1.4 Das neutestamentliche Zeugnis von der Auferstehung Jesu

H.Kessler (2004)

Das gesamte NT vertritt in Einmütigkeit, dass Jesus in seinem biologischen Tod nicht verendet ist, sondern von Gott aufgefangen, gerettet und als er selbst (persönlich) lebendig ist, unzerstörbar-endgültig, in einer völlig neuen, nicht mehr physikalisch-biologisch zu fassenden Weise. Jesus lebt endgültig in und aus Gott und ist gegenwärtig (301).

Das Sprachmodell Auferstehung kann missverstanden werden als Rückkehr wieder belebter Leichen ins Dasein auf der Erde. Deshalb bedarf es der Präzisierung durch weitere Metaphern: Erhöhung, Aufnahme in eine radikal neue, andersartige Seinsweise (1Kor 16,22; Phil 2,8f; Apg 2,32f) oder durch das Motiv der Neuschöpfung des einen selben Menschen in anderer, himmlischer Gestalt (2Makk 7; Mk 12,24f; 1Kor 15,35-53) Durch ergänzende Bilder wird deutlich: in dem Bildwort Auferstehung geht es nicht um Wiederbelebung der Leiche, nicht um Rückkehr ins erneut sterbliche Leben, sondern um den Übergang und Eintritt in eine ganz neue Dimension, in ein radikal andersartiges (unzerstörbares) Leben in/aus Gott. An der Überzeugung von der Auferweckung Jesu gewinnt das NT seine Hoffnungssprache (302).

Jesus, „von den Toten auferweckt, stirbt nicht mehr; der Tod hat keine Macht mehr über ihn“ (Röm 6,9; Apg 13,34; Offb 1,18). Bezogen auf Jesus ist Auferweckung eine Metapher für ein bereits eingetretenes reales Geschehen, das sich (von seiner Seinsweise her) der raum-zeitlich sinnlichen Erfahrung und der empirischen Feststellbarkeit entzieht. Deshalb kann es keine Augenzeugen des Auferstehungs-Vorgangs geben. Eine im Grab aufgestellte Videokamera hätte nichts aufgenommen. Die Rede von der Auferstehung Jesu meint eine Wirklichkeit, die nur im Glauben an die andere Dimension Gottes annehmbar und verstehbar ist. Ohne die Annahme Gottes und seiner ganz anderen Dimension ist die Rede von Auferstehung der Toten und Auferstehung Jesu eo ipso sinnlos. Die Auferstehung Jesu ist ein reales Geschehen und gleichwohl kein von uns aus prüfbares Ereignis (kein historisches Ereignis). Gegenstand einer historischen Untersuchung kann nur die (von den Jüngern behauptete) Selbstmanifestation des Auferstandenen in die Erfahrung der Jünger hinein sein, die von den Jüngern behaupteten Ostererfahrungen (302f).

Die ntl Osterzeugnisse

Alte Bekenntnisformeln: „Gott hat Jesus aus den Toten aufgeweckt“, „lebendig gemacht“ (1Thess 1,10; 1Kor 6,4;  15,5; Gal 1,1; Röm 4,24;  8,11; Apg 13,37;  17,31; Jh 12,2.9 u.a.). Das Glaubensbekenntnis 1Kor 15,3-7 entstammt vorpaulinischer Tradition. Die Wendung „am dritten Tag“ ist seit Hos 6,2 symbolischer Ausdruck für die von Gott herbeigeführte Wende in der tiefsten Not. „Er erschien dem Kephas“ ist der früheste Hinweis auf die das Auferstehungsbekenntnis auslösende Ostererfahrung (Lk 24,34; Apg 13,28.30f;  1,3;  10,39f) (303).

