(3) Der Glaubende erreicht das Ziel der Christusgemeinschaft bereits im Tod

Paulus' christologische Eschatologie (Röm 8,18-39)

Die Einzelaussagen von Röm 8,18-39
a. Die Sehnsucht der Schöpfung (Röm 8,19-22)
b. Das geduldige Hoffen der Glaubenden (Röm 8,23-25)
c. Das Wirken des Geistes (Röm 8,26-27)
d. Die Rahmenaussagen: Das Heil ist die eigentliche Realität (Röm 8,18.28-30)
e Der Sieg der Liebe Gottes (Röm 8,31-39)

Ergebnis - Röm 8,18-39 und die theologische Eschatologie
a. Die theologische Aussage von Röm 8,18-
b. Die pln Eschatologie im Horizont von Röm 8,18-39
c. Die Konsequenzen für eine theologische Eschatologie

Anhang a: Wandlungen im paulinischen Denken in bezug auf die Eschatologie
Anhang b: Eine neue Form der Hoffnung (Phil 1,23ff)

 

Röm 8 – Höhepunkt paulinischer Eschatologie

H.R.Balz

In Röm 8,12ff geht es Paulus um die Realität des neuen Lebens der Glaubenden, das der Macht der Sünde entrissen und vom Pneuma her geprägt ist, wenn es auch den Bedingungen der Sarx noch nicht entnommen ist. Der Gott, der die Glaubenden durch den Geist zu seinen Kindern macht (Abba-Ruf 8,15), der kann für sie nur die Zukunft der Vollendung und Herrlichkeit bereithalten, die er in der Auferweckung Jesu bereits offenbar gemacht hat (Röm 1,3f; 8,17). Die ersten Vv von Röm 8 werden durch den Gegensatz Sarx-Pneuma bestimmt. Wer in der Gemeinde mit den Worten Jesu ‚Abba‘ rufen kann und sich so – wie Jesus – Gott ganz in die Hand geben kann, der steht in der Wirklichkeit des neuen Lebens, weil er in die Wirklichkeit Christi hineingenommen ist (8,16f). Er wird wie Christus an der Sarx leiden und wie er auch an der Herrlichkeit teilhaben. Das Wissen um das Heil in der Erfahrung des Geistes hat Paulus dem verlorenen Ich entgegenzusetzen und damit die Gewissheit um die unverlierbare Zukunft Gottes für die Glaubenden. Der Geist der Glaubenden ist inneres Gut und außerpersönliches Gegenüber (31f).

V 17: Leiden ‚mit‘ Christus hat auch das Verherrlichtwerden ‚mit‘ ihm zur Folge. Röm 8,18ff will auf die Frage antworten: Welchen Sinn hat es, von der künftigen Herrlichkeit der Glaubenden zu reden, wo sie doch in ihrer jetzigen Existenz unter den Bedingungen dieser heillosen Welt zu leiden haben? Die Leiden stellen die künftige Herrlichkeit nicht in Frage, sondern weisen für die Glaubenden auf die noch ausstehende Erfüllung ihres Heils erst hin (33).

Paulus geht von der eschatologischen Heilsgewißheit aus. Zugleich vermag er diese Heilsgewißheit zu stützen durch seine spezifischen Aussagen über die Schöpfung, über die Glaubenden und über den Geist (35).

Die Einzelaussagen von Röm 8,18-39

a. Die Sehnsucht der Schöpfung (Röm 8,19-22)

Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. (20) Denn die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen – ohne eigenes Zutun, sondern um dessen willen, der sie unterjocht hat -, doch auf Hoffnung, (21) denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. (22) Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und in Wehen liegt“.

Röm 8,19 erwartet nicht die Epiphanie des Christus, sondern die der Christen (37).

Apokalypsis ist bei Paulus nicht auf spezifisch ‚apokalyptische‘ Aussagen eingegrenzt. Es meint grundsätzlich das Offenbarwerden bisher verborgener, göttlicher Herrlichkeit. Die Schöpfung wartet darauf, am künftigen Heil der Gottessöhne zu partizipieren. Die Gottessöhne, die im Geist Gott als Vater anrufen, haben zwar jetzt schon das Heil in der Form des Geistes (V 23), aber die vollgültige Verifizierung ihrer jetzigen pneumatischen Heilswirklichkeit steht noch aus (Vv 21.23.29) (39).


b. Das geduldige Hoffen der Glaubenden (Röm 8,23-25)

Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. (24) Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Ein Hoffnungsgut, das man sehen kann, ist nicht Gegenstand der Hoffnung, denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? (25) Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld“.

Durch den Geist sind die Glaubenden von der geistlosen Schöpfung abgehoben. Gerade aufgrund des Geistbesitzes stöhnen sie wie die Schöpfung nach der Erfüllung ihres Heils, denn sie wissen sich als Gotteskinder (Vv 16f). Dieses Mehr an Hoffnung fordert Paulus seinen Lesern ab, indem er sie auf ihre eschatologische Existenz hin anspricht. Der Geist bewirkt die Sehnsucht nach Heil in den Glaubenden. Der Geist schafft in den Christen das Verlangen nach Überwindung des gegenwärtigen Zustands. Er zieht die Glaubenden hinein in das Herrwerden Christi über Nichtigkeit und Vergänglichkeit. Im Geist, der das Werk Jesu gegenwärtig macht, wissen die Glaubenden um das künftige Heil in sich selbst, wissen sie um die jetzt noch unter der Vorläufigkeit verborgene praesentia dei (56f).

Paulus geht es im Gegensatz von Hoffen und Sehen um den Gegensatz von Gottes Heilswirklichkeit und vorhandener Wirklichkeit. Als Glaubende und von Gott Ergriffene sind die Christen Hoffende. Das Heil erkennen heißt für Paulus, die unsichtbare, zukünftige Herrlichkeit erwarten (64).

In Röm 8,24 bestimmt Paulus ‚Hoffnung‘ in atl Weise als unbedingtes Vertrauen auf Gott. Die Hoffnung als Ziel der Rettung der Glaubenden richtet sich auf Nicht-Sichtbares, genauer Noch-nicht-Sichtbares, denn wie könnte das, was schon gesehen werden kann, noch Gegenstand der Hoffnung sein? Die Erfahrung der Vergänglichkeit christlicher Existenz unter den Bedingungen der Schöpfung lässt die Christen nach Freiheit rufen und der Geist, der jetzt schon das zukünftige Sein mit Christus verbürgt, wirkt mit dem Glauben zugleich die Hoffnung, die nur der jenseitig/zukünftigen Wirklichkeit Gottes gelten kann, wenn sie wirklich Hoffnung sein will (66f).

Die Christen warten in Geduld (V 25). Das Wesen der christlichen Existenz liegt in der Hoffnung auf die jetzt noch unverfügbare und aller Zuständlichkeit entzogene Zukunft Gottes. Wenn Glaube Hoffnung ist, dann ist er nicht ohne die Komponente des Wartens denkbar. Hoffen auf den unverfügbaren Gott heißt geduldig warten in der Zeit. Paulus hebt den Kontrast (Pneuma/Hoffnung/Geduld) auf in der eschatologischen Existenz der Glaubenden, die Gottes Heil erfahren, aber ausschließlich als Heil von Gott, das alles Vertrauen auf Vorhandenes ausschließt und Heilsgegenwart nur in Hoffnung und geduldigem Ausharren erschließt (68f).


c. Das Wirken des Geistes (Röm 8,26-27)

Endlich hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf, denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich‘s gebührt, sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. (27) Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist, denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt“.

