B. Was heißt: Ich glaube an Jesus Christus?

Jesus, wahrer Gott und wahrer Mensch?


G. Ebeling (1968)

(1) Die innerkirchlichen Differenzen: Dass in der Christenheit um Jesus Christus gestritten wird, ist so alt wie der Glaube an ihn. Die heute verschärfte Infragestellung des christlichen Glaubens macht die verantwortende Rechenschaft über ihn dringlich (39f).

(2) Jesus provozierte den Glauben an ihn. Die Wendung ‚glauben an‘ ist ausschließlich mit ‚Jesus Christus‘, nicht mit ‚Heiliger Geist‘ oder ‚Evangelium‘ verbunden (Mk 1,15 durch das Evangelien). Jesus ist der Grund des Glaubens. Der historisch bestimmte Mensch Jesus Christus ist das Grunddatum der Christologie (44f).

(3) Die Bezeugung des Christusglaubens ist im NT sprachlich vielfältig überliefert. Sie ist ‚Autorität‘ als Quelle fortdauernder Ermächtigung der Nachkommen zu eigenem Zeugnis. Der Glaube an Jesus Christus hat sprachlichen Ausdruck gefunden, indem er vorgegebene Vorstellungen ‚christianisierte‘. Die christologischen Titel, die das Christentum in seiner Umwelt vorfand, waren als vorgegebene Sprachmittel zur Interpretation dessen, wer Jesus ist, überhaupt nur so brauchbar, dass sie durch die Anwendung auf Jesus umgeschmolzen und neu geprägt wurden. Die Reformation und die neuzeitliche Welterfahrung haben deutlich gemacht: Die Denkformen und die geschichtliche Konstanz der traditionellen Christologie können nicht vorbehaltlos als ‚rein christlich‘ gelten (47-49).

(4) Nicht an eine Lehre, sondern nur an eine Person kann geglaubt werden. Wird zwischen Jesus und der christologischen Aussage über ihn nicht unterschieden, so wird ‚Jesus‘ zur bloßen Personifikation mythischer Vorstellungen und dogmatischer Ideen. Wird nicht zwischen dem Glauben an Jesus und den einzelnen Glaubensaussagen über ihn unterschieden, so nimmt der Glaube die Struktur frommer Werkgerechtigkeit an. Wer an Jesus glaubt, kann nicht umhin zu sagen, wer Jesus ist und was der Glaubende an ihm hat. Dass wir sagen können, wer Jesus ist und was wir an ihm haben, dafür sind wir auf das angewiesen, was uns darüber gesagt ist, damit wir es in eigener Verantwortung zu sagen lernen (50f).

(5) Die christologischen Aussagen sind als geschichtlich vielfältige Glaubenszeugnisse zu bedenken. Christologische Aussagen können zu Jesus nichts hinzufügen, sondern nur Erläuterungen dessen sein, wer Jesus als der Grund des Glaubens ist. Nicht durch Zusammenstellung einzelner christologischer Aussagen, sondern nur aus der Einsicht in das eine Gott, Mensch und Welt umspannende Geschehen, um das es im Glauben an Jesus geht, lässt sich etwas darüber sagen, in welche Dimensionen hinein die Glaubensaussage sich entfalten muss (52f).

(6) Der Christusglaube ist in der Neuzeit unumgänglich dem historischen Denken ausgesetzt. Das Verhältnis von ‚historischem Jesus‘ und ‚Christus des Glaubens‘ wird zu einem Problem, das den Rahmen der traditionellen Christologie sprengen muss. Wir haben hier nicht einfach Fertiges zu übernehmen, sondern tragen an unserem Platz mit unseren bescheidenen Möglichkeiten Mitverantwortung für den Weg, den das Denken der Neuzeit nimmt. Durch die schärfere Einsicht in die Entstehungsgeschichte des christologischen Dogmas wurde dessen Bedingtheit auch durch nicht-theologische Faktoren deutlicher. In Bezug auf die Gestalt Jesu Christi selbst lud ein Vergleich zwischen Paulus und den Evangelien sowie besonders zwischen den drei ersten Evangelien zu historisch-kritischen Untersuchungen ein (55f).

Wenn die Erscheinung Jesu darin zentriert ist, zum Glauben einzuladen, dann ist mit diesem Grundton der Erscheinung Jesu der Grundton menschlichen Daseins angeschlagen. Er spricht die Beziehung zu Gott, zur Menschheit und zur Welt an, also die weitesten und doch aufs engste zusammengehörenden Dimensionen des Daseins. Ich muss im Blick auf Gott, die Menschheit und die Welt sagen, wer Jesus ist (58).