Ostererzählungen: Sie sind sehr variable erzählerische Inszenierungen des alten Osterbekenntnisses („Jesus wurde auferweckt“) und der Ostererfahrung („er erschien dem ...“), daher die scheinbaren Widersprüche zwischen den Evangelien bei den Ostertexten.

a) Grabauffindungserzählungen: die älteste ist Mk 16,1-8 (von ihr sind die anderen abhängig). Sie setzt die Auferstehungsbotschaft von 1Kor 15,3-5 voraus (die nun dem Deute-Engel in den Mund gelegt wird) und ist auf sie hinkomponiert. Das leere Grab löst nicht den Osterglauben aus ( die Frauen fliehen erschreckt und schweigen).

b) Erscheinungserzählungen: Erst die Groß-Evangelien inszenieren auch das ihnen vorgegebene Datum der Erscheinungen (1Kor 15,5ff) in vielfältigen Variationen. Sie wollen damit nicht die Frage nach dem Ablauf der ursprünglichen Osterereignisse (um 30 n. Chr.) beantworten, sondern Anschlussfragen der schon gläubigen Gemeinden ihrer Zeit (nach 80 n. Chr.) (303f).

Zum biblisch-christlichen Gottesverständnis

Bildhaftigkeit biblischer Vorstellungen, Beispiel 'Himmel'

Der kosmologische 'sky' ist Bild für den theologischen 'heaven', d.h. für Gott selbst, also für eine ganz andere Dimension. Gott ist das alles durchpulsende Zentrum, weshalb der in den Himmel aufgefahrene Christus nicht am Rande des Kosmos sitzt, sondern im Zentrum aller Wirklichkeit und so allem gegenwärtig sein kann. Gott braucht keinen ausgesparten Raum wie ein Gegenstand. Gott ist selbst der Raum, in dem alles ist. Die Dimension Gottes ist dem Universum in jeder seiner Phasen und jedem Wesen ko-präsent, wir können ihrer überall inne werden. „Ich bin da“ (Ex 3,14):

a) Gottes Welttranzendenz: „Von allen Seiten umgibst du micht“, „in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wird“ (Ps 139; Apg 17,28). Es gibt kein 'Außerhalb' Gottes.

b) Gottes Weltimmanenz: Himmel und Erde sind erfüllt von Gottes Präsenz. Gottes ruach (Atem, Hauch, Lebenskraft, Geist) erfüllt und durchatmet alles, er ist mir innerlicher als ich mir selbst innerlich bin.

c) Gottes Dialogizität: Gott, das große liebende Du, das uns in unsere endliche Freiheit hinein freigibt, um unsere Gegenliebe wirbt und stets mit uns ist: „Muss ich auch wandern im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir“ (Ps 23,4). Das göttliche Du ist unbedingter Beziehungswille, der die Beziehung zu uns Menschen fortwährend 'pflegt' mit immer neuen Impulsen. Ostern ist eine neue Gotteserfahrung mit dem gekreuzigten, in und aus Gott lebendigen Jesus. Gott ist diejenige Instanz, die alles (transzendent) gründet, alles (immanent) durchatmet und uns Menschen (personal-dialogisch) angeht vermittelt durch symbolhafte Ereignisse (305f).

Was meint 'leibliche' Auferstehung?

Leib meint ursprünglich soviel wie 'Leben' (Leibrente, beileibe nicht, XY leibhaftig). Biblisch meint Leib nicht einen Teil des Menschen (den Körper), sondern den Menschen als ganzen in seinen Beziehungen zu anderen und in seinem Verwobensein mit dem Kosmos (306).

Leibliche Auferstehung meint im NT (1Kor 15,35-53), dass der Mensch als unverwechselbar selbe Person von Gott gerettet wird, aber nicht nur so wie er war (z.B. in einem verkrüppelten Körper-Leib), vielmehr ganz-gemacht, geheilt, vollendet. Leibhaftige Auferstehung meint, dass der Mensch selbst (keine Ersatzperson) vollendet wird mit seinen zu ihm gehörenden Beziehungen (die Gott heil macht), mit seinen noch uneingeholten Möglichkeiten (so, wie Gott ihn gemeint hat), dass Gott aus unseren Fragmenten ein Ganzes macht. Mit dem pneumatischen Leib (1Kor 15,44; Phil 3,21) ist gemeint, dass der neue Leib (=der Mensch selbst in seinen Bezügen) ganz vom Pneuma Gottes durchflutet und erfüllt wird. Mit der neuen Leiblichkeit in der Auferstehung ist der Gemeinschafts-, Erd- und Weltbezug des neuen Lebens der Person bei Gott gemeint (306f).

