2.3 Christologie im Streit um Geschichte, Offenbarung und Mythos

K.-J. Kuschel (1990)

a. Adolf von Harnack als Herausforderung heute

Harnack wollte mit seiner Kritik an der Präexistenzlehre die Einzigartigkeit der christlichen Offenbarung wieder freilegen (43).

Schaut man sich die Entwicklung der Christologie an, wie aus dem Verkünder der Gottesherrschaft eine Art geistiges Himmelswesen wurde, wie aus der persönlichen Gottesbeziehung des Nazareners eine Theorie über seine göttlich-menschliche Natur wurde, wie das schlichte Evangelium sich in eine philosophische Theorie aufgelöst findet, wie durch die Verselbständigung eines himmlischen Christus neben Gott die Monarchie Gottes bedroht ist, so kann man die Geschichte dieser Christologie nur als Verlustgeschichte erzählen, als Abfall vom Ursprung, als Verdrängung des historischen Jesus durch den präexistenten Christus, als intellektualistische, spekulative Entfremdung von der ursprünglichen Verkündigung Jesu (49).

Für Harnacks Einschätzung der ntl Christologie ist charakteristisch: (1) Pluralität verschiedener Präexistenzvorstellungen. Die Auffassungen der alten Lehrer sind mannigfaltig auseinander gegangen. Eine einheitliche Theorie, gar eine dogmatische Fixierung der Präexistenz Christi ist nirgends zu erkennen (53).

(2) Der Charakter der urchristlichen Präexistenzvorstellungen ist noch jüdisch. Die urchristliche Christologie ist hinsichtlich ihrer Präexistenzaussagen mit der jüdischen Messialogie noch vereinbar.

(3) Pluralität verschiedener Christologien: Im NT stehen neben der Präexistenzvorstellung solche Auffassungen, die in der Erhöhung (durch die Auferstehung) oder in der Verklärung auf dem Berg oder in der Geistmitteilung bei der Taufe die Einsetzung des Menschen Jesus zum Sohn Gottes erkannten oder aufgrund von Jes 7 in der wunderbaren Entstehung Jesu den Keim eines einzigartigen Wesens gesetzt fanden.

Harnack kann die Präexistenz Christi auf der Linie der Theologien von Paulus und Johannes bejahen, solange der präexistente Christus die Einheit Gottes nicht gefährdet, kosmologische Spekulationen zurückgedrängt sind und sich ein Rückbezug zum Jesus der Geschichte noch erkennen lässt, solange der Raum atl Denkweise noch gewahrt und hellenistischer Intellektualismus und Doktrinalismus noch nicht Platz gegriffen haben (53).

Sobald ab dem 2. Jh. die pln Vorstellungen von Christus als Pneuma und dem 'Fleisch' als Erniedrigungsform immer stärker auf hellenistisch-philosophischen Boden fielen, wurde aus Christus ein Wesen, das 'zuerst Geist' gewesen ist, bevor es Fleisch angenommen hat (2Clem 9,5). Hinzu ist die jüdische Messialogie mit ihrer Vorstellung gekommen, dass der Messias vor der Schöpfung ausersehen und deshalb Anfang der ganzen Schöpfung gewesen sei. Die griechische Christologie lautet nun so: Christus, der uns gerettet hat, war zuerst Geist und Ursprung der ganzen Schöpfung, nahm Fleisch an und hat uns auf diese Weise berufen. Das ist die Wurzel der orthodoxen Dogmatik, das theologisch-philosophische Grundbekenntnis, das der trinitarischen und christologischen Spekulation der Kirche der folgenden Jh.e zugrunde liegt (54).

Verschiebung, Verlagerung, Verdrängung, Übermalung: das sind die Kategorien Harnackscher Präexistenzkritik in der Geschichte des christologischen Dogmas. Er sah in der Hellenisierung, der weiteren Doktrinalisierung, die Schlichtheit des Evangeliums und die Einzigartigkeit und Alleinherrschaft Gottes bedroht (54).

Seine Schrift, Das Wesen des Christentums, ist ein Versuch, zu einer Art 'Abrüstung' in Sachen philosophisch-spekulativer Überkomplexität zu gelangen, um so den Kernbestand der christlichen Verkündigung für heute neu freizulegen (60).

Keine metaphysischen und psychologischen Spekulationen über das Gottesbewusstsein Jesu: Die Zuversicht, in der Johannes ihn zum Vater sprechen lässt: “Du hast mich geliebt, ehe denn die Welt gegründet war“, ist der Gewissheit Jesu abgelauscht (60f).

