7. Der unterschätzte Petrus und Jakobus der Herrenbruder

1. Der unterschätzte Petrus
1.1 Mt 16,17-19
1.2 Das Wort vom 'Felsenmann'
1.3 Petrus als die apostolische Grundgestalt der Kirche
1.4 Markus, Schüler des Petrus
1.5 Das Wirken des Petrus außerhalb Judäas
1.6 Der Konflikt mit Paulus in Antiochien (Gal 2,11ff)
1.7 Petrus in Korinth
1.8 Zur Theologie des Petrus
1.9 Petrus als Organisator und Missionsstratege
1.10 Ergebnis
1.11 Petrus - Begründer der Heidenmission (Apg 10-11)?

2. Jakobus der Herrenbruder
2.1 Vorbemerkungen
2.2 Konsequenzen und weiterführende Fragen
2.3 Jakobus und Paulus
2.4 Jakobus und Petrus
2.5 Anhang: Das Nein des Johannes zu Jakobus und zur Jakobustradition

Literatur

Christen sprechen von verschiedenen Standorten aus, deshalb müssen ihre Ausdrucksformen verschieden sein. Beim Christsein geht es um ein personales Bezugsverhältnis, nicht um eine Lehre. Es geht um Nachfolge. Es geht darum, dass Christus in den Christen Gestalt gewinnt, dass sie 'seine Hände und Füße' werden.

1. Der unterschätzte Petrus
1.1 Mt 16,17-19
1.2 Das Wort vom 'Felsenmann'
1.3 Petrus als die apostolische Grundgestalt der Kirche
1.4 Markus, Schüler des Petrus
1.5 Das Wirken des Petrus außerhalb Judäas
1.6 Der Konflikt mit Paulus in Antiochien (Gal 2,11ff)
1.7 Petrus in Korinth
1.8 Zur Theologie des Petrus
1.9 Petrus als Organisator und Missionsstratege
1.10 Ergebnis
1.11 Petrus - Begründer der Heidenmission (Apg 10-11)?

M. Hengel (2006)

1.1 Mt 16,17-19

(17) „Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut hat dir das geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel. (18) Und ich sage dir: Du bist Petrus, auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Totenreichs werden sie nicht überwältigen. (19) Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden bindest, das soll im Himmel gebunden sein und was du auf Erden löst, das soll im Himmel gelöst sein“.

Die Verheißung an Petrus lässt sich nicht direkt auf Jesus selbst zurückführen. Jesus hatte im Blick auf die Zukunft nicht Ereignisse der nach Ostern beginnenden Kirchengeschichte im Auge, sondern den für alle sichtbaren Anbruch der Gottesherrschaft mit der Offenbarung des Menschensohnes.

’Binden und Lösen’ sind rabbinische termini technici für Entscheidungen, die ‚verbieten’ und ‚erlauben’ bzw. ‚den Bann verhängen’ und ‚aufheben’ bedeuten. Matthäus, ein judenchristlicher Schriftgelehrter und vermutlich ein erfahrener Gemeindeleiter gegen Ende des 1. Jh.s, übernimmt diese Terminologie von seinen Gegnern, den pharisäischen Schriftgelehrten und bringt dadurch die ganz besondere für Erde und Himmel geltende Vollmacht des Petrus in Verkündigung und Kirchenleitung, in Lehre und Ordnung zum Ausdruck. (In der allgemein auf die zwölf Jünger bezogenen Parallele 18,18 wird dagegen nur deren Disziplinarvollmacht hervorgehoben). Die „Schlüssel des Himmelreichs“ beziehen sich auf die Petrus nach Ostern anvertraute Botschaft, deren Kern das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias, Sohn des lebendigen Gottes (16,16) und Bringer der Gottesherrschaft ist. Wer diese Botschaft in glaubendem Gehorsam ergreift und sein Leben ihr entsprechend führt, dem öffnet sich der Zugang zum Gottesreich, während die pharisäischen Schriftgelehrten für sich selbst und andere durch ihre Feindschaft gegen Jesus diesen Zugang verschließen. Ähnliches gilt für alle, die „Herr, Herr“ sagen, aber „den Willen meines Vaters im Himmel“ missachten. Matthäus will diese Botschaft Ende des 1. Jh.s in seinem Werk für die ganze Kirche neu zur Sprache bringen (4-7).

