10. Solus Christus - "zur Freiheit berufen" (Gal 5,1.13) - versöhnte Verschiedenheit

J E S U  H A U P T G E B O T (Mk 12,28-34parr): Höre Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein; und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen von ganzer Seele und mit all deiner Kraft! Dies ist das erste Gebot. Das zweite ist dieses: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Größer als diese ist kein anderer Gebot. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: ...Gott lieben und den Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Da ...sprach Jesus zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes!

Größer als diese (1. und 2. Gebot) ist kein anderes Gebot. Jede Gesetzesauflage entwertet Jesu Hauptgebot: Sein Gebot würde zu einem Gebot neben/unter anderen Geboten.

 

V E R S Ö H N T E   V E R S C H I E D E N H E I T

Judenchrist - Heidenchrist
Beschneidung - Unbeschnittenheit
apokalyptisches - neuzeitliches Weltbild
fundamentalistische - historisch-kritische Sichtweise

entscheidend ist die N A C H F O L G E  J E S U

"In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit etwas, sondern der Glaube, der durch Liebe wirksam ist" (Gal 5,6).

Die Freiheit des Glaubens und die Einheit der Christen

"Hier ist nicht Jude noch Grieche [..], denn ihr alle seid einer in Christus Jesus" (Gal 3,28).

"Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm" (1Kor 12,27)

"Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit" (nicht Beliebigkeit) (2Kor 3,17).

 

Ohne Verwirklichung der christlichen Freiheit keine kirchliche Einheit

W. Klaiber (2009): Seit den Anfängen gibt es in christlichen Gemeinden und Kirchen unterschiedliche Meinungen zu Fragen des Glaubens und des Lebens, die das Miteinander belasten oder behindern. Paulus ruft in einer solchen Situation die Christen in Rom auf, sich trotz dieser Meinungsunterschiede gegenseitig als Menschen, die zu Christus gehören, anzunehmen. Uns steht kein Urteil über die zu, die Christus gegenüber verantwortlich sind (246f).

Der ist glücklich zu preisen, der zu seiner Freiheit steht, sie aber in der Liebe lebt. Es gibt Entscheidungen über das Leben als Christ, die nur richtig sind, wenn sie für uns persönlich mit dem übereinstimmen, was uns im Glauben trägt (254f).

In Galatien ging es nicht darum, Judenchristen Raum für die ihnen angemessen scheinende Lebensweise zu gewähren, sondern darum, für alle Christen die Beschneidung und die Einhaltung des Gesetzes verbindlich zu machen. Dadurch sah Paulus die Grundlagen des Evangeliums und der Freiheit, die es schenkt, gefährdet.

In Antiochien suchten Petrus und die Judenchristen nicht nach Wegen, durch die die Gemeinschaft zwischen den beiden Gruppen hätte aufrecht erhalten werden können. Sie sahen nur in der Trennung eine Lösung.

In Antiochien waren diejenigen, die sich trennten in der Mehrheit. Paulus spürte in ihrem Handeln einen unausweichlichen Zwang auf die Heidenchristen, um der Gemeinschaft willen ihre Glaubensüberzeugung aufzugeben.

Paulus unterscheidet klar zwischen Situationen, in denen er empfiehlt, auf die Ausübung der eigenen Freiheit zu verzichten, weil andere gefährdet sind, und solchen, in denen er vehement für die Freiheit in Christus eintritt, weil die Freiheit gefährdet ist (256).

Röm 14.17: "Das Reich Gottes besteht nicht in Essen und Trinken, sondern in Gerechtigkeit und Frieden und Freude im Heiligen Geist".

Was heute das Miteinander in die Zerreißprobe führt, ist z.B. das Schriftverständnis. Da gibt es die, die sich durch Tradition und eigene Erkenntnis an ein 'wörtliches' Verständnis gebunden wissen, und da gibt es andere, die durch wissenschaftliche Erforschung und die eigene Glaubensentwicklung dazu geführt wurden, zwischen historischem Wortlaut und heutiger Bedeutung zu unterscheiden (261).

Es geht darum, dass sich alle - auch bei unterschiedlichen Meinungen im Detail - auf das gleiche Ziel ausrichten: "damit ihr einmütig und mit einem Munde den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus loben könnt" (Röm 15,6). Es geht um eine von Christus bestimmte Gemeinschaft (260).