Als Gottessohn steht Jesus für die Glaubenden in einer unüberbietbaren Mittlerfunktion gegenüber Gott: Jesus hat nicht sich verkündet, sondern das Werk des Vaters und nur “er ist der Weg zum Vater“ und er ist, als der vom Vater Eingesetzte, auch der Richter (61).

Auf der Weltkirchenkonferenz für Glaube und Kirchenverfassung 1927 in Lausanne stellte Harnack zunächst das ökumenisch Gemeinsame aller christlichen Kirchen heraus: Weder die Einzigkeit noch die Einheit der Person des Erlösers wird bestritten noch der Glaube an den Vater, den Sohn und den Geist. Allgemeines Bekenntnis ist, dass in Jesus Christus das Wort Fleisch geworden ist, dass Christus der Sohn Gottes, das Ebenbild Gottes, unser Herr ist (64).

Seit zwei Jh.n – so Harnack – lehnen Christen die Naturenspekulation ab, weil unter ihrer Voraussetzung die Einheit der Person Jesu eine bloße Behauptung bleibt. Sie kann weder empfunden noch gedacht werden. Die Einheit wird hier auf Kosten der Menschheit Christi vollzogen. Diese Christen lehnen es ab, über den oben formulierten Konsensus hinaus dogmatisch bindende Aussagen über Christus zu machen. Sie sagen nicht: Christus war Gott, sondern Gott war in Christus (65).

Harnacks Ansatz fordert von der Dogmatik nichts weniger als eine neue Prioritätenbestimmung der Mitte des christlichen Glaubens. Die Aussagen über eine vorweltliche Existenz Jesu Christi, seine ewige Gottessohnschaft, verlangen vom modernen Menschen ein Aufopfern seines Verstandes zugunsten einer ihm fremden kirchlichen Lehre, ein stures 'Für-wahr-halten' von theologischen Objektivationen, die als intellektuelle Zumutung erlebt werden (67).

b. Karl Barth als Herausforderung heute

Die politische Widerstandskraft der Christologie

Gerade als ewiger Herr über die Welt ist Christus die Kritik aller Herren dieser Welt; gerade als Mittler vor aller Schöpfung ist er die Gegenmacht zu allen Mächten in dieser Schöpfung; gerade als Herr der Zeit ist er auch der Richter über alle Zeit. Angesichts dessen, dass die Welt heillos zerspalten ist, führt Barth gegen das, was man Wirklichkeit zu nennen pflegt, eine Gegenwirklichkeit ein: die Wirklichkeit Jesu Christi. Sie ist die Wirklichkeit Gottes und zugleich die wahre Wirklichkeit der Menschheit (146).

Barth sah in der Präexistenzchristologie die Möglichkeit gegeben, als Christ in dieser Welt zu leben, ohne sich von den Machtstrukturen dieser Welt total bestimmen zu lassen (147).

Dem seiner neuzeitlich-aufklärerischen Autonomie gewissen und selbstbewussten Individuum wollte Barth die eigenen Selbsttäuschungen (über eben diese Autonomie) bewusst machen und zwar durch die Neubetonung der Diastase von Gott und Mensch und der einzig wahren Selbstbestimmung in Gottes Wort und in seinem Sohn. Die Präexistenzchristologie erwies sich für Barth gerade in ihrer 'Un-Vernunft' als geeignet, dem Diktat und dem Universalanspruch neuzeitlicher Rationalität Widerstand zu leisten (149).

c. Rudolf Bultmann als Herausforderung heute

Wir bedürfen der Präexistenzvorstellung nicht mehr. Christusglaube heißt nicht, besondere Vorstellungen und Spekulationen über Christi metaphysisches Wesen anstellen (immanente Trinität) im Sinne späterer kirchlicher Dogmatisierung. Bultmann wollte nicht wie K. Barth eine Christologie als metaphysische Spekulation über ein Himmelswesen betreiben (166f).

Worauf Barth nicht verzichten zu können meinte (Wesenstrinität, Anhypostasielehre), was für Barth erst die Identität christlicher Gotteslehre als christliche konstituierte (der ewige Sohn), darauf meinte Bultmann gerade nicht angewiesen zu sein: Das alles gehörte der mythologischen Vorstellungswelt von einem 'Himmelswesen' an, dessen er für heute nicht mehr bedurfte (167f).

