1. Jesus und der Sühnegedanke
Eine aus der Not der Zeit heraus errichtete Verteidigungsmauer des Christentums wurde irrtümlich für seine Grundmauer gehalten.
Von Übel ist die Monopolstellung, die die Sühnetod-Christologie faktisch immer noch hat. Diese Alleinherrschaft ist vom NT her nicht mehr zu rechtfertigen. Ein mühsamer Lernprozess hinsichtlich des Erlösungsglaubens ist in Gang gekommen. Wir werden lernen müssen, die Erlösung durch Jesus Christus so zu verkündigen, dass wir uns und unseren Hörern dabei nicht die Rückkehr zu einem veraltetet Welt- und Gottesbild abverlangen (23).

a. Das gegenwärtige Dilemma der Rede vom Sühnetod Jesu
b. Sühne im Alten Testament
c. Die Einstellung Jesu zum Sühnedenken
d. Die Wurzel der Sühnetod-Christologie
e. Die bleibende Bedeutung des Kreuzes
f. Was heißt ‚Erlösung‘?
g. Rechtfertigung und Selbstfindung

Anhang a: Christozentrische Pluralität
Anhang b: Jesu Todesverständnis

J.-D.Reuß (1991)

a. Das gegenwärtige Dilemma der Rede vom Sühnetod Jesu

Einerseits die Situation, in die wir hineingestellt sind – andererseits die Tradition mit ihren massiven Geltungsansprüchen. Diesen Ansprüchen begegnen wir vor allem im Evangelischen Kirchengesangbuch (EKG 59,1; 20; 232,3; u.ö.).

Aus der Sicht des traditionellen Jesusbildes hat Jesus am Kreuz stellvertretend die Strafe Gottes für unsere Sünden abgebüßt. Dieser sühnende Opfertod ist das zentrale Heilsereignis schlechthin. In 1Kor 15,3 zitiert Paulus eine katechismushafte Formel und behauptet: „Dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift“. Das ist neben der Auferstehungsbotschaft der zweite Brennpunkt seines Nachdenkens über Jesus Christus. Daran hängt für ihn die Erlösung (Röm 3,23-25). Paulus hat sich in manchen Dingen geirrt, z.B. in seiner Einschätzung des Staates (Röm13) oder in der Frage der Naherwartung (1Kor 7,29f) auch hinsichtlich der Person und Botschaft Jesu? Viele Stellen des NTs deuten den Kreuzestod Jesu als stellvertretenden Sühnetod für unsere Sünden. Ein großer Teil der Christenheit setzt dieses Deutungsmuster immer noch als selbstverständlich voraus (2f).

Schon Friedrich Schleiermacher hat die Lehre vom stellvertretenden Sühnetod mit guten Argumenten bestritten. Eugen Drewermann schreibt: Das Problem besteht darin, dass Gott einen Menschen soll töten müssen, um sich (mit der Welt) zu versöhnen; ein solcher Gedanke macht Gott nicht vertrauenswürdig, sondern lässt ihn als blutrünstig, babarisch und roh erscheinen. Die Art, wie Gott als Vater hier (angeblich) handelt, ist uneinsichtig, ja empörend – und doch soll man diesen Weg der ‚Erlösung‘ bei Strafe der ewigen Verdammnis als gut und heilvoll akzeptieren. Warum soll es der scheußlichen Qual von Kreuz und Hinrichtung bedürfen, um irgendeine Schuld vor Gott zu sühnen! Was für ein Moloch von Gott braucht denn solche Sühnopfer? Und welch ein Mensch will dann überhaupt auf eine solche Weise ‚erlöst‘ werden? So kann man aus der traditionellen Lehre vom sühnenden Opfertod nur lernen, wie das Gottesbild nicht sein darf, wenn Menschen menschlich leben wollen (4f).

Die Sühnevorstellung entsprach den damaligen Denkvoraussetzungen im Judentum, aus dem Paulus stammte (6).