(7) Die Reformation hat den Glauben an Jesus Christus neu erschlossen, wozu ihr die Bibel verholfen hat. Erst durch die Reformation ist dasjenige Verständnis des Glaubens an Jesus Christus aufgegangen, das dazu instand setzte, den Problemen, die vom Denken der Neuzeit her entstanden, anders als nur abwehrend zu begegnen. Wie kann man im Glauben an Christus einig und darüber, ob er allein rechtfertige, uneins sein? Wie könnte die altkirchliche Lehre von der Person Christi samt der mittelalterlichen Ergänzung durch die Lehre vom Werk Christi der Reformation genügen, da von diesen Lehrformen aus die Frage der Rechtfertigung und damit das Verständnis des Glaubens an Jesus Christus keine eindeutige Beantwortung fand? Die reformatorische Theologie hat eine neue christologische Lehrform hervorgebracht, nämlich die Lehre vom Amt Christi.

Für das Christus-Verständnis der Reformation ist dies symptomatisch: Mit dem Menschsein Jesu ist hier so ernst gemacht, dass darin Anfechtung und Glaube zum entscheidenden Thema werden. Die Gottverlassenheit Christi am Kreuz ist nie zuvor so radikal aufgefasst. Man soll nicht meinen, man wüsste, was ‚wahrer Gott‘ heißt, wenn man es nicht im Anblick des Erniedrigenten erfasst (59-61).


(8) Warum entsprechen wir Jesus allein durch Glauben? Für die singuläre Beziehung von Jesus und Glaube liefert schon der ntl Sprachgebrauch Belege. Die erst hier auftretende Wendung ‚glauben an‘ ist auf die Beziehung zu Jesus Christus als dem beschränkt, an den sich der Glaube halten muss, um reiner Glaube zu sein. Auffallender Weise ist dies neu, dass das Wort ‚Glaube‘ zum Inbegriff des Verhältnisses zu Gott und damit zu dem geworden ist, was das Menschsein des Menschen wahr macht. Das Bekenntnis zu Jesus Christus und die plötzliche Dominanz des Wortes ‚Glaube‘ gehören zusammen. Der Glaube ist Christus-Glaube, man kann sich nicht anders zu Christus halten als zu glauben. Glaube ist Wiedergeburt: „Ist jemand in Christus, so ist er ein neues Geschöpf“ (2Kor 5,17). Glaube verdankt sich dem Wort des Glaubens. Jesus ist „der Anfänger und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,2), auf den ich hinblicken, dessen Bild ich vor Augen haben muss, um an ihn und so durch ihn zu glauben (61-63).

(9) Auferstehung Jesu – Woraufhin können wir sagen: „Jesus ist auferstanden“? Ohne das apostolische Zeugnis käme keiner dazu, diese Aussage zu machen. Eine Glaubensaussage ist von mir nicht schon daraufhin verantwortet, dass ich darauf verweise, dass ein anderer sie verantwortet hat. Was meinen wir, wenn wir ‚Auferstehung‘ sagen? Eine der Apokalyptik entstammende Vorstellung, die nur auf Jesus übertragen ist? „Auferstehung von den Toten“ ist nur dann Glaubenswahrheit, wenn sie Ausdruck der Gottesgewissheit angesichts der Anfechtungsmacht des Todes ist. Das rechte Verständnis von ‚Auferstehung‘ folgt aus dem rechten Verständnis Gottes als des Herrn über Leben und Tod: Das Gottesleben erfüllt sich am Menschen erst mit der Vollendung des Todeslebens. Auferstehung kann nur als schärfster Ausdruck des Gottesgedankens selbst angemessen erfasst werden. Der Tod ist der äußerste Test dafür, was das Wort ‚Gott‘ meint und ob der Anruf des Namens Gottes auch dem Todesernst gewachsen und überlegen ist. So wird er gegen das Nichts, das alles Zeitliche umgreift und durchdringt, als der Schöpfer alles Zeitlichen geglaubt. Ebenso wird er gegen den Tod als die Quelle ewigen Lebens geglaubt. Gottes Handeln hat seinen Gegenstand stets an dem Gegensatz zu seinem Sein: am Nichts, an der Sünde, am Tod. Schöpfung, Rechtfertigung und Auferweckung – das sind die drei sich entsprechenden Werke der einen Weise seines Handelns. Was Auferstehung heißt, muss aus diesem Zusammenhang heraus in Hinsicht sowohl auf die Nichtigkeit des Zeitlichen wie auf die Sünde des Menschen verstanden werden. Auferstehung meint das Geborgenwerden aus der Nichtigkeit des Zeitlichen und aus der Macht der Sünde heraus, also durch die Vollendung des Todeslebens hindurch, in das Leben Gottes hinein. Das ist nichts anderes als die Erfüllung des Lebens, dessen Anbruch der Glaube ist (66f).