In Christus oder außerhalb Christus? Die Ekklesia ist die Gemeinde der Herausgerufenen; sie ist der Leib Christi auf Erden, sie ist das in Christus gesammelte neue Gottesvolk. Die Ekklesia ist die Gemeinschaft der Jesus Nachfolgenden. Für Israel gibt es nach Paulus keinen Sonderweg an Christus vorbei.

Das NT ist Dokument und Feld eines Gesprächs, in dem Menschen von jeweils verschiedenen Voraussetzungen aus mit- und gegeneinander sprechen. Solcher Dialog darf nicht nivelliert werden, so dass die Unterschiede und Gegensätze verschwinden... Jede Vereinfachung, die das ursprünglich Mannigfaltige in ausgefahrene Gleise zwingt, ist Sünde gegen den Geist (E. Käsemann, Pln. Perspektiven, 118).

Christlichen Glauben gibt es von Anfang an nur in Pluralität. Viele (theologisch verschiedene) Glieder - ein Leib (1Kor 12,13): Deshalb gibt es die Einheit der Kirche nie vorfindlich, sondern nur für den Glaubenden.

Das Wort Gottes ist kein göttliches Esperanto. Die Bibel ist Gotteswort in Menschenwort, das jeweils einen geschichtlichen Ort hat. Die Offenbarung ist ewig, aber wir haben sie nur in vergänglichen, irdischen Gefäßen. Bilder und Vorstellungen sind vergänglich. Gott und Jesus Christus können wir nicht systematisieren. Die Bibel ist weder ein naturwissenschaftliches noch ein historisches Lehrbuch.

Paulus verlangt kein sacrificium intellectus (→s. Text 1)

Kann ein Lehramt diktieren, was zu denken, was zu glauben und was zu bekennen ist? Gibt es die richtige Lehre unabhängig vom Standort des jeweiligen Gläubigen? Jesus ruft Menschen, die sich an verschiedenen Standorten befinden, in seine Nachfolge. Die Kirche, der Leib Christi, ist eine differenzierte Einheit von Christus-Gläubigen, deren Ausgangspositionen grundverschieden sind. Was heißt für das mess. Judentum richtige Lehre? Was heißt für das neuzeitliche Denken richtige Lehre?

Die Wahrheit ist eine Person: Jesus Christus. Keine Lehre ist, besitzt, die Wahrheit, denn Jesus Christus können wir nicht besitzen, Jesus Christus können wir nur nachfolgen. “An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen (nicht anders)... Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein schlechter Baum kann nicht gute Früchte bringen“ (Mt 7,16ff).

Weil die Ausdrucksformen verschieden sind, brauchen wir getrennte Gemeinschaften. Durch den Geist bilden die getrennten Gemeinschaften gemeinsam den einen Leib Christi. Für Antiochien z.B. heißt das: getrennte Tischgemeinschaften bzw. für mess. Juden: freiwillige Tischgemeinschaft mit Heidenchristen (Paulus, Barnabas). Für Heidenchristen heißt Tischgemeinschaft mit mess. Juden: freiwillige Übernahme der in Israel für Fremde geltenden Mindestforderungen.

Weil die Ausdrucksformen des neuzeitlichen Denkens andere sind als die der kirchlichen Tradition, brauchen wir auch hier getrennte Gemeinschaften, damit jeder seine Sprache, seine Ausdrucksform finden kann. Weil es beim Christsein nicht um eine Lehre sondern um ein personales Bezugsverhältnis geht, ist christlicher Glaube immer kulturell und biographisch mitbestimmt. Alles Verstehen beruht auf einem Vorverständnis, objektive Erkenntnis ist nicht möglich. Für Paulus (1Kor 13,9) gilt: “Alle Erkenntnis ist Stückwerk“. Keine Uniformität sondern nur eine durch den Geist gewirkte Einheit dient dem Lobe Gottes. (Wie schwierig das in der Praxis ist, zeigen 2000 Jahre Lehrstreitigkeiten - angefangen Apg 6).

I. Solus Christus u n d das Apostolikum?

II. Solus Christus u n d die Taufpraxis?

III. Zum Abendmahl 

 

I. Solus Christus u n d das Apostolikum?

 

Der Apostolikumsstreit: Lehrgesetz oder Glaubenszeugnis?