Jesu Wort vom ‚’Felsenmann’ ist einzigartig im NT. Nirgendwo sonst wird ein einzelner Jünger Jesu in vergleichbarer Weise ausgezeichnet. Dies gilt schon für die an ihn allein gerichtete Seligpreisung. Am ehesten könnte man an den rätselhaften Lieblingsjünger im Joh-Ev denken, der in einer gewissen Konkurrenz zu Petrus dargestellt wird, aber auch dieser ideale Jünger erhält keine solche einmalige heilsgeschichtliche Funktion. In Joh 21,15-17 wird nicht ihm, sondern Petrus nacheinander dreimal der Auftrag gegeben: „weide meine Schafe“, d.h. selbst bei Johannes verleiht der Auferstandene Petrus eine überragende Führungsrolle (11f).

Nach Apg 4,13 wundern sich die Hohenpriester (4,6) über die unerschrockene Rede des Petrus und des Johannes, da sie „ungebildete Laien“ waren. Auch die Griechischkenntnisse des Petrus werden nicht einwandfrei gewesen sein, darum ist die durch Papias erhaltene Nachricht, Markus sei Dolmetscher des Petrus gewesen, nicht einfach abzuweisen (19).

Was die rhetorische Ausdrucksweise anbetrifft, war Paulus aus der Weltstadt Tarsus, der in Jerusalem studiert hatte, dem einstigen Fischer aus einem galiläischen Dorf haushoch überlegen. Im freien Vortrag muss jedoch auch Petrus ein geistesmächtiger Redner gewesen sein in seiner Muttersprache, dem Aramäischen und auch in einem etwas fehlerhaften Griechisch. Nur so lässt sich seine einzigartige Autorität zunächst als Sprecher der Jünger in Jerusalem und später als Missionar auch außerhalb Palästinas erklären (20f).

1.2 Das Wort vom 'Felsenmann'

Für Matthäus ist Petrus, entsprechend dem Namen, den ihm der Herr selbst gegeben hat, der beherrschende Kopf im Jüngerkreis und in der werdenden Kirche gewesen. Seine Autorität als Vermittler von Jesusüberlieferung hat im Mt-Ev ihren Niederschlag gefunden (22):

a) Durch sein Bekenntnis
zu Jesus als Messias und Gottessohn erweist sich Petrus als einzigartiger Offenbarungsempfänger. Das Bekenntnis: „Du bist der Gesalbte, der Sohn des lebendigen Gottes“ steht nicht im Belieben eines sündigen Menschen von „Fleisch und Blut“. Darum kann es nur vom himmlischen Vater stammen. Der Makarismus hebt den Offenbarungsempfänger deutlich über die kollektive Seligpreisung der Jünger als Augen- und Ohrenzeugen (13,6f) hervor. Die Parallele zu dieser speziellen Offenbarung an Petrus ist das Selbstzeugnis des Paulus über die Offenbarung des Gottessohnes in ihm durch Gott selbst. Dahinter steht die Erwählung (Gal 1,15f) in Verbindung mit der Offenbarung seines Evangeliums durch Christus (Gal 1,12) ohne menschliche Vermittlung. Hier begegnen sich zwei Offenbarungserfahrungen (22-24).

b) Petrus erscheint als der Fels,
d.h. als das Fundament, auf dem der Auferstandene seine endzeitliche Gemeinde bauen wird. Dagegen ist für Paulus Christus das eine Fundament: „Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1Kor 3,11). Derselbe ist durch Paulus gelegt, der gemäß der ihm gegebenen Gnade Gottes als „weiser Baumeister“ die Gemeinde in Korinth gegründet hat (V 10). Unmittelbar darauf folgt die Interpretation der Gemeinde als heiliger Tempel Gottes, in dem Gottes Geist wohnt (1Kor 3,16f). Paulus erscheint durch seine Missionsarbeit als der eigentliche Gründer derselben. Andere können auf dem von ihm gelegten Grund nur weiterbauen, die Qualität ihrer Arbeit wird dann im Jüngsten Gericht offenbar werden. Die indirekte Polemik gegen Petrus ist dabei unübersehbar. Sie mag sich zugleich gegen das Gemeindeverständnis der Jerusalemer Gemeinde richten. Vermutlich hatte man dort schon Petrus als ’Fundament’ der Kirche betrachtet (24-26).