Der Glaube an Jesus lässt sich nur als Bekenntnis Gottes zum Gekreuzigten bekennen. Die apokalyptische Vorstellung von Auferstehung ist damit völlig verwandelt (das angeblich ‚leere Grab‘ Jesu ist für uns damit erledigt). Nur der, dem Jesus als Grund des Glaubens aufgeht, kann die Aussage, dass Jesus lebt, verantworten. Von diesem Jesus, dem als Gotteslästerer Verdammten und als Gottverlassener Verendeten, heißt es, Gott bekenne sich zu ihm als seinem eigenen Wort, verhalte sich zu ihm wie der Vater zum Sohn. „Er ist auferstanden- das ist nicht die Korrektur des Wortes vom Kreuz, sondern die Proklamation des Wortes vom Kreuz (67f).

Die Jünger bekannten: „Jesus lebt“! Jesus selbst war ihnen nun als wahrer Zeuge Gottes aufgegangen und so zum Grund des Glaubens geworden. Dass von den wichtigsten ‚Auferstehungszeugen‘ der eine Jesus feige verleugnet und der andere Jesu Anhänger fanatisch verfolgt hatte, unterstreicht das Entscheidende: Auch in den Erscheinungen Jesu nach seinem Tod vollzieht sich das Handeln Gottes als Überwindung des Widerspruchs gegen ihn, als Vergebung der Schuld, als Berufung der Unwürdigen, als die Umkehrung des Unglaubens in Glauben. Ausgerechnet der, der behauptet hatte: „Ich kenne den Menschen nicht“ (Petrus), wurde der erste, der ihn wiedererkannte. Der Widersacher einer Ausbreitung des Christusglaubens (Paulus) wurde dessen Weltmissionar (68f).

(10) Glaube ist identisch mit Gottesglauben: Dass wir durch Jesus zum Vater geführt werden, heißt in einer Zeit, der Gott zum unverständlichen Fremdwort geworden ist, nicht: das Reden von Gott könne erst vom Glauben an Jesus Christus her relevant werden. Luthers Auslegung des 1. Gebots: ‚Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott‘. Deshalb wird der Gesichtspunkt des Glaubens sogar zum Kriterium für das Gottesverständnis. Wird die Situation des Glaubens nicht durchgehalten und das Herz an das gehängt, was den Glauben nicht reinen Glauben sein lässt, so ist da nicht der rechte Gott. Weil es Jesus um den Glauben geht, hat der Glaube an ihn mit Gott zu tun. Die Schärfe, mit der durch Jesus das Gottesverhältnis zur Sache allein des Glaubens geworden ist, eröffnet die Einsicht, dass das Angegangensein durch Gott geradezu das Menschsein ausmacht. Jesu Amt besteht darin, den Menschen menschlich zu machen (70-72).

(11) Jesus ist das Wort Gottes. Dies ist der reinste Ausdruck der Menschwerdung Gottes.

(12) Jesus ist der Bruder der Menschen. Darin erfüllt sich wahres Menschsein, das, was ihn mit allen verbindet, zeichnet ihn vor allen aus.

Die Hingabe Jesu, die sich im Gehorsam gegen den Vater als Dasein für andere vollzog, hat sich im Tod am Kreuz erfüllt. Als Wort Gottes hat er sein Werk damit vollbracht, dass er es auf sich nahm, zum Verstummen gebracht zu werden, so dass seine Vollmacht in der Ohnmacht sich vollendet. In der Erscheinung Jesu geht es um die Menschlichkeit des Menschen, die an der Versöhnung mit Gott hängt. Darum können sich in ihm alle als die erkennen, die sie dem alten Menschen nach sind und die zu sein sie als neue Kreatur berufen sind (72f).