b. Sühne im Alten Testament

Der Sühnegedanke wurde aus einer heidnischen Umwelt übernommen. Er stellt ein religionsgeschichtliches ‚Erbstück‘ dar. Der Sühnegedanke stammt aus der Zeit der Blutrache und beruht auf einem archaischen Vergeltungsdenken (Sühne – Vergeltung). Das antike Denken sah Schuld und Sünde nicht als persönliche Angelegenheit, sondern als Gruppenproblem. Gott erscheint als Gefangener dieser Weltordnung, denn er kann sie nicht durchbrechen oder außer Kraft setzen. Wer die gottgewollte Lebensordnung verletzt, setzt damit einen Unheilprozess in Gang, dem er selbst zum Opfer fallen muss. Gott kann bestenfalls die tödlichen Tatfolgen um- und ableiten auf ein Opfertier, das stellvertretend sein Leben einbüßt und kann so dem schuldigen Menschen Gnade gewähren. Das für den Menschen unverdiente Heil hat seinen Preis darin, dass das verdiente Unheil auf ein stellvertretendes Opfertier um- und abgeleitet wird. Sühne hat atl den Doppelcharakter von Vergebung durch Vergeltung, nämlich am stellvertretenden Opfertier. Nur so passt es in das Entsprechungsverhältnis von Tat und Ergehen. Nur so wird begreiflich, warum später die Hinrichtung Jesu Christi als stellvertretende Sühne gedeutet werden konnte (6f).

Die Priesterschrift, zu der das Doppelritual des ‚Großen Versöhnungstages‘ (3Mose 16) gehört, lässt sich begreifen als ein Versuch, den Schock des babylonischen Exils theologisch zu bewältigen: so eine Katastrophe darf sich nicht wiederholen! Das ist der Leitgedanke nicht nur der Priesterschrift, sondern des gesamten nachexilischen Judentums. Gegen ein neuerliches Zorngericht Gottes sollen alle erdenklichen Vorbeugungsmaßnahmen getroffen werden. Darum muss das mosaische Gesetz bis aufs I-Tüpfelchen befolgt werden. Was dennoch an Fehltritten zusammenkommt, wird durch einen ganzen Katalog von sühnenden Opfern aufgefangen und ausgeglichen. Eine herausragende Bedeutung kommt dabei dem Opferblut zu, denn das Blut ist der Träger des Lebens und darum sozusagen die Kernsubstanz im Sühnevorgang (3Mose 17,11). Die Angst vor Gott war nicht der einzige Faktor des religiösen Klimas in das Jesus einige hundert Jahre später hineingeboren wurde. Aber ein wesentlicher Faktor war sie doch. Das zeigt die Gerichtspredigt Johannes des Täufers (Mt 3,7-10 par) wie die ausgeprägte Bußfrömmigkeit der Pharisäer. Das zeigen die Wellen der Erregung, die Jesus mit seinen Verletzungen des Sabbatgebotes auslöste und das zeigen die empörten Reaktionen auf die ungewöhnliche Art, wie dieser Mann aus Nazareth umging mit schuldhaften Verstrickungen, mit der Sünde und den Sündern (8f).

c. Die Einstellung Jesu zum Sühnedenken

Jesus war Jude. Seine Person und Botschaft sind vor dem Hintergrund der atl-jüdischen Tradition zu sehen. Diese Tradition ist keineswegs aus einem Guß, sondern ein buntes Geflecht sehr unterschiedlicher Überlieferungen und Anschauungen.

Jesus hat sich in einigen wesentlichen Punkten von der Theologie und Frömmigkeit seiner Zeit und Umwelt unterschieden. Andernfalls wäre der Konflikt zwischen ihm und der Jerusalemer Hierarchie unbegreiflich ebenso wie die spätere Auseinanderentwicklung von Judentum und Christentum.

Das Sühnopfer-Denken passt nicht zusammen mit der Botschaft Jesu. Jesus steht den atl Propheten nahe, die den Opferkult mehr oder weniger kritisiert haben. Die Sühnopfer-Theologie der Priesterschrift hat Jesus auf der ganzen Linie unterlaufen. Das zeigt sich in seiner unkultisch-unblutigen Praxis der Sündenvergebung sowie in den Gleichnissen, mit denen er diese Praxis verteidigt. Das gipfelt schließlich in der sog. Tempelreinigung, einer Symbolhandlung (Mk 11,27-33). Nach der ‚Tempelreinigung‘ wollen die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten von Jesus wissen, aus was für einer Vollmacht er solches zu tun wagte. Jesus machte seine Antwortbereitschaft von einer Gegenfrage abhängig: „Sagt mir zuerst: Woher hatte Johannes das Recht zu taufen“? Seine Taufe war nach Mk 1,4 eine Bußtaufe zur Vergebung der Sünden und insofern ein ‚Konkurrenzunternehmen‘ zum angestammt-offiziellen Sühnekult in Jerusalem. Die Gegner konnten nicht sagen, Johannes habe im Auftrag Gottes getauft (9f)!