Jesus wird in seinem Tod, noch am Kreuz (nicht erst nach drei Tagen im Grab), von Gott als identische Person mit seinen ihn bestimmenden, liebenden Bezügen zu den anderen gerettet und vollendet, so dass sein Weltverhältnis, das schon immer für alle offen war, nun auch faktisch grenzenlos wird. Das ermöglicht die Rede vom ekklesialen und vom kosmischen 'Leib' Christi, an dem alle Glieder werden sollen (307).

Musste das Grab Jesu leer sein?

Im NT ist nirgendwo von einem leeren Grab die Rede, außer in den Evangelien, die mit der Grablegung schließen und dann (in erzählerischer Logik) die Osterbotschaft am Grab inszenieren. So zuerst Mk um 70 n. Chr. in einer relativ späten poetischen Erzählung, die hinkomponiert ist auf die alte, dem Mk vorgegebene Auferstehungs-Aussage (1Kor 15.3f), die Mk dem Deute-Engel in den Mund legt (Mk 16,6f: gestorben, begraben, auferweckt, erschienen) (307).

Nach urchristlicher Auffassung musste das Grab nicht leer sein. Es gab im damaligen Judentum zwar Vorstellungen, die Auferstehung als Auferstehen des Begrabenen dachten; aber es gab mindestens ebenso zahlreiche Vorstellungen, die ein Zugleich von in der Erde begrabenem Leichnam und auferwecktem leibhaftigem Leben dachten (2Makk 7,1-29; Ps 73,23ff;  49,8.16;  63,4.9;  40,12; Weish 3,1-9;  4,7-13;  5,1-16). Leibliche Auferstehung meint biblisch immer die Identität der Person in ihren Bezügen (zur Gemeinschaft und Welt), jedoch nicht immer eine materielle Identität mit dem begrabenen oder vernichteten Körper (308).

Jesus (Mk 12,24f) und Paulus (1Kor 15,35-44) denken an ein völlig neues leibhaftiges (personal identisches, gemeinschafts- und weltbezogenes) Leben der auferweckten Toten, das mit der begrabenen Leiche nicht direkt etwas zu tun hat. Wenn das verwesliche „Fleisch und Blut die Unverweslichkeit nicht erben kann“ (1Kor 15,50), dann kann der Leichnam ruhig verwesen, denn „gesät wird ein verweslicher, natürlicher Leib, auferweckt wird ein unverweslicher, pneumatischer Leib“ (1Kor 15,42.44) von dem Gott, der uns in allem (auch im Moment des Todes) ko-präsent ist.

Unsere Gräber werden nicht leer, auch nicht die Gräber von Heiligen. Warum sollte Gott singulär bei Jesus, wenn dieser wirklich Mensch ist (Hebr 2,17f;  4,15), die Naturgesetze außer Kraft setzen? Da Gott seine Schöpfung in ihrer Eigendynamik hinein freigegeben hat, respektiert er diese bis zuletzt. Auch im Tod Jesu werden die physikalisch-biologischen Gesetze, die für Menschen gelten, nicht außer Kraft gesetzt (308).

Der Übergang in die neue Dimension Gottes kann (da er Ausstieg aus der kosmischen Raum-Zeit und Eintritt in ein nicht mehr physikalisch-biologisch zu fassendes ewig-endgültiges Leben ist) nicht wieder ein Vorkommnis in Raum und Zeit sein. Dieser Übergang in die radikal andere Dimension Gottes liegt derart 'jenseits' der Naturzusammenhänge, dass er diese nicht außer Kraft setzt oder in ihnen eine herausgestanzte Lücke hinterlässt. (Die materielle Substanz unseres irdischen Leibes wird alle sieben Jahre nahezu vollständig ausgewechselt. Sie bildet schon für den irdischen Leib nicht dasjenige, was Kontinuität und Identität gewährleistet. Erst recht ist die mit dem Auferstehungsleib gemeinte Wirklichkeit nicht an die Materie-Elemente gebunden, die zufällig im Moment unseres Todes Substrat unseres Leibes sind) (309).