(13) Jesus ist der Herr der Welt. Seine Herrschaft ist das Gegenteil welthafter Gewalt. Seine Herrschaft vollzieht sich durch Wort und Glaube. Als der Gekreuzigte ist Jesus der Herr der Welt. Das Ostergeschehen wendet nicht die Katastrophe des Lebens und Sterbens Jesu in Heil, sondern macht das Heil kund, das in Jesus erschienen ist. Wer Jesus ist, muss auf unsere Beziehung zu Gott, zum Mitmenschen und zur Welt hin ausgesagt werden. In der Relation zu Gott steht dies in Frage, ob uns von da ein Wort anspricht, ein Widerfahrnis von Bejahtsein, Verstandensein und Geliebtsein, ein Wort, das Hoffnung schöpfen lässt und Quelle von Leben, Wunder der Verheißung ist, Ermächtigung zu der antwortenden Anrede: „Abba, Vater“. Lassen wir Jesus in diesen Horizont hinein, so wird er dem, der seiner Provokation stattgibt, zum Wort Gottes (74).

In der Relation zur Mitmenschheit steht dies in Frage, ob uns eine Bruderschaft zuteil wird im Sinn einer vorbehaltlosen und universalen Mitmenschlichkeit (Gal 3,28 „Hier ist nicht Jude noch Grieche...“). Jesus wird zum Haupt des Leibes derer, die durch den Glauben in seine Nachfolge treten. Jesus, der in der Relation zu Gott als Wort Gottes der Platzhalter Gottes ist, ist in der Relation zur Mitmenschheit als der Bruder der Menschen der Platzhalter jedes Mitmenschen (75).

- Jesus das Wort Gottes, der Bruder der Menschen und der Herr der Welt. Der Glaube entspricht dem Wort Gottes und als Frucht des Glaubens entspricht die Liebe dem Bruder der Menschen, die Hoffnung dem Herrn der Welt. Er ist Wort, indem er uns Herz und Mund öffnet und so uns selbst vom Wort und mit dem Wort leben lässt: Der Glaube ist zum Wort bevollmächtigter Glaube. Er ist Bruder, indem er uns zu Brüdern macht. Der Ruf zum Glauben ist Ruf zur Freiheit und so Ermächtigung zu Liebe und Hoffnung (76).

(14) Folgen: Der Glaube an Jesus Christus hat zur Folge, dass Jesus als das Wort Gottes, der Bruder der Menschen und der Herr der Welt bekannt wird. Glaube ist Nachfolge Jesu und darum die Quelle von Liebe und Hoffnung. Explizite Christologie ist nur in dem Maße notwendig und recht, wie sie der angewandten Christologie dient: dem Reden und Handeln im Namen Jesu (77).

                   

C. Eugen Drewermann über seinen Streit mit den Bischöfen „Der Spiegel“ vom 23.12.1991

Spiegel: Herr Drewermann, ist Jesus in Bethlehem geboren oder in Nazareth? Am Heiligabend ist in allen Kirchen die Rede von Bethlehem, viele Theologen halten Nazareth für den Geburtsort.

Drewermann: Daß Jesus nicht in Bethlehem geboren ist, ist ziemlich sicher. Nazareth wird seine Heimat gewesen sein; ob er dort geboren ist, steht dahin. Ich vermute, daß Jesus weder in dem einen noch in dem anderen Ort geboren ist.

Spiegel: Warum nicht in Bethlehem?

Drewermann: Dieser Ort wird nur an zwei Stellen des Neuen Testaments genannt. Die Evangelisten Lukas und Matthäus haben die Geburt nach Bethlehem verlegt, um eine Ankündigung des Propheten Micha aus dem Alten Testament auf Jesus zu beziehen: "Du, Bethlehem im Lande Juda! Du bist keineswegs die unbedeutendste Stadt in Judäa, denn aus dir soll der Mann kommen, der mein Volk Israel führen wird."

Spiegel: Wurde Jesus von einer Jungfrau geboren? Der Paderborner Erzbischof Degenhardt wirft Ihnen vor, diese Frage zu verneinen. Er hat Ihnen unter anderem deshalb die Lehrerlaubnis entzogen und Ihnen angedroht, Sie vom Priesteramt zu suspendieren. Das wäre für die katholische Kirche und ihre Theologie ein Jahrhundertereignis, ein Jahrhundertskandal: Sie würden als erster katholischer Theologe in der Bundesrepublik wegen "falscher Lehre" nicht nur vom Katheder, sondern auch von Kanzel und Altar verbannt.

Drewermann: Die Jungfrauengeburt ist nicht als historisches Ereignis aus den Texten des Neuen Testaments zu begründen, sie ist nicht als biologisches Ereignis zu verstehen.