Nach Jesus ist Gott ganz nah. Seine Nähe ist etwas ungemein Befreiendes und Beglückendes! Diese gute Nähe Gottes hat Jesus in der Folgezeit angesagt im Bild des anbrechenden Reiches Gottes. Die Botschaft vom Reich Gottes stand im Zentrum der Verkündigung Jesu. Das Vaterunser zeigt: Wer zu Gott sagt ‚Dein Reich komme‘ der sagt auch ‚Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern‘. Nicht wird gesagt: Vergib uns unsere Schuld aufgrund dessen, dass ein anderer – der Messias – stellvertretende für diese Schuld stirbt. Der Stellvertretungsgedanke spielt in Jesu Botschaft vom Reich Gottes keine Rolle.

Im Zusammenhang mit der Sündenvergebung macht Jesus keinerlei Andeutungen, die auf ein stellvertretendes Sühne- oder Selbstopfer hindeuten könnten. Aus diesem Grund haben sich wohl nicht wenige Pharisäer und Schriftgelehrte über ihn aufgeregt. Denn auch dies war in der Heiligen Schrift Israels nicht vorgesehen, dass da einer kommt und die Vollmacht beansprucht, einem Menschen sagen zu können: „Deine Sünden sind dir vergeben“ (Mk 2,5 u.ö.). Für die Sündenvergebung gab es genau vorgeschriebene Rituale, deren Nichtbeachtung lebensgefährlich werden konnte (vgl. 3Mose 10,1ff) und diese Rituale vollzogen sich als priesterliche Opferhandlungen an geweihter Stätte. Dass nun dieser Jesus aus Nazareth sich anmaßte, Sünden zu vergeben und das ohne Priesterweihe, Altar und Opferblut, das musste man als ungeheure Provokation empfinden: „Wie kann dieser Mann so reden? Das ist Gotteslästerung! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein“ (Mk 2,7)?

Jesu anstößige Art der Sündenvergebung war auch inbegriffen in seiner Tischgemeinschaft mit ‚Zöllnern und Sündern‘ (Mk 2,15f; Lk 15,1), mit den stadtbekannt Unfrommen, die unter dem Fluch ihres gesetzes- und gottwidrigen Verhaltens standen. Die Gleichnisse, die Jesus in Lk 15 auf entsprechende Anfragen und Angriffe hin erzählt, sind für den theologischen Denkrahmen des sühnenden Ausgleichs ein hochbrisanter Sprengsatz. Denn sie laufen auf Gottes Finderfreude hinaus. Die Logik der Freude nimmt Jesus für Gott in Anspruch, damit verwirft er die alte Logik des Ausgleichs. Der historische Jesus verwirft das atl Sühnedenken als theologisch unsachgemäß (11f)!

Entweder bringt Jesus mit den Gleichnissen vom verlorenen und wiedergefundenen Silberstück, Schaf und Sohn die Wahrheit über Gott, dann hat die Sühnopfer-Theorie unrecht und das darauf gegründete Jesusbild ist eine Fehlentwicklung. Oder es verhält sich so, dass die Sündenvergebung als Rechtsgrundlage einen stellvertretenden Sühnetod braucht, dann sind die genannten Gleichnisse falsch und vermitteln ein Gottesbild, das auf Illusionen beruht (14).

Bei Jesus gleicht die Gottesbeziehung, wenn sie intakt ist, einer Liebesbeziehung. Glauben heißt bei Jesus: sich darauf verlassen, dass Gott am liebsten ein liebender Gott ist und dass er vor allen Anforderungen zuerst einmal Rückhalt und Geborgenheit gewährt.

Die Rede von Gott als dem Richter ist theologisch unverzichtbar. Hinsichtlich der Umweltzerstörung, müssen wir samt unseren Kindern und Enkeln das ernten, was wir gesät haben. Aber wo jemand in der Nachfolge Jesu Gott mit dem Kosewort ‚Abba‘ (Papa) anredet, da muss das Richtertum Gottes außer Betracht und außer Funktion bleiben (vgl. Röm 8,15).

Für Jesus ist es bezeichnend, dass er den Gottesglauben als ein personales Vertrauensverhältnis begreift, nicht als eine Rechtbeziehung (Bund) und schon gar nicht als eine Geschäftsbeziehung. Dass Jesus in diesem Zusammenhang geradezu aggressiv werden konnte, geht aus der Geschichte der Tempelreinigung hervor (Mk 11,15-17). Da wird erzählt, wie Jesus etliche Händler und Käufer aus dem Tempel treibt und die Tische der Geldwechsler sowie die Stände der Taubenhändler umstößt. Die Tauben waren das gesetzlich vorgeschriebene Sündopfer der Armen (3Mose 5,1-10). Diese Einrichtung greift Jesus an. Er begründet seine Protestaktion mit den Worten: „Steht nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht“.