Die Herausforderung Bultmanns besteht darin, dass er das Christentum mit seinem mythischen Erbe kritisch konfrontiert. Seine Hauptthese war: Die Vorstellung von der Präexistenz und der Menschwerdung eines 'himmlischen Wesens' ist ein vorchristliches Anschauungsmodell, das dem Weltbild des Mythos entstammt (203).

Bultmanns Herausforderung in Sachen Entmythologisierung besteht bis heute darin, dass er die christliche Theologie dazu verpflichtet, den mit der Aufklärung vollzogenen Bruch zwischen einem mythisch geformten und einem neuzeitlich-wissenschaftlich geprägten Weltbild theologisch ernst zu nehmen. Das Bultmannsche Programm ist immer dort neu ins Spiel zu bringen, wo bei Glaubensaussagen das mythische Weltbild objektivierend übernommen und den Menschen heute als wahr anzuerkennende Glaubenstatsache zugemutet wird (206).

Das entscheidende Problem für die ntl Botschaft besteht nicht in ihrem mythologischen Charakter als solchem, sondern darin, dass mythisches Reden nicht mehr als solches wahrgenommen und demzufolge mit dem rationalen Reden verwechselt wird. Bultmann ging es darum, der Verwechslung von mythischen und nachmythischen Reden zu wehren, um dem Logos im Mythos auch unter neuzeitlichen Bedingungen Geltung zu verschaffen. Das Sachanliegen der Entmythologisierung ist nicht der Abschied vom Mythos im Namen der Säkularität, sondern der Versuch, auch in säkularer Zeit ein vernünftiges Verhältnis zum Mythischen zu gewinnen (207).

d. Was Barth und Bultmann gegen Harnack verbindet

Der christliche Glaube kann um der Offenbarungsstruktur willen nicht darauf verzichten, mit einem 'mythologischen Rest' zu reden. Barth und Bultmann wussten: Das NT hatte die Christologie nicht in Mythologie aufgelöst, sondern das mythische Erbe vom konkreten Christusereignis her kritisch relativiert. Mit ihrem Ansatz bei Joh 1,14 gingen beide davon aus, dass das NT selber ein gutes Stück bereits entmythologisiert habe. Der Mythos, die Aussage eines göttlichen Ereignisses, wird verlassen für das Geschehen im Fleisch. Beide gingen davon aus, dass im NT die mythologischen Elemente jede selbständige Bedeutung verloren hatten und theologisch funktionalisiert waren. Die Aussagen über Christi Präexistenz waren ein Versuch, das Unanschauliche Gottes zu veranschaulichen, die unbegreifbare Wirklichkeit des Absoluten mit menschlich-relativen Vorstellungen von Raum und Zeit begreifbar zu machen (209f).

Barth wie Bultmann wussten: Menschen können nicht anders als in Bildern von der Wirklichkeit Gottes reden. Insofern Christus für sie Gott repräsentierte, von Gott gekommen, bei Gott gewesen war, vor aller Schöpfung, vor aller Zeit, ist der Glaubende gerade auch in Sachen Präexistenzchristologie auf eine Bildersprache angewiesen, auf die Kraft der Poesie. Beide wussten aber auch, dass Menschen nur dann mythologisierende Missverständnisse bei der Rede von Gott vermeiden können, wenn sie sich der Diskrepanz von Bild und Realität bewusst bleiben und nicht anfangen, die Wirklichkeit Gottes mit den je eigenen Bildvorstellungen glatt zu identifizieren. Bilder sind unvermeidlich, aber Bilder bleiben Bilder! Theologie ist nicht auf Mythos, aber auf Poesie angewiesen. Der christliche Glaube kann um der Offenbarungsstruktur des Christusereignisses willen nicht darauf verzichten, ein Stück weit mythisch zu reden. Christliche Theologie nach der Aufklärung muss entmythologisieren, entbildlichen darf sie nicht (210f).

e. Was Bultmann mit Harnack gegen Barth verbindet

Mit Harnack war Bultmann der Meinung, dass das NT Spekulationen über die ontologische Natur nicht kenne und dass man folglich als Theologe davon Abstand nehmen müsse, wolle man sich nicht einer alten, überholten Ontologie ausliefern und damit dem Verdacht der Objektivierung. Als Exeget konnte Bultmann deshalb der präexistenzchristologischen Hermeneutik K. Barths nie folgen, mit der dieser bereits das ganze NT las. Bei Joh 1,1 verbat er sich vom Text her jede Spekulation über eine Urzeugung in der göttlichen Sphäre, jede Vorstellung von einer Entfaltung der Gottheit oder einer Emanation. Er wies jeden Gedanken eines Sich-selbst-objektiv-Werdens der Urgottheit zurück. Bultmann lehnte mit Harnack einen trinitätstheologischen Einsatz der Theologie ab aus exegetischen Gründen, aus Gründen des Schriftverständnisses selber (213).