Spiegel: Jesus hat also einen leiblichen Vater gehabt?

Drewermann: Ja. Jesus ist als Mensch gezeugt und geboren wie jeder andere Mensch auch. Ungewöhnlich war nicht seine Geburt, sondern sein Leben (426).

Spiegel: War das Grab Jesu leer, ist Jesus am dritten Tag nach seinem Tode leiblich auferstanden? Das wird ja Ostern gefeiert.

Drewermann: Wenn ich sage, die Ostergeschichten seien Legenden, wird mancher sagen, also stimme auch das nicht. Doch das ist zu simpel gedacht, auch Legenden haben ihren eigenen Wert. Aber man kommt um die Erkenntnis der Exegese, also der neutestamentlichen Forschung, nicht herum: Die Ostergeschichten haben den Glauben an die Auferstehung nicht begründen, sondern ihn nur auslegen wollen. Sie sollen in Bildern verkünden: Die Geschichte Jesu ist mit seinem Tod am Kreuz nicht zu Ende. An die Auferstehung glauben, heißt auf Gott vertrauen, daß seine Liebe den Tod überdauert. Aber mit solchen Sätzen ist es nicht getan. Die Bibel lebt von Bildern, und nur wer die Sprache dieser Bilder versteht, kann sich den Glauben bewahren. Auch das leere Grab ist ein Bild für eine Wahrheit des Glaubens.

Spiegel: Nur ein Bild, kein Bericht, also geben Sie Bultmann recht: "Ein Leichnam kann nicht wieder lebendig werden und aus dem Grabe steigen."

Drewermann: So ist es, das gilt für das Grab Jesu, und es gilt für alle anderen Gräber, in Verdun und in Vietnam, in Paderborn und in Hamburg. Die Auferstehung ist dort genauso wenig sichtbar wie drei Tage nach Ostern in Jerusalem (429).

Spiegel: Nach katholischer Lehre hat Jesus alle sieben Sakramente der Kirche eingesetzt: Taufe, Eucharistie oder Abendmahl, Firmung, Priesterweihe, Krankensalbung, Beichte und Ehe.

Drewermann: Jesus hat mit Sicherheit kein einziges Sakrament eingesetzt, wie heute ziemlich alle Theologen wissen.

Spiegel: Nun beruft sich Ihre Kirche darauf, daß Jesus laut Bibel aufgefordert habe, das Abendmahl zu seinem Gedächtnis zu halten, und zu den berühmtesten Stellen des Neuen Testaments gehört auch sein Taufbefehl: "Geht nun zu allen Völkern der Welt und macht die Menschen zu meinen Jüngern. Tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes."

Drewermann: Was Jesus über Taufe und Abendmahl gesagt haben soll, ist ihm lange nach seinem Tode zugeschrieben worden. Taufen in aller Welt kann er schon deshalb nicht befohlen haben, weil er an das nahe Weltende glaubte und sein Wirken auf Israel beschränkte.

Spiegel: Das Abendmahl, die Eucharistie . . .

Drewermann: ...kann man auch nicht auf Jesus zurückführen. Er war Jude, und es ist völlig ausgeschlossen, daß der Jude Jesus beim letzten Abendmahl seinen Jüngern Brot gab und dabei die Worte sprach: "Das ist mein Leib, der für euch geopfert wird." Und daß er den Jüngern den Kelch mit den Worten gab: "Das ist mein Blut."

Spiegel: Diese Worte stehen fast gleichlautend in den ersten drei Evangelien und bei Paulus. Und so wird es katholischen Christen bis heute in jeder Messe mit den sogenannten Wandlungsworten verkündet. Warum ist es ausgeschlossen, daß Jesus dies gesagt hat?

Drewermann: Weil diese Vorstellung, das Fleisch eines Menschen zu essen und das Blut eines Menschen zu trinken, für einen Juden, und nicht nur für den, etwas Gräßliches ist. Jesus wäre nie auf die Idee gekommen, das Fest-Essen des jüdischen Passahfestes, das die Juden an den Auszug ihrer Vorfahren aus Ägypten erinnert, umzuwandeln in eine Mahlzeit, bei der die Gläubigen sakramental teilhaben am Leben eines Gottes, der sich im Tod opfert (431).

Spiegel: Bultmann und andere Theologen, die festgestellt haben, wie unhistorisch die meisten Berichte über Jesus sind, wollen die Bibel zugleich "entmythologisieren", den Mythos zerstören. Da denken Sie völlig anders. Sie wollen umgekehrt den Mythos erhalten. Warum?

