(5) Zur Frage der Wiederkunft Christi

H.Graß (1988)

Im Urchristentum hat die Erwartung der alsbaldigen Wiederkunft Christi eine bedeutende Rolle gespielt (1Kor 16,22; Apok 22,20 Maranatha). Wenn Jesus in den Evangelien der Menschensohn genannt wird, dann ist damit gesagt, dass man ihn mit dem eschatologischen Menschensohn identifizierte, dessen baldiges Kommen man erwartete. In 1Thess 4,13ff hofft Paulus, die Parusie des Herrn noch zu erleben und mit den Brüdern, die noch nicht entschlafen sind, dem vom Himmel kommenden Herrn entgegen gerückt zu werden, freilich nicht unverwandelt (1Kor 15,51f) (56).

Die Christologie und Soteriologie des Urchristentums sind nicht einseitig auf den Kommenden gerichtet gewesen, sondern haben sich frühzeitig dem Gekommenen und dem Gegenwärtigen zugewandt. Mag der Ursprung dieser Christologie in der Erfahrung liegen, Gott hat den hingerichteten Jesus von Nazareth nicht im Tod gelassen, sondern sich zu ihm bekannt, also in dem 'er lebt', so entfaltet sich aus diesem 'er lebt' nicht nur der Auferstehungs- bzw. Erhöhungsglaube, sondern auch der Glaube an seine lebendige Gegenwart, wie auch in diesem Glauben die Erinnerung an sein Erdenleben lebendig blieb. Und dann wandte man sich dem 'Leben Jesu' zu, verfasste Evangelien. Der Kyriosglaube der hellenistischen Gemeinden und bei Paulus ist vor allem auf die Verherrlichung des im Geist gegenwärtigen Herrn gerichtet. Man hat vom Kyrioskult gesprochen. Der Hebr verbindet im Hohenpriestertum Christi den Opfergedanken mit dem Erhöhungsgedanken und fügt der am Kreuz orientierten Soteriologie den Gedanken der Intercessio des Erhöhten, des himmlischen Hohenpriesters, hinzu (56).

Der urchristliche Glaube war in erster Linie Glaube an Erfüllung, an das, was mit dem Kommen Christi, in seinem Kreuzestod, aber auch in seinen Worten und seinem Wirken bereits geschehen ist und was in seiner Gegenwart im Geist in seiner Gemeinde, also durch den Kyrios, bereits geschieht. Schon frühzeitig taucht in den Briefen der Inkarnationsgedanke auf und gibt dem Gekommensein sein besonderes Gewicht. Bei Johannes beherrscht er das Evangelium, während der Gedanke an die Wiederkunft fast verschwunden ist (abgesehen von Hinzufügungen einer späteren Redaktion). An ihre Stelle ist der Hingang Jesu zum Vater und das Wohnungmachen für die Seinen getreten, die er zu sich nehmen will (Joh 12,32;  14,2f;  16,16;  17,24). Im Christushymnus (Phil 2,5ff) mündet der Weg Christi, ohne Erwähnung der Auferweckung, in der Erhöhung und der Anbetung des Erhöhten durch die ganze Schöpfung, ohne die Wiederkunft zu erwähnen. In Phil 1,23 bekundet Paulus das Verlangen, abzuscheiden und bei Christus zu sein, ohne die Hoffnung auszusprechen, die Parusie Christi noch zu erleben (aber 3,20f). Im Hebr ist der Heimgang in die himmlische Stadt (nicht die Wiederkunft) das eigentliche eschatologische Anliegen (13,14) (57).