H. Kasparick: Der Apostolikumsstreit ist leidenschaftlich und heftig geführt worden, weil sich am Apostolikum die brennenden Fragen und Probleme der Gegenwart konzentrierten. Es geht um das Bedürfnis nach einem einheitlichen Verständnis der Wirklichkeit. Die Teilhabe an der wissenschaftlichen Methodik der Zeit, an der allgemeinen Voraussetzung eines prinzipiell gleichartigen Wirklichkeitskontinuums in den Natur- und Geschichtswissenschaften und die vehement verteidigte Freiheit der Forschung gehören für alle liberalen Theologen zum notwendigen Ausgleich der Theologie mit dem vernünftigen Wissen der Moderne. Gerade wissenschaftlich gebildete Theologen und Laien vermochten es nicht einzusehen, weshalb es zum Bestand der Gemeinschaft notwendig sein soll, ein Bekenntnis oder ein Dogma hinzustellen, das wenigstens nach außen, mit dem bestimmten Anspruch auftritt, daß es im ganzen und in allen seinen Teilen den zutreffenden Ausdruck der religiösen Überzeugung aller Gemeindeglieder bildet (81f).

Die Einheit der Kirche besteht in der Christusidentität, dem einen Geist, dem einen Herrn Jesus Christus und dem einen Gott und Vater.

 

Die Geschichte des Apostolikumsstreits

 

W. Nigg: Der Fall Schrempf

1891 entschied Pfarrer Christoph Schrempf, zukünftig keine fragwürdigen Rücksichten mehr gelten zu lassen und nie mehr eine Glaubensäußerung zu tun, die er nicht vertreten könne. Bei der nächsten Taufe ließ er das Apostolikum weg, das in der Liturgie vorgesehen war. Die Anwesenden bemerkten die Weglassung des Apostolikums nicht, doch war Schrempfs Gewissen deshalb nicht weniger belastet. Er wünschte keine unerlaubten Heimlichkeiten und machte deshalb der Oberkirchenbehörde von seiner Handlungsweise sofort Mitteilung. In einem längeren Schreiben gab er der Behörde sehr ehrlich über seine Glaubenseinstellung Rechenschaft. Bei der nächsten Taufe ließ er sich nach dem Rat des Prälaten Walcher durch einen Kollegen vertreten. Um unkontrollierbaren Gerüchten die Spitze abzubrechen und die Gemeinde richtig zu orientieren, brachte Schrempf seine Stellung auf der Kanzel zur Sprache. Die Kirchenvorsteherschaft der Gemeinde beschwerte sich beim Konsistorium. Das Konsistorium beschuldigte hierauf Schrempf seine Gemeinde durch seine Mitteilung von der Kanzel aus in ihrem Glauben verletzt und verwirrt zu haben. Gegen diesen Vorwurf legte Schrempf sofort Protest ein, weil dies seine unbedingte, sittliche Pflicht gewesen sei. Die Behörde ordnete eine Vertretung Schrempfs durch einen anderen Pfarrer an und leitete das Disziplinarverfahren auf Entlassung ein. Als Antwort teilte Schrempf dem Konsistorium offen mit: „Die Lehr- und Gottesdienstordnung unserer Kirche ist unter den gegenwärtigen kirchlichen und theologischen Verhältnissen eine sittliche Unordnung. Das Verlangen an den einzelnen Geistlichen, sich ihr unbedingt zu fügen, ist eine sittlich sehr bedenkliche Zumutung. Die übliche Verpflichtung des evangelischen Geistlichen ist unter den gegenwärtigen kirchlichen und theologischen Verhältnissen eine Schlinge für das Gewissen“. Nach dieser kühnen Eingabe setzte das Konsortium Schrempf sofort frist- und pensionslos ab. Schrempf war darüber stark aufgebracht, dass die Kirchenbehörde mit Wissen einen ketzerischen Theologen gebraucht, solange er zu heucheln bereit ist, von dem Moment an aber, da ihm sein Gewissen schlägt, ihn aus dem Kirchendienst entläßt (264f).