Die Glaubenden vermögen innerhalb der Gottesferne dieser Welt und dieser Zeit von sich aus keinen Immediatverkehr mit Gott aufzunehmen. Von einem grundsätzlichen Unvermögen zum rechten Gebet (so wie es nötig ist) spricht Paulus nur hier (73).

Der Geist schlägt die Brücke zu Gott (V 27): Die Funktion des Eintretens des Geistes für die Glaubenden bei Gott findet sich im NT vom Geist nur Röm 8,26f, sonst stets von Christus ausgesagt: Röm 8,34; 1Joh 2,1; Hebr 7,25; 9,34. Der Wechsel der himmlischen Mittler innerhalb Röm 8 hat seine Analogien in der Auswechselbarkeit der Mittlerbezeichnungen in jüdischen Texten. 8,26f ist primär durch das Geistmotiv bestimmt, das die Aussage vom Fürsprecher wie die über das Gebet der Glaubenden tiefgreifend beeinflusst hat. Nur durch die Kombination der Pneuma- und der Fürsprechervorstellungen konnte Paulus diesen theologischen Ansatz gewinnen. Verlangen und Erfüllung, Schwachheit und Heil fallen zusammen im pneumatischen Erlebnis. Paulus setzt einer enthusiastischen theologia gloriae seine eschatologische Theologie entgegen, die das Leben der Glaubenden in ihrer Welt nur vom Kreuz Jesu her verstehen kann. Er hält diese Theologie so konsequent durch, dass selbst die Gegenposition des Enthusiasmus ihre ureigensten Argumente an Paulus verliert. Gerade weil der Gottesgeist im Herzen der Glaubenden die Brücke zum Heil Gottes zu schlagen vermag, ist er ein Indiz für die eschatologische Existenz der Geisterfüllten in dieser Zeit der unerlösten Zuständlichkeit. Im verzückten Lallen der christlichen Ekstatiker bekundet sich der Schrei der noch an diese Existenz gebundenen Christen nach Heil. Aber nicht sie selbst stöhnen nun, sondern der Schrei nach Heil kommt wie eine fremde Macht über sie und macht sie der Unmittelbarkeit der göttlichen Welt wie der endgültigen und totalen Verwirklichung des Heils durch Gott gewiss. Allein die totale Aufhebung der gegenwärtigen Heillosigkeit und Gottesferne kann für Paulus eine Antwort auf das im Werk und Geschick Christi angebrochene Geschehen sein (91f).


d. Die Rahmenaussagen: Das Heil ist die eigentliche Realität (Röm 8,18.28-30)

(18): „Denn ich bin gewiss, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll“.

(28): „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluß berufen sind. (29) Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. (30) Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht, die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht“.

V18: Die Leiden der Christen in dieser Zeit sind die Leiden Christi in dieser Welt. Sie vergewissern die Glaubenden deshalb auch der Teilhabe an der Herrlichkeit Christi. Ziehen die Leiden in V 17 die Verherrlichung notwendig nach sich, so wird das Verhältnis der Leiden zur künftigen Herrlichkeit in V 18 zum eigentlichen Thema erhoben. V 18 bildet eine Zusammenfassung, die zugleich Ausgangspunkt neuer Erörterungen ist (93).

Die an Röm 8,18 angeschlossenen Gedankengänge legen am Beispiel der Schöpfung, der Christen und des Geistes dar, dass sich im Verlangen und Stöhnen aller gegenwärtig erfahrbaren Wirklichkeit nach Erlösung und Befreiung die künftige Vollendung des Heils Gottes bereits mit Gewissheit ankündigt. Paulus behauptet, dass die Leiden dieser Zeit den Glauben an das Heil Gottes nicht zunichte machen, sondern stützen und bestärken. Inhalt und Erscheinungsform der göttlichen Herrlichkeit werden durch den erhöhten Christus repräsentiert, der den Glaubenden im Geist gegenwärtig ist (101).

Wenn Gott seine Herrlichkeit (Röm 8,18) den Glaubenden zuwenden wird, wird er sie aus ihrem eschatologischen Kampf zum Sieg befreien. Der Ort dieses Handelns Gottes werden die Glaubenden sein. Die Leiden in dieser Welt markieren den Zusammenprall der Heillosigkeit dieser Welt und ihrer Menschen mit dem Heil Gottes, das im Leben der Christusgemeinde Platz gewinnt. Diese These setz das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus voraus. Als Funktion des eschatologischen Glaubens trägt diese These den Charakter unerschütterlicher Gewissheit, sodass sie in den Vv 28ff mit präsentischen Aussagen über das Heil aufgenommen wird. Blicken die Glaubenden auf sich selbst, so werden sie auf Gott gewiesen (V 18). Blicken sie auf Gott, so blicken sie auf das, was Gott schon an ihnen getan hat (Vv 28-30). Aus der Hoffnung auf das Heil wird die Gewissheit der tatsächlichen Verwirklichung des Heils für die, die sich von Gott geliebt wissen (Vv 35.37.39) und auf diese Liebe mit ihrer eigenen Liebe antworten (V 28) (101f).

Die ‚Liebenden‘ sind die, die Gott zugehören, sich von ihm in Anspruch nehmen lassen und damit auch seiner Treue versichert sind. Gott erspart ihnen die Leiden nicht, aber er richtet über ihnen seine Gnade auf. Wie in der atl Tradition ist auch bei Paulus die Liebe zu Gott in der Zuwendung Gottes zu den Menschen begründet (Vv 35.37.39). Welchen aber Gott zugewendet ist, denen muss alles zum Guten ausschlagen (V 18) zum Besten. Schon in dieser Welt hält sich Gott ganz zu den Seinen, sodass sie keine Bedrohung mehr zu fürchten brauchen. Die Römer sollen erkennen, dass das Heil Gottes d i e Realität schlechthin ist, die sich ihm Stöhnen und Verlangen der sichtbaren, erfahrbaren Wirklichkeit schon jetzt ankündigt. Das kann nur der verstehen, der schon hier keine Angst mehr kennt, weil er Gott auf seiner Seite weiß (105f).

In den Vv 28b-30 geht es um die Begründung des Heilsbewußtseins. Der Vorsatz Gottes gipfelt in der Gleichgestaltung der Glaubenden mit Christus (V 29), sie besteht als konkrete Heilszuwendung Gottes zum einzelnen (V 30). Paulus will sagen, dass der gegenwärtigen Zuwendung der Glaubenden zu Gott ein von jeher gültiges Prae Gottes entspricht. Paulus kennt die Urabsicht und den vorangehenden Beschluss Gottes nur als Heilsplan. Gott hat längst da Heil gesetzt, wo die vom Vorläufigen geblendeten Augen nur die Leiden und Unvollkommenheiten dieser Zeit sehen (107f).

29: „Denn die Gott ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei“.