Wie sind die Oster-Erscheinungen zu verstehen?

Die älteste Oster-Überlieferung spricht von Erscheinungen des auferstandenen Gekreuzigten nur in kurzen, formelhaften Wendungen (1Kor 15,4-7: „er ist auferweckt und erschien dem Kephas...“; Lk 24,34; Apg 13,28.30f;  1,3 und 10,39f). Erst die späteren Groß-Evangelien (Mt, Lk, Jh) inszenieren dieses vorgegebene Datum („er erschien dem Kephas...“) narrativ in unterschiedlichen, darum nicht harmonisierbaren Variationen, in symbolisch-anschaulichen Erzählungen, die dann zu materialistischen Vorstellungen vom vermeintlichen Ablauf der Osterereignisse führten. Die Groß-Evangelien beantworten mit ihren Erscheinungserzählungen (von den Emmaus-Jüngern, von Maria von Magdala, dem ungläubigen Thomas usw.) nicht die Frage, was den Jüngern damals zu Ostern (um 30) widerfahren ist, sondern Anschluss-Fragen der schon gläubigen Gemeinden ihrer Zeit (um 80-100). So will die Emmauserzählung (Lk 24,13-35) die Frage beantworten: Wie können wir heute dem auferweckten Herrn begegnen? Sie antwortet: Der Herr geht wie mit Kleopas und seinem Begleiter unerkannt mit uns, er ist es, der uns die Schrift erklärt (309f).

In den alten kurzen Wendungen („er erschien“ u.ä.), auf denen diese narrativen Ausgestaltungen basieren, findet sich nichts von all diesen anschaulichen Details, vielmehr lassen sie das konkrete Wie der Oster-Erscheinungen im Dunkeln. Sie halten nur das Dass einer neuen (Offenbarungs-)Erfahrung fest, die bei den Jüngern zur Erkenntnis der Lebendigkeit (und Nähe) Jesu von Gott her und deshalb zur grundstürzenden Wende in ihrem Leben führte (310).

Die sog. Erscheinungen gelten heute als Auslöser des Osterglaubens. Die ntl Texte sprechen von Ereignissen, die den Jüngern plötzlich widerfahren, die ihre mitgebrachten Vorstellungen sprengen und die sie spontan als von Gott (bzw. dem aus Gott lebendig präsenten Jesus) her verstehen.

Der vorösterliche Glaube der Jünger war am Karfreitag so zusammengebrochen, dass er sich nicht von selbst wieder erheben konnte ohne den Einschlag einer neuen Erfahrung von Gott bzw. dem auferweckten Herrn her. Es muss sich um starke Erfahrungen gehandelt haben, die zu der unerwarteten Wende im Leben der (nach Galiläa zurückgekehrten) Jünger und zu dem Neu-Beginn (in Jerusalem) führten. Die Annahme der neuen Lebendigkeit des Gekreuzigten gründet auf neuen Erfahrungen der lebendigen Präsenz des Gekreuzigten von Gott her (310f).

„Christus als Erster“ und unsere Auferstehung im Tod

„Am dritten Tag“ (1Kor 15,4) ist symbolischer Ausdruck für die von Gott herbeigeführte Wende in größter Not. Die Rede von der Auferstehung Jesu meint ein Handeln Gottes im Tod Jesu bereits am Kreuz. Was von Gott her geschieht, vollzieht sich im Sterben, im Moment des Todes Jesu selbst: Jesus stirbt in Gott hinein. Diesem sein Leben hingebenden Jesus kommt die bergende Liebe Gottes so entgegen, dass sie ihn im Augenblick seines Totseins in ihre Ewigkeitsdimension und Lebensfüllt hinein birgt (= „Gott hat ihn auferweckt, erhöht“). Im Licht des zu Ostern aufgehenden Geschehens wird Jesu Sterben zum Ort der Gegenwart der rettenden Liebe Gottes all denen, die sie in ihr Leben einlassen (311).