In Eph 2,20f ist die Gemeinde von Gott „aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten, wobei Jesus Christus der Eckstein ist, durch den der ganze Bau festgefügt wächst zum heiligen Tempel im Herrn“. In Mt 16,18 hat Jesus selbst dem von ihm berufenen Fischer Simon den aramäischen Beinamen ’Kephas’ gegeben, der dann mit dem Griechischen Petros übersetzt wurde. Nur Matthäus stellt einen Zusammenhang zwischen dem Messiasbekenntnis und dem Beinamen Petros her, auch verwendet er ihn, im Gegensatz zu seiner Mk-Vorlage, von Anfang an: D.h. er legt auf diesen Beinamen, der den Träger ehrt, größten Wert (28-30).

Das Bild vom Felsen Petrus, auf den Christus seine Kirche baut, erinnert an Jes 51,1f, wo Abraham als der Fels bezeichnet ist: „Schaut den Fels an, aus dem ihr gehauen seid. Schaut Abraham an, euren Vater... Denn als einzelnen habe ich ihn berufen, gesegnet und gemehrt“ (38f).

Petrus erscheint als die eine maßgebliche Jüngergestalt, hinter der die anderen Jünger völlig zurücktreten, in der Regel nur als Kollektiv handeln und wie Statisten erscheinen. Für Matthäus war die Namensgebung ein Akt göttlicher Erwählung und Verheißung (40f).

Petrus ist der beherrschende Wortführer der Jünger und der einzige wirkliche Gesprächspartner Jesu. Das Wort von den Schlüsseln zur Gottesherrschaft stellt Petrus als wahrhaft bevollmächtigten Verkünder und Lehrer in schroffen Gegensatz zu den Schriftgelehrten und Pharisäern, die die Gottesherrschaft vor den durch sie Belehrten verschließen, aber auch zu allen, die die neue Tora des Messias und die in ihr geforderte Gerechtigkeit verachten (44).

1.3 Petrus als die apostolische Grundgestalt der Kirche

Matthäus wusste sich als judenchristlicher Schriftsteller ganz einer Petrustradition verpflichtet, die gegenüber der Heidenmission geöffnet ist und darum wie er ein enges, dem bloßen Buchstaben der Tora verpflichtetes Judenchristentum ebenso ablehnte wie ein Heidenchristentum, das unter Berufung auf die Freiheit vom Gesetz Gottes Willen, wie er in den Geboten Jesu sichtbar wird, missachtete. Für Matthäus sind weder Jakobus, der Herrenbruder in Jerusalem, noch Paulus und seine heidenchristlichen Missionsgemeinden, noch Johannes und sein Schülerkreis für die weitere Zukunft der Kirche grundlegend, für ihn war Kephas/Petrus die einzige ’Säule’, die diese Bezeichnung verdient. Der Erfolg seines Evangeliums zeigt, dass er mit dieser Anschauung nicht allein stand. Petrus erhält nicht erst in nachapostolischer Zeit diesen besonderen Rang, er ist diese Grundgestalt schon in der ersten Generation, im Rückblick bereits vor Ostern und er bleibt es über sein Martyrium hinaus – zusammen mit seinem Kontrahenten Paulus – für die ganze Kirchengeschichte bis heute. Seine überragende Bedeutung bezeugt die Evangelienüberlieferung zwei Jahrzehnte vor Matthäus: das Mk-Ev und drei Jahrzehnte früher: die Briefe des Paulus (Gal; 1/2Kor) (50-2).

