Die Triaden der Leiden: (4b) „in Bedrängnissen, in Notlagen und Drangsalen“: Die Aussicht, die alle leidvollen Zwänge ertragen lässt, gründet in der Erfahrung, gerade in Schwachheit stark zu sein. (5a) „bei Schlägen, in Gefängnissen und in Unruhen“: öffentliche Aufstände, Unruhen und Tumulte gegen Paulus führten oft zu Misshandlungen und Gefängnis. (5b) „in Mühsalen, in Schlaflosigkeiten und in Fasten“: Fasten steht für notgedrungene entbehrungsreiche Hungersnot. Diese Leiden sind freiwillig, sie beweisen die Haltung des Paulus als Botschafter. Paulus erduldet sie aufgrund seiner Missionstätigkeit (153-5).

6-7a: Der Tugendkatalog: (6a) „in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Güte“: Der Geist (bzw. die Kraft Gottes) ist mit Tugenden verknüpft, die Paulus als „Früchte des Geistes“ erklärt (Gal 5,22f;  Röm 14,17). In diesem Nebeneinander von Tugenden und Leiden erweist Paulus sich als Gottes Diener, der sich in seiner apostolischen Missionstätigkeit bewährt (vgl. Röm 5,3f) (155f).

Mit Lauterkeit wird die Tadellosigkeit bei der Ausübung des apostolischen Dienstes zum Ausdruck gebracht. Die Erkenntnis meint die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes und Christi. „Langmut führt mit wachsender Erkenntnis Gottes und Christi zu aller Geduld und Ausdauer“. Langmut ist in 1Kor 13,4 ein Prädikat der Liebe zusammen mit Güte. Mit diesen beiden Begriffen beginnt Paulus die Beschreibung der Liebe als der vollkommenen Wirklichkeit Gottes (157f).

(6b-7a): (6b) „im heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe, (7a) im Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes“. Für Paulus als Apostel dient der Geist zur Pflege der Tugenden. Die Tugenden selbst sind der Erweis der inneren Wirkung des Geistes (3,8;  vgl. 3,6: „Diener des Bundes des Geistes“). Dieser Dienst des Geistes schafft bei Paulus den Geist des Glaubens (4,13) und den Geist als Angeld der Vollendung (5,5). Für Paulus geschieht seine Verkündigung im „Erweis des Geistes und der Kraft“ (1Kor 2,4). Die ungeheuchelte Liebe dient seiner Mission und ist die entscheidende Manifestation des Geistes, sie ist der höchste Weg aller echten Charismen (vgl. 1Kor 13;  Gal 5,22). Die ungeheuchelte Liebe gründet in der im Sterben für alle erwiesenen Liebe Christi (5,14f) (158f).

Das Wort der Wahrheit“ meint aufgrund der Verbundenheit mit der Kraft Gottes das Evangelium. In Kor 1,18 ist „das Wort vom Kreuz“ auf die Kraft Gottes bezogen, entsprechend geschieht das Wort der Verkündigung im Erweis des Geistes und der Kraft (1Kor 2,4;  1Thess 1,5). In 2Kor 4,2 wird das Evangelium als Wort Gottes bzw. Wahrheit beschrieben (vgl. Gal 2,5.14;  Eph 1,13;  Kol 1,5). Die Dynamis Gottes ist bedeutungsvoll wegen der menschlichen Schwachheiten des Apostels (4,7;  12,9;  vgl. 1Kor 2,3f). Sie ist wirksam im Leiden und in der Verkündigung. „Die Kraft Gottes wird in der Schwachheit vollendet“ (2Kor 12,9f). Paulus hat unter den Korinthern „in aller Geduld Zeichen, Wunder und Machttaten gewirkt“ (2Kor 12,12). Die Wendung „in aller Geduld“ bestimmt das paulinische Dienstverhältnis: Sein Wirken geschieht in langmütigem Erdulden von Leiden. Die Kraft Gottes erscheint am Schluss des Tugendkatalogs, der Paulus als Diener Gottes erweist und in dem alle vorher aufgeführten Tugenden zusammengefasst sind (159f).