Paulus will zeigen, dass Gottes Heilsplan in der eschatologischen Christusförmigkeit der Glaubenden sein Ziel findet. In Röm 8,29 wird die Christusförmigkeit der Glaubenden in ganz grundsätzlicher Weise auf den Heilsplan Gottes zurückgeführt. Paulus ruft die Glaubenden zur eschatologischen Existenz auf, um ihnen die Teilhabe an Christus zu vermitteln. Diese Teilhabe gewinnt nur Sinn von dem Bekenntnis her, dass sich in Christus der Heilswille Gottes offenbare. Auf der Basis dieses Bekenntnisses ist Christus aber nicht mehr nur eschatologisches Vorbild der Glaubenden, sondern Urbild für das Heilshandeln Gottes an dieser Welt. Der Ruf in die eschatologische Existenz entspricht dem göttlichen Ziel der Christusförmigkeit, das das Sein der Glaubenden in dieser Welt und über diese Welt hinaus bestimmt. Ausgangspunkt ist die von den Glaubenden realisierte eschatologische Existenz. Das kann sie aber nur sein, weil sie gleichzeitig als Christusförmigkeit interpretiert wird und so als Ziel des Heilsplans Gottes mit dieser Welt erscheint. Paulus will sagen, dass für die jetzige Existenzform der Glaubenden ein Vorbild längst bestimmt war und durch das Geschick Jesu nur noch manifest zu werden brauchte (109f).

Der Rahmen für Paulus‘ Anschauung vom himmlischen Gottessohn, der Gott selbst repräsentiert und damit das Heilsgeschick derer bestimmt, die Gott lieben, weil sie ihm zugehören, dürfte durch die jüdisch-hellenistische Vorstellung von der Weisheit und dem Logos als ‚Bild‘ Gottes geprägt sein. Aber nun wird Gott durch den geschichtlichen Christus repräsentiert. Das Heil besteht also in der Hineingestaltung der Glaubenden in die Wirklichkeit Christi, die in der Geschichte Jesu als des Christus das Heilshandeln Gottes unmittelbar erschlossen hat. In dieser eschatologischen Existenz werden die Glaubenden zu Brüdern Christi, der zugleich als der erste in allen Nachfolgern gegenwärtig ist (112f).

Christus ist der erste, der den im Heilsplan Gottes beschlossenen Kampf gegen die Heillosigkeit der Welt exemplarisch durchgeführt hat und damit das Heil Gottes unter den Bedingungen dieser Welt verwirklicht hat, sodass die Glaubenden sich nur ihrer Hineinnahme in dieses Heil gewiss zu sein brauchen, um jetzt schon die Doxa-Struktur der Heilswirklichkeit Gottes zu repräsentieren. Das Heil ist für die Glaubenden schon da, aber die Geschichte Gottes mit Christus und seinen Brüdern kommt erst mit der totalen Heilsverwirklichung zum Ende. Gott hat den Seinen das Heil zugewendet. Was noch aussteht, ist die endgültige Aufhebung der Dialektik von Leiden und Herrlichkeit (113f).

Gottes Gerechtigkeit schafft Heil, indem sie den Glaubenden den Weg in ein Sein eröffnet, das von Christus her bestimmt ist und damit letztlich Gottes Doxa-Wirklichkeit unter den Bedingungen dieser Existenz repräsentiert. Rechtfertigung und Verherrlichung sind zwei Aspekte des Heils der Glaubenden, denn das neue Urteil Gottes und die damit gesetzte Neuwerdung bedeuten nichts anderes als die Verwirklichung des neuen Seins der Gotteskinder in dieser Welt. Was sonst als Gegenstand der Hoffnung erscheinen kann (Röm 5,2; 1Kor 15,43), ist hier zum Geschenk des gegenwärtigen Heils geworden, das als Gottes Heil der Wirklichkeit der Welt in unendlicher Weise überlegen ist. Weil es die Christen in Wahrheit mit Gott zu tun haben, bedeutet ihre Berufung schon das ganze Heil, ihr eschatologisches Leiden schon die volle Christuszugehörigkeit und ihr eschatologischer Glaube schon die Rettung der Welt (114f).


e. Der Sieg der Liebe Gottes (Röm 8,31-39)

Die Doxologie von Röm 8,31ff geht organisch aus den bekenntnishaften Aussagen der Vv 28-30 hervor.

31a: „Was wollen wir nun hierzu sagen?

Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein“?

1. Teil: Vollgütige Rechtfertigung (31b-34)

Thema: Wenn Gott für uns ist… (31b)

a) Das Für-Uns Gottes:

Seine alles schenkende Liebestat (32)

b) Wer kann gegen uns sein?

Wer soll anklagen? Gott hat das Recht gesprochen (33)

Wer soll verurteilen? Christus ist Fürsprecher (34)

2. Teil: Vollgültige Verherrlichung (35-39)

Thema: Wer wird uns von der Liebe Gottes trennen (35a)?

a) Nicht Gefahren und Nöte der eschatologischen Existenz in der Welt (35b-36)

b) Die Liebe Christi hilft uns zum überlegenen Sieg (37)

c) Auch die Mächte vermögen nichts gegen die Liebe Gottes (38f)


Es lassen sich gegen die auserwählte Heilsgemeinde Gottes keinerlei Ankläger oder Strafrichter finden, denn Gott selbst hat Recht gesprochen und Christus sitzt als Heilsmittler und Verteidiger der Seinen zur Rechten Gottes (118f).

Sprach Paulus in V 32 von der Dahingabe des Gottessohnes, so wird nun der traditionell geprägte soteriologische Kontext der Todes- und Erhöhungsaussagen herangezogen, um das gegenwärtige himmlische Eintreten des Christus für die Seinen zur Sprache zu bringen. V34: Von der Erhöhung Christi zur Rechten Gottes wie von seinem Eintreten für uns spricht Paulus nur hier. Der jetzige Zusammenhang der Bekenntnisstücke (Tod, Auferweckung, Sitzen zur Rechten Gottes, himmlisches Eintreten) ist von Paulus geformt, um auszusagen, dass neben Gott auch Christus in dem vorausgesetzten Prozessforum eine entscheidende Funktion zukommt. In der Wendung vom himmlischen Eintreten Christi liegt die Spitze der gesamten Aussage (119f).

Die Bedrängungen sind für die Glaubenden unausweichlich vorhanden, aber sie führen nicht zum Untergang, sondern zum Sieg: „Aber in all diesen (Dingen) tragen wir den Siegt davon durch den,der uns liebt“ (37). Der bei Gott mit seiner Liebe für die Glaubenden eintritt, hilft ihnen hier beim irdischen Leidenskampf zum Sieg, selbst wenn ihre irdische Existenz geschädigt oder zerstört wird, denn damit rücken sie ihrer Befreiung aus der somatisch-sarkischen Existenz und der Entbergung ihrer Herrlichkeit einen Schritt näher. Im Psalmwort V 36: „Deinetwegen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe“ (Psalm 44,23) klingen die Aussagen des Kontextes noch einmal an. Die Liebe Gottes befähigt die Seinen, im eschatologischen Kampf durchzuhalten. Der Sieg Gottes beseitigt (noch) nicht die Gefahren im Raum der Welt, aber er hat sie im Urteil des himmlischen Forums entmächtigt. Deshalb haben sie keinen Stellenwert mehr außer dem einen, die Glaubenden durch Leiden ihrer eschatologischen Existenz zu vergewissern und sie so der Liebe Gottes und der Fürsprache Christi ganz anheimzustellen (121f).