Wenn man im Urchristentum die Erfüllung bereits im Gekommenen sah, die Soteria bereits in dem, was er vollbracht hatte und was er gegenwärtig vollbringt als der erhöhte Kyrios, dann musste das notwendig zur Gewichtsverlagerung in der Frömmigkeit führen. Die Soteria ist alsbald vor allem an den Gekommenen und Gegenwärtigen gebunden. Man erfährt sie gegenwärtig im Heiligen Geist, man erfährt sie in Jesu Sühnetod. Man vergegenwärtigt sich die Soteria im Inkarnationsgeschehen, aber auch in Jesu irdischem Wirken, seinen Worten und Taten, man sieht sie in der Intercessio des himmlischen Hohenpriesters. Es hat eine Enteschatologisierung stattgefunden. Es hat auch mit dem Ausbleiben der Parusie eine Veränderung der eschatologischen Vorstellungen stattgefunden bis dahin, dass der Hingang Christi zum Vater und die Heimholung der Seinen das eschatologische Bedürfnis befriedigt oder man das eschatologische Enddrama in eine ferne Zukunft verschiebt. Diese Verschiebungen in der Eschatologie und Soteriologie haben bewirkt, dass die urchristliche Gemeinde zu einer Gemeinde der soteriologischen Erfüllung geworden ist. Der Glaube an den Gekommenen und Gegenwärtigen, der Lobpreis und Dank für die bereits geschenkte Gnade, die aus dem Glauben an die geschehene Liebe Gottes erwachsende eigene Verpflichtung zur Liebe hat den Vorrang bekommen vor der Hoffnung, vor dem 'noch nicht' (57f).

Christus kommt in jedem wahrhaftigen Akt des Glaubens zu uns und in jedem wahrhaftigen Akt der Liebe. „Dein Reich komme“: Wie geschieht das, dass es auch zu uns komme? Luther: 'Wenn der himmlische Vater uns seinen Heiligen Geist gibt, dass wir seinem heiligen Wort durch seine Gnade glauben und fromm leben, hier zeitlich und dort ewiglich'. Auch in der 3. Bitte ist bei dem Reich an das gegenwärtige Reich, das jetzt zu uns kommen will, gedacht. In der 7. Bitte: „Erlöse uns von dem Übel“, ist nicht die Rede von der Enderlösung im Jüngsten Gericht, sondern dass er uns 'zuletzt, wenn unser Stündlein kommt, ein seliges Ende beschere und mit Gnaden von diesem Jammertal zu sich nehme in den Himmel'. Luther kann den eschatologischen Ausblick als seliges Ende und Aufnahme in den Himmel verstehen, ohne der Wiederkunft Christi am Ende der Tage und als Ende der Tage zu gedenken. 'Lieber Vater, wir bitten, gib uns erstlich dein Wort, dass das Evangelium rechtschaffen durch die Welt gepredigt werde, in uns wirke und lebe, dass also Dein Reich unter uns gehe durch das Wort und die Kraft des Heiligen Geistes..., dass wir ewig leben in voller Gerechtigkeit und Seligkeit' (60f).

Wiederkunft Christi als Ende der Geschichte? Der Parusieglaube war im NT nicht allbeherrschend. Bei Lukas ist die Wiederkunft Christi ans Ende der Tage, nach Ablauf einer längeren Heilsgeschicht, gerückt. Das Joh-Ev und der Hebr lassen die Wiederkunft zurücktreten. Nicht Christus kommt wieder, sondern die Gläubigen kehren heim in seine himmlische Herrlichkeit. Die Vorstellung von der Wiederkunft Christi alsbald oder am Ende der Tage ist an ein Weltbild gebunden, das nicht mehr das unsere ist. Sie kann in dieser Form nicht aufrecht erhalten werden. Der Glaube muss heute Evolutionen von Millionen von Jahren mit Gottes Schöpfertätigkeit zusammendenken (61f).

Christus hört nicht auf, beim Vater zu sein, auch wenn die Menschheitsgeschichte aufgehört hat. Es ist uns Menschen nicht verwehrt, mit ihm beim Vater zu sein. Hier ist anzuknüpfen an die Nebenlinie in der Eschatologie des NTs, bei Johannes und im Hebräerbrief, die Heimkehr in das himmlische Reich verheißt. Auch in der Glaubensgeschichte der Kirche hat dieser Gedanke des Heimgangs in das himmlische Reich eine große Rolle gespielt, dieser Gedanke ist hier zur Hauptlinie geworden. Die Vorstellung einer himmlischen Gemeinde der Vollendeten und Seligen ist leichter nachzuvollziehen als die einer allgemeinen Totenauferweckung am Ende der Tage. Statt eines Ausharrens der Toten in den Gräbern, aus denen sie am Jüngsten Tag erweckt werden, werden die Verstorbenen unmittelbar zu Christus heimgeführt. Der Gedanke des Endgerichts mit Christus als dem Weltenrichter ist dann zu ersetzen durch den Gedanken eines individuellen Gerichts, dem jeder im Tod entgegensieht. Einer Glaubensweise, die wie die evangelische das 'Allein aus Gnaden' vertritt, liegt es nahe, das Gericht nicht nach den Werken, sondern nach Gottes großer Barmherzigkeit geschehen zu lassen. Der Glaube verlässt sich auf Gottes unverdiente Gnade (63f).