7b-8b: Die Waffenmetaphorik: Gerechtigkeit als Tugend: (7b) „durch die Waffen der Gerechtigkeit, zur Rechten und zur Linken“. An den Erlebnissen in der Asia (2Kor 1,8ff) macht Paulus deutlich, dass sein Leiden als 'Teil einer göttlichen Pädagogik' zu verstehen ist. Paulus redet vom 'Christenleben als einem Kampf gegen das Böse', auch spricht er von Waffen des Kampfes (10,4ff) und stellt in Röm 6,13 Waffen der Ungerechtigkeit und Waffen der Gerechtigkeit einander gegenüber. „Die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken“ - das Schwert in der rechten Hand zum Angriff und der Schild zur Verteidigung in der linken – sind Angriffs- und Verteidigungswaffen. (8a) „in Ehre und Schande“, (8b) „in böser Nachrede und in guter Nachrede“. Es liegt an Paulus existentieller Identifizierung mit der Botschaft, dass er in seiner Evangeliumsverkündigung bei manchen Ehre und Lob findet (vgl. Gal 4,14), bei anderen dagegen Verspottung bzw. Verachtung und Lästerung erntet (1Kor 4,13) (162f).

8c-10: Als nichts Habende und doch alles Besitzende

1. Antithese (8c) „als Verführer/und (doch) Wahrhaftige“: Nicht Paulus betrügt jemanden, sondern er wird von seinen Gegnern Betrüger genannt. Er empfiehlt sich dem Gewissen aller Menschen (4,2;  5,11f) und grenzt sich gegen diejenigen ab, die das Gotteswort verachten (2,17) bzw. hinterlistig verfälschen (4,2).

2. Antithese (9a) „als Unbekannte/und (doch) Wohlbekannte“: Mit 'Unbekannte' bringt Paulus zum Ausdruck, dass seine Bedrängnisse in Asien von den Korinthern nicht erkannt und nicht anerkannt werden (2Kor 1,8), sodass er ein Unverstandener bleibt. Demgegenüber steht die Lauterkeit seiner Motive (2Kor 1,12-14). Paulus hofft darauf, von den Korinthern verstanden und anerkannt zu werden (1,13f) (165f).

3. Antithese (9b) „als Sterbende/und siehe, wir leben

4. Antithese (9c) „als gezüchtigt Werdende/und (doch) nicht getötet Werdende

Ps 118,17: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Wort verkündigen. (18) Der Herr züchtigt mich schwer, aber er gibt mich dem Tod nicht preis“.

Die beiden Antithesen V.9b.c sind die Folge der in Antithesen entfalteten Christologie: gekreuzigt aus Schwachheit, aber lebend aus der Kraft Gottes (13,4). Mit dem Bekenntnis: „als Sterbende/und siehe, wir leben“! Nimmt Paulus 4,10f wieder auf, wo mit seinem Todesleiden der Gekreuzigte offenbart wird und er um Jesu bzw. des Evangeliums willen in den täglichen Tod hingegeben wird. Mit dem Begriff 'siehe', wird der Umschwung aus dem Todesleiden des Apostels in ein Leben von Freude und Sieg eingeleitet. Tag für Tag erfährt der innere Mensch solch neues unsichtbares, aber ewiges Leben (4,10f.16f), das zu andauernder Freude führt (166f).

5. Antithese (10a) „als betrübt Werdende/aber immer sich Freuende“: Die Formulierung 'betrübt – immer fröhlich' ist fester Bestandteil pln Denkens (1Thess 1,6;  Gal 5,22;  2Kor 8,2; Röm 14,17). Der Betrübnis ist die ständige Freude gegenübergestellt, die die Leidensexistenz des Dieners Gottes (vgl. 7,4) übersteigt. Das Motiv 'Freude im Leiden' ist auch am Ende der Seligpreisungen der Bergpredigt und der Feldrede im Mund Jesu zu finden (Mt 5,12par;  vgl. 1Ptr 1,6f;  4,13;  Jak 1,2). Paulus spricht von der Freude des Glaubens (Phil 1,25;  4,4: „Freut euch im Herrn allezeit“) und von der Freude als Frucht des Geistes (Gal 5,22). Das paradoxe Miteinander von Freude und Betrübnis ist die Übernahme des Kreuzes Christi. Bei Paulus ist die Freude eine gegenwärtige und ständige Grundhaltung. So wird in der Gegenwart der Leiden Heil bewirkt und trotz aller Betrübnis nach dem Willen Gottes Freude im Geist erfahren (7,10) (169f).

6. Antithese (10b) „als Bettler/aber viele reich Machende“: Paulus erleidet in seiner Missionarstätigkeit in Korinth (11,7-10) immer wieder Mangel. Er formuliert den christologischen Bekenntnissatz in 8,9 („Der reich war, wurde um euretwillen arm, damit ihr durch seine Armut reich werdet“) im Wortfeld 'Armut – Reichtum'. Danach bewirkt Christus durch das Verlassen seines Reichtums für andere das, was er selbst aufgegeben hat. In diesem Sinn ist die Gemeinde in Korinth schon „in allem reich geworden in ihm“ (1Kor 1,5).