Das Heil Gottes hat kosmische Bedeutung, denn es ist das Heil des Gottes, durch den alles ist, was ist („noch irgendein anderes Geschöpf“ V 39). So bleibt schließlich keine andere Wirklichkeit als die der ‚Liebe Gottes‘, die die Christen in die eschatologische Existenz rief und sie darin das Heil Gottes als wirklich erfahren lässt. Das Heil des Glaubenden in einer heillosen Welt wird konstituiert durch die gültige Heilsbeziehung zu Gott (durch Christus) und das gleichzeitige Ausgesetztsein gegenüber den Angriffen der Mächte, die jetzt noch eine kurze Frist wirksam sind. Die Gerechtfertigten sind in den Bereich der Liebeswirklichkeit Gottes hineingestellt. In dem Sieg der Liebe Gottes über alle Gegner liegt ihre Verherrlichung. Ihr Heil ist eine Beziehung, keine ontische Qualität (122).

Ergebnis - Röm 8,18-39 und die theologische Eschatologie 

a. Die theologische Aussage von Röm 8,18-39

Paulus legt in Röm 8 die neue Lebenswirklichkeit der Gerechtfertigten aus. Als die geistbegabten Kinder Gottes und Erben Christi repräsentieren sie das endgültige Heil Gottes in der heillosen Zuständlichkeit der Gegenwart. In enthusiastischer Weise sieht Paulus die Zuständlichkeit der Gegenwart bereits überformt und überboten vom Heil Gottes. Weil er von der Übermächtigkeit des Heils Gottes erfüllt ist und zugleich die Defizienz der Gegenwart ganz ernst nimmt, muss er von der künftigen Totalität des Heils sprechen und die Gegenwart von dieser Heilserfüllung her verstehen. Das Leiden und die Verherrlichung Christi gelten als das Modell der Verwirklichung von Gottes Heil schlechthin. Lassen sich die Glaubenden in dieses Geschick Christi hineingestalten, so leben sie inmitten der Zuständlichkeit dieser Welt schon vom Geist Gottes und haben dadurch Anteil an der Doxa. Wie Christus gehören auch sie Gott ganz zu und keine Macht der Welt kann sie mehr der Liebe Gottes entreißen. Damit leben die Christen schon in dieser Welt nicht mehr von scheinbaren und vorläufigen Realitäten, sondern von der bleibenden und allein gültigen Realität der Liebe Gottes. Sie sind aller Angst enthoben und begegnen den Widerfahrnissen ihres Daseins mit einem grenzenlosen Heilsvertrauen. Das Entscheidende an Röm 8,18ff ist, dass Paulus die phänomenale Wirklichkeit von seinem christologischen Ansatz her interpretiert (124f).

Dem dienen die Vv 19-27, die am Beispiel der Schöpfung, der Christen und des glossolalischen Geschehens zeigen, dass die Heilszukunft Gottes sich schon jetzt in einem allumfassenden Verlangen und Stöhnen nach Heil ankündigt. Die tiefere Einsicht in diesen Vorgang erschließt sich nur dem Glauben, der um das Heil der Christuszugehörigkeit weiß. Paulus nimmt apokalyptische wie hellenistische Stoffe auf, um sein Bekenntnis zum eschatologischen Heil der allgemeinen Reflexion nahezubringen. So zeigen die Nichtigkeit und Vergänglichkeit der Schöpfung auf das künftige Ende der Pervertierung durch die Befreiung und Verherrlichung der Glaubenden hin. Das ekstatische Gebet zeigt an, dass sich jetzt schon Gott unmittelbar erschließen kann und damit einem Heilsverlangen Raum gibt, das die Glaubenden wie eine fremde Macht überkommt. Dieses dreifache Stöhnen und Verlangen nach Heil indiziert die künftige und totale Verwirklichung von Gottes Heil für den, der sich jetzt schon als Erben Christi versteht. So steht Röm 8,18ff zwischen Enthusiasmus und Realismus. Es ist die Theologie eines Verkündigers, der sowohl seine konkrete Existenz wie auch das Schicksal Jesu als Christusgeschick ganz ernst nimmt und in dieser Haltung ohne die Hoffnung auf Gott nicht leben kann (125).


b. Die pln Eschatologie im Horizont von Röm 8,18-39

Zu den eschatologischen Leiden s. 1Kor 4,9ff; 2Kor 6,4ff; 12,5ff; Gal 6,17; Phil 1,29f; 3,10

zum Vergleich von V 18 s. 2Kor 4,17

zum Gegensatz von sichtbar-unsichtbar (V 24f) s. 2Kor 4,18

zum Heilsverlangen der Geistbegabten (V 23.25) s. 2Kor 5,4f

zur Hoffnung der Glaubenden (V 24) s. Röm 5,1ff; Gal 5,5

zum Geistgebet (V 26) s. Gal 4,6; 1Kor 14,2ff

zur je vorgängigen Heilszuwendung Gottes (V 29f) s. 1Kor 8,3; 2,7; 1Thess 2,12

zur Gleichgestaltung mit Christus (V29) s. Röm 6,3ff; Phil 3,10.20f; Gal 4,19

zum Sieg des Heils Gottes über die Bedrängnisse der Gegenwart s. 1Kor 3,22; 2Kor 4,7ff; 12,10.

als unmittelbarer Kontext von Röm 8,18ff lassen sich verstehen: Röm 5,1ff; 2Kor 4,6ff und Gal 4,1ff (125f).

Unverkennbares Profil vom Röm 8: Nirgends sonst bei Paulus stehen in so wenigen Vv so viele Hapaxlegomena, ungewöhnliche Wendungen und Bilder beisammen; nirgends ist das Thema der eschatologischen Heilsgewissheit in so grundlegender Weise und so umfassender Verbindung von reflektierenden und doxologischen Aussagen behandelt. Insofern ragt dieser Text aus dem pln Briefkorpus als ein Höhepunkt heraus. Röm 8,18-39 ist der späteste große und in sich geschlossene eschatologische Zusammenhang, den wir von Paulus haben. Zugleich ist es der einzige derartige Text, der nicht unmittelbar durch Anfragen oder Auseinandersetzungen geprägt wurde. Röm 8,18ff schließt einen als grundsätzlich verstandenen theologischen Gedankengang ab und dürfte damit am ehesten dem entsprechen, was Paulus auf dem Höhepunkt seiner Theologie und Verkündigung zum Thema Eschatologie zu sagen hatte (126).