Schon der Prophet Jeremia hat den Tempel mit einer Räuberhöhle verglichen (Jer 7,11). Jesus wirft den Tempelbesuchern vor, Diebe, Mörder, Ehebrecher und Götzendiener zu sein, die im Tempel Zuflucht (vor den Folgen dieses Treibens) suchen (Jer 7,9f). „So spricht Jahwe Zebaoth, der Gott Israels: Ich habe euren Vätern, als ich sie aus dem Lande Ägypten herausführte, nichts von Brandopfern und Schlachtopfern gesagt noch geboten, sondern dieses Gebot habe ich ihnen gegeben: Hört auf meine Stimme“ (Vv 21-23). Im offenen Widerspruch zu den fünf Büchern Mose bestreitet Jeremia rundheraus (und im Namen Gottes!), dass das zentrale Heilsereignis die Befreiung aus Ägypten, mit irgendwelchen Opfergeboten verbunden gewesen sei (12f).

Das Gesetz der Räuberhöhle: Freiheit nur gegen Bezahlung! Erlösung nur gegen Lösegeld! Jesus wollte sagen: Der Tempel sollte eigentlich als ‚Bethaus für alle Völker‘ seinen Besuchern Gelegenheit geben, mit Gott in ein persönliches Gespräch einzutreten. Ihr aber habt durch die Einführung des Opferkultes eine Räuberhöhle daraus gemacht, in der nun gilt (vermeintlich als Wille Gottes): Wenn du frei werden willst von deiner Schuld, dann zahle zuerst einmal Lösegeld, indem du ein Opfertier kaufst. Die Protestaktion Jesu (Mk 11,18a) war in den Augen der Tempelpriester ein empörender Angriff auf das Heiligste, was Israel hatte. Wer den Opferkult angriff, griff wie man meinte, die Existenzgrundlage des Volkes an. Kein Wunder, dass diese Tat alsbald zur Verhaftung und Beseitigung des galiläischen Tempelschänders führte.

Obwohl die Pluralität der ntl Jesusbilder seit langem bekannt ist, hat man den Eindruck, dass viele Ausleger unbewusst die Sichtweise des Paulus in die Evangelien hineintragen. Sie trauen dem Jesus der Evangelien eine grundsätzliche Kritik des Sühnopfergedankens von vornherein nicht zu. Wenn es zutreffen sollte, dass Jesus das Sühnopferdenken mit wachsender Radikalität abgelehnt und schließlich unter Einsatz seines Lebens öffentlich bekämpft hat, dann könnten sich daraus weitreichende Konsequenzen ergeben für Theologie, Liturgie und Verkündigung. An dem, was Jesus selbst gesagt, getan und gewollt hat, findet die Sühnopfer-Vorstellung keinen Anhalt. Andererseits beherrscht diese Vorstellung weite Teile des NTs, den Hebräerbrief und die Briefe des Paulus. Wie ist dieser Sachverhalt zu erklären (14f).

d. Die Wurzeln der Sühnetod-Christologie

Im NT gibt es sehr unterschiedliche Deutungen des Todes Jesu. In der Apg des Lukas kommt der Sühnegedanke nur in einem beiläufigen Halbsatz vor: „...zu weiden die Gemeinde Gottes, die er durch sein eigenes Blut erworben hat“ (20,28), der wie ein Fremdkörper wirkt. Die Missionspredigten der Apg folgen im Blick auf Kreuz und Auferstehung dem Argumentationsmuster: „ihr habt ihn getötet, Gott aber hat ihn auferweckt“ (Apg 2,22-24; 4,10; 5,30f; 10,37-43 u.ö.) (15f).

Von den vier Evangelien ist keines unter dem Leitgedanken verfasst, Jesus sei gekommen, um sich als stellvertretendes Sühnopfer für die Sünden freiwillig kreuzigen zu lassen. Nur das nicht auf Jesus zurückgehende Kelchwort des Abendmahls („Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird“ Mk 14,24) deutet die Rolle Jesu als die eines stellvertretenden Sühnopfers.

A 37: Jeder Blutgenuss gilt in Israel als so frevelhaft, dass er nicht einmal als Symbolhandlung (Wein als Blut) in Betracht kommt. Der nachklappende Zusatz „durch mein Blut“ (1Kor 11,25: „...Dieser Kelch ist der Neue Bund durch mein Blut...“) könnte eine nachträgliche Erweiterung sein, da er nicht so recht zum ‚Neuen Bund‘ passen will.

A 32: ‚Das Blut des Bundes‘ (Mk 14,24 entsprechend 2Mose 24,8) hat im AT nichts mit Sühne zu tun. Ähnliches gilt für den ‚Neuen Bund‘ (Lk 22,20 entsprechend Jer 31,31-34), der als Herzenssache (V 33) gerade nicht auf einem äußerlich-kultischen Sühnevorgang beruht.