Lassen wir uns genügen an der Hoffnung auf eine Heimstätte in Gottes und Christi überirdischem Reich (65).

                   

(6) Oster- und Parusiefrömmigkeit im Neuen Testament

F. J. Schierse

a. Parusie- und Osterfrömmigkeit bei Paulus

Parusie als Gericht und Heilsergeignis: 1Thess 1,9f: „Man erzählt, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und aus den Himmeln seinen Sohn zu erwarten, den er von den Toten auferweckt hat, Jesus, unseren Retter vor dem zukünftigen Zorn“. Jesus ist durch seine Auferstehung zum eschatologischen Richter eingesetzt worden und den Menschen, die an ihn glauben, als Retter gegeben. Jesus musste in den Himmel zu Gott erhöht werden, damit er von dort zum Gericht wiederkommen kann. Parusie bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem Gericht. Die Bußpredigt Johannes des Täufers ist ebenfalls eschatologisch motiviert: „Ihr Otternbrut, wer hat euch gelehrt, ihr würdet dem drohenden Zorngericht entrinnen? Bringt Frucht, die der Umkehr entspricht...“ (Mt 3,7fpar). Im Unterschied zum Täufer können die christlichen Missionare sagen, wer das große Gericht im Namen Gottes halten wird: Der von den Toten auferweckte Jesus ist zum eschatologischen Richter ernannt worden (Apg 10,42;  17,30f). Ihm muss man sich durch Glauben und Taufe anschließen, um dem drohenden Zorngericht zu entgehen. Mit der Erhöhung des gekreuzigten Jesus hat Gott gezeigt, dass er sich anschickt, sein Gericht zu vollziehen (38f).

Die Gläubigen erhofften sich vom Kommen Christi nicht nur die Rettung vor dem drohenden Gericht (1Thess 1,10;  Röm 5,9), sondern vor allem die Auferstehung von den Toten und das ewige Zusammensein mit dem Herrn (1Thess 2,12). In hellenistischer Zeit wurde das Wort ‚Parusie‘ (1Kor 16,17;  2Kor 7,6f;  10,10;  Phil 1,26;  2,12) zur Bezeichnung für den feierlichen Einzug eines Herrschers oder hohen Beamten in eine Stadt. Eine solche ‚Parusie‘ war ein Festtag für das ganze Volk. Paulus scheint sich die Parusie Christi nach dem Vorbild eines feierlichen königlichen Einzugs vorgestellt zu haben. Seine Schilderung des Kommens Christi in 1Thess 4,13–18 enthält neben jüdisch-apokalyptischen Zügen (Ruf des Erzengels, Schall der Posaune Gottes, Auferstehung der Toten, die Wolke, der vom Himmel herabsteigende Messias) auch Hinweise auf das hellenistische Volksfest. So erinnert das Ehrengeleit aus Lebenden und auferweckten Toten, das sich zur Einholung des Herrn ‚in den Lüften‘ anschickt, an die feierliche Begrüßung der Herrscher durch das jubelnde Volk (39f).

1Thess 4,14: „Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott in dieser Weise auch die Entschlafenen durch Jesus mit ihm zusammenführen“. Die Thessalonicher fragten sich beunruhigt, ob ihre Toten an der Parusie teilhaben würden. Paulus vertröstet die Gläubigen mit der Versicherung, dass die Lebenden den Toten nichts voraushaben werden, weil bei der Parusie zuerst die in Christus Verstorbenen auferstehen würden.  Mit der Auferweckung Christi hat Gott die allgemeine Totenauferstehung bereits eingeleitet. 1Kor 15,20.23: Christus ist der „Erstling der Entschlafenen“, seine Auferstehung hat den Anfang gemacht, die anderen Toten werden der Reihe nach folgen: „Denn wie der Tod durch einen Menschen gekommen ist, kommt auch die Auferstehung durch einen Menschen. Denn wie in Adam alle sterben, so werden auch alle durch Christus lebendig gemacht werden“ (1Kor 15,21f). Wie alle Menschen (biblisch gesprochen) von Adam abstammen und von ihm den Tod erben, so stammen alle Gläubigen von Christus, dem neuen, himmlischen Menschen, ab und erben von ihm das ewige Leben. Paulus betrachtet jetzt die Auferstehung Christi als die Ursache der künftigen Totenauferstehung. Damit verlagert sich der Schwerpunkt seines theologischen Interesses von der Parusie auf die gegenwärtige Lebensgemeinschaft mit Christus. Neben die traditionelle Parusiefrömmigkeit, sie interpretierend und modifizierend, tritt eine Spiritualität, die um das Ostergeheimnis vom Kreuz und Auferstehung kreist (41).