Christologische Eschatologie ist Paulus‘ Thema schlechthin. Er legt Christus aus vor Menschen und einer Welt, die seit Christus ultimativ nicht mehr sich selber gehören, sondern Gott. Dieses Grundthema pln Verkündigung wird in seinen Briefen aber nur vereinzelt zum Gegenstand ausführlicher Reflexion. 1Thess 4f und 1Kor 15 können nur z.T. an die Seite von Röm 8 gestellt werden. Das ist darin begründet, dass Paulus den Thessalonichern und den Korinthern anhand ganz spezifischer Probleme Rechenschaft über seine Verkündigung abzulegen hat. Auf die Sorge um das Heil der Entschlafenen muss er mit dem apokalyptischen Gemälde der Auferweckung der Toten und der Entrückung der Lebenden bei der Parusie des Herrn antworten (1Thess 4,13ff). Diejenigen, die das Heil Gottes mit der pneumatischen Hochstimmung der Geretteten in dieser Welt schon zur Genüge erfüllt sehen, müssen sich von Paulus sagen lassen, dass die Christen, ob sie noch leben oder bereits verstorben sind, ein Heil erwarten, das nur als Neugestaltung durch Gott zu verstehen ist. Die pln Schilderungen der Endgeschehnisse haben aktuellen Anlass und machen nicht das Wesen der pln Eschatologie aus. Auch in 2Kor 4f geht es Paulus nicht um die Vorstellungen an sich, sondern um die rechte Existenz der Christen, die sich in diesem Leben gegenüber dem Willen Gottes zu bewähren haben und damit in allem mit dem schlechthin mächtigen und fordernden Gott konfrontiert sind (1Kor 5,9f) (126f).

Das Leben der Glaubenden unter den Bedingungen dieser Existenz und dieser Zeit ist für Paulus d a s Thema der Eschatologie, weil in den Glaubenden (als den Gliedern am Leib Christi und irdischen Platzhaltern Christi) das Heil Gottes in dieser Welt Platz gewinnt, das in Jesus Christus als dem Anbruch der endgültigen Heilszuwendung Gottes zu der Welt seinen Anfang genommen hat. Paulus weiß sich von dem erhöhten Christus dazu berufen, nach der Zeit des unerfüllbar fordernden Gesetzes und der Gottesferne nun den Sieg der Liebe Gottes über alle Heillosigkeit zu verkünden. Dieser Sieg der Liebe Gottes ist grundsätzlich schon geschehen. In Christus ist er modellartig offenbar geworden und in der Existenz der Christus zugehörigen Gemeinde setzt er sich auch in der erfahrbaren Wirklichkeit der Welt durch. Auf diese Weise steht die Gemeinde in der Auseinandersetzung mit dieser Welt, wie auch Christus an den Mächten der Welt scheiterte, um im Kreuz den Weg der Liebe Gottes in dieser Welt endgültig zu besiegeln. So treibt Paulus kompromisslos christologische Theologie. Das Geschick Christi in Leiden und Verherrlichung, wie es den Glaubenden in der Verkündigung begegnet, erschließt Gottes Willen mit dieser Welt. Wer sich durch den Glauben in das Geschick Christi einordnen lässt, der steht damit in der umfassenden Bewegung der Liebe Gottes, die mit Jesus begonnen hat und erst mit der vollgültigen und totalen Verwirklichung des Heils Gottes im Rahmen der gesamten Schöpfung zur Ruhe kommen wird (127f).

Paulus zeichnet Christus nicht in eine übernommene Eschatologie ein, wohl aber in eine Soteriologie, die nach atl Vorbild das Heil allein von Gott her erwartet. Seine christliche Soteriologie muss zur Eschatologie werden, sobald er von der Verwirklichung dieses Heils, d.h. von der konkreten christlichen Existenz in dieser Welt spricht. Paulus treibt Theologie zwischen Realismus und Enthusiasmus. Sein Sendungsauftrag lässt ihn die Bedingungen der Realität als bereits überwunden durch die Liebe Gottes ansehen und sein vom Werk Jesu her genährtes Wissen um die Konkretheit des christlichen Heils lässt ihn von der baldigen und gewissen Totalerfüllung des Heils sprechen, die Gott als Herrn und Richter ausweisen wird. Von daher wird Röm 8,18-39 als Modell der pln Eschatologie verständlich. Das Heil der Glaubenden ist schon Realität, so wahr Gott an Christus gehandelt hat. Wo kein Wissen um die Gültigkeit des Heils Gottes ist, da ist auch kein Verlangen nach Erfüllung. Dass sich das Heil Gottes unter den Bedingungen der gegenwärtigen Welt und ihrer Menschen nicht anders erweisen kann als in der Form der Ohnmacht, der Leiden und der auf Gott allein gegründeten Hoffnung, das weiß der, dessen Theologie durch und durch christologisch gestaltet ist (128f).


c. Die Konsequenzen für eine theologische Eschatologie

- Vorausgesetzt ist ein grundlegender Unterschied zwischen der Heilswirklichkeit der Glaubenden und der vorfindlichen, erfahrbaren Wirklichkeit der Welt.

- Jesus Christus kann nur deshalb das Prinzip der Deutung und Erfahrung von Wirklichkeit schlechthin sein, weil er als Modell der von Gott intendierten Sinnerfüllung allen Lebens und aller Wirklichkeit verstanden wird.

- Damit geht es in der pln Eschatologie in allem um Gott als einer Wirklichkeit, die dieser Welt überlegen und machtvoll gegenübersteht und sich nur in der von Jesus Christus eröffneten Bewegung der liebenden Heilszuwendung Gottes zur Christusgemeinde erfahren lässt.

- Da das Heil Gottes ausschließlich an die von Christus repräsentierte Wirklichkeit gebunden ist, fordert diese Eschatologie als unverzichtbaren Grundsatz die strenge Orientierung am Vorbild Christi und damit die christusförmige Existenz als eschatologische Existenz.

- Da das Sich-Durchsetzen der göttlichen Heilswirklichkeit gegen die Unheilswirklichkeit der Welt als Kampfgeschehen des Herrwerdens Gottes verstanden ist, spiegelt auch die eschatologische Existenz der Glaubenden den Einsatz für die in Christus erschlossene Wirklichkeit Gottes und die Bedrängungen durch die Wirklichkeit dieser Welt wider (129f).

Anhang a: Wandlungen im paulinischen Denken in bezug auf die Eschatologie

U. Schnelle (1989)

1Thess 4,13-18

Ausgelöst durch überraschende Todesfälle in der Gemeinde, verbindet Paulus in 1Thess 4,13-18 erstmalig die Vorstellung der Parusie des Herrn und die Vorstellung einer Auferstehung toter Christen. Er setzt den Tod und die Auferweckung Jesu als anerkannten Gemeindeglauben der Thessalonicher voraus und folgert, Gott werde auch die schon Entschlafenen nicht verloren gehen lassen. Bei der Parusie findet ein eschatologisches Mittlerwirken Jesu statt, denn Gott wird durch Jesus die schon Entschlafenen mit Jesus führen (37).

Innerhalb des traditionellen Herrenwortes beginnt die Schilderung der Endereignisse mit dem triumphalen Kommen des Kyrios vom Himmel, dem zuerst die Auferstehung der Toten in Christus und dann die gemeinsame Entrückung mit den Lebenden in die Wolken zur Begegnung mit dem Herrn folgen, um beim Herrn zu sein und zu bleiben. Der Auferstehung der toten Gemeindemitglieder kommt innerhalb dieses Ablaufs nur eine untergeordnete Funktion zu. Die Auferstehung der Toten in Christus ist lediglich die Voraussetzung der Entrückung aller, die den eigentlichen eschatologisch Akt darstellt. Paulus konnte in Erwartung der unmittelbar bevorstehenden Parusie des Herrn zunächst auf die Vorstellung einer Auferstehung der gläubigen Toten verzichten. Erst der Tod einiger Christen vor der Parusie zwingt ihn zur Einführung einer Auferstehung der toten Gläubigen (38f).