A 37: Was auch immer mit sühnendem Opferblut gemacht wird, getrunken wird es auf keinen Fall. Die Worte: „Das ist mein Blut“ können nur in einer stark hellenistisch geprägten Gemeinde entstanden sein, wo man sich über Grundelemente jüdischen Empfindens hinwegsetzen konnte. Das ursprüngliche von Jesus gesprochene Kelchwort dürfte sich in Mk 14,25 erhalten haben.

Die Passionsgeschichte zeigt Jesus als einen Menschen, der von seinen Feinden ungerechterweise verfolgt wird, ein „leidender Gerechter“, wie er atl in Psalm 22 und anderen Klagepsalmen in Erscheinung tritt. In der dreifachen Leidensankündigung wird der Sühnegedanke nicht erwähnt. Nicht von sich aus gibt Jesus sein Leben her, sondern es wird ihm von anderen genommen, durch Verrat und mit Gewalt (Mk 12,1-9; 14,1f.10-21.43-52 parr). Der Gott, den Jesus ‚ereignete‘, d.h. erfahrbar machte, hat die Gabe des Friedens nicht an eine stellvertretende Bestrafung geknüpft.

Die Passionsgeschichte Jesu, wie sie in den Evangelien erzählt wird, ist nicht aus dem Boden des Sühnedenkens hervorgewachsen. Die mehrschichtige Passionsdarstellung der Evangelien ist entstanden aus dem Verlangen, die unfaßliche Hinrichtung des erhofften Erlösers (Lk 24,21: „Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde“) zu verkraften und die damit verbundene Anfechtung des Glaubens zu überwinden (16f).

Mk 10,45b: „und gebe sein Leben als Lösegeld für viele“. Der unmittelbare Kontext (Vv 35ff) thematisiert nicht die Frage der Erlösung, sondern die Frage der Nachfolge. Sie wird unter das Vorzeichen der Entsprechung gestellt: Wie der Meister, so die Jünger. Diese Perspektive wird durchgehalten bis V 45a: Auch „der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen“. Damit wird das in V 43 und 44 Gesagte einleuchtend begründet. Für V 45b ergibt sich daraus: Zum Sühnetod Jesu gibt es kein analoges Jüngerverhalten. Abgesehen von der liturgisch vorgeprägten Stelle 14,24 stellt Mk das Leben, Leiden und Sterben Jesu auch nicht als Sühnegeschehen dar. V 45b ist unter diesen Umständen eine Glosse (18).

Anders als in den Evangelien steht die Sache bei Paulus. In 1Kor 15,3-5 zitiert er ein überliefertes Bekenntnis: „Christus ist für unsere Sünden gestorben“ mit dieser Aussage nimmt die Sühnetod-Christologie im NT ihren Anfang. Eine Reihe von Faktoren haben hier zusammengewirkt: In einer neuen und unerwarteten Weise begegnet der Gekreuzigte Menschen aus seinem Jünger- und Freundeskreis, sodass es ihnen zur tröstlichen Gewissheit wurde: Er lebt! Die Hauptbedeutung der visionären Begegnungen liegt darin, dass Gott sich überraschend zu dem bekennt, der auf Betreiben gewisser Traditionalisten als ‚Gotteslästerer‘ hingerichtet wurde. „Er (Jesus) ist der Stein, der zum Eckstein geworden ist“ (Apg 4,11; Mk 12,10f). Wenn dem so war, dann musste auch im Todesgeschick Jesu bereits ein verborgener göttlicher Sinn gewaltet haben (Lk 24,26 u.ö.) (18f).

1Kor 15,3-5: heißt es nicht: ‚Christus ist für unsere Sünden gestorben‘, wie das gemäß seiner Einstellung nicht anders zu erwarten war. Schon gar nicht wird gesagt: „Christus ist für unsere Sünden gestorben“ wie er es selbst gewollt und angekündigt hatte, sondern: „Christus ist für unsere Sünden gestorben nach den Schriften“. Die frühen Christen haben die LXX, die griechische Übersetzung des ATs, abgesucht nach Verstehenshilfen für die Katastrophe der Kreuzigung Jesu. Dabei sind sie auf das Wort vom Stein gestoßen, den die Bauleute verworfen haben und der dennoch zum Eckstein geworden ist (Ps 118,22). Dabei sind sie auch auf die Klagepsalmen 22 und 69 gestoßen, aus denen hervorgeht, dass einer, der in tiefes Unheil geraten ist, deshalb nicht von Gott verworfen sein muss. Diese Entdeckung hat die Passionserzählungen in den Evangelien entscheidend geprägt. Früher oder später musste die Suche nach Deutungshilfen auch auf die atl Sühnevorstellung stoßen. Der Hinweis auf ‚die Schriften‘ will ausdrücken, dass man um die Bedeutung des Sühnegedankens im AT wusste: „Ohne Blutvergießen keine Vergebung“ (Hebr 9,22). Mit der Anwendung dieser atl Regel auf den Tod Jesu vollzog sich ein folgenschwerer Rückfall in jenes religiöse Denkmuster, das Jesus selbst enschieden abgelehnt hatte (19f).