Ohne kraftvolle, geisterfüllte Verkündigung wäre Petrus nicht der Leiter der Jerusalemer Urgemeinde mit ihren Missionserfolgen und zum Felsenmann geworden. Er verfügte nicht nur über die Fülle der Jesustradition, sondern er wird auch als erster Zeuge der Auferstehung Jesu die Entstehung der vorpln Anfänge der Christologie entscheidend mitgestaltet haben. Dass die anderen Jerusalemer Apostel so sehr hinter diesem zurücktreten, hängt sicher auch mit seiner besonderen theologischen Kompetenz zusammen (54f).

Warum besuchte Paulus nach den drei Jahren im nabatäischen Arabien nur ihn in Jerusalem und nicht die anderen Apostel? Ohne Autorität und theologische Ausstrahlung des Petrus hätte es keine Kephaspartei in Korinth gegeben, und Paulus hätte sich in 2Kor 10 - 12 nicht so erbittert über Abgesandte der Petrusmission äußern müssen. Wie kommen Christen in Korinth dazu, in der von Paulus gegründeten Gemeinde eine Kephasgruppe zu gründen, und woher kommen die besonderen Schwierigkeiten des Paulus in Korinth mit judenchristlichen Sendboten? Mt 16,17-19 bezeugt diese Autorität. Die Voraussetzung dazu hat Jesus selbst geschaffen, als er Simon in seine Nachfolge berief und ihm den Namen Kephas gab (56f).

1.4 Markus, Schüler des Petrus

Woher sollen die zahlreichen Erwähnungen des Petrus wenige Jahre nach dessen Martyrium an entscheidenden Punkten des Mk-Evs stammen? Sein Name erscheint mit 25 Nennungen im ältesten Evangelium auf den Umfang des Werkes bezogen häufiger als bei Lukas und Matthäus. Die beiden späteren Synoptiker sind gerade auch in der Petrustradition weitgehend von den mkn Vorgaben abhängig. Matthäus übernimmt zu 80% den Text des Markus, weil er weiß, dass hinter dem Mk-Ev die Tradition des von ihm hochgeschätzten Petrus steht. Markus nennt den bei ihm zuerst berufenen Petrus so oft, weil dieser für ihn von grundlegender Bedeutung ist. Die Erwähnungen des Petrus im Mk-Ev liegen in gesetzten Schwerpunkten: am Anfang bei dessen Berufung, in der Mitte mit seinem Messiasbekenntnis, der Leidensansage und der Verklärung und am Ende in Gethsemane und bei der Verleugnung (62f).

In Mk 16,7 gibt der Engel den zutiefst erschrockenen Frauen am Grabe den Auftrag:, „gehet und sagt es seinen Jüngern und dem Petrus“. Mit dem unnötigen „und dem Petrus“ weist Markus auf den für ihn wichtigsten Traditionsgaranten, der zugleich der maßgebliche Jünger Jesu war, hin (67).

Petrus ist als der beherrschende Jünger bei Markus und von ihm abhängig in den späteren Evangelien auch der Prototyp des Jüngerunverständnisses und Jüngerversagens. Diese Schattenseiten beruhen auf der zurückblickenden Einsicht des Petrus und der anderen Jünger, dass sie Jesu Wirken und Weg vor Ostern nicht verstehen konnten und ihm gegenüber schuldig wurden. Vor Ostern sind die Herzen der Jünger unverständig und verstockt. Erst die Erscheinung des Auferstandenen kann dies überwinden und schenkt ihnen die Erfahrung der Vergebung ihrer Schuld. Petrus verkündigt, was er selbst erfahren hat (68f).

Lukas und Matthäus wussten, als sie das Mk-Ev verwendeten, dass sie damit auf festem, anerkanntem Grund standen, wobei Matthäus die ptrn Prägung seiner Vorlage noch durch zusätzliches legendäres Material (Meerwandel Petri und Tempelsteuerperikope) verstärkte (70).