Es gibt zwei ntl Aussagereihen, die von der Erlangung des vollen unzerstörbaren Lebens der Person bei Gott reden – mit unterschiedlicher Bildwelt:

a) „Erstling der Entschlafenen“: Jesus ist das erste Glied einer ganzen Kette, der „Erstgeborene von den Toten“ (1Kor 15,20-23; Kol 1,18; Röm 8,29; vgl. Apg 3,15;  5,31; Hebr 2,10: „Anführer des Lebens“). Paulus betont die Leibhaftigkeit, d.h. den Gemeinschafts- und Erdbezug der Auferstehung Jesu (1Thess 4,13-17; 1Kor 15,12ff). Seine akute Naherwartung macht ihm die Verwendung der apokalyptischen Vorstellung künftiger kollektiver Auferstehung am nahen Ende dieses Äons möglich, ohne dass er an einen Zwischenzustand zwischen dem Tod der schon Verstorbenen und der künftigen allgemeinen Auferstehung denken müsste (312).

b) „Heute noch“: Eine zweite, nicht-apokalyptische Vorstellungsreihe im NT, nach der die einzelnen Verstorbenen (leibhaftig) schon unmittelbar mit dem Tod in das ewige Leben Gottes eingehen, ohne einen Zwischenzustand: So Phil 1,23: „Ich habe Lust abzuscheiden und ganz mit Christus zu sein“; 2Kor 5,1-10: „daheim sein beim Herrn“; Lk 23,24: „heute noch wirst du mit mir im (himmlischen) Paradiese sein“; Lk 16,22: der arme Lazarus wird im Tod in Abrahams Schoß getragen; Jh 12,26: wer Jesus nachfolgt, wird mit seinem Tod dort sein, wo Jesus ist usw. Auf dieser Linie konnte die spätere kirchliche Tradition zumindest für Märtyrer und andere privilegierte Personen (Patriarchen, Apostel, den reumütigen Schächer, Maria usw.) eine Auferstehung unmittelbar im Tod annehmen (312).

Auferstehung im Tod: „Heute noch wirst du“, nicht bloß deine separierte Seele, „mit mir im Paradiese sein“. Wenn prinzipell eine sofortige Auferstehung im Tod möglich ist, warum dann nicht auch für andere Menschen (314)?

Alle unsere Aussagen über ein Jenseits des Todes sind aus der Gotteserfahrung mit Jesus heraus entworfene Denk- und Vorstellungsmodelle. Nach dem Vorstellungsmodell 'Auferstehung im Tod' stirbt der ganze Mensch. Im Sterben wird er von Gott aufgefangen und im Moment seines Todes („heute noch“) von Gott mit einem andersartigen, unzerstörbaren Leben beschenkt (auferweckt). Auferweckt wird der Mensch 'leibhaftig', d.h. er persönlich mit seinem Bezogensein auf andere. Individueller Tod und Jesu Parusie fallen in der Ewigkeit Gottes in eins zusammen. Auch verliert der Einzelne im Tod nicht den Bezug zu den anderen Menschen und Geschöpfen, sondern öffnet sich über die Grenzziehungen seiner Erdenzeit hinaus in entgrenzter Kommunikation zu allen Geschöpfen. Aus der Dimension Gottes heraus, in der der auferweckte Christus und die auferweckten (in Gott geborgenen) Verstorbenen sich befinden, sind sie uns, die wir noch in der gestreckten ablaufenden Zeit leben, beziehungsvoll gegenwärtig (315).

Anhang: War das Grab Jesu leer?

A. Vögtle (1975)

Die Auferstehungsbotschaft impliziert unter Berücksichtigung der damaligen jüdischen anthropologischen Vorstellungen die Leerheit des Grabes Jesu. Die Formulierung: “Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier, denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt seht den Platz, wo er gelegen hat” (Mk 16,5f) setzt eindeutig das atl ganzheitlich konzipierte Bild vom Menschen voraus: den in seiner individuellen Leiblichkeit toten und wieder lebendig gemachten Jesus. Warum aber spielte das leere Grab Jesu in der außer-evangelischen Verkündigung, speziell in der alten Bekenntnistradition keine Rolle (86)?