Ursprung der paulinischen Osterfrömmigkeit: Die Ankündigung der Parusie als des großen Weltgerichts gehört in den Zusammenhang der Buß- und Bekehrungspredigt. Für die zum Glauben Gekommenen wurden andere Themen vordringlicher. Der paränetische Impuls geht von den ‚typisch‘ paulinischen Wendungen aus, die den Reichtum des gegenwärtigen christlichen Lebens auf einen Begriff zu bringen versuchen: ‚mit Christus‘, ‚in Christus‘ sein, vom ‚Geist Christi‘ erfüllt und getrieben werden, die ‚Herrlichkeit Christi widerspiegeln‘, ‚gerechtfertigt‘ zu sein, schon jetzt ‚Gnade‘, ‚Leben’, ‚Heil‘, ‚Versöhnung‘, ‚Frieden‘, ‚Zugang zu Gott‘ zu besitzen. Einen Beitrag zur Ausbildung der pln ‚Osterfrömmigkeit‘ haben die erbitterten Kämpfe mit den Judaisten, den judenchristlichen Gegnern des Apostels, geleistet. Innerhalb des einfachen Parusieschemas war es kaum möglich, die Freiheit des Christen vom mosaischen Gesetz zu verteidigen und alle pharisäische Werkgerechtigkeit zu verurteilen. Paulus sah sich gezwungen, weit mehr als bisher zu betonen, was Gott bereits durch die Auferstehung seines Sohnes gewirkt hat. Die pln Osterfrömmigkeit nimmt den Platz ein, der im Judentum dem Gesetz vorbehalten ist (42).

Das Bewusstsein einer Schicksalsgemeinschaft: Die Korintherbriefe bezeugen, dass Paulus durch schwerste körperliche und seelische Leiden hindurchgegangen und so zum ‚Kreuz‘ vorgestoßen ist. Es waren zunächst keine rein theoretischen Überlegungen, die ihm den Entschluss eingaben, von nun an „nichts anderes zu kennen als Jesus Christus, den Gekreuzigten“ (1Kor 2,2), denn so fügt er hinzu: „Und ich trat in Schwachheit, Furcht und in viel Zaghaftigkeit bei euch auf“ (V.3).  Während das apokalyptische Denken die Drangsale als unvermeidbare Vorzeichen der Parusie hinnimmt (1Thess 3,3f), versteht Paulus jetzt seine Leiden als Teilhabe an den „Leiden Christi“ (2Kor 1,5;  Kol 1,24). Weil er „mit Christus gekreuzigt ist“ (Gal 2,19;  Röm 6,6), kann er auch der Auferstehung und des ewigen Lebens gewiss sein: „Allezeit tragen wir das Sterben Jesu am Leib herum, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib offenbar werde. Denn immerfort werden wir bei Leibesleben dem Tod überliefert um Jesu willen, damit auch das Leben Jesu offenbar werde an unserem sterblichen Fleisch“ (2Kor 4,10f). Die pln Osterfrömmigkeit hat ihren Ursprung in der realen Erfahrung des Leidens Christi: „Von mir aber sei es ferne, mich zu rühmen, als nur des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt“ (Gal 6,14) (43).