Der Zusammenhang zwischen Petrus und Markus erscheint in der Szene Apg 12,12 angedeutet, wo Petrus nach seiner Befreiung aus dem Gefängnis in das Haus der Maria, der Mutter des Johannes Markus, flieht, um dann das Machtgebiet des Herodes Agrippa zu verlassen. Der Markus in der Überschrift des Evangeliums, in 2Tim 4,11, in Phlm 24; Kol 4,10 und 1Ptr 5,13 ist eine den Empfängern und Lesern bekannte Autoritätsperson, identisch mit dem Neffen des Barnabas und dem Johannes Markus der Apg 12,25; 15,37.39 (74).

1.5 Das Wirken des Petrus außerhalb Judäas

Obwohl Lukas in der Apg die Wirksamkeit des Petrus nach dem ’Konzil’ gewaltsam ’abschneidet’, müssen die darauffolgenden Jahre bis zu seinem Martyrium von entscheidender Bedeutung für sein großes Ansehen gewesen sein, eine Bedeutung, die nicht nur in den Evangelien, sondern auch im 1 Clemensbrief und bei Ignatius sichtbar wird. Dieses Ansehen, das ungleich größer ist als das aller anderen Jünger, wird nur verständlich, wenn man davon ausgeht, dass (gegen Lukas, der Petrus nur bis Caesarea kommen lässt – Apg 10) auch westliche Gemeinden den Apostel selbst oder Sendboten von ihm kennengelernt haben und so direkt oder indirekt von ihm beeinflusst wurden und zwar nicht nur in Syrien, Antiochien und Rom, sondern auch dazwischen an wichtigen Orten wie etwa den Provinzhauptstädten Ephesus und Korinth. Die fünf kleinasiatischen Provinzen in 1Ptr 1,1 als Heimat der „auserwählten Fremdlinge“, Pontos, Galatien, Kappadozien, Asia und Bitynien, setzen voraus, dass Petrus in diesen Gebieten als Autorität galt (78-80).

Das Zurücktreten des Jakobus in der Überlieferung des 1. Jh.s ist eine Folge der Schwächung des palästinischen Judenchristentums auf Grund der Steinigung des Herrenbruders 62 n. Chr. und durch den vier Jahre später ausbrechenden Jüdischen Krieg, von dem es sich nicht wieder erholt hat. Auch ist es ein Ausdruck für eine wachsende Entfremdung zwischen den gesetzestreuen Judenchristen (im Mutterland) und dem immer stärkeren Übergewicht der Kirche aus den Völkern nach 70, die die Autorität des Petrus, nicht aber die des Jakobus anerkannte. Petrus war kein Vertreter des gesetzesstrengen Judenchristentums. Er stand zwischen den beiden Flügeln, die durch Jakobus und Paulus (und ihre z.T. extremen Anhänger) markiert sind. Eben diese Zwischenposition, die für das Heidenchristentum offen war und theologisch (bei allen Differenzen) Paulus näherstand als dem gesetzesstrengen Flügel im Urchristentum, bildet die Voraussetzung der großen Wirksamkeit des Petrus (83f).

a) Petrus wurde trotz
der bei dem ’Konzil’ getroffenen Abmachung in den Jahren danach mehr und mehr auch zum Heidenmissionar, und zwar in einer für Paulus und ihn selbst äußerst schmerzlichen Konkurrenzsituation. Die in Jerusalem beschlossene Trennung zwischen Juden- und Heidenmission war in den gemischten Gemeinden außerhalb des Mutterlandes nicht durchführbar. Die beiden Apostel hatten sich bei dem Konflikt in Antiochien (Gal 2,11ff) gegenseitig tief verletzt und wurden dadurch zu Kontrahenten, ein Vorgang, der nicht nur in Gal 2 seinen Niederschlag gefunden hat, sondern auch in den Briefen des Apostels nachwirkte, den aber Lukas um seines harmonischen Bildes willen verschweigen muss. Darum lässt er Petrus nach dessen propln Rede auf dem Apostelkonzil Apg 15,7-11 abrupt von der Bühne abtreten (84f).