Bultmann war davon ausgegangen: Im NT werden über Jesu Göttlichkeit und Gottheit Aussagen gemacht, die bekennen, dass das, was er sagt, und das, was er ist, nicht innerweltlichen Ursprungs ist, nicht menschliche Gedanken, nicht weltliche Geschehnisse sind, sondern dass darin Gott zu uns redet, an uns und für uns handelt (214).

Nach Bultmann gilt von Jesu Präexistenz und Menschwerdung dasselbe wie von seiner Auferstehung, zumal beide Phänomene sich jeder objektiven Beweisführung entziehen: sie können, selbst Gegenstand des Heilsglaubens, nicht solchen Glauben begründen. Bultmann war der Meinung, dass Jesus erst dann zum Sohn Gottes wird, wenn Menschen ihn als Helfer erfahren haben. Er weigerte sich bei Strafe der Objektivierung, in Sachen Christologie mehr zu sagen. Nichtobjektivierbarkeit Gottes in Christus war für ihn nur im Akt der Verweigerung von Aussagen über die Person Christi, über ihr Wesen und ihre Natur gewährleistet (215).

Natur ist ein Begriff, der sich nur auf vorhandene Dinge beziehen kann, nicht aber auf Gott. So ist es nicht möglich, über die göttliche Natur Jesu eine Aussage zu machen, denn nur ein an-sich-Seiendes kann objektiviert werden, nicht aber der sich offenbarende Gott, der nur in existentieller Begegnung erfasst werden kann (216).

Wo Bultmann das NT zum einzigen Maßstab heutiger Theologie machte, es als kritische Instanz gegenüber jeglicher Tradition begriff, wollte Barth dogmatisch seine Freiheit auch im Ernstnehmen der Glaubensgeschichte kirchlicher Tradition gewahrt wissen (216).

f. Eine Lanze für Harnack

War der Jesus der Geschichte bei Barth und Bultmann ernst genommen? War Harnacks Insistieren auf dem Jesus der Geschichte und der Gotteserfahrung Jesu selber, sein Beharren darauf, dass es kein Christentum gäbe ohne den konkreten geschichtlichen Jesus, der sich nicht als der präexistente und fleischgewordene Gottessohn verstanden hat, wirklich ernstgenommen? Wenn das Wort wirklich 'Fleisch' geworden ist, war dann nicht das, was 'Fleisch' konkret bedeutet, bei Barth und Bultmann zu einer bloßen Abstraktion geworden? Bultmann brauchte vom Jesus der Geschichte nur das 'Dass' des Gekommenseins, Barth nur wenige ausgewählte Texte, die die Göttlichkeit Jesu um so strahlender erscheinen ließen. Beide wollten von einer menschlichen Persönlichkeit Jesu nichts wissen. Bultmann reichte das 'Paradox' von Gott in Jesus; Barth griff auf die Lehre von der Anhypostasie zurück. Waren sie damit dem Zimmermanns Sohn aus Galiläa wirklich gerecht geworden, wie er trotz aller Christologie durch die synoptischen Evangelien noch hindurchscheint? Hatten sie das Gekommensein ins Fleisch nicht zu einer überflüssigen Randfrage gemacht (220).

g. Was bleibt von Harnack, Barth und Bultmann?

Mit Harnack müssen wir die Diskrepanz zwischen Schrift und Dogma, Verkündigung und Lehrgeschichte zur Kenntnis nehmen. Das, was die christlichen Dogmen sagen wollen, ist eine kulturhistorisch bedingte Antwort auf geistige Herausforderungen einer je wechselnden Zeit. Kritischer Maßstab für sachliche Kontinuität ist die Botschaft des NT selber. An diesem Punkt gibt es kein Zurück hinter Harnack. Die Botschaft Jesu und die ursprüngliche Verkündigung Jesu als des Christus bleiben kritischer Maßstab der späteren dogmatischen Aussagen (632).