Ostern- Vorwegnahme der Parusie: Für die Christen der pln Zeit bedeutete die Parusie das Ziel aller Wünsche. Man erwartete von diesem plötzlich hereinbrechenden Ereignis die Auferstehung der Toten, die endgültige Vernichtung und Unterwerfung aller gottfeindlichen Mächte und die ewige Gemeinschaft mit Christus, das „immerdar beim Herrn sein“ (1Thess 4,17). Es war völlig unbestimmt, wann der Messias Jesus wiederkehren würde (auch wenn die Gläubigen nicht an Jahrtausende gedacht hatten). Gewiss glaubten die gesetzestreuen Judenchristen, dass Jesus „für ihre Sünden gemäß der Schrift gestorben... und am dritten Tag gemäß der Schrift auferweckt“ worden sei (1Kor 15,3f), aber sie sahen in Ostern nicht den Beginn „einer neuen Schöpfung“ (2Kor 5,17;  Gal 6,15), die von den Maßstäben des kommenden Gottesreiches und nicht mehr vom alten Gesetz beherrscht sein sollte. Die Osterereignisse gaben Paulus nicht nur die begründete Zuversicht, dass der zum Himmel erhöhte Herr wiederkommen werde, sie bedeuteten ihm eine reale Vorwegnahme der endzeitlichen Heilsgüter. Eine solche die Parusie einholende Osterfrömmigkeit mag wirklichkeitsfremd erscheinen: bei Paulus ist sie es nicht. Der Apostel hat beide Pole in Spannung zueinander gebracht: zwischen dem Jetzt und dem Einst, zwischen dem Sein und dem Sollen besteht ein dialektisches Verhältnis, in dem gegenwärtige Erfahrung und endzeitliche Bestimmung unverkürzt zu ihrem Recht kommen (44).

Die Auferstehung bleibt der Zukunft vorbehalten, einer Zukunft aber, die schon durch das Mit-Christussterben- und begraben-werden begonnen hat. Röm 6,5: „Denn wenn wir mit der Ähnlichkeit seines Todes zusammengewachsen sind, so werden wir es auch mit der seiner Auferstehung sein“. Aus Paulus Briefen wissen wir, wie sehr er die ‚Todestaufe‘ in unzähligen Mühsalen, Leiden und Gefahren seines apostolischen Lebens schmerzhaft, in Elend und Verlassenheit auf sich genommen hat. In dieser „Gemeinschaft mit den Leiden Christi“, in diesem „Gleichgestaltetwerden mit seinem Tod“ hat er die „Kraft der Auferstehung“ erfahren und die Hoffnung gewonnen: „dass ich zur Auferstehung von den Toten gelange“ (Phil 3,10f). Die Erfahrung leiblicher Not hatte den Apostel gelehrt, sich seiner „Drangsale“ (Röm 5,3) und „Schwachheiten“ (2Kor 12,9) zu rühmen. Paulus hat im Geistbesitz ein „Angeld“ auf die zukünftige Herrlichkeit gesehen: „Wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird der, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch euren sterblichen Leib zum Leben erwecken durch seinen Geist, der in euch wohnt“ (Röm 8,11) (45).

Paulus war in Korinth einer Frömmigkeit begegnet, die sich an den außerordentlichen Manifestationen des Geistes berauschte und darüber die einfachsten Formen brüderlichen Zusammenlebens missachtete. Diese Erfahrung musste ihn in der Annahme bestärken, dass Gott den Gläubigen seinen Geist nicht gegeben habe, damit sie sich als pneumatische Kraftmenschen zur Schau stellen und bewundern lassen, sondern damit sie nach dem Vorbild Christi einander in selbstloser Liebe dienen. Höher als außergewöhnliche Begabungen galt ihm deshalb das Charisma der Liebe (1Kor 13) und als ‚Frucht‘ des Geistes: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit (Gal 5,22) (45f).

Paulus hat der jungen Kirche die volle Tragweite des Todes und der Auferstehung Christi erschlossen und damit der Parusiehoffnung eine von jeder Terminfrage unabhängige Grundlage gegeben. Das Bewusstsein, mit dem Gekreuzigten ‚zusammengewachsen‘ zu sein und durch den Geist jetzt schon am Leben des Auferstandenen teilzuhaben, macht die Parusie weniger dringlich. Die pln Osterfrömmigkeit ist vom Gedanken einer sich realisierenden Eschatologie geprägt (47).