1Kor 15,51

Eine veränderte Situation spiegelt sich im 1Kor wider, denn hier ist der Tod von Christen vor der Parusie die Regel. "Weil Fleisch und Blut das Himmelreich nicht ererben können" (1Kor 15,50), ergibt sich für Paulus das Problem der Substantialität des Auferstehungsleibes.

Ausgehend von der Schöpferkraft Gottes, der verschiedene Arten von Leibern schafft und vergehen lässt, gelangt Paulus in den Vv 35ff zu einer antithetischen Anthropologie, bei der die Soma-Vorstellung die Kontinuität zwischen der irdischen und himmlischen Seinsweise gewährleistet, während die scharfe Unterscheidung zwischen dem vergänglichen irdischen Leib und dem unvergänglichen geistigen Leib die Diskontinuität zwischen der prä-und postmortalen Existenz zum Ausdruck bringt (1Kor 15,42-49) (39f).

Ermöglichungsgrund der Auferstehung der Verstorbenen Christen ist die Auferstehung Jesu Christi, der als lebensspendender Geist den pneumatischen Auferstehungsleib der Verstorbenen bewirkt (1Kor 15,44f).Mit V 50 leitet Paulus das in V 51 folgende Mysterium ein:  sowohl die bei der Parusie noch lebenden (Fleisch und Blut) als auch die schon Verstorbenen (das Vergängliche) können in ihrer jeweiligen natürlichen Beschaffenheit nicht zu Gott gelangen. Vielmehr bedarf es dazu eines außerordentlichen Aktes Gottes, den der Apostel in V 51f schildert: "Wir werden alle verwandelt werden". Betont 'alle' die Gleichrangigkeit von noch Lebenden und schon Verstorbenen im Endgeschehen, so vermag das Verwandlungsmotiv die Gleichstellung aller bei der Parusie zu wahren. Das Verwandlungsmotiv betont gleichermaßen sowohl die Diskontinuität gegenüber dem alten Sein als auch den Modus des neuen Seins. Allein im souveränen Handeln Gottes sind Zeitpunkt und Art der eschatologischen Neuschöpfung begründet. Die neue Leiblichkeit der beiden Gruppen benennt Paulus in V53, wobei ‘bekleidet werden‘ als Modus der Verwandlung den Gedanken der Kontinuität zwischen dem alten und neuen Sein betont (40f).

Paulus muss der (gegenüber 1Thess 4,13-18) veränderten geschichtlichen Situation in seiner Argumentation Rechnung tragen. Er tut dies mit der Einführung des Verwandlungsmotivs, das gleichermaßen Kontinuität und Diskontinuität zwischen prä-und postmortaler Existenz betont, die Gleichrangigkeit zwischen schon Verstorbenen und noch Lebenden gewährleistet und zugleich die von der anthropologischen Argumentation her geforderte Antwort auf das ‘Wie‘ der Auferstehung der Christen gibt. 1Kor 15,51f ist konzentriert auf die Frage nach dem Übergang in die neue postmortale Seinsweise (42).

2Kor 5,1-10

Das Motiv des 'Bekleidetwerdens' wird im 2Kor pointiert als 'Überkleidetwerden' aufgenommen. Der Apostel fürchtet das Sterben als ein möglicherweise im Endgeschehen hinderliches Ereignis. Deshalb sein Wunsch, überkleidet und nicht nackt in diesem Geschehen gefunden zu werden.  Weil das Sterben sich als ein Akt des Entkleidens (ohne folgendes Überkleidetwerden) vollziehen kann, hofft der Apostel dann überkleidet zu sein, weil nur so das Leben das Sterbliche verschlingt. Als Unterpfand des neuen Lebens hat Gott bereits jetzt dem Getauften den Geist verliehen (2Kor 1,21f), der als unverlierbare Gabe das Sterben überdauert (1Kor 3,15f; 5,5) und Voraussetzung für das Überkleidetwerden mit dem Soma pneumatikon ist. Der Tod vor der Parusie des Herrn erscheint hier nicht nur als Möglichkeit, er ist sogar das Verlangen des Apostels! Weil das erhoffte Sein bei Christus unmittelbar mit dem Gericht verbunden ist,  schließt Paulus den Abschnitt mit der Mahnung ab, dem kommenden Gericht gemäß zu leben (V 9f) (42f).

Kennzeichnend für 2Kor 5,1-10 ist eine Tendenz zum Dualismus und zur Individualisierung. Der Dualismus zeigt sich zunächst in den Bildern (irdische - himmlische Behausung, Daheimsein - Fernsein, entkleidet - überkleidet werden, das Sterbliche - das Leben), denen eine hellenistisch geprägte Anthropologie zugrunde liegt. Das Bild vom Leib als Zelt und damit nur zeitweiliger Wohnstätte des Selbst , die Gewandmystik, die Nacktheit als Folge der Trennung von Leib und Seele, die Vorstellung der eigentlichen Heimat im Jenseits und des Daseins im Leib als Leben in der Fremde weisen auf griechisch-hellenistischen Einfluss hin. Weil der Apostel den irdischen Leib verlassen möchte, beurteilt Paulus hier die Leiblichkeit mit Hilfe dualistischer Kategorien in negativer Weise. Die Individualisierung der Eschatologie  zeigt sich in dem fast völligen Verzicht auf apokalyptische Vorstellungen in 2Kor 5,1-10. Paulus gibt die Parusieerwartung nicht auf, aber er setzt neue Akzente: der Tod vor der Parusie des Herrn erscheint nun als der Normalfall (43f).

Phil 1,23; 3,20f

Die Bedeutung der historischen Situation für das Denken des Apostels ist in Phil 1,18c-26 unverkennbar. Paulus gerät in Gefangenschaft (Phil 1,6.13f.16) und hat seinen Tod als Märtyrer vor Augen (1,20; 2,17), zugleich ist er aber um die Gemeinde besorgt (1,22f).

Eigentlich möchte er beim Herrn sein und sterben, gleichzeitig hält ihn aber die Verantwortung für die Gemeinde davon ab. Paulus erwartet das 'Mit-Christus-Sein' unmittelbar nach dem Tod. Die Ausrichtung des Apostels an der zukünftigen himmlischen Existenz zeigt sich auch in Phil 3,20f.  Paulus setzt sich mit sarkisch gesinnten Gegnern auseinander (Vv 17-19) und stellt Ihnen die Gesinnung der Gemeinde auf das Himmlische gegenüber. Unter Aufnahme traditionellen Materials spricht er vom Bürgerrecht in den Himmeln, dem der Christ bereits in der Gegenwart angehört,  um dann eine Schilderung des Parusiegeschehens anzufügen,  die mit dem Kommen des Retters Jesus Christus einsetzt und in der Verwandlung des gegenwärtigen Leibes der Niedrigkeit zu einem dem Christusleib gleichgestalteten Leib der Herrlichkeit und der Unterwerfung des Alls durch Christus ihren Höhepunkt hat.  Die Parusie ist hier der Ausgangspunkt des Endgeschehens, weil Paulus hier die ganze Gemeinde anredet und nicht nur sein individuelles Geschick bedenkt. Dennoch sind auch in 3,20f Züge einer individuellen Eschatolologie unverkennbar: Die Parusie erscheint lediglich als Auslöser für die als individuelle Vollendung gedachte Verwandlung der Lebenden. Über die Auferstehung der Toten und damit das Schicksal der Verstorbenen wird nichts gesagt. Ihre eschatologische Zukunft stellt sich Paulus offenbar wie seine eigene als unmittelbaren Übergang in das Mit-Christus-Sein vor (45f).