b) Im Gegensatz zu dem
ehemaligen Verfolger Paulus, aber auch zu Jakobus der vor der Passion seinem Bruder skeptisch gegenübergestanden hatte, verfügte Petrus über die Fülle der Jesustradition, die die Worte und Taten des Messias umfasste. Seine einzigartige Bedeutung in den Evangelien hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass er als Autorität in einer allmählich immer stärker werdenden heidenchristlichen Kirche mit dieser Jesusüberlieferung verbunden wurde. Vermutlich war Petrus schon als Jünger von der freieren Haltung Jesu gegenüber den rituellen Geboten und seiner Konzentration des Gotteswillens auf das doppelte Liebesgebot beeindruckt worden. Dass die jüdisch-messianische Bewegung der Urkirche so rasch in wenigen Jahren die Grenzen von Eretz Israel und die religiösen Grenzen des strengen Judentums überschreiten konnte, muss seine Wurzeln letztlich im Verhalten Jesu selbst haben. Zu den endzeitlichen Verheißungen der Propheten für die Zeit des Messias gehörte auch die Öffnung des Gottesvolkes für die Völker (85f).

c) Theologisch war Petrus
nicht mehr gesetzesstreng. Vermutlich stand er ab Ende der dreißiger Jahre in der Frage des jüdischen Gesetzes mit seinen rituellen Geboten und der Notwendigkeit des rettenden Glaubens an Jesus näher bei den ’Hellenisten’ und bei Paulus als bei Jakobus und dessen Ältesten, obwohl auch Jakobus eine Heidenmission ohne Beschneidung nicht ablehnte (Gal 2,9: Apg 15,13-21). Dieser wollte jedoch gegenüber den Juden in Eretz Israel den die dortige Existenz der Gemeinde mehr und mehr bedrohenden Vorwurf der Apostasie vermeiden und darum für die Glaubensbrüder im Mutterland an der Forderung eines gesetzesstrengen Judenchristentums festhalten. Dies erklärt, warum der Einfluss des Petrus in Jerusalem zugunsten des Jakobus allmählich zurückging, während sein Ansehen in den Missionsgemeinden der Diaspora wuchs (86-8).

Der auf dem Apostelkonzil zwischen den drei 'Säulen', Jakobus, Kephas und Johannes, auf der einen und Paulus und Barnabas auf der anderen Seite ausgehandelte Kompromiss: „Wir zu den Heiden, sie aber zu den Juden“ (Gal 2,9) gründete auf der Einsicht, dass bereits bisher dem Paulus und Barnabas die Evangeliumsverkündigung gegenüber den „Unbeschnittenen“, dem Petrus aber gegenüber der „Beschneidung“ zugeordnet war. Die Übereinkunft zeigt, dass Petrus schon bisher als der erfolgreichste Verkündiger der neuen Botschaft gegenüber seinen Volksgenossen galt, ein Bild das die Apg 2 – 5 und 9, 32-43 für das Mutterland, aber auch Markus und Matthäus mit dem Bild vom Menschenfischer bestätigen. Petrus besaß in besonderer Weise das „Apostelamt in Bezug auf die Beschneidung“ (Gal 2,8). Wahrscheinlich hat er nach seiner Flucht aus Jerusalem 42/43 n. Chr. auch außerhalb Palästinas nicht ohne Erfolg unter Juden missioniert. Am nächsten lag der syrische Raum mit seinem großen Anteil der jüdischen Diaspora. Es ist aber nicht auszuschließen, dass er auch andere Gebiete bereiste. Die beim Apostelkonzil vereinbarte Trennung von Juden- und Heidenmission erwies sich als unrealistisch, denn sie ließ sich in der Praxis nicht aufrechterhalten, zumal die ’Heiden’ ursprünglich ganz überwiegend mit der Synagoge eng verbundene Gottesfürchtige waren und dem Judentum mehr oder weniger nahestanden. Darum suchte Paulus an neuen Missionsorten zunächst die Synagoge auf, weil er dort Gottesfürchtige ansprechen konnte, die rechtlich gesehen noch unbeschnittene Heiden waren. Weil der judenchristliche Anteil in den pln Gemeinden nicht gering war, hatten Petrus und seine Sendboten die Möglichkeit, entsprechend der Abmachung beim Apostelkonzil auch pln Gemeinden zu besuchen (88-90).