Barths Parole: 'zurück zu den Anfängen' war ein Ruf, die Grundlagen von Zeit und Geschichte theologisch neu zu bedenken. Der Glaube an Jesus als den ewigen Christus Gottes ist die Kritik der Geschichte schlechthin, weil Menschen es in Jesus Christus mit Gott zu tun bekommen. Bei aller Problematik der Barthschen Theologie – hier gibt es kein Zurück hinter Karl Barth. Der Fall Karl Barth zeigte die politische Widerstandsfähigkeit dieser Aussagen vom präexistenten Christus angesichts des Faschismus. Gerade Karl Barth zeigte: Keine Christologie ohne politische Relevanz, ohne gesellschaftskritisches Widerstandspotential, ohne kosmische Dimension (632f).

Anders als Barth wollte Bultmann die Rede vom präexistenten Christus nicht mit Hilfe der traditionellen Trinitätslehre terminologisch festschreiben, sondern religionsgeschichtlich verorten und existentiell interpretieren. Bultmann deckte den mythischen Charakter der Rede vom präexistenten Christus auf und versuchte zugleich deren Sinn zu beerben. Bei aller Problematik der Theologie Bultmanns: Ein Zurück hinter Bultmann gibt es an diesem Punkt nicht. Keine Christologie ohne Entmythologisierung, keine Rede vom 'ewigen Christus' ohne Selbstdurchschauen der Chancen und Gefahren mythischen Redens, keine Christologie ohne existentielle, soteriologische Relevanz (633).

h. Der spezifische 'Blick' des NT

Einen spekulativen Topos Präexistenz Christi kennt das NT nicht. Eine Präexistenzchristologie, verstanden als eine isolierte, verselbständigte Reflexion auf ein vorweltliches, göttliches Sein Jesu Christi in oder neben Gott, eine metaphysisch verstandene Sohnschaft ist nicht Sache des NT. Im Gegenteil: Vom NT her muss eine solche Präexistenzchristologie relativiert werden (637f).

Der geschichtliche Jesus selber hat keine Aussagen über seine Präexistenz gemacht.

Von 27 Schriften des NT können 20 von Jesus als dem Sohn Gottes reden, ohne auf die Vorstellung von dessen Präexistenz angewiesen zu sein (Mt,Mk,Lk, Apg, die 8 authentischen Paulusbriefe (Phil 2 ausgenommen), die 3 Pastoralbriefe, der Eph, Jak, Jud und 1/2Ptr).

Bestimmte Schriften des NT übernehmen die Präexistenzvorstellung (bewusst?) nicht (Q, Mk), vertreten (bewusst?) ein anderes christologisches Ursprungs-Konzept (Jungfrauengeburt bei Mt und Lk), entfalten eine bereits zitierte Präexistenzaussage nicht weiter (Paulus gegenüber Phil 2) oder lassen sie überhaupt beiseite (Eph gegenüber Kol).

In solchen Texten, die eine Aussage über die Präexistenz enthalten (Kol 1; Heb 1, Corpus Johanneum), sind von den Autoren Gegenakzente gesetzt worden (Kreuzestheologie, Inkarnation). Das Joh-Ev, das eine dramatische Entwicklungsgeschichte erkennen lässt, stellt neben den Chancen auch die Gefahren einer Präexistenzchristologie heraus: Doketismus und Bi-theismus (638).

Präexistenzaussagen im NT sind gegenüber der Auferweckungs- bzw. Erhöhungschristologie als sekundär anzusehen. Sie sind sichernde Projektionen von der Eschatologie her zu verstehen. Die Aussage der Präexistenz beruht nicht auf Offenbarung, sondern ist Ergebnis theologischer Folgerungen (638f).

i. Die Ostererfahrung als Frage nach dem Ursprung

Erst nach Ostern, aufgrund der Überzeugung, dass Gott den Gerechten aus Nazareth nicht im Tod gelassen hat, dürfte den Anhängern Jesu in voller Tiefe bewusst geworden sein, um wen es sich bei Jesus handelte: um den Gesandten, das Wort, die Weisheit, den Sohn Gottes (639).

Die Entdeckung des wahren Grundes der Geschichte Jesu öffnete den Blick für den Urgrund, die Ursprünge. Jetzt war es möglich – in Analogie zur Weisheitstheologie – zu sagen: Der Ursprung des zu Gott Erhöhten ist nicht die menschlich-irdische Zeit, sondern die Vorzeit Gottes. Das Ende der Geschichte Jesu war der Schlüssel zu seinem Anfang (639).