Die ‘Fälle’

Es waren die verschiedensten Motive, die den Gegenstand der Konflikte bildeten. Bald war es der Nichtgebrauch des Apostolikums und dann wieder die sozialen Interessen oder die Insubordination gegen die kirchliche Behörde, was Anstoß erregte. Aber immer waren es liberale Momente, die die orthodoxe Kirchenleitung nicht zu dulden gewillt war, hinter deren Vorgehen die offenkundige Absicht lauerte, den religiösen Liberalismus aus Kirche und Universität hinauszudrängen (263).

Die Fälle beginnen als die Restaurationstheologie nicht mehr gewillt war, eine abweichende Lehrmeinung neben sich zu dulden, und liberale Pastoren ihres Amtes entsetzt wurden: um 1840 Rupp, Wislicenus, Uhlich, 1854 G.C. Bartholdi, 1857 A.E. Fritz, 1858 Michael Baumgarten, um 1862 Oberprediger Melcher, 1872 Adolf Sydow und E.G. Lisco, gegen die eine Disziplinaruntersuchung eingeleitet wurde, die aber ohne ernstliche Folgen blieb, 1878 Albert Kalthoffs. Wilhelm Benders entging einer Dienstentlassung, weil er von der theologischen in die philosophische Fakultät wechselte, 1891 Klein, Kier und Ziegler, 1892 Schrempf, 1895 Heinrich Lisco, 1896 Friedrich Steudels, 1897 Wendeburg, Kötzschke, Weingart, 1898 Hillemanns, Blazejewski, Urbahrt und Neidhart. 1899 verlangten 193 Geistliche vom Kultusministerium die Absetzung von Prof. Otto Baumgarten in Kiel, dieses Ansinnen beantworteten die Universitätskollegen mit dessen spontaner Wahl zum Rektor, 1904 Max Fischer, 1911 Jatho, 1913 Traub, 1922, Leimbach, 1924 Pfarrer Knote (262f).

In all den Fällen hat nicht nur die Kirche, sondern auch der religiöse Liberalismus Deutschlands versagt. Wenn die liberalen Pastoren, die in diesen Fällen doch stets moralisch mitverurteilt worden waren, wie ein Mann geschlossen aufgestanden wären und unmissverständlich erklärt hätten: Wir denken und lehren das Gleiche wie der Angeklagte, wenn ihr ihn absetzt, so müsst ihr auch uns absetzen, hätten die Konflikte einen ganz anderen Verlauf genommen. Als sich im Fall Leimbach 54 Pfarrer mit ihm solidarisch erklärten, kam die Kirchenbehörde in fatale Verlegenheiten und hüllte sich aus Furcht vor einem großen Skandal in Schweigen (275).

Die Pfarrer sind moderne Menschen und haben als solche die neuzeitliche Bibelkritik und Dogmengeschichte in sich aufgenommen. Sie mußten sogar nach dem Willen der Kirche diese Wissenschaften durch ihr Studium in sich aufnehmen; denn die Kirche hat im Unterschied zu den Sekten auf die Universitätsausbildung ihrer Diener stets großen Wert gelegt. Nachdem sich diese Theologen diese wissenschaftlichen Ergebnisse zu eigen gemacht haben, werden sie in ihrer amtlichen Tätigkeit aber genötigt, eine geistige Welt zu vertreten, die so ziemlich im Gegenteil dessen besteht, was sie auf den Universitäten gehört haben. Daraus musste eine Gewissenskollision resultieren. Wenn eine protestantische Kirche spricht: „Wer sein Gewissen höher stellt als die Kirchenordnung, muss aus der Kirche entfernt werden“ spricht sie das Todesurteil über sich selbst. Denn wenn Luther in Worms dieser Verpflichtung nachgekommen wäre, hätte es nie eine Reformation gegeben (276f).

Der eigentliche Apostolikumsstreit 1892/93

Die historische Forschung zeitigte das eindeutige Resultat, dass das Apostolikum nachapostolischen Ursprungs ist, verschiedene Wandlungen durchgemacht hat und in seiner heutigen Form das Taufsymbol der südgallischen Kirche in der zweiten Hälfte des 5. Jhs. war. Dieses Apostolikum als verpflichtendes Bekenntnis war seit dem Erwachen der neuzeitlichen Religiosität für viele Theologen ein Gegenstand ernster Bedenken. Mit dem Aufkommen der historisch-kritischen Forschung, die genau feststellte, was jeder dieser Sätze wirklich sagen wollte, war eine Selbsttäuschung unmöglich geworden. Man konnte sich nicht mehr der Einsicht verschließen, dass zwischen Apostolikum und moderner Christlichkeit eine tiefe Kluft besteht (279f).