Paulus geht in seinen Briefen von den Voraussetzungen jüdischer Tradition und Exegese aus. Ohne die alt-jüdische Vorbildung der Mehrzahl seiner Zuhörer, etwa durch die Synagogenpredigt, wären weder seine Missionsverkündigung noch seine Briefe in den Gemeinden verstanden worden. Umgekehrt wurde Petrus außerhalb von Eretz Israel immermehr auch zum Heidenmissionar, da dort die Gemeinden gemischt waren und gemeinsame Gottesdienste feierten, so dass sich eine strenge personale Trennung zwischen Juden- und Heidenchristen nicht durchführen ließ. Lukas wusste um diesen Tatbestand und ließ daher die Heidenmission schon früh durch die Predigt des Petrus vor dem gottesfürchtigen Centurio Cornelius in Caesarea begründet werden, schließt aber dann den Petrus von der Heidenmission aus. Umgekehrt lässt Lukas entgegen der Darstellung des Paulus und aller historischen Wahrscheinlichkeit die Heidenmission der Hellenisten und des Paulus in Antiochien erst beginnen, nachdem Petrus bei Cornelius dazu grünes Licht erhalten hatte (90f).

1.6 Der Konflikt mit Paulus in Antiochien (Gal 2,11ff)

Das Problem der Tischgemeinschaft mit Heiden und die damit verbundene Gefahr des Genusses von Götzenopferfleisch und anderer unreiner Speisen war auf dem Apostelkonzil ungelöst geblieben. Für den gesetzesstrengen Teil der Judenchristen in Eretz Israel blieb die in Jerusalem getroffene Übereinkunft ohne weitere Klärung schwer akzeptierbar (92f).

Lukas verschweigt den Streit zwischen Paulus und Petrus entsprechend seiner harmonisierenden Tendenz seines Werkes. Er weiß mehr, als er erzählt, er übergeht alles, was dem hohen Herrn Theophilos (Lk 1,3) missfallen könnte. Bereits die Trennung von Barnabas (Apg 15,39) weist auf eine Spannung zwischen den beiden bisherigen Missionsgefährten hin und könnte u.a. mit erklären, warum auch dieser sich nach Gal 2,13 Petrus und den übrigen antiochenischen Judenchristen anschloss (93-95).

Paulus reagierte schroff und bezeichnete Petrus Verhalten als „verdammenswert“ (2,11). Petrus hatte sich nach Meinung des Paulus durch sein Verhalten selbst „verurteilt“, denn man musste jetzt fürchten, dass die noch ungefestigten Heidenchristen durch die von den Sendboten des Jakobus geforderten getrennten Mahlzeiten veranlasst werden könnten, die Einhaltung jüdischer Gesetzesvorschriften doch für heilsförderlich zu halten und damit die Rechtfertigung allein aus Glauben an Christus in Frage zu stellen. Paulus wirft Petrus und den antiochenischen Judenchristen einschließlich Barnabas Heuchelei vor. Aus Furcht vor den Jerusalemer Boten würden sie gegen ihre eigene Glaubensüberzeugung handeln. In seiner Sicht ging es um Nötigung und um die Verwirrung der Gewissen der antiochenischen Heidenchristen. Darum wirft er in seinem Zorn dem Petrus vor, er „zwinge“ durch seinen plötzlichen Wechsel im Verhalten bei der Tischgemeinschaft die Heidenchristen jüdisch zu leben, ja er entlarve sich selbst gerade dadurch, dass er die Mauern, die er niedergerissen habe, jetzt plötzlich wieder aufbaue, als Übertreter (Gal 2,18) des Gesetzes, während Christus dadurch in Gefahr gerate, als „Förderer der Sünde“ (2,17) verkannt zu werden. Das zweimalige „Anathema“ in Gal 1,8f zeigt, dass Paulus hier keinen Fingerbreit zu weichen bereit war (95-97).