Folgerungen

Der Ablauf des Endgeschehens ändert sich angesichts der sich einstellenden Dehnung der Zeit (48).

In 1Thess 4,13 lässt die Anfrage der Thessaloniker darauf schließen, dass Paulus bei seinem Gründungsaufenthalt in Erwartung der unmittelbar bevorstehenden Parusie des Herrn n i c h t von einer Auferstehung der toten Christen sprach, sondern die baldige Entrückung aller Christen erhoffte.

In 1Thess 4,14-18 trägt die pln Antwort der durch den Tod einiger Christen vor der Parusie veränderten geschichtlichen Situation Rechnung, indem nun die Auferstehung der Toten als Hilfsvorstellung zur Wahrung der Gleichstellung von Toten und Lebenden eingeführt wird, gleichzeitig aber die Entrückung die zentrale eschatologische Vorstellung bleibt.

In 1Kor 15,51ff ist in Korinth anders als in Thessalonich der Tod vor der Parusie schon der Regelfall, was Paulus in 1Kor 15,51ff zur Betonung der Gleichheit aller bei der Parusie und der Aufnahme des Verwandlungsmotivs zur Beschreibung des Übergangs in die postmortale Existenz veranlasst.

In 1Thess 4,17 und 1Kor 15,52 hatte Paulus seine Stellung im Engeschehen noch als Lebender ('wir') angegeben.

In 2Kor 5,1-10 rechnet Paulus erstmals mit seinem Tod vor der Parusie. Diese einschneidende Veränderung der Situation des Apostels spiegelt sich in einem Zurücktreten der apokalyptischen Elemente bei der Schilderung der Endereignisse und damit verbunden der Aufnahme hellenistischer Begrifflichkeit und der Tendenz zum Dualismus und zur Individualisierung wider.

Phil 1,23 bestätigt diese Linie, denn hier ersehnt  der Apostel seinen Tod vor der Parusie, weil dadurch das Mit-Christus-Sein  ermöglicht wird. Allein in dem 'Mit-dem-Herrn-Sein/Mit-Christus-Sein' liegt die Konstante der pln Eschatologie (47).

Solange Paulus fest damit rechnete bei der Parusie des Herrn noch zu leben, erfolgt die Schilderung der Endereignisse  in einem apokalyptischen Szenarium. Das dann für möglich gehaltene Sterben vor der Parusie führt zu am individuellen Geschick des Apostels orientierten eschatologischen Aussagen. Diese Veränderung ist sachgemäß, denn die sich einstellende Erfahrung der Zeitlichkeit christlicher Existenz zwang Paulus, das Schicksal der vor der Parusie verstorbenen Christen und auch sein eigenes Schicksal mit zu bedenken. Der Ausarbeitung einer an der Person des Apostels ausgerichteten individuellen Eschatologie  kommt dabei exemplarische Bedeutung zu, wird doch der Tod vor der Parusie immer mehr zum Regelfall (48).

In zentralen Bereichen der pln Eschatologie kann von einer Entwicklung, von einem der sich ändernden historischen Situation entsprechenden folgerichtigen Fortschreiten des Denkens des Apostels Paulus gesprochen werden.

Anhang b: Eine neue Form der Hoffnung (Phil 1,23ff)

C.H.Hunzinger

a. Die Hoffnung für die Toten

1Thess 4,13ff: In Anlehnung an apokalyptische Traditionen des Urchristentums erwartet Paulus, dass den Toten am Tag der Parusie die Auferweckung und zusammen mit den Lebenden die Vereinigung „mit Christus“ zuteil werden wird. Entsprechend wird in 1Kor 15,23 von der Auferstehung der Toten bei der Parusie gesprochen und in V.50ff das Geschehen „bei der letzten Posaune“ näher geschildert. Hier steht im Vordergrund der Gedanke der Verwandlung in die neue Leiblichkeit, wie er in 1Thess 4,13ff so nicht ausgesprochen wird: „Wie wir das Bild des Irdischen (Adam) getragen haben, so werden wir auch das Bild des Himmlischen (Christus) tragen“ (V.49). Die Verwandlung in dieses neue Wesen vollzieht sich an Toten und Lebenden zugleich, „in einem Augenblick“ (V.50): „die Toten werden auferweckt werden als Unverwesliche und wir (Lebenden) werden verwandelt werden“ (V.52). Gemeinsam erreichen sie (Tote und Lebende) am Tag der Parusie die Vollendung (72f).

In Phil 1,21ff geht es um das eigene Geschick des Apostels, der als Häftling damit rechnen muss, dass der gegen ihn geführte Prozess unter Umständen mit dem Todesurteil endet. In dieser Lage bekennt Paulus, nicht zu wissen, was er sich wünschen soll. Die Alternative Leben oder Sterben (V.20) ist für ihn dadurch vertauscht, dass für ihn das eigentliche Leben Christus heißt und Sterben darum Gewinn bedeutet. Seine 'Begierde' zielt auf das Sterben, denn das wäre das weitaus beste. Aber „um euretwillen ist es nötiger, dass ich noch am Leben bleibe“ (V.24). Das „mit Christus sein“, das hier (V.23) wie in 1Thess 4,17 das Ziel der Hoffnung bezeichnet, wird bereits unmittelbar im Tod erwartet und nicht erst bei der Parusie. Das Bleiben bei der Gemeinde und das Sein bei Christus stehen als Möglichkeiten konkurrierend nebeneinander. Es wäre für den Apostel ein Vorzug, schon jetzt zu sterben und in die volle Gemeinschaft mit Christus zu gelangen. Die Aussagen von 1Thess 4,13ff und Phil 1,21ff widersprechen sich (73).

Hätte Paulus die Vorstellung von Phil 1,21ff schon früher gekannt, so hätte er sie in 1Thess 4,13ff der über ihre Toten besorgten Gemeinde nicht vorenthalten können. Beruhigt Paulus in 1Thess 4 die Gemeinde damit, dass die Lebenden den Toten nicht voraus sein werden, sondern dass beide gleichzeitig ans Ziel kommen werden, so hätte er im Sinn von Phil 1 herausstellen können, dass die Toten den Lebenden voraus sind, denn sie sind schon jetzt in der vollen Christusgemeinschaft, die die Lebenden erst bei der Parusie erlangen werden. Sie sind nicht nur gleichgestellt und damit nicht benachteiligt, sondern sie sind entschieden bevorzugt („denn das wäre das weitaus beste“ V.24)! Aber davon weiß Paulus in 1Thess 4 nichts (74f).