7. Antithese (10c) „als nichts Habende/und (doch) alles Besitzende“: Zusammenfassung der Selbtspräsentation des Paulus: Der Apostel besitzt einen Schatz (4,7), gerade dann, wenn er nichts hat. Paulus weiß auch, dass er alles besitzt, wenn er zu Christus gehört (vgl. 1Kor 3,23;  2,2: „nichts zu wissen als allein Jesus Christus“, vgl. Phil 3,8). Paulus als Nicht-Habender besitzt alles, was mit der Habeformel ausgeführt wird: Vertrauen (3,4), Hoffnung (3,12), Dienst (4,1), Glaubensgeist (4,13), ein zukünftiges 'Haus' (5,1) (170f).

Fazit

Im Rahmen der Verteidigung seines Apostolats ist dieser Peristasenkatalog eine apostolische Selbstempfehlung, die sich auf den in 3,1-3 erwähnten Empfehlungsbrief bezieht. Sie charakterisiert Paulus als Diener des neuen Bundes (3,6a) und Diener Gottes (6,4). Wie in 3,1, so lehnt Paulus auch in 5,12 (10,12.18) das Sich-Selbst-Empfehlen als negativ ab. Demgegenpber spricht er in 4,2 und 6,4 positiv von Selbstempfehlung, die wegen des Selbstrühmens seiner Gegner (vgl. 10,12f) nötig wird, zur Offenbarung der Wahrheit (4,2) dient und ihn als vollkommenen Diener Gottes ausweist (6,4). In 1Kor 4,6-13 geht es vorrangig um die Orientierung des Apostels am Wort vom Kreuz. Hier wie überhaupt im 2Kor setzt Paulus auffallend häufig die Peristasen ein, um sein Apostolat zu entwickeln (172).

Paulus erweist sich durch die Tugenden im Peristasenkatalog als Gottes Diener, der seine Fähigkeit in seinem Apostolat bewährt. Als Gottesdiener sieht Paulus den Geist als Pflege der Tugenden. Diese selbst sind Erweis des Geistes in dessen innerer Wirkung. Auf solche 'Diener des Geistes' (3,8;  vgl. 3,6) ist er in seiner Missionstätigkeit angewiesen. Durch den Dienst des Geistes bewährt Paulus den 'Geist des Glaubens' (4,13) und den Geist als Angeld der Vollendung (5,5). Durch sie erweist er sich als Diener Gottes. Die Kraft Gottes ist für Paulus jene Kraft, die in der eigenen Schwachheit und Bedrängnis zur Vollendung kommt (4,7;  12,9f) in der Existenz des Apostels. Die Tugenden sind Voraussetzung für das Ertragen von Peristasen, womit sich umgekehrt die Tugenden als die von Gott gegebene Kraft erweisen. Die Kraft zum Aushalten kommt nicht aus Paulus selber, sondern sie gebührt dem Übermaß der Kraft Gottes (4,7). „Als Diener Gottes“ kann sich der Apostel „in allem empfehlen“, denn Gottes Diener ist er, der um die Freude im Leiden weiß, indem er nichts hat und doch alles besitzt (6,10). Wie er selbst durch die Armut Christi reich geworden ist (6,10), so soll auch seine Gemeinde als Folge des Christusbekenntnisses (8,9) durch seine Armut reich werden. In den Antithesen Vv 8b-10 spiegelt sich paradox das Leiden des Paulus wider, vergleichbar den Peristasenkatalogen in 1Kor 4,10-13a;  2Kor 4,8f. Diese Koexistenz von Gegensätzen gebraucht Paulus in seinen Peristasenkatalogen häufig. Sie charakterisiert bei Paulus in 1Kor 1,18-25 auch das Wort vom Kreuz, als Gegensatz von Torheit und Weisheit (bzw. Gotteskraft). Vergleichsweise werden in 2Kor 1,3ff und 4,7-15 das Miteinander von Trost und Leiden bzw. Sterben und Leben dargestellt so wie in 12,9f das Miteinander bzw. Gegeneinander von Schwachheit und Kraft. Alle Peristasenkataloge leben von dieser Koexistenz von Gegensätzen. Mit ihnen empfiehlt und erweist sich der Apostel als Diener Gottes (173f).