b. Oster- und Parusiefrömmigkeit in den Evangelien

Das Markusevangelium ist Ende der sechziger Jahre in Rom geschrieben. Die römische Christengemeinde hatte eben die Schrecken der Neronischen Verfolgung erfahren. Petrus und Paulus waren mit vielen anderen als Martyrer gestorben. Der Tod des grausamen Tyrannen hatte das Reich in bürgerkriegsähnliche Wirren gestürzt. In Palästina war der Aufstand gegen die römische Fremdherrschaft losgebrochen. Musste man diese blutigen Ereignisse nicht als Vorzeichen der baldigen Parusie deuten? Vielleicht hatte Markus, bevor er sein Werk fertigstellte, auch schon Kunde von der Zerstörung Jerusalems und des Tempels erhalten. Falls dies zutrifft, dann erklären sich manche Abschnitte des Evangeliums, besonders seine Parusierede (Mk 13), als bewusste Stellungnahme zu den hochgespannten Erwartungen des nahe bevorstehenden Kommens Christi. Das Mk-Ev zeigt deutliche Anzeichen einer ‚Apokalypse‘, einer Schrift, die in Zeiten der ‚großen Drangsal‘ (Mk 13,19) trösten und ein göttliches Geheimnis, das Geheimnis des Menschensohn-Messias, offenbaren will: „Erfüllt ist die Zeit und nahegekommen ist die Königsherrschaft Gottes“! (Mk 1,15) „Tut Buße (denkt um) und glaubt an das Evangelium“. Die Leser sollen ihre Hoffnung auf das Kommen des Reichs nicht aus apokalyptischen Weissagungen, sondern aus dem Glauben an das Evangelium nähren. Dieses Evangelium ist eine Geschichte verborgener, geheimer Epiphanien, eine einzige Vorbereitung auf das Sterben Jesu am Kreuz (48).

Das Evangelium erzählt von keinen Ostererscheinungen, sondern berichtet nur über die Auffindung des leeren Grabes durch die Frauen (Mk 16, 1-8). Ein Engel deutet ihnen das Unfassliche: „Schaudert nicht! Ihr sucht Jesus, den Nazarener, den Gekreuzigten? Auferweckt wurde er, er ist nicht hier. Seht, der Ort, wo sie ihn hingelegt hatten“ (Mk 16,6). „Geht hin, sagt seinen Jüngern und dem Petrus: Er zieht euch voraus nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat“ (Mk 16,7;  14,28). Wie der zum Leiden bestimmte Menschensohn auf dem Weg nach Jerusalem den Jüngern ‚voranzog‘, so dass sie ‚staunten‘ und die „Nachfolgenden sich fürchteten“ (Mk 10,32), so zieht jetzt der Auferstandene nach Galiläa voran, um sich dort den Gläubigen zu offenbaren. Der Evangelist hat ausdrücklich erklärt, die Frauen seien „vom Grab geflohen“ und hätten „niemandem etwas gesagt“ (Mk 16,8). Petrus und die ersten Jünger konnten von dem Auftrag des Engels nichts wissen. Es handelt sich um ein Geheimnis, das den Gläubigen erst jetzt durch den Evangelisten mitgeteilt wird. Alles, was die Gläubigen von der Parusie erwarteten: Unterwerfung der Mächte, Auferstehung der Toten bzw. Bekleidung mit einer neuen pneumatischen Leiblichkeit, das „Daheimsein beim Herrn“ (2Kor 5,8), all das veranschaulicht Markus in seinem Evangelium als jetzt schon greifbare Wirklichkeiten (48f).

Man könnte sagen, Markus hat auf die Wiedergabe von Ostererscheinungen verzichtet, weil er (im Unterschied zu Lukas) nicht von vergangenen Ereignissen berichtet, sondern die heilbringende, österliche Wirksamkeit des gekreuzigten und auferweckte Christus darstellen wollte. Sein Evangelium ist in sich geschlossen und weist am Ende wieder auf den Anfang, auf Galiläa zurück. Ähnlich wie Paulus sieht das Mk-Ev in der Auferstehung Jesu eine Vorwegnahme, ein Angeld der zukünftigen, von der Parusie erwarteten Heilsgüter, aber es dehnt dieses Verständnis auf das ganze irdische Wirken Jesu aus (49f).