Drewermann: Nicht bei unwichtigen, sondern gerade bei den wichtigsten Passagen des Neuen Testaments müssen wir feststellen, daß es sich um Legenden, um Symbole, um Mythen handelt. Das gilt insbesondere für die Darstellung von Jesu Geburt, Tod, Auferstehung, Himmelfahrt. All dies können wir nicht als unmodernes Beiwerk beiseite schieben, wie es die Entmythologisierer versuchen (433).

Spiegel: Bultmann hat es für eine primitive Mythologie erklärt zu glauben, "daß ein Mensch gewordenes Gotteswesen durch sein Blut die Sünden der Menschen sühnt".

Drewermann: Diese Opfer- und Sühnetheologie war Jesus völlig fremd. Die Geschichten von den Zöllnern, den Pharisäern und den Sündern zeigen, daß Jesus die Vergebung der Sünden nicht von einer Vorleistung oder gar von einem Opfer abhängig gemacht hat. Diesen Gedanken - Vergebung ohne Vorleistung - hat er verkörpert und verkündigt.

Das paßt überhaupt nicht zu der Lehre, Opfer seien zur Versöhnung Gottes notwendig. Solche masochistischen Implikationen gehören zur Begründung des Kreuzesopfers und des Opferpriestertums in der katholischen Kirche, aber sie stehen erkennbar dem Anliegen Jesu entgegen.

Spiegel: Welchen Sinn sah Jesus in seinem Tod, wenn nicht den eines Opfers?

Drewermann: Er sah in seinem Tod überhaupt keinen Sinn. Er wollte nicht sterben. Als sich die Auseinandersetzung verschärfte, wird er sich gesagt haben: Laßt sie machen, was sie wollen, sie werden nur beweisen, daß sie nichts über den Tod hinaus können. Angst läßt sich überwinden durch Vertrauen auf Gott, komme, was da wolle. So und nur so, durch sein Gottvertrauen, hat sein Sterben einen Sinn gehabt.

Spiegel: Auf das Wort Jesu, es gebe zur Ehe Unfähige um des Himmelreichs willen, führt die katholische Kirche den Zölibat, die Ehelosigkeit ihrer Priester zurück (434).

Drewermann: Es ist ein schwer zu deutendes Wort, aber zur Begründung des Zölibats gibt es nichts her. Jesus hat keine Priester eingesetzt, schon gar keine ehelosen Priester.

Spiegel: Sondern?

Drewermann: Er verlangte von denen, die ihm folgten, daß sie seine Sache zu ihrer Sache machten. Es gab sicher keine Vorschriften, die seine Jünger zu einer Kaste, zu einem Orden hätten machen sollen. Jesus und seine Jünger - das war eine herrschaftsfreie, von Vertrauen geleitete Gemeinschaft. Wie wenig Jesus von Priestern hielt, steht an mehreren Stellen im Neuen Testament.

Spiegel: Ihr Buch "Kleriker" ist die schärfste, umfassendste und kenntnisreichste Kritik an der katholischen Kirche, die es in den letzten Jahrzehnten gegeben hat. Ist Ihre Kirche in einem so desolaten Zustand wie zur Zeit Luthers?

Drewermann: In gewissem Sinn ist sie in einem schlimmeren Zustand, und so, wie sie heute ist, hat Jesus sie nicht gewollt. Sie hat 450 Jahre lang versucht, Luther und die Reformation zu widerlegen, und ist dabei immer einseitiger, immer enger, immer starrer geworden. Seit dem Konzil von Trient Mitte des 16. Jahrhunderts hat sie Zuflucht genommen zu der Behauptung, ihre Bischöfe könnten objektive Wahrheiten garantieren und kraft Amtes weiterreichen durch die Jahrhunderte. Daß ich dies in Frage stelle, hat die Bischöfe gegen mich aufgebracht.

Spiegel: Weil es um den Glauben geht?

Drewermann: Nein, weil es um die Macht geht. Ich hatte ursprünglich nur dazu beitragen wollen, daß der einzelne Mensch von innen heraus seinen Glauben, sein Denken und Fühlen in Einklang bringen kann. Da gibt es ja manche Kluft, manchen Bruch. Aber es stellte sich heraus, daß ein Mensch, der mit sich selbst ins reine kommt, keine Außenleitung durch eine kirchliche Autorität mehr braucht. Sie wird überflüssig, lästig und schädlich (435f).