Die Orthodoxie vermochte damals die, den Wahrheitsgehalt des Apostolikums bezweifelnden, liberalen Pastoren nicht aus der Kirche hinauszudrängen, und der religiöse Liberalismus Deutschlands vermochte nicht sich von seinem Gebrauch zu dispensieren. Der Gewissenskonflikt blieb bestehen, und viele liberale Pfarrer versuchten, ihn durch Anbringung einer ihre Vorbehalte andeutenden Einleitungsformel zu umgehen (280).

Der eigentliche Apostolikumsstreit war aus Schrempfs ‘Fall’ als Folge einer Gewissensnot erwachsen. Er war eine Auflehnung der Wahrheit gegen ein nicht mehr als wahr empfundenes Bekenntnis. Es ging in dieser Frage um die Ehrlichkeit und Echtheit der intellektuellen Existenz des Theologen. Adolf Harnack, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Berlin, war mit seinen Studenten einig, dass durch den ‘Fall Schrempf’ der gebotene Anlass entstanden sei, die Frage über die Geltung und den Gebrauch des Apostolikums neu aufzuwerfen. In einem Artikel in der ‘Christlichen Welt’ führte Harnack aus, er „teile mit seinen Studenten die Ansicht, dass es der evangelischen Kirche ziemen würde, an die Stelle des Apostolikums oder neben dasselbe ein kurzes Bekenntnis zu setzen, das das in der Reformation und in der ihr folgenden Zeit gewonnene Verständnis des Evangeliums deutlicher und sicherer ausdrückte und zugleich die Anstöße beseitigte, die jenes Symbol in seinem Wortlaut vielen ernsten und aufrichtigen Christen bietet“. Seine geschichtliche Würdigung des Symbols schließt mit den Worten: „Allein man vermisst den Hinweis auf die Predigt Jesu, auf die Züge des Heilandes der Armen und Kranken, der Zöllner und Sünder, auf die Persönlichkeit, wie sie in dem Evangelium leuchtet. Das Symbol enthält eigentlich nur Überschriften. In diesem Sinne ist es unvollkommen; denn kein Bekenntnis ist vollkommen, das nicht den Heiland vor die Augen malt und dem Herzen einprägt“ (280f).

In seiner Erwiderung auf Cremers Streitschrift schrieb Harnack: „Wenn die geschichtliche Untersuchung feststellt, dass die Zeugnisse unsicher und unzureichend sind, kann keine Dogmatik und kein Glaube sie sicher und zureichend machen“.

Die Erklärung der Freunde und Mitarbeiter Harnacks in der ‘Christlichen Welt’ trat den kirchlichen Protestkundgebungen gegen Harnack entgegen: „Wir denken nicht daran, der evangelischen Kirche das sog. apostolische Glaubensbekenntnis nehmen zu wollen, aber wir bestreiten, dass die Geltung dieses Symbols in der Kirche und sein kirchlicher Gebrauch, Geistliche und Laien in juridischer Weise zur Anerkennung aller seiner einzelnen Sätze verpflichte. Ein evangelischer Christ ist jeder, der im Leben und Sterben sein Vertrauen allein auf Jesus Christus setzt, und wir wünschen, dass anstatt unevangelischen Pochens auf einzelne Lehrsätze dieser unzweifelhafte Grundgedanke evangelischen Christentums offen als solcher anerkannt werde (282f).

Dem religiösen Liberalismus war es in Deutschland nicht beschieden, jene Freiheit zu erringen, die er sich in der Schweiz schon um 1860 erobert hatte. In Deutschland blieb der ganze Apostolikumsstreit ohne Resultate (284).

Literatur

Kasparick, Hanna
1996, Lehrgesetz oder Glaubenszeugnis?

Klaiber, Walter
2009, Der Römerbrief

Nigg, Walter
1954, Geschichte des religiösen Liberalismus