Für den judenchristlichen Gemeindeteil mit Petrus an der Spitze stellte sich die Situation anders dar. Auch sie müssen aus ihrer Sicht gute Gründe für ihr Verhalten besessen haben. Für sie handelte es sich bei der Einführung getrennter Mahlzeiten vermutlich um eine Rücksichtnahme auf das rituelle Reinheitsverständnis der Gäste aus Jerusalem und damit zugleich auf die immer schwieriger werdende Situation der Judenchristen in der heiligen Stadt und in ganz Judäa. Sie verstanden ihr Verhalten im Grunde als einen Akt brüderlicher Liebe gegenüber der Urgemeinde und ihrer Notlage, die Paulus selbst in seinem 1Thess 2,14f eindrücklich geschildert hatte. Paradox gesprochen dienten für sie die getrennten Mahlzeiten der Aufrechterhaltung der durch die Verfolgung in Jerusalem bedrohten Kirchengemeinschaft zwischen Jerusalem und Antiochien, und zugleich zwischen palästinischen Juden- und antiochenischen Heidenchristen. Sie wollten von den judenchristlichen Gästen aus der heiligen Stadt nicht verlangen, dass sie im heidnischen Antiochien ihre jüdische Identität verleugneten (97f).

Den Bruch, den der öffentlich ausgetragene Streit zwischen Petrus und Paulus bedeutete, können wir uns nicht tief genug vorstellen. Paulus hatte vor versammelter Gemeinde Petrus und die ihm folgten, der feigen Heuchelei und des Verrats gegenüber der „Wahrheit des Evangeliums“ (Gal 2,14) bezichtigt. Dadurch hatte er sich selbst in den Augen des judenchristlichen Gemeindeteils als aggressiven und rechthaberischen Zerstörer des Friedens isoliert. Der heidenchristliche Teil war noch nicht stark genug, eine eigene selbstständige Rolle zu spielen. Paulus berichtet in harten, deutlichen Worten vom Eklat, die Wunde blieb offen. Die Folgen werden in Antiochien, in Galatien und vor allem in Korinth (und Rom) sichtbar. Der jetzt erfolgte Bruch des Paulus mit der antiochenischen Gemeinde, mit der er wohl über ein Jahrzehnt verbunden gewesen war, zeigt sich daran, dass er in seinen nach dem Konflikt geschriebenen Briefen Antiochien nur noch im Bericht über den damaligen Streit Gal 2,11ff erwähnt. Die Brücken nach Antiochien waren abgebrochen (103f).

Vermutlich ging es auch Petrus bei seinem Nachgeben gegenüber den Boten des Jakobus darum, durch einen Kompromiss die gefährdete Einheit zwischen den Missionsgemeinden außerhalb von Eretz Israel und Jerusalem aufrechtzuerhalten. Er musste Rücksicht nehmen auf die bedrohlicher werdende Situation der mehrfach verfolgten Judenchristen in Jerusalem, denn die zelotisch-nationalreligiösen Tendenzen im palästinischen Judentum verschärften sich. Diese Situation gipfelte 62 n.Chr. in der Steinigung des Jakobus und anderer führender Judenchristen als Gesetzesbrecher (Josephus) (105f).

Der Angriff Kaiser Caligulas (37-41) auf den Tempel, der die Juden an den Rand des Krieges mit Rom geführt hatte, dazu die Rückverwandlung Judäas in eine römische Provinz nach dem frühen Tode Agrippas I., Anfang 44 n.Chr. und die Entsendung unfähiger Prokuratoren hatten den zelotischen Kräften starken Auftrieb gegeben. Deren „Eifer für das Gesetz“ beeinflusste auf die Dauer auch die Judenchristen (Apg 21,28ff). Die Urgemeinde stand unter mehrfachem Druck (105, Anm. 212).

Die Judenchristen in Antiochien sollten durch ihre Tischgemeinschaft mit Unbeschnittenen in den Augen der Jerusalemer nicht als ’unreine’ Gegner der Tora oder gar als ’Apostaten’ erscheinen (106).