Man muss sich für die Möglichkeit offen halten, dass das Grab Jesu für die Vorstellung der glaubenden Jünger aufgrund der Auferweckung leer wurde, ohne dass diese Vorstellung empirisch verifiziert war, ohne dass das Leersein des Grabes festgestellt wurde. Es kann nicht die Rede davon sein, dass die Bekenntnistradition 1Kor 15, 3-5 das leere Grab als empirisches Faktum bezeugt und bezeugen will. Gute Gründe sprechen dafür, dass Paulus von der Auffindung des leeren Grabes nichts wusste.

Man versucht die Nicht-Erwähnung des leeren Grabes zu erklären: das geöffnete, leere Grab Jesu sei eine von niemandem bestrittene Tatsache gewesen, die von Christen so, von den Juden anders beantwortet wurde. Dann müssten sich die gegensätzlichen Antworten auch in der ältesten Osterverkündigung widerspiegeln (87).

Warum kennt die Bekenntnistradition nicht die Verbindung der Erscheinungen mit dem Hinweis auf das unbestrittene Faktum des leeren Grabes Jesu? Der Gedanke des Leichendiebstahls taucht erstmals in der nicht ursprünglichen Grabeswächter- und Betrugserzählung des gegen Ende des 1. Jh.s geschriebenen Mt-Ev auf. Der ntl Befund spricht gegen die Annahme, das Leersein des Grabes Jesu sei ein unbestrittenes Faktum gewesen (89).

Der Verbleib des Leichnams Jesu mußte die maßgeblichen jüdischen Kreise nicht unbedingt beschäftigen. Für jüdische Begriffe war der Auferstehungsglaube der Jünger barer Unsinn. Dass einer via Hinrichtung und nachfolgender Auferweckung/Erhöhung designierter Messias wird, als solcher im Himmel existiert, um von dort her als Repräsentant des Gerichts- und Heilshandelns Gottes zu kommen, spottet jeder zeitgenössischen Form der Vorstellung von einem von Jahwe unterschiedenen Heilbringer. Wenn die Synedristen, der hohe Rat, den Leichnam Jesu nicht vorweisen konnten, gleichzeitig aber unbedingt den Unsinn, dass die Abwesenheit des Leichnams Jesu durch ein Eingreifen Gottes erklärt wird, abstellen wollten, müsste sich ein Erklärungsversuch, z.B. die Behauptung des Leichendiebstahls, schon in alter Überlieferung reflektieren (90f).

Wenn man den Grabeserzählungen der Evangelien als historischen Kern die frühe Entdeckung des geöffneten und leeren Grabes (ohne den Engel und dessen Osterbotschaft) durch eine bzw. drei Frauen zu Grunde liegen lässt, kann man sich nur schwer vorstellen, die Nachricht der Frauen sei für Simon und seine Mitjünger so selbstverständlich oder gar so wenig von Belang gewesen, dass sie an einer persönlichen Bestätigung überhaupt nicht interessiert waren. Wenn die Jünger sich von der Richtigkeit der Nachricht der Frauen überzeugt hätten, fragt man sich: Warum soll ausgerechnet die Konstatierung des leeren Grabes durch die maßgebenden Verkündiger der Auferweckungsbotschaft keine Spur hinterlassen haben weder in den Kurzformulierungen noch in den älteren synoptischen Evangelien (93)?

Der Umstand, dass weder die synoptische Überlieferung noch die kerygmatischen Formulierungen die Jünger selbst das geöffnete und leere Grab konstatieren lassen, berechtigt zum Zweifel, ob das Grab Jesu wirklich geöffnet und leer vorgefunden wurde.