Wie konnte es zu solch einer schwerwiegenden Überfremdung der Botschaft Jesu kommen? Dieser Vorgang wird verständlich, wenn wir uns den äußeren und inneren Druck vergegenwärtigen, dem das frühe Judenchristentum (zumal in Jerusalem) ausgesetzt war.

Der innere Druck: Es ist anzunehmen, dass nach dem Tod Jesu der Einfluss jener älteren (von Kindesbeinen an) erfolgten religiösen Prägung zugenommen hat und im Lauf der Zeit innerhalb des Judenchristentums immer stärker geworden ist. Im Judenchristentum gab es eine starke Tendenz, den ‚neuen Wein doch wieder in die alten Schläuche zu füllen‘, d.h. das Neuartige an Jesus ins Altvertraute zu integrieren und die bestehenden Unterschiede einzuebnen (Mk 2,22 parr).

Der Druck von außen: Die judenchristliche Urgemeinde war einem erheblichen Druck ausgesetzt. Sie wurde angefeindet und verfolgt als sektiererische Sondergruppe. Die Auseinandersetzung mit solchen Anfeindungen hat sich im NT im überzeichneten Pharisäerbild des Matthäus wie im antijüdischen Ressentiment des JohEvs niedergeschlagen. 5Mose 21,23: „Ein (am Holz) Aufgehängter ist von Gott verflucht“. Da hatte man es schwarz auf weiß, dass der Gekreuzigte unmöglich der erhoffte Erlöser, unmöglich der von Gott gesandte Messias sein konnte. Nein, ein frevelhafter Hochstabler musste dieser Jesus gewesen sein, ein verfluchter Übertreter des heiligen Gottesgesetzes. Derartige schriftgelehrte Polemik brachte die Christen in apologetischen Zugzwang. Als Ausweg bot sich das (im Judentum) allgemein anerkannte Prinzip der sühnenden Stellvertretung an. Gal 3,13: „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt“. Aber es war nicht der Fluch seiner eigenen Taten, der diesen Jesus getroffen hat. Sondern es war der Fluch unserer Sünden, den er stellvertretend auf sich genommen hat. Für uns ist er zum Fluch geworden, um uns gerade so zu erlösen vom ‚Fluch des Gesetzes‘, d.h. von der Sackgasse der Werkgerechtigkeit, mit der wir uns vor Gott ins Unrecht setzen (20f).

Parallel dazu sagt Paulus in 2Kor 5,21: Gott habe den, der von keiner Sünde wusste, „für uns zur Sünde gemacht“. D.h. Gott hat Jesus zum Träger unserer Sünde gemacht, zum rechtskräftigen Stellvertreter, zum Sündopfer, das an unserer Statt die Sünde sühnen sollte.

2Kor 5,11-21: Paulus hatte in Korinth hartnäckige und böswillige Gegner, die seinen Auftrag als Apostel nicht anerkennen wollten. Vermutlich haben diese Leute ihm seine unrühmliche Vergangenheit immer wieder vorgehalten. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (5,17). Paulus begründet das mit Gottes Versöhnungshandeln in Christus, das er als sühnende Stellvertretung (Vv 18-21) auslegt. Aus der damaligen Gesamtsituation heraus mag man es begreiflich finden, dass Paulus die Lehre vom stellvertretenden Sühnetod Jesu aufgegriffen und ausgestaltet hat. Die Überzeugungskraft, die Paulus mit dieser christologischen Entscheidung gewonnen hat, muss damals erheblich gewesen sein. Das zeigen seine missionarischen Erfolge. Aber diese Weichenstellung hatte ihren Preis. Begriffliches Beutegut rächt sich bisweilen dadurch, dass es eine unvorhergesehene Eigendynamik entwickelt (21f).