Das Matthäusevangelium: Matthäus hat Mk 16,7 („... sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er euch nach Galiläa vorangeht. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat“) als Ankündigung einer galiläischen Erscheinung verstanden. So lässt er die Frauen „voll Furcht und großer Freude“ zu den Jüngern eilen und ihnen die Botschaft des Engels ausrichten. Die Jünger ziehen daraufhin nach Galiläa, wo ihnen Jesus auf einem Berg erscheint. Im Unterschied zu den Ostergeschichten der lkn Tradition offenbart sich hier der „mit aller Macht im Himmel und auf Erden“ ausgestattete Menschensohn, der endzeitliche Richter und Herrscher der Welt. Von einer Wiederkunft braucht nicht mehr die Rede zu sein, denn der Erhöhte ist bereits zu seiner Kirche gekommen und wird bei ihr bleiben bis ans Ende der Welt. Wie der Menschensohn bei der Parusie seine Engel mit lautem Posaunenschall aussendet, um „seine Auserwählten von den vier Winden zu sammeln“ (Mt 24,31;  Mk 13,27), so sendet der Auferstandene die Jünger in alle Welt, um die Menschen in seine Kirche zu rufen. Die Boten des Evangeliums stehen nicht nur unter dem besonderen Schutz ihres himmlischen Herrn („Siehe, ich bin bei euch...“), sie repräsentieren ihn vor der Welt: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat“ (Mt 10,40) (50).

Matthäus sieht in der weltweiten Jüngergemeinde der Kirche schon das Reich, in dem der erhöhte Christus herrscht (Mt 13,41;  16,28;  20,21). Die Kirche des Matthäus ist ein Zwischenreich, in dem Gerechte und Sünder, Unkraut und Weizen bis zu dem Tag der Ernte, der Scheidung zwischen Böcken und Schafen zusammenleben. Deshalb behält die Parusie ihre Funktion als Weltgericht (Mt 25,31-46). An die Stelle des alten Gesetzes tritt nicht wie bei Paulus der Geist, die das Eschaton vorwegnehmende Kraft der „neuen Schöpfung“, sondern die vom Auferstandenen promulgierte Weissagung des irdischen Jesus („... und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe“, Mt 28,20). Obwohl das Wort nicht fällt, handelt es sich in der Tat um ein neues ‚Gesetz‘, das für die Zeit bis zum Weltende gilt. Die Christen der matthäischen Kirche sollen sich um die „vollkommene Gerechtigkeit“ bemühen, damit sie beim Weltgericht in das „Himmelreich eingehen“ können (Mt 5,20). Es ist das von Jesus überlieferte Wort selbst, das die verfestigten Ordnungen, Institutionen und Bräuche dieser Welt immer wieder aufsprengt und den erlösten Menschen in die menschlichere Zukunft des Gottesreiches ruft. Was die Kirche vom Mt-Ev übernehmen soll, ist das Wort ihres Meisters, von dem sie nicht nur selber, sondern auch die ganze Welt ‚leben‘ soll (Mt 4,4) (50f).

Das Lukasevangelium: Mit der Auferstehung Jesu beginnt die Zeit der Kirche. Lukas bemüht sich nicht, die Parusie zu vergegenwärtigen, wie es Paulus und Markus getan haben. Ihm geht es vor allem darum, den Osterglauben zu stärken und zu vertiefen. Er häuft deshalb nicht nur ‚Beweise‘ für die Auferstehung Jesu an (Lk 24,39-44;  Apg 1,3), sondern zeigt auch im Bild der Emmausjünger, wie die Christen der spätapostolischen Zeit noch immer dem Auferstandenen begegnen können. Als Wege der österlichen Christuserkenntnis nennt Lukas die Schriftlesung und das Brotbrechen, die Eucharistie: „Brannte nicht unser Herz in uns, wie er auf dem Weg mit uns redete, wie er uns die Schrift erschloss?... Und sie erzählten, was auf dem Weg geschehen war, und wie er von ihnen beim Brotbrechen erkannt worden war“(Lk 24,32.35) (51f).

