1.4 Die Eschatologie des antidoketistischen Redaktors

Diese Eschatologie lässt sich durch zwei Merkmale charakterisieren: einerseits wird die bloß präsentische Eschatologie des Evangelisten ergänzt und insofern korrigiert, als auch noch (oder wieder) die futurisch-apokalyptische Eschatologie (mit Parusie usw.) nachdrücklich verkündet wird. Andererseits wird die Gegenwärtigkeit des Heils zwar beibehalten, aber insofern reininterpretiert und für die gegenwärtige Situation aktualisiert, als der Erweis des gegenwärtigen Heilsbesitzes nicht mehr bloß im Glauben an Jesu Gottessohnschaft gesehen wird, sondern auch im Glauben an das wahre Menschsein Jesu. Darüber hinaus erweist nicht mehr der Glaube allein die Tatsächlichkeit des Heilsbesitzes, sondern auch ein bestimmtes ethisches Handeln und ein bestimmtes 'kirchliches' Verhalten sind gefordert, vor allem: gute Werke (besonders Bruderliebe), die Sünde meiden, „bei uns bleiben“ (d.h. in der Gruppe, deren Sprecher der Redaktor ist, bleiben = bei deren christologischem Bekenntnis bleiben). In jenen jhn Gemeinden, die sich zur Sohn-Gottes-Christologie des Evangelisten bekannten, hatte sich unter dem Einfluss des gnostischen Dualismus eine neue Anschauung über Jesus gebildet. Sie hielten Jesus für ein ausschließlich himmlisches Wesen, seine irdische Erscheinung als Mensch sei nur Schein gewesen. Für den Evangelisten ist Jesus der Weg nach oben, die Begegnung mit ihm ist schon die Ankunft am Ziel des Weges. Auch aus Jh 11,25 geht hervor, dass es für den Evangelisten nach dem Tod des einzelnen Jüngers kein Plus an Heilsvollendung gibt (373).

Die futurisch-apokalyptische Eschatologie im jhn Schrifttum erscheint ebenso wie die 'Verkirchlichung' und Ethisierung der vom Evangelisten verkündeten präsentischen Eschatologie weithin unter dem Aspekt der antidoketistischen Abwehr. Jh 5,28f:Wundert euch nicht darüber: Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern (sind), hören werden seine (= des MSs) Stimme, und es werden herauskommen die (,die) das Gute getan (haben,) zur Auferstehung (des) Lebens, die das Böse verübt (haben,) zur Auferstehung (des) Gerichts“. Nach Inhalt und Tendenz ist der Text nichts anderes als eine Neuinterpretierung von 5,25f im Sinn der futurischen Eschatologie mit ausgesprochen antidoketistischem Akzent. Der rein futurische Aspekt (der zugleich antidoketistisch ist) kommt darin zum Ausdruck, dass anstelle der „Toten“, die beim Evangelisten im geistigen Sinn verstanden sind, eindeutig von den Verstorbenen, die in den Gräbern sind, die Rede ist und von einem „Herauskommen“ (aus den Gräbern). Antidoketistisch ist auch das Gericht nach den Werken. Die Methode der Korrektur und Neuinterpretation ist die gleiche, die schon der Evangelist gegenüber den traditionellen Jesusworten des Judenchristentums der Grundschrift angewandt hat (374f).

Wie der ganze Abschnitt 6,51b-58 ist auch das stets nachklappende „und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag“ in 6,39f.44 vom Redaktor eingefügt und als Niederschlag seiner Auseinandersetzung mit den Doketisten zu verstehen. Mit der Betonung der allgemeinen Totenerweckung am Jüngsten Tag wird damit immer auch die von den Doketisten bestrittene leibliche Auferweckung Jesu vorausgesetzt. Die Verkündigung des zukünftigen Gerichts hat der Redaktor auch am Schluss von 12,48 angehängt: „Wer mich verwirft und nicht annimmt meine Worte, hat seinen Richter: das Wort, das ich gesprochen habe, das wird ihn richten am letzten Tag“. Der Evangelist sprach von der Richtertätigkeit des Wortes Jesu im Präsens (3,18: „Wer an ihn, den Sohn Gottes, glaubt, wird nicht gerichtet: wer nicht glaubt, ist schon gerichtet“) (376).

In den Jh-Briefen erscheint die futurische Eschatologie vor allem 1Jh 2,28 (Erwartung der Parusie Jesu); 3,2f (Hoffnung auf die zukünftige Heilsvollendung); 4,17 (Zuversicht am Tag des Gerichts). Die Erwartung der Parusie und der zukünftigen Heilsvollendung geht auch aus 1Jh 2,18 und 4,3 (2Jh 7f) hervor, wo die Rede ist vom bereits gegenwärtigen Wirken des Antichristen (in den Verkündern der doketistischen Christologie), dessen Erscheinen unmittelbar vor der Parusie als bekannt vorausgesetzt ist. Die traditionelle Erwartung vom Ende der Welt klingt in 1Jh 2,17 an, die zukünftige Heilsvollendung in 2Jh 8 (376f).

An vielen anderen Stellen hat der antidoketistische Redaktor die vom Evangelisten verkündete präsentische Eschatologie und Gegenwärtigkeit des Heilsbesitzes für die konkrete Situation seines antidoketistischen Abwehrkampfs insofern umgedeutet und korrigiert, als er den Erweis der Tatsächlichkeit des von den Gegnern in Anspruch genommenen Heilsbesitzes an eine bestimmte Christologie, an bestimmte ethische Forderungen und an ein bestimmtes 'kirchliches' Verhalten bindet (377).