In 2Kor 5,1ff werden die verschiedenen Formen der Zukunftserwartung in einem Konflikt ausgetragen. In den ersten Versen, die vom Seufzen bestimmt sind, wird das Ziel der Hoffnung unter den Bildern der neuen Behausung und der neuen Bekleidung beschrieben. V.1 stellt dem irdischen, zum Abbruch bestimmten 'Haus', das als 'Zelt' in seiner Vorläufigkeit gekennzeichnet wird, den neuen „Bau von Gott“ gegenüber, der, von ewiger Dauer, im Himmel bereitsteht. In V.2ff verbindet sich damit das Bild vom neuen Gewand; wir sehnen uns danach, unsere himmlische Behausung anzuziehen. Es geht für Paulus um eine totale Verwandlung des Seins. Das Kontinuum ist in der Identität der Person gegeben. Leiblosigkeit bedeutet für Paulus Tod, Nichtsein (76f).

V.1 spricht die Zuversicht aus, dass beim Abbruch der alten Behausung eine neue im Himmel bereitsteht. Das Interesse haftet hier zunächst allein an dem Vorhandensein des himmlischen Hauses. Wenn trotz dieser tröstlichen Gewissheit in V.2 vom Seufzen gesprochen wird, so erfährt diese Aussage in V.4 ihre Begründung: „weil wir uns nicht auskleiden, sondern überkleiden wollen, auf dass das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben“. Das Verlangen richtet sich darauf, der Entkleidung im Sterben zu entgehen und stattdessen ohne vorherigen Tod bei der Parusie der Überkleidung teilhaftig zu werden. Paulus sehnt sich danach, die Parusie zu erleben und so unmittelbar in das vollendete Sein zu gelangen. Die Alternative, die er fürchtet, ist das Entkleidetwerden beim Sterben. Das Seufzen blickt auf das Unbekleidetsein, den Zustand, der sich zwischen dem Auskleiden beim Sterben und dem Neubekleiden bei der Parusie ergibt, die Zwischenzeit, in der der Tote jeder Behausung entbehrt. Vor diesem 'nackten' Zustand zwischen Tod und Parusie scheut sich der Apostel. In der Nacktheit ist der Tote dem Verlorenen gleichgestellt. Darum der Wunsch, durch das Erleben der Parusie vor diesem Zustand bewahrt zu werden (78f).

Von V.6 an ist das Seufzen der Zuversicht gewichen (mutig seiend V.6; wir sind mutig V.8). In Vers 8 findet diese Zuversicht ihren konkreten Ausdruck in dem Wunsch zu sterben. Dieser Wunsch wird damit begründet, dass „auswandern aus dem Leibe“ „daheimsein beim Herrn“ bedeutet (V.8): das Sterben führt zum Kryios! Dieser Satz wird vorbereitet in V.6: „wir wissen, dass wir, solange wir im Leibe zu Hause sind, fern sind vom Herrn“: der Glaubende weiß sich in dieser Welt in der Fremdlingschaft, seine eigentliche Heimat ist beim Herrn oder im Himmel (Phil 3,20). Die gegenwärtige irdische Existenz steht unter dem 'Noch nicht' und steht damit weit zurück hinter dem zukünftigen Zustand der Vollendung, der erst die volle Gemeinschaft mit dem Kyrios bringen wird. Wir wandeln noch im Glauben, nicht im Schauen. Das Schauen „von Angesicht zu Angesicht“ ist Ziel unserer Hoffnung (1Kor 13,12). Wenn unser irdisches Dasein Fernsein vom Herrn bedeutet, so wird unser Aufbruch aus demselben Heimkehr zum Herrn sein. Darum sind wir voller Zuversicht und möchten gern aufbrechen. Statt Furcht vor dem Sterben, weil es Entkleidung heißt, hier nun Lust zum Sterben, weil es Heimkehr heißt. Das sind zwei grundverschiedene Formen der Zukunftserwartung (80).

b. Begründung für die neue Gewissheit: Gott hat dem Glaubenden schon das Pneuma geschenkt, das Angeld, das die Vollendung verbürgt (V.5 vgl. Röm 8,11). In der Gabe des Pneumas hat der Glaubende schon jetzt Anteil an der eschatologischen Vollendung, die mit der Auferweckung Jesu Christi angebrochen ist. In Christus ist er bereits eine neue Kreatur (2Kor 5,17). Dieses schon empfangene neue Sein kann durch den Tod nicht suspendiert, sondern nur zur Vollendung geführt werden. Von der bereits inaugurierten Eschatologie her wird das alte apokalyptische Vorstellungsschema durchbrochen und eine neue Hoffnung eröffnet (81).

c. Auferstehung und Parusie: Was die Auferstehung anlangt, so kann man sie in der neuen Form der paulinischen Zukunftsvorstellung nicht von der Erwartung der „Heimkehr zum Herrn“ im Tode trennen, als ginge es um zwei verschiedene Akte, sondern beides fällt ineinander. Die Hoffnung auf die Christusgemeinschaft setzt die Erwartung der neuen Leiblichkeit im Tod voraus. So wie Jesus Christus in seiner Auferweckung ein 'Soma' der Herrlichkeit empfangen hat, so wird Jesus Christus „unseren nichtigen Leib verwandeln, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leib nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann“ (Phil 3,21). Ist an dieser Stelle zwar (V.20) an die Verwandlung der Lebenden bei der Parusie gedacht, so zeigt sie doch, in welcher Form das „mit Christus sein“ bei Paulus allein gedacht werden kann. Der Gedanke einer gemeinsamen, gleichzeitigen Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag ist damit aufgegeben. Für den, der zu Christus gehört, vollzieht sich die Auferstehung jeweils bei seinem Tod. Mit Ostern hat das Auferstehungsgeschehen bereits begonnen – das alte apokalyptische Zeitschema ist damit durchbrochen. Es liegt in der Konsequenz der Auferstehungspredigt, dass nun auch die, die zur Gemeinde des Auferstandenen gehören, nicht erst bei einer zukünftigen Parusie, sondern schon bei ihrem Sterben in die Vollendung aufgenommen werden. Darin vollzieht sich dann auch das letzte Gericht: mit der Aufnahme in die Christusgemeinschaft wird das Urteil bereits vollstreckt. So ist für den Glaubenden im Tod nicht ein Zwischenzustand, sondern der Endzustand erreicht (86f).

Die Parusie-Erwartung: Für die, die die Parusie erleben, gilt die alte Vorstellung von der Verwandlung unverändert weiter. Nur die Toten sind ihnen voraus, sie leben schon mit Christus. Vom Glaubenden wird im Tod bereits das Ziel der Christusgemeinschaft erreicht. Die Erwartung der Parusie wird für den einzelnen, der im Tod die Vollendung ergreift, entbehrlich. Im Glauben an den Auferstandenen hat Paulus selbst schon jetzt Anteil an der 'Zoe', gegen die der Tod keine Macht hat. So wird ihm gerade der Tod zum Aufbruch in das Leben, das für ihn Christus heißt (87f).