Der Auferstandene erscheint nicht, wie bei Matthäus als bereits inthronisierter Herrscher des Himmels und der Erde, sondern als ein zum irdischen Leben Zurückgekehrter. Jesus verhält sich nach Ostern nicht viel anders zu seinen Jüngern als vorher. Er isst und trinkt mit ihnen, lässt sich berühren, beantwortet Fragen und führt die Jünger schließlich nach Bethanien hinaus an den Ort der Himmelfahrt (Lk 24,50). Erst mit der Erhöhung in den Himmel tritt der Auferstandene seine ewige Herrschaft an, und von dort wird er zur Parusie wiederkommen (Apg 1,11). Die Parusie wird festgehalten, aber sie verliert an Gewicht. Bedeutsamer ist der Glaube, dass Jesus jetzt schon zur Rechten Gottes thront (Lk 22,69). Mit dem Zurücktreten des Parusiegedankens gewinnt an Bedeutung, was die spätere Theologie eine ‚individuelle‘ Eschatologie genannt hat. Wie Jesus durch die Himmelfahrt an das Ziel seines Weges gelangt ist, so hofft der Gläubige, unmittelbar nach dem Tod „mit Jesus im Paradies“ (Lk 23,43;  Apg 7,59) vereint zu sein (53).

Das Johannesevangelium: Am konsequentesten hat der vierte Evangelist an die Stelle der Parusie die Auferstehung gesetzt. Abgesehen von den redaktionellen Nachträgen (5,28f;  6,39f.44.54;  12,48) spricht Johannes immer nur von den gegenwärtigen Heilsgütern. Es ist ein Evangelium der Erinnerungen (14,26), der Blick geht zurück in eine Vergangenheit, die alle Zukunft schon eingeholt hat. So erscheint das apokalyptische Geschichtsbild gleichsam auf den Kopf gestellt. Die Parusie ist durch das Kommen des Logos in die Welt Wirklichkeit geworden. Jesus hat seine Herrlichkeit geoffenbart (1,14;  2,11;  11,40), in seinem Wort hat sich das Gericht über die Welt vollzogen (3,18;  5,24;  12,31), der Fürst dieser Welt wurde durch Jesu Tod hinausgeworfen (12,31). Für die Gläubigen hat mit der Auferstehung Jesu schon „jener Tag“ begonnen (16,23.26), den das übrige NT erst am Ende der Zeiten erwartet. Das vierte Evangelium betrachtet die ganze nachösterliche Zeit der Kirche als Vorwegnahme der Parusie, als einen einzigen Tag ewiger Freude (15,11;  16,22) und unerschütterlichen Friedens (14,27;  16,33;  20,19.21.26) (53f).

Das Evangelium verlangt mehr von den Gläubigen als „sich freuen am Licht“ (5,35), das ihnen in Christus aufgegangen ist. Man könnte von einer Umkehrung der alten Parusiefrömmigkeit sprechen: Es geht jetzt nicht mehr darum, auf die endgültige Offenbarung in Macht und Herrlichkeit zu warten (denn die ist bereits geschehen), es geht jetzt darum, das Gekommensein Christi vor der Welt zu bezeugen. Die Welt hat von Gott nichts mehr zu erwarten, er hat das Seinige getan, das Heilswerk in seinem Sohn vollendet (17,4;  19,30); aber die Welt wartet auf das heilbringende Zeugnis der Jünger, auf die ‚Parusie‘, das Kommen der Kirche. Den Christen ist es von nun an verwehrt, die Welt auf ein machtvolles Eingreifen Gottes zu vertrösten und bis dahin alles beim alten zu lassen. Sie sind gesandt, wie Jesus vom Vater gesandt war (20,21), der Welt Wahrheit, Brot, Licht und Leben, Freiheit und Friede zu geben (54f).

Parusieerwartung und Passahnacht: Wie die Israeliten in der Passahnacht zum Aufbruch gerüstet sein mussten (Ex 12,11), so sollen die Christen jederzeit bereit sein, aufzubrechen. Das ‚Gelobte Land‘, die endzeitliche Gottesherrschaft wird nicht jenen zuteil, die aus Bequemlichkeit zurückbleiben und sich mit den bestehenden Verhältnissen abfinden in der Erwartung, Gott werde eines Tages ohne ihr Zutun die Welt verändern. Gott ist schon gekommen, er hat schon gehandelt in Jesus, seinem Sohn. Jetzt sind wir an der Reihe. Der Auferstandene hat uns gerufen, er geht uns immer voraus, nach Galiläa, nach Samaria und bis an die Enden der Erde. In allen seinen Brüdern wartet er, dass w i r kommen (56f).