1. Präsentische und futurische Eschatologie im 4. Evangelium (JE)

Das Nebeneinander verschiedener eschatologischer Anschauungen im JE ist der Niederschlag der christologischen Entwicklung und Auseinandersetzung innerhalb der jhn Gemeinden und somit weithin eine Korrektur der jeweils vorausgehenden Anschauung (347).

1.1 Die drei großen Schichten im Johannesevangelium

Die erste (= älteste) Schicht: die Grundschrift, bildet die Anschauung, dass Jesus der von Gott verheißene Messias ist, und zwar nicht der davidische Messias, sondern der Prophet-Messias, der Dtn 18,15ff verheißene Prophet wie Moses (Jh 1,29ff;  6,14;  7,31). Deshalb wirkt Jesus Zeichen (wie seinerzeit Moses) und andere messianische Taten, die als göttliche Bestätigung seiner Messianität zu verstehen sind. Jesus ist nicht göttlicher Herkunft, sondern (im Einklang mit Dtn 18,15ff) ein Mensch aus der Mitte seiner Volksgenossen, der Sohn Josefs von Nazareth (Jh 1,45f;  6,42), von Gott zum Messias erwählt. Das Judentum, aus dem dieses jhn Judenchristentum hervorging und mit dem es sich in der Verteidigung der Messianität Jesu auseinandersetzt, stellt eine besondere Strömung innerhalb des Judentums dar. Dieses jhn Judenchristentum schuf sich nach dem Ausschluss aus der Synagoge (Jh 9,22;  12,42) eine dem 'Evangelium' ähnliche Schrift, in der es seinen Gegnern (Judentum, Täufergemeinde) und sich selbst Rechenschaft gab über seinen Glauben an Jesus als den Prophet-Messias. Der Autor dieser Schrift hat aus der ihm zur Verfügung stehenden christlichen Tradition ihm geeignet scheinende Stoffe ausgesucht und sie im Sinn seiner Intention neu interpretiert. Diese Grundschrift ist das Evangelium des jhn Judenchristentums (355f).

Die nächste Schicht: die Sohn-Gottes-Christologie des Evangelisten: Jesus ist der vom Himmel herabgekommene präexistente Sohn Gottes, der vom Vater gesandte eschatologische Heilbringer. Wer an Jesu himmlische Herkunft und Gottessohnschaft glaubt, hat das Heil, wer nicht glaubt, ist vom Heil ausgeschlossen. Ist die Grundschrift (das Glaubenszeugnis des jhn Judenchristentums) entstanden als Folge der Abstoßung des Judenchristentums durch die Synagoge und die dadurch notwendig gewordene Konstituierung dieses Judenchristentums zu einer eigenständigen Gemeinschaft, so hat die Überarbeitung und Neuinterpretation der Grundschrift durch den Evangelisten darin ihren Grund, dass sich eine Gruppe innerhalb des jhn Judenchristentums wegen ihres Bekenntnisses zu Jesus als dem vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes von diesem Judenchristentum lossagte und sich als eine eigenständige, zur Muttergemeinde in christologischem Gegensatz stehende Gemeinschaft konstituierte. Dem Evangelisten geht es bei der Bearbeitung der Grundschrift darum, den neuen Glauben als den ursprünglichen darzustellen, der von Jesus selbst verkündet worden ist und der allein dem Willen Gottes entspricht. Zu diesem Zweck wird einerseits die ganze Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Judenchristentum in die Zeit Jesu zurückprojeziert, die Einwände des Judenchristentums gegen den neuen Glauben erscheinen im Mund der ungläubigen Juden z. Zt. Jesu. Die Begründung und Apologie des neuen Glaubens hingegen erscheint als Verkündigung Jesu selbst, der nur sagt, was Gott ihm aufgetragen hat. Andererseits wird des öfteren gesagt, dass die Jünger oder die Juden Jesus nicht verstanden haben und dass erst jetzt, nach der Rückkehr Jesu zum Vater und der Sendung des Parakleten, das richtige Verständnis der Worte und Taten Jesu möglich ist (Jh 8,27f;  12,16;  13,7;  14,20.26) (356f).

Weil der Evangelist alles Gewicht auf den Nachweis der himmlischen Herkunft und Gottessohnschaft Jesu legt, konnten die Doketisten an den Evangelisten anknüpfen, als sie aufgrund ihres gnostischen Dualismus das Menschsein und die Leiblichkeit Jesu bestritten und erklärten, er sei ein ausschließlich himmlisches Wesen gewesen. Es kam nicht zur Einfügung einer doketistischen Schicht in das JE, sondern nur zu antidoketistischen Einschüben (Jh 1,14a: „und der Logos ward Fleisch“), die die jüngste und letzte der drei großen christologischen Schichten in unserem JE bilden. Der Autor dieser Schicht: der antidoketistische Redaktor (von dem auch die Jh-Briefe stammen) betont nicht nur das Menschsein und die Leiblichkeit (das Fleisch) Jesu (Jh 1,14-18;  19,34f;  1Jh 4,2f;  5,6;  2Jh 7), sondern nimmt auch Stellung zu einer Anzahl anderer Fragen, die durch den gnostischen Dualismus der Doketisten und die daraus resultierende Anthropologie, Christologie und Ethik aktuell geworden waren (357f).

Von einer Einheit des jhn Christentums kann nicht die Rede sein weder im Glauben noch als menschliche Gemeinschaft, weil sie sich gegenseitig verketzert und verteufelt haben (Jh 8,42-38;  10,33) (zu verstehen von der zeitgeschichtlichen Auseinandersetzung des Evangelisten mit dem Judenchristentum der Grundschrift: 1Jh 2,18-23;  3,8ff;  4,1-6;  2Jh 7). Gemeinsam ist ihnen nur der Ursprung aus dem Judenchristentum der Grundschrift und die Ablehnung durch das Judentum (A 58). Das JE spiegelt als Produkt der jeweiligen Neuinterpretierung, Überbietung und Korrektur des alten Glaubens (des christologischen Bekenntnisses der vorhergehenden Schicht) die Disharmonie und Zerrissenheit der jhn Gemeinden wider. Sowohl der Evangelist als auch der antidoketistische Redaktor wollen jeweils das ganze Evangelium im Sinn ihrer Tendenz und ihrer spezifischen Christologie verstanden wissen. Deshalb setzt der Evangelist an die Spitze der Grundschrift den (von ihm erweiterten) Logoshymnus (1,1-13), der wie das Vorzeichen vor der Klammer die Wertigkeit des Ganzen bestimmt. Den gleichen Zweck verfolgt er mit der Erweiterung des Schlusssatzes der Grundschrift (20,31 „Diese Zeichen sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen“) durch die Aussage über die Gottessohnschaft Jesu und die Heilsnotwendigkeit des Glaubens an ihn als den Gottessohn. In derselben Weise setzt der antidoketistische Redaktor ein neues Vorzeichen und einen diesem Vorzeichen entsprechenden neuen Schlusspunkt, wenn er den Prolog des Evangelisten (1,1-13) durch die VV 14-18 (Fleischwerdung des Logos) erweitert und in 20,24-29 die Leiblichkeit des Auferstandenen durch Thomas bezeugen lässt (359).