e. Die bleibende Bedeutung des Kreuzes

Was bedeutet der Kreuzestod Jesu für uns, wenn wir ihn nicht mehr als von Gott geforderte und gewährte Rechtsgrundlage der Sündenvergebung sehen können? Jesus hat zum Glauben eingeladen, d.h. er hat die Menschen aufgefordert, sich ganz und gar Gott anzuvertrauen: „Seht die Vögel unter dem Himmel...“ (Mt 6,26 par). Dass Gott sich wie ein liebender Vater verhalte, dass er die Verlässlichkeit in Person sei – das hat Jesus in Wort und Tat verkündet. Für diese befreiende und heilende Botschaft hat er gelebt und sich mit seinem ganzen Wesen eingesetzt. Jesus hat die gute Nähe dieses Gottes ‚ereignet‘, vermittelt und erlebbar gemacht. Ausgerechnet dieser Mann wird verhaftet, verurteilt und hingerichtet. Am Kreuz stirbt er einen abscheulichen, grausamen und sinnlosen Tod. Es gibt eine Nachtseite Gottes, die theologischem Denken und Fragen unzugänglich ist. Für Reuß bildet das Kreuz Jesu den Kristallisationspunkt aller Erfahrungen mit der Schatten- oder Nachtseite Gottes (23f).

Was hier allein zu helfen vermag, ist die Hoffnung, dass die Finsternis des Todesschattens nicht die Endstation ist und dass das Unheil nicht das letzte Wort behält. Mit der Auferweckung Jesu Christi zeigt Gott, dass er sich nachträglich doch zu dem bekennt, der in Gottverlassenheit zugrundegegangen ist, dass er ihn, den Gescheiterten, rehabilitiert, ihm recht gibt und ihn beglaubigt. Kraft der Auferweckung Jesu ist die erlösende Botschaft des irdischen Jesus für alle Zeit in Kraft gesetzt und sein befreiendes und heilendes Handeln bleibt weiterhin erfahrbar. Unsere Krankheiten und unsere Schmerzen müssen wir selber tragen. Wir können sie nicht einem Stellvertreter aufladen. Aber es kann uns geschehen, dass jemand anderes uns in unserer Notlage beisteht, dass wir mit unseren Schmerzen und unserem Leid nicht allein fertig werden müssen. Das Kreuz ist und bleibt das zentrale Symbol des christlichen Glaubens. Paulus sieht die Kreuzigung Jesu nur als gottgewolltes Heilsereignis, er sieht nicht, wie viel menschliche Unzulänglichkeit und wie viel obrigkeitliche Korruption am Zustandekommen von Jesu Todesurteil beteiligt waren. Wir haben es überall mit fehlbaren Menschen zu tun. Auch daran dürfen wir uns durch das Kreuz erinnern lassen (25f).

f. Was heißt ‚Erlösung‘?

Die Evangelien stellen uns ‚Bilder von Erlösung‘ vor Augen. In kurzen Szenen erzählen sie, wie Jesus Menschen von Krankheit und Not und einengenden religiösen Vorschriften befreit hat (Mk 2,18 - 3,6; 7,1-15). Sie erzählen von der Einladung zur (Tisch-)Gemeinschaft und von der Berufung zu sinnvollem, helfendem Handeln gemäß dem dreifachen Liebesgebot (Mk 12,30f parr): „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften“ (5Mose 6,4f) und „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3Mose 19,18). „Es ist kein anderes Gebot größer als diese“.

Diese Geschichten wurden nach Ostern weitererzählt, weil die Christen jener Zeit ihre eigenen Erfahrungen mit dem lebendigen, ‚auferstandenen‘ Christus in diesen Geschichten gespiegelt und gedeutet fanden! Im Erzählen der Geschichte von einst verkünden sie, wer er (Jesus Christus) ist, nicht wer er war. Bei der Erlösung handelt es sich nicht um ein Geschehen, das erst nach dem Tod aktuell wird. So gewiss das befreiende und heilende Handeln Gottes nicht an der Todesgrenze aufhört, so gewiss fängt es schon in diesem irdischen Leben an. Es zeigt sich darin, dass Gott ein anderes Gesicht bekommt und sich erfahrbar macht als ein Gott, der nicht gegen, sondern für uns ist. Diese wohltuende Nähe Gottes ist es, die Jesus Christus vermittelt, ereignet hat und die er als ‚Auferstandener‘ auch heute und morgen vermittelt. Das ist der ntl Sinn der Rede vom Heiligen Geist. Dieser Geist der Freiheit ist die Weise, wie sich der ‚Auferstandene‘ als der Gegenwärtige erfahrbar macht. Wo Christus als Heiliger Geist die bergende Nähe Gottes vermittelt, da können Menschen zuversichtlich leben und sterben (26f).