Die älteste Grabeserzählung Mk 16,1-8 enthielt von Anfang an die Proklamation der erfolgten Auferweckung Jesu und war in ihren Details konsequent auf die Botschaft des Engels als zentralen Inhalt der Erzählung ausgerichtet. Diese, ein geläufiges biblisches Stilelement verwendende Engelproklamation ist kein Faktum der Geschichte, sondern verweist auf eine Zeit, in der das Bekenntnis zur Auferweckung Jesu bereits existierte und die Reflexion über das Wie der Auferstehung zu dem Bedürfnis geführt hatte, die für palästinische Anthropologie einzig folgerichtige Leibhaftigkeit der Auferstehung Jesu explizit zu machen. Das wurde nur durch einen Boten Gottes ermöglicht. Es geht der Perikope vorrangig weder um die liebevolle Fürsorge der Frauen noch um die historische Feststellung, dass das Grab nachprüfbar leer gewesen ist, sondern es geht ihr vor allem um die Botschaft: Jesus, der gekreuzigte Nazarener, ist auferweckt worden. Die Frage nach der Leiblichkeit Jesu hat die ersten Zeugen des Auferstandenen offenbar nicht bedrückt (94f).

Das leere Grab im Mt-Ev (28,1-10)

E. Haenchen: Markus berichtet, dass die Frauen am Ende des Sabbats Spezereien kaufen, um Jesu Leichnam zu salben (Mk 16,1). Bei Matthäus wollen die beiden Frauen nicht den Leichnam salben, sondern nur das Grab sehen. So entfällt das Kaufen der Spezereien (548).

Matthäus hatte in 27,62-66 von den Grabeswächtern erzählt, die sich vor dem Grab befinden. Damit wird es ihm unmöglich, so wie Markus zu erzählen, dass die Frauen ins Grab hineingingen und dort den Engel sahen. Also muss er zunächst die Wache ausschalten: Ein großes Erdbeben ereignet sich, denn der Engel des Herrn kommt vom Himmel herab und stößt den Stein fort (28,2), auf den er sich dann setzt. So lässt sich nun sein Aussehen beschreiben und damit dessen Wirkung auf die Wache begreiflich machen: Der Engel sieht aus wie ein Blitz; ein unerträgliches Leuchten geht von ihm aus. Und sein Gewand ist weißer als Schnee. Dieser Anblick packt die Wächter, dass sie vor Furcht wie tot werden (548f).

Damit ist nun der Weg für die Frauen frei geworden, die der Engel jetzt anspricht (28,5f). Die Frauen gehen rasch vom Grab fort mit Furcht und großer Freude und laufen zu den Jüngern. Sie schweigen nicht wie bei Markus, sondern sie eilen zu den Jüngern, um die Botschaft des Engels auszurichten. Aber bevor sie die Jünger erreicht haben, begegnet ihnen Jesus und grüßt sie mit dem Segensgruß. Sie treten hinzu, berühren seine Füße und werfen sich vor ihm nieder. Jesus aber sagt zu ihnen: “Fürchtet euch nicht! Geht, meldet meinen Brüdern, sie sollen (von Jerusalem) weggehen nach Galiläa. Dort werden sie mich sehen“! (28,8f). Es bleibt nicht dabei, dass die Frauen das Grab leer finden und die Weisung eines Engels empfangen. Sie treffen Jesus selbst und indem sie seine Füße berühren, werden sie seiner körperlichen Wirklichkeit inne. Jesus hat ihnen nicht mehr zu sagen, als was sie schon vom Engel vernommen haben. Nur dass Jesus hier die Jünger 'meine Brüder' nennt, ist etwas Neues (549).

Während die Frauen hingehen, um Jesu Weisung auszuführen, kommen einige von der Grabeswache in die Stadt und melden den Hohenpriestern alles, was geschehen ist. Die versammeln sich, halten mit den Ältesten Rat und geben den Soldaten viel Geld mit den Worten: “Sagt, seine Jünger sind in der Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, während wir schliefen. Und wenn es dem Statthalter zu Ohren kommt, wollen wir ihn beschwichtigen und dafür sorgen, dass ihr sicher seid“ (28,31f). Die Soldaten gehen auf diesen Handel ein “und so verbreitete sich das Gerücht bei den Juden bis auf den heutigen Tag“. Hier versucht die spätere Gemeinde (“bis auf den heutigen Tag“), den jüdischen Vorwurf aus der Welt zu schaffen, dass die Jünger Jesu Leichnam gestohlen haben und ihn dann als auferstanden ausgaben (549f).