Die Heilsgewissheit muss man nicht im Sühnetod Jesu begründet sein lassen: Als Kollaborateur der verhassten römischen Besatzungsmacht gehört Zachäus zu den Leuten, die religiös und gesellschaftlich geächtet sind. Ausgerechnet bei einem solchen Menschen will Jesus zu Gast sein. Für Zachäus bahnt sich in dieser Begegnung mit Jesus eine Lebenswende an. Jesus vermittelt ihm die erlösende Gewissheit, von Gott angenommen zu sein. Aus diesem fundamentalen Angenommensein heraus wird Zachäus zu einem konstruktiven Umgang mit seiner Schuld befähigt: „Heute (nicht am Karfreitag) ist diesem Hause Heil widerfahren“ (Lk 19,1-10). Jesu Verhalten dem Zachäus gegenüber hätte kaum diese tiefgreifende Wirkung gehabt, wenn Zachäus sich nicht zuvor in einer unbefriedigenden Situation der Ausgrenzung und fehlenden Anerkennung befunden hätte. Darum kann die Theologie nicht umhin, die Grundsituation des von Gott entfremdeten Menschen als Unheilssituation mit dem Begriff ‚Sünde‘ zu deuten. Aber es geht nicht an, das Gewicht der Sünde so demonstrieren zu wollen, dass auf die Grauenhaftigkeit des Kreuzestodes Jesu hingewiesen und daraus der Schluss gezogen wird: Gott habe mit der Sünde nicht anders fertigwerden können. Dieses Klischee ist zu teuer, weil es die Notwendigkeit eines blutigen Menschen- oder Gottesopfers unterstellt. Dieses Klischee ist zugleich zu billig, weil es den Anschein erweckt, eine kritische Aufarbeitung des eigenen Fehlverhaltens und seiner Wurzeln sei nicht mehr erforderlich (28).

g. Rechtfertigung und Selbstfindung

In Röm 3,21ff legt Paulus dar, dass der Mensch allein durch den Glauben an Jesus Christus gerecht wird, nicht hingegen durch die Erfüllung des Mose-Gesetzes. Das als Heilsweg mißverstandene und mißbrauchte ‚Gesetz‘ (im Sinne der 613 Tora-Vorschriften) ist in seinen Augen ein Holzweg. Aber durch den Aufweis, dass der vermeintliche Heilsweg ein Holzweg war, wird das ‚Gesetz‘ nicht belanglos. Im Gegenteil, es bekommt so erst wieder seine wahre Würde und Aussagekraft. Mit seiner revolutionären Neuinterpretation des ‚Gesetzes‘ hatte Paulus sich erhebliche Vorwürfe des konservativen Judentums eingehandelt (29f).

Röm 3,28: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ (Gerecht werden = Anerkennung, Sympathie finden). Die Anerkennung, die wir ernten, beruht in aller Regel auf den Leistungen, die wir erbringen. Bei Gott findet der Mensch Anerkennung und Sympathie völlig abgesehen von seinen religiösen, moralischen, sozialen Leistungen. Paulus war ein Vollblut-Pharisäer, ein ‚Leistungs-Freak‘. Er war voll auf die Gesetzesfrömmigkeit abgefahren und hat es darin bis zur Perfektion gebracht (30f).

So lief das bei Paulus, bis Jesus Christus in sein Leben trat. Da fiel diese religiöse Leistungs-Ideologie wie ein Kartenhaus in sich zusammen. In der Begegnung mit Jesus Christus erfährt Paulus: Gott bringt mir Sympathie entgegen, die ich mir nicht zuerst verdienen muss, die ich auch gar nicht verdienen kann. Dieser Gott meint es von sich aus gut mit mir und er erwartet zunächst und vor allem, dass ich ihm dies zutraue, dass ich mich seiner schenkenden Liebe öffne und sie dankbar und vertrauensvoll annehme. Glauben heißt: es Gott zutrauen, dass er es von sich aus gut mit uns meint und daraufhin in ein Vertrauensverhältnis zu diesem Gott eintreten. Wo dies geschieht, lernt ein Mensch, sich selbst anzunehmen, weil er davon ausgehen kann, dass er in letzter und höchster Instanz bereits angenommen ist (Anerkennung bei Gott = Rechtfertigung). Die Grundvoraussetzung dafür ist eine lebendige Beziehung zu dem Gott, der in Jesus Christus seine wahre Identität zu erkennen gegeben hat. Es geht um eine Gottesbeziehung, die sich tragfähig erweist in guten wie in bösen Tagen und die eine tiefe Geborgenheit und ein gesundes Selbstbewusstsein